Walser im Interview: „Wirtschaft ist Psychologie“

Wie gelingt das Comeback der Wirtschaft? Ist Bürokratie gegen Corona immun? Können Verfahren Projekte killen? Ist kein Verkehr eine Lösung? WK-Präsident Christoph Walser nimmt sich im großen Sommerinterview kein Blatt vor den Mund.

INTERVIEW

wirtschaft.tirol: Wie geht es der Tiroler Wirtschaft aktuell?
WK-Präsident Christoph Walser: Grundsätzlich zeigen die Indikatoren nach dem massiven Einbruch im April und Mai wieder nach oben, aber nicht bei allen Branchen. So spüren beispielsweise der Modehandel, die Eventbranche und die Reisebüros die Krise in aller Härte, auch in der Hotellerie und Gastronomie sind die Betriebe noch von Normalität weit entfernt.

Bleiben wir gleich beim Tourismus. Wie stellt sich hier die Lage im Detail dar?
Die Zeit des Lockdowns brachte praktisch einen Totalschaden, auch jetzt ist die Auslastung nur schaumgebremst, besonders im Städtetourismus. Der Umgang mit Ischgl war unfair, das zeigt sich jetzt an vielen anderen Clus­tern, die an allen möglichen Stellen aufpoppen. Tirol sollte sich nicht beirren lassen und seinen Weg in touristischer Qualität unbeirrt fortsetzen. Im Falle der Einstufung als Kontaktperson muss für den Tourismus dasselbe gelten wie für Landwirte, also die Möglichkeit, mit laufenden Tes­tungen weiterzuarbeiten. Und für drohende Betriebsschließungen wegen Corona braucht es einheitliche Regelungen.

Wie wird sich die kritische Situation auf Insolvenzen auswirken?
Die Zahl der Insolvenzen war in den letzten Jahren rückläufig und hat sich bei etwa 300 Fällen in Tirol eingependelt. Derzeit ist die Situation aufgrund der Hilfsleistungen und der Stundungen von Krediten und Steuern noch ruhig. Die Folgen werden wir erst 2021 sehen. Hier ist viel Fingerspitzengefühl gefragt: Jede einzelne Pleite ist schmerzhaft, aber wir können auch nicht zulassen, dass künstlich verschleppte Insolvenzen andere Firmen mitreißen.

Sind Sie mit den kurzfristig getroffenen Maßnahmen für die heimischen Betriebe zufrieden?
Im internationalen Vergleich liegt Österreich gemeinsam mit Dänemark bei den Corona-Hilfsmaßnahmen an der Spitze. Das gilt auch für das international beachtete Kurzarbeits-Modell. Die WK bringt sich mit Verbesserungswünschen und Vereinfachungen laufend ein. Der Bund hat viele unserer Vorschläge übernommen, unter anderem beim Härtefallfonds, den wir für den Staat abwickeln.

Was bleibt für die Politik noch zu tun?
Der Staat hat mit hohem finanziellen Aufwand unseren Standort wieder auf die Beschleunigungsspur gebracht. Damit die Wirtschaft wirklich Fahrt aufnehmen kann, müssen mittelfristig die Rahmenbedingungen verbessert werden. Hier geht es einerseits um Entlastungen: Die Lohnnebenkosten und generell die Steuerquote liegen auf viel zu hohem Niveau und beeinträchtigen die Wettbewerbsfähigkeit. Andererseits geht es um Bürokratie, die gegen das Virus immun zu sein scheint …

Was meinen Sie damit genau?
Je mehr Druck auf den Betrieben lastet wie derzeit, desto schwieriger ist es für sie, Zeit und Geld für oft unnötige Bürokratie aufzuwenden. Gesetzliche Vorgaben und tatsächliche Verfahrensdauern klaffen vor allem bei Großprojekten meilenweit auseinander, etwa bei Kraftwerksbauten. (wirtschaft.tirol berichtete: Handbremse bei Genehmigungsverfahren lösen!) Wir brauchen jetzt aber keine Bremsen, sondern Rückenwind, damit das Comeback der Wirtschaft gelingt.

Was wäre in der jetzigen Situation kontraproduktiv?
Vorschläge wie die Vier-Tage-Woche, Arbeitszeitverkürzungen, eine Erhöhung des Arbeitslosengeldes und weitere sozialromantische Ideen, die allesamt Job- und Leistungskiller sind und an der Realität vorbeigehen. Wir brauchen Impulse für den Aufschwung und keine Sterbebegleitung für einen Abschwung.

Um das heiße Tiroler Verkehrsthema ist es etwas ruhiger geworden. Tut diese Beruhigung gut?
In Wahrheit ist das eine tückische Ruhe. Es wird nur weniger gefahren, weil die Konjunktur eingebrochen ist. Sinkenden Wohlstand und steigende Arbeitslosigkeit kann sich aber niemand ernsthaft wünschen. Wir müssen im wahrsten Sinne des Wortes endlich die richtigen Weichen stellen. Für die Verlagerung von der Straße auf die Schiene fehlen vorne und hinten die erforderlichen Verladeterminals und Zulaufstrecken. Eine Lösung kann hier nur auf europäischer Ebene gelingen. Es wird Zeit, dass Österreich mit seiner noblen Zurückhaltung Schluss macht und auch einmal seine Zustimmung verweigert, solange der Ausbau der nötigen Infrastruktur verhindert wird.

Welche Entwicklung erwarten Sie in den nächsten Monaten?
Österreich ist dabei, diese Jahrhundert-Herausforderung besser als andere Länder zu bewältigen. Das verdanken wir der raschen Reaktion von Bund und Ländern und unseren Betrieben, die flexibel und entschlossen mit dieser schwierigen Situation umgehen. Es braucht aber auch jeden Einzelnen. Ich erwarte mir nicht, dass die Opposition ständig Hurra schreit. Aber sie muss auch nicht alles, was beschlossen wird, dauernd schlechtreden. Wirtschaft ist Psychologie, das gilt in Zeiten wie jetzt ganz besonders. Konsumenten und Unternehmer müssen Vertrauen fassen, betonen namhafte Ökonomen. Jeder Einzelne muss seinen Beitrag leisten: Die Betriebe mit mutigen Entscheidungen, die Arbeitnehmer mit Zug zur Leistung, die Käufer mit einheimischen Konsumimpulsen, die Opposition mit konstruktiver Kritik – und jeder von uns mit viel Eigenverantwortung im Umgang mit Corona.

Bild oben:  WK-Präsident Christoph Walser und Direktorin Evelyn Geiger-Anker unterstützen die Betriebe in einer herausfordernden Zeit.

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