Tourismus: Wohin geht die Reise im Winter?

Mit maximaler Pulsfrequenz arbeiten die Tiroler WK-Tourismusobmänner Mario Gerber und Alois Rainer an den Rahmenbedingungen für die Wintersaison. Und fordern diesbezüglich „Vollgas“ von Gesundheitsminister Rudolf Anschober.

Er übernimmt dieses Ruder in der vielleicht wildesten Zeit, die der Tiroler Tourismus je erlebt hat. Thomas Geiger wird im September 2020 als Geschäftsführer der WK Tirol-Sparte Tourismus- und Freizeitwirtschaft auf Peter Trost folgen. Große Fußstapfen sind das, doch wird der Nachfolger keine Zeit haben, sich in Ruhe einzuarbeiten. Muss er auch nicht, ist Geiger durch seine Erfahrungen als Geschäftsführer der Fachgruppe Gastronomie doch reichlich gewappnet und steckt längst voll drin. Mittendrin in der Erarbeitung des Rüstzeugs, mit dem die Tiroler Tourismusunternehmen jene Wintersaison über die Bühne bringen sollen, die aufgrund der Corona-Krise jedenfalls eine Gratwanderung und hoffentlich eine Ausnahme darstellen wird.

„Wir arbeiten intensiv daran, beispielsweise auch für die Unterhaltungsgastronomie klare und praktikable Regelungen für die Wintersaison zu erarbeiten. Es sollen die notwendigen Sicherheitsmaßnahmen eingehalten werden können und gleichzeitig soll ein Wirtschaften möglich sein“, beschreibt Geiger die Herausforderung, die ihn, die Sparte und alle Tiroler Unternehmen, die direkt oder indirekt auf den Tourismus bauen, auf Trab hält.

Knackpunkt K1-Management

„Jeder dritte Euro wird in Tirol mit dem Tourismus verdient“, bringt Mario Gerber mit einer immer eindrücklichen Zahl auf den Punkt, worum es gerade geht. Es geht um richtig viel und im Wissen darum, welchen wirtschaftlichen Stellenwert die touristische Wintersaison für den Wohlstand des Landes hat, muss der Appell des Obmannes der WK Tirol-Fachgruppe Hotellerie mit durchaus alarmierenden Signalfarben hervorgehoben werden: „Jetzt muss alles vorbereitet werden, damit der Winter planbar wird. Gesundheitsminister Rudolf Anschober muss das K1-Management ändern, sonst steuern wir in Tirol und im österreichischen Tourismus allgemein im Winter auf ein Desaster zu.“

Hinter der Abkürzung, die Gerber verwendet und die längst im Alltagsvokabular der Touristiker Einzug gehalten hat, steht die so genannte „Behördliche Vorgangsweise bei SARS-CoV-2 Kontaktpersonen: Kontaktpersonennachverfolgung“, welche vom Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz verfasst wird. In diesem Papier werden unter anderem die Kontaktpersonen der Kategorie 1 definiert und das „Vorgehen für das Management“.

Bereits jetzt muss alles vorbereitet werden, damit der Winter planbar wird.
Mario Gerber, Obmann der WK-Fachgruppe Hotellerie

Das ist das K1-Management, das Gerber anspricht. Die letztgültige Fassung dieses essenziellen Papiers stammt vom 21. August 2020 und definiert die Kontaktpersonen wie folgt:  „Kontaktpersonen (oder Ansteckungsverdächtigte) sind Personen mit einem wie unten definierten Kontakt zu einem bestätigten Fall von Beginn der Ansteckungsfähigkeit bis zum Ende der Absonderung. Ansteckungsfähigkeit/Kontagiösität beginnt bereits 48 Stunden vor Erkrankungsbeginn bzw. bei asymptomatischen Fällen 48 Stunden vor der Probenentnahme, welche zu positivem Testergebnis geführt hat. Das Ende der infektiösen Periode ist momentan nicht sicher anzugeben.“

Schwere behördliche Formulierungskost ist das, doch ausschlaggebend dafür, als Kategorie-1-Kontaktperson eingestuft zu werden, sind 15 Minuten und zwei Meter. Wer sich 15 Minuten oder mehr in einer Entfernung von weniger als zwei Meter von einem bestätigten COVID-Fall aufgehalten hat, gilt als Kontaktperson mit hohem Infektionsrisiko. Das Management dieser Personen, also der Umgang mit ihrer potenziellen Ansteckungsfähigkeit, sieht unter anderem die „behördliche Absonderung bis zum Tag 10 nach dem letzten kontagiösen Kontakt“ sowie entsprechende PCR-Testungen vor. Doch im Papier des Gesundheitsministeriums steht auch: „Ein negatives Testergebnis verkürzt jedenfalls nicht die Zeitdauer der Quarantäne.“ Das ist ein wesentlicher Punkt im K 1-Management. Ihn zu ändern hat absolute Priorität für die WK-Kämpfer an der Corona-Front.

Zauberwort Freitestung

Es ist viel zu leicht nachvollziehbar, warum der Hotellerie-Obmann in dieser Bestimmung ein „russisches Roulette“ ortet, „ein Lotteriespiel, bei dem du nicht weißt, wie viele Mitarbeiter es dir rausspeckt“. Dafür muss nur kurz in den Alltag eines Hotel- oder Gastbetriebs geblickt werden, die diese Bestimmung rasch leeren und eine wirtschaftliche Ruine hinterlassen kann. „Es kann nicht sein, dass ein Gast, der im Speisesaal sitzt und fünf Minuten in den zwei Metern drinnen war, zwei Wochen in Quarantäne muss. Oder in der Küche. Wenn ein Koch infiziert ist, kann es nicht sein, dass alle anderen Mitarbeiter in Quarantäne müssen, selbst wenn sie nicht infiziert sind“, sagt Gerber.

Dem Gesundheitsminister wurde von der WK Tirol bereits ein 13-seitiges, mit Unterstützung zahlreicher Experten erarbeitetes Programm vorgelegt, in dem dieses K1-Management den notwendigen und streng verfolgten Sicherheitsmaßnahmen ebenso angepasst ist, wie den Notwendigkeiten für einen laufenden Betrieb. Freitestung ist hier das Zauberwort. „Wenn beispielsweise eine K1-Person negativ getestet ist, muss sie Schutzmaßnahmen anwenden und sich zwei bis drei Tage ständig testen lassen. Ist die Person auch dann negativ, muss sie arbeiten oder den Urlaub fortsetzen dürfen. Alles andere ist Blasphemie“, so Gerber. Dass das Gesundheitsministerium bereits Ausnahmen vom strengen K1-Management beziehungsweise das Freitesten für verschiedene Branchen ermöglicht hat, macht Hoffnung. „Landwirte, Pflegeberufe und sogar medizinisches Personal haben ein geändertes K1-Managemet. Es muss auch im Tourismus möglich sein, frei testen zu können“, betont Gerber und führt weiter aus: „Wer infiziert ist, gehört isoliert, medizinisch versorgt und es ist ganz wichtig, dass man sich um ihn kümmert – ganz egal ob Mitarbeiter oder Gast. Es ist auch wichtig, die Kontaktpersonen zu ermitteln und dass diese sofort getestet werden. Aber, wenn sie negativ sind, sollen sie sofort weiter arbeiten oder ihren Urlaub weiter genießen können.“

Keine Alternative im Tourismus

Planbarkeit ist eine wichtige Säule für Unternehmer. Das ist immer so, doch vor allem in Zeiten, in denen so vieles unklar ist und niemand sagen kann, wie sich das Virus- bzw. Pandemie-Geschehen weiter entwickelt, sind fixe, klare Rahmen eine wichtige Stütze. Dass das Bewusstsein der heimischen Tourismusunternehmen gegenüber den Corona-Sicherheitskonzepten so scharf ist, wie die Messer in den Küchen, haben sie längst bewiesen. „Das klappt“, weiß Gerber, „es gibt auch keine Alternative und die Regeln, die wir gemacht haben, lassen ein sicheres Wirtschaften zu. Und die Gäste akzeptieren und honorieren die Vorkehrungen.“

Die streng eingehaltenen Regeln tragen auch dazu bei, dass das Image des Tiroler Tourismus im Vergleich zu zahlreichen anderen Sommerurlaubs-Destinationen Europas derzeit eines der besten ist. Gerber kann zudem von einer relativ guten Stimmung „der Branche“ berichten: „Wir haben in vielen – nicht allen – Regionen gute Buchungslagen. Der Tourismus ist eine Kämpferbranche und der Tenor ist, dass eingeschränkt Wirtschaften immer noch besser ist, als der Shutdown. Wenn die Vorgaben entsprechend geändert werden, können wir eine Wintersaison im Zeichen von Corona über die Bühne bringen und diese echt harte Zeit überleben.“

Viele Augen bleiben rastlos auf Gesundheitsminister Anschober gerichtet. In der „ZiB2“ vom 21. August 2020 hatte er beispielsweise festgehalten, dass der Opernball oder andere Ballveranstaltungen nur „sehr schwierig möglich“ sein würden und an Standards für den Winter gearbeitet werde. Am 25. August 2021 hatte Seilbahnsprecher Franz Hörl einen Termin bei Anschober, um über die Regeln für die Lift- und Seilbahnunternehmen zu sprechen. Der Druck steigt, der Puls auch und für alle noch ausständigen Regelwerke stellt Alois Rainer, Obmann der WK-Fachgruppe Gastronomie, fest: „Um fünf vor zwölf die Vorgaben rauszuballern geht nicht. Wir brauchen eine angemessene Vorlaufzeit, müssen die Mitarbeiter schulen, wissen, ob es eine Gästeregistrierung geben wird und wie die anwendbar oder umsetzbar ist.“

Wir gehen proaktiv in die Sache hinein, um der Bundesregierung Vorschläge zu liefern, die umsetzbar und praktikabel sind.
Alois Rainer, Obmann der WK-Fachgruppe Gastronomie

Auch Rainer ist schwer damit beschäftigt, die Grundlagen für diese Vorgaben zu erarbeiten. Beispielsweise jene für die Bar- und Nachtgastronomie oder Après Ski. „Wir treffen uns mit den Après Ski-Betreibern, um uns von der Basis die Ideen zu holen, wie das geregelt werden kann“, sagt der Branchensprecher. Der Bogen für dieses Regelwerk ist groß, betrifft er doch nicht nur die Après Ski-Einrichtungen, sondern auch „alltägliche“ Situationen wie etwa Weihnachtsfeiern und das Plaudern an der Bar oder Skihütten, wenn die Sonne scheint und ein DJ vielleicht für musikalische Umrahmung der winterlichen Genussstunden sorgt. „Wir gehen proaktiv in diese Sache hinein, um der Bundesregierung Vorschläge zu liefern, die umsetzbar und praktikabel sind. Wir wollen und müssen da für die Wintersaison gut aufgestellt sein – im Sinne der Mitarbeiter, Gäste und der Einheimischen“, weiß Rainer.

Positiv überrascht

Von einem ist der Gastronomie-Obmann und Wirt im Gasthof Post in Strass im Zillertal schon jetzt überzeugt: „Dass uns das Abstandsregelwerk und die Hygienevorschriften sowieso in Fleisch und Blut übergehen sollten.“ Die Abstandsregeln, die ja auch dazu führen, dass an weniger Tischen entsprechend weniger Gäste bewirtet werden können oder Barhocker abmontiert wurden, dürften erst überdacht werden, wenn das Virus gleichsam in der Bevölkerung angekommen sei, es eine Impfung gibt und über Corona so gesprochen werde, wie über die Grippe. Und weil Hygiene eben auch bei Influenza oder anderen ansteckenden Krankheiten ein wichtiges Thema sei, ist Rainer der Meinung, dass die nun geltende Strenge ein Stück weit beibehalten werden sollte: „Einen Tisch nach dem Abwischen noch einmal zu desinfizieren ist ein recht überschaubarer Arbeitsaufwand. Das geht ratzfatz, man muss sich nur daran gewöhnen.“

Das haben die Mitarbeiter in den Tiroler Gastronomiebetrieben längst getan. Die Betriebe haben sich gut auf die Situation eingestellt, sodass Rainer überzeugt ist, dass viele mit einem blauen, einige aber mit einem dunkelblauen Auge aus der Sommersaison rausgehen werden. Es gibt durchaus Betriebe, die vom guten Geschäft überrascht wurden. „Bei denen ist sogar mitunter ein Facharbeitermangel zu erkennen, weil sie aufgrund der Corona-Vorsichtsmaßnahmen nicht wussten, wie sich der Sommer entwickelt. Da beißt sich die Katze in den Schwanz“, weiß Rainer über jene zu berichten, die Corona-bedingt nicht mit der vollen Besetzung arbeiten. Die Land- und Ausflugsgastronomie kann vielfach nicht klagen – vor allem bei schönem Wetter oder wenn ein See zu den Attraktionen in ihrer Umgebung zählt. „Es scheint aber nicht immer die Sonne und es ist auch nicht immer Sonntag, an dem die Einheimischen Ausflüge machen und einkehren“, mahnt Rainer zur Vorsicht, um sich von Momentaufnahmen nicht beirren zu lassen, und stellt klar: „Die Stadtgastronomie hat vor allem an den Hotspots weniger Frequenz und weniger Umsatz, doch denke ich, dass sich die Frequenz so eingependelt hat, dass diese Betriebe schadlos über den Sommer kommen.“

Und dann kommt auch schon der Winter, der Corona-Winter, dem die Tiroler Tourismusunternehmen mit Demut begegnen. Sowohl in den Betrieben selbst, als auch in den dafür zuständigen Abteilungen der WK wird die geballte Professionalität in die Waagschale geworfen, um sich für diese Herausforderung zu rüsten. „Ja, wir arbeiten alle mit Hochdruck daran“, stellt Thomas Geiger, Spartengeschäftsführer in spe, fest. Geiger bewahrt den Überblick, weiß um die starken, zielgerichteten Energien, die in die Vorbereitungen gesteckt werden und er weiß auch, dass das Thema Wintersaison 2020/21 ein schwieriges ist: „Weil niemand sagen kann, wie es sich entwickelt.“ Gerade weil das Virusgeschehen ungewiss bleibt, ist jene Planbarkeit, die sich durch klare, praktikable Regeln und Vorschriften ergibt, so wichtig. „Und, dass die Bundesregierung rasch agiert“, ergänzt Mario Gerber. Das Tempo ist klar: Vollgas!

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