Händler sind die Landschaftsgärtner der Städte

Noch sind viele Ortskerne in Tirol intakt. Doch Internationalisierung, Online-Plattformen und Corona machen den Händlern zu schaffen. Vizepräsident Martin Wetscher ist überzeugt, dass es professionelles Management von Städten und Regionen braucht, um belebte Innenstädte auch in Zukunft zu erhalten.

INTERVIEW

wirtschaft.tirol: Sie sind als neu gewählter Vizepräsident unter anderem für den Schwerpunkt „Stadt- und Regionalentwicklung“ zuständig. Warum ist diese Kompetenz bei Ihnen angesiedelt?

Martin Wetscher: Ich war in den letzten Jahren als Spartenobmann in Handel intensiv mit der Frage beschäftigt, wie sich der Strukturwandel in dieser Branche bestmöglich bewältigen lässt. Wir befinden uns an einem ähnlich markanten Wendepunkt wie in den 60er und 70er Jahren, als von Tante-Emma-Läden auf Supermärkte umgestellt wurde. Auch für viele Einzelhändler besteht heutzutage die Herausforderung, einerseits E-Commerce zu integrieren und andererseits die gewandelten Erwartungen der Kunden an den stationären Handel zu erfüllen. Die Sparte Handel steht den heimischen Händlern in diesem Zusammenhang mit Unterstützung und Beratungen zur Seite.

Fest steht, dass es das persönliche Engagement des jeweiligen Unternehmers braucht, sich mit diesen neuen Themen zu befassen. Er muss in beiden Welten, der analogen und der digitalen, daheim sein, und seinen Kunden einen attraktiven Mix bieten. In meiner neuen Funktion als Vizepräsident kann ich diese Erfahrungen gut dazu einsetzen, um Stadt- und Regionalentwicklung voranzutreiben. Eine funktionierende Handelslandschaft ist entscheidend für die städtische Gastronomie und das gesamte Stadtbild.

Warum muss man Städte und Regionen „entwickeln“? Geschieht das nicht von alleine?

Eben nicht. Ich habe auf Reisen immer wieder gesehen, dass es bereits viele ausgestorbene Innenstädte gibt. Dort begegnet man vor lauter Begegnungszonen nur mehr dem Leerstand. Besonders in Amerika sind viele Ortskerne tot. Das Problem ist, dass sich diese Entwicklung ganz schwer umkehren lässt. Eine kaputte Atmosphäre, eine verloren gegangene analoge Welt wieder zu beleben, ist zigfach aufwendiger, als achtsam jetzt darauf zu schauen. Gerade wenn derart tiefgreifende Änderungen anstehen wie jetzt, muss man rechtzeitig handeln – mit Zusammenschlüssen, mit Events, mit Unterstützungen für bestehende Strukturen.

Findet Einkaufen in Zukunft nicht ohnehin im Web statt?

Es ist keine Frage des Entweder-oder, sondern des Sowohl-als-auch. Digital wird analog nicht ersetzen, es wird beides parallel geben – wie auch das Internet weder Radio noch Fernsehen noch das Kino komplett ersetzt hat. Bei aller Digitalisierung gibt es die Sehnsucht, analoge Erfahrungen in der „echten“ Welt zu machen. Ein Like auf Social Media kann ein persönliches Lächeln nicht ersetzen. Entscheidend ist, dass man sich vor Ort um die professionelle Entwicklung des stationären Angebotes kümmert, es lenkt und fördert. Die Funktion von Einzelhandelsgeschäften geht wieder zurück zum morgenländischen Basar: Die Ware lässt sich sinnlich erleben, die Geschäfte bieten Raum für persönlichen Austausch, Einkaufen wird zum Erlebnis. Eine der großen Chancen für den Einzelhandel ist die persönliche Beratung durch geschultes Fachpersonal. Selbstbedienung wird mehr und mehr im Internet stattfinden. Der Point of Sale muss viel mehr als bisher das Einkaufserlebnis sein – dazu gehört auch ein anregendes Gespräch mit einem kompetenten Fachmann.

Was kann die Politik dazu beitragen?

Jede Stadt, jeder Ort, jede Region ist ein Gesamtsystem, ein kybernetischer Kreis an Einflussfaktoren, der gemanagt werden muss. Wenn das nicht stattfindet, franst das Angebot aus, entstehen unerwünschte Wirkungen. Wenn wir nicht nur seelenlose Schlafgemeinden wollen, sondern pulsierende Ortskerne, dann müssen wir Urbanität gezielt fördern. Dadurch bleiben soziale Treffpunkte erhalten, was Identität stiftet. Es sind vor allem interessante Erdgeschoßlagen mit attraktiven Geschäften, die eine Stadt ausmachen. Gastronomie entsteht in vielen Fällen erst im Sog eines breiten Grundangebots im Handelssektor. Händler und Wirte sind Brüder und Schwestern. Der optimale Erlebnis-Mix ist in Einkaufzentren Realität und wird gezielt gesteuert. Dieses professionelle Management braucht es für Ortskerne und Regionen auch. Die Einzelhandels-Struktur gehört zu Stadtplanung dazu wie die Verkehrsplanung oder die architektonische Gestaltung. Es gilt, die erwünschten Ziele für Orte, für Stadtviertel oder Straßenzüge zu definieren und diese mit entsprechenden Maßnahmen zu erreichen. Das geht nicht von alleine, das sehen wir in vielen Ländern auf der Welt. Wir haben die Chance, aus diesen Versäumnissen zu lernen und es besser zu machen.

Müssen Einzelhändler in Zukunft gefördert werden?

Das ist noch nicht in allen Köpfen verankert, aber: ja. Es ist die Summe aller Händler in einer Straße, einem Ort, einer Region, welche die Basis für Stadtfeeling schaffen. Wenn sich aufgrund der scharfen Konkurrenz von Einkaufszentren und Online-Plattformen Standorte nur mehr eingeschränkt rechnen, aber eine Belebung erwünscht ist, dann braucht es Unterstützungen, etwa in Form von Mietzuschüssen. Einzelhändler erfüllen für die urbanen Räume eine ähnliche Funktion wie Bauern für das Landschaftsbild. Auch hier rechnet sich nicht jede Fläche, aber die Politik hat entschieden, mit Unterstützungen dafür zu sorgen, dass unsere Kulturlandschaft weiterhin gepflegt wird, weil das einen Wert für die Allgemeinheit hat. Bei Händlern in wirtschaftlich kritischen Lagen ist das nicht
anders.

Gibt es bereits positive Beispiele, in welche Richtung die Entwicklung gehen sollte?

St. Johann, Hall oder Innsbruck machen vor, in welche Richtung es gehen muss. Die aktuelle Einzelhandelsstudie bescheinigt dem Innsbrucker Zentrum eine positive Entwicklung in Hinblick auf Vielfalt, Umsatz und Vermietungsgrad. Wir dürfen uns jedoch von diesem aktuellen Befund nicht täuschen lassen. Derzeit sieht alles nach einem ruhig und stetig dahinströmenden Fluss aus. Wenn wir jedoch ein paar Schritte in Strömungsrichtung spazieren, wird schnell klar, dass gar nicht weit entfernt die Stromschnellen lauern. Die Studie ist eine Momentaufnahme, in der sich weder der täglich an Dynamik gewinnende massive Umbruch in Richtung Online-Handel noch die Folgewirkungen von Corona ablesen lassen.

Ich bin überzeugt, dass wir jetzt sehr rasch wichtige Weichenstellungen treffen müssen, um die Attraktivität unserer Orte aufrecht zu erhalten. Dazu gehört auch Realitätssinn: Bei allem Verständnis für den Wunsch nach weniger Verkehrsbelastung – das Verbannen des Individualverkehrs von heute auf morgen kann nicht die Antwort auf diese Herausforderungen sein. Ein zu Tode beruhigtes Zentrum zu reanimieren ist um ein Vielfaches aufwendiger als den Bestand zu sichern. Daher habe ich eine klare Botschaft an die Politik: Lasst uns jetzt aus Lust richtig handeln anstatt später aus Leid verzweifelt gegenzusteuern.

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