Grüne Kraftstoffe: Die nachhaltige Alternative

Neben großen Technologiesprüngen in Richtung Grüner Wasserstoff wartet schon die nächste klimafreundliche Innovation, die auch viele Besitzer von Ölheizungen in Tirol aufhorchen lässt. Mit einem klimaneutralen, synthetischen Kraftstoff können die Kessel weiter betrieben werden.

Wie die meisten, so hat auch die Klima-Medaille zwei Seiten. Die eine zeigt das verheerende Bild, das aus Verschmutzung, Verschwendung und massiven Auswirkungen besteht, die ökologische Kreisläufe zerstören und mit ihnen die Chance auf eine lebenswerte Zukunft. Die andere Seite der Medaille zeigt ein fast atemloses Bestreben, diesen fatalen Entwicklungen entgegen zu wirken – mit Demonstrationen, Aktionen, Innovationen und klimafreundlichen Sensationen. Allem übergeordnet sind dabei die Klimaziele, ob global, national oder regional formuliert. Der rote Faden zwischen all diesen klimarettenden Triggern ist das Kohlendioxid, dessen chemische Formel inzwischen bekannter ist, als die von Wasser – nämlich CO2.

An sich ist dieses farblose und geruchlose Gas total natürlich und auch wichtig. Es kommt in der Atmosphäre vor, in den Ozeanen und in der Pflanzenwelt. Durch die Verbrennung von Pflanzen und aus Pflanzen entstandenen Rohstoffen – wie Kohle, Erdöl und Gas –  wird CO2 frei gesetzt. Weil diese fossilen Brennstoffe in einer irren Menge und einem nicht minder irren Takt verbrannt wurden und nach wie vor werden, ballt sich das CO2 in der Atmosphäre, wo es verhindert, dass die Wärmestrahlen der Erde in den Weltraum ausgestrahlt werden. Darum wird es wärmer. Der Treibhauseffekt ist bekannt. Er klingt logisch, ja, fast simpel. Doch simpel ist gar nichts in seinem Zusammenhang, bedarf es doch gigantischer Anstrengungen, den CO2-Ausstoß zu reduzieren und die Klimaziele zu erreichen, die für 2050 die Klimaneutralität für Europa anstreben. Österreich hat sich zum Ziel gesetzt, bereits 2040 klimaneutral zu sein.

Straffer Tirol-Takt

Klimaneutral bedeutet, dass keine neuen Treibhausgase in die Atmosphäre abgegeben werden. Klimaneutral bedeutet damit das Aus für die Verbrennung fossiler Brennstoffe. Das ist das Ziel. Die Dekarbonisierung ist der Treiber für eine Art innovativen Aktionismus, der in alle Lebens- und Arbeitsebenen reicht. Erst im September 2020 haben die Tiroler Unternehmen im Rahmen des „Trigos Tirol“, der renommiertesten Auszeichnung für verantwortungsvolles, nachhaltiges Wirtschaften, gezeigt, wie tief jene Überzeugung wurzelt, dass jeder sein Stück Verantwortung für die CO2-Reduktion übernehmen kann. Trotz Corona hatten so viele Unternehmer wie noch nie zuvor ihre Projekte beim Trigos eingereicht.

Der Tirol-Takt ist bemerkenswert. Ende des Jahres wird die IKB (Innsbrucker Kommunalbetriebe AG) die Straßenbeleuchtung von ganz Innsbruck auf LED-Technologie umgestellt haben, womit jährlich rund 2,5 Gigawattstunden Strom eingespart werden, was dem Jahresstromverbrauch „eines kleinen Dorfes“ mit 650 bis 700 Haushalten pro Jahr entspricht. Die Tiroler Landeshauptstadt wird damit die erste österreichische Stadt sein, in der diese Technologie umgesetzt wurde.

Im März 2020 war der innovative Fokus auf Völs gerichtet, als unter Federführung der Firma MPreis mit dem Bau der Wasserstoff-Produktionsanlage begonnen wurde. 2021 soll sie fertig sein und mit der Abwärme der Produktionsanlage beispielsweise die große MPreis-Bäckerei Therese Mölk heizen. Der im Zuge der Elektrolyse (mit der Wasser – also H2O – in seine Bestandteile – also Wasserstoff und Sauerstoff gespalten wird) gewonnene Wasserstoff selbst soll die Transportflotte von MPreis betreiben. In den nächsten sieben Jahren werden die rund 50 Diesel-Lkws des Unternehmens ausgetauscht und durch Wasserstofftrucks ersetzt. Zwei Millionen Liter Diesel, die das Unternehmen jährlich verbrennt, werden damit eingespart.

Wasserstoff-Chancen

„In der Wasserstofftechnologie stecken viele Chancen für Tirol, weil wir erneuerbaren Strom haben und man Wasserstoff grün herstellen kann“, stellt Stefan Garbislander, Leiter der Abteilung Wirtschaftspolitik und Strategie der Tiroler Wirtschaftskammer, dazu fest. Grün wird Wasserstoff nur dann, wenn zu seiner energieintensiven Herstellung erneuerbarer Strom – wie eben die Tiroler Wasserkraft – verwendet wird. Werden für die Elektrolyse fossile Brennstoffe verwendet, kann Wasserstoff nicht grün sein. Logisch.

Mit Wasserstoff betriebene Fahrzeuge stoßen nichts als Wasserdampf aus. Das ist die eine höchst umweltfreundliche Seite, wird diese Technologie in der Mobilität eingesetzt. Der andere Clou von H2 ist, dass er gespeichert werden und damit auch als Speicher für jene erneuerbaren Energiequellen genutzt werden kann, die Strom sprichwörtlich je nach Wetterlage erzeugen. Wird von den Windkraft- und Solaranlagen beispielsweise zu viel Strom erzeugt, kann damit Wasserstoff produziert und gespeichert werden. Wird aufgrund einer Wind- und Sonnenflaute zu wenig erneuerbarer Strom geliefert – was die Energie- und Netzbetreiber Europas regelmäßig schwitzen lässt – kann die in Form von Wasserstoff gespeicherte Energie ins Netz abgegeben werden und nicht nur die Gefahren eines Blackouts massiv mindern, sondern auch die Nerven der Verantwortlichen schonen. Das Völser Projekt wird von der EU-Kommission unterstützt (Demo4Grid), will sie doch alle Möglichkeiten ausreizen, um das große Ziel zu erreichen.

Grüne Kraftstoffe

Der Weg zur Klimaneutralität wird an vielen entscheidenden Kreuzungen vom Wort Power begleitet. Power-to-Heat wird die Erzeugung von Wärme mit elektrischer Energie aus Elektrokesseln oder Wärmepumpen bezeichnet – von klein in Haushalten bis groß bei der Nutzung von Fernwärme. Power-to-Gas bezeichnet das, was bald in Völs passiert, wo Energie in Brenngas „verwandelt“ wird – meist Wasserstoff, doch auch Ammoniak oder Methan können auf diese Weise hergestellt werden. Power-to-Gas kann aber auch der erste Schritt zu einer dritten Power-Möglichkeit sein. Power-to-Liquid heißt sie. Ziel dieses technischen Prozesses ist es, elektrische Energie zur Herstellung flüssiger Kraftstoffe zu verwenden.

Und hier wartet Österreich mit einer Innovation auf, in der das Zeug für eine Revolution steckt. Weil die arg in Bedrängnis geratenen und im Zuge der Dekarbonisierung geradezu verteufelten Verbrennungsmotoren und Heizkessel mit klimaneutralen, synthetischen Kraft- und Brennstoffen eine umweltfreundliche Alternative zu den CO2-verursachenden fossilen Kollegen bekommen. Wird genug grüner Fuel erzeugt, müssen auch die funktionierenden Anlagen oder lieb gewonnenen Motoren nicht ausgetauscht werden – was zu einem Aufatmen in vielen Garagen, aber auch in zahlreichen Tiroler Haushalten führen dürfte.

„Wir hatten selber Mühe, herauszufinden, was dieses Ölkesseleinbauverbotsgesetz faktisch und real bedeutet. Es zielt nur auf den fossilen Brennstoff ab, nicht auf die Kessel selbst“, spricht Alexander Gutmann, Fachgruppenobmann Energiehandel der WK Tirol, jenes Gesetz an, das viel Verunsicherung verbreitete. Schließlich liefern österreichweit um die 650.000 Ölheizungen die häusliche Wärme, Tirol ist Spitzenreiter. All diese Kessel auszutauschen, stellt eine extreme volkswirtschaftliche Aufgabe dar, an deren Bewältigung in den nächsten zehn Jahren nicht zu denken ist. „Wir haben schlicht nicht so viele Fachkräfte, um das zu schaffen“, sagt Gutmann, der zusammen mit seinen Mitstreitern vor diesem Hintergrund einen gewitzteren Weg eingeschlagen hat. Weg von der Hardware, hin zur Software: „Wir tauschen nicht das aus, was kompliziert ist, sondern das, was einfach ist.“

An der Wurzel

Jürgen Roth, Fachverbandsobmann Energiehandel der WKO führt Gutmanns Feststellung weiter aus: „Der Grund des Übels ist nicht der Verbrennungsmotor, die Flugzeugturbine oder die Ölheizung, sondern das Medium, mit dem sie betrieben werden. Die meisten Konsumenten sind mit ihrem Dieselauto zufrieden und auch mit ihrer Ölheizung. Der einzige Haken dabei beziehungsweise im Zusammenhang mit den Klimazielen ist der fossile Kraftstoff, der CO2 emittiert. Dieses Problem haben wir an der Wurzel gepackt.“

Roth ist auch Vorstandsvorsitzender des Instituts für Wärme und Öltechnik (IWO), die als Interessensvertretung der Mineralölwirtschaft am Raumwärmemarkt unter anderem das Ziel verfolgt, klimafreundliche, flüssige Brennstoffe aus erneuerbaren Energien zu erforschen und zu entwickeln. Wettbewerbsfähige e-Fuels bilden den Kern. Zusammen mit der AVL List GmbH hat die IWO dieses Ziel verfolgt und es ist ihnen gelungen, mit dem Pilotprojekt „Innovation Flüssige Energie“ zu einem großen Sprung in die CO2-neutrale Zukunft anzusetzen. Durch die Entwicklung der innovativsten Power-to-Liquid-Anlage Europas, deren bereits vollständig ausfinanzierter Bau 2021 starten und 2022 beendet werden soll. Zehn Standorte in ganz Österreich stehen zur Auswahl für den Piloten. Die Entscheidung, wo die erste Power-to-Liquid-Anlage gebaut und in der ersten Phase rund 500.000 Liter grünen Kraftstoff erzeugen wird, fällt bald.

„Unsere Anlage kann aus erneuerbarem Strom unter Zugabe von CO2 eines bestehenden Emittenten – einer Biogasanlage etwa, eines Zementwerks oder der VOEST – einen flüssigen, komplett zertifizierten Kraft- oder Brennstoff erzeugen, der morgen schon 1:1 in ein Dieselauto getankt werden könnte. Und das erstmals zu konkurrenzfähigen Preisen im Vergleich zum fossilen Diesel“, fasst Jürgen Roth viele Highlights zusammen. Und es geht noch weiter: „Wir können damit überschüssigen Strom speichern, können dafür die bestehende Infrastruktur nutzen und den flüssigen Kraftstoff beispielsweise im Winter nach Tirol bringen, um dort eine Pistenraupe zu befüllen, die dann in der Nacht komplett CO2-neutral fahren kann. Es gibt weltweit nichts Vergleichbares mit dieser Effizienz.“

1:1 – eins zu eins ist ein Zauberwort dieser Technik. „Bei den Testanlagen waren teils nicht einmal Tankreinigungen nötig“, weiß Alexander Gutmann über den unkomplizierten Wechsel zu berichten. Weil die Anlage nicht nur klimafreundliches „Feuer“ für Autos, Lkw oder Ölheizungen, sondern auch für Flugzeuge oder Schiffe liefern kann, verwundert das bereits anständig geäußerte internationale Interesse an dieser österreichischen Innovation wenig. „Alle kämpfen mit dem gleichen Problem: Wie kann ich die Mobilitätswende schaffen“, sagt Roth, der im Namen seiner Mitstreiter die Politik auffordert, technologieneutraler zu denken und der innovativen Power-to-Liquid-Technik keine Steine in den Weg zu legen.

Faire Betrachtungsweise

Dass bei Fahrzeugen so gut wie ausschließlich darauf geachtet wird, was der Auspuff ausstößt, ist jedenfalls eine Sichtweise, die für Roth zurechtgerückt werden müsste. Wird grüner Diesel „gefahren“, sind die Abgase in etwa die gleichen, wie bei fossil angetriebenen Autos. „Es wird aber kein neues CO2 erzeugt. Zur Herstellung unserer Kraft- und Brennstoffe verwenden wir ausschließlich CO2, das bereits erzeugt wurde. Dadurch werden der Treibstoff und das Fahren klimaneutral. Diese Gesamtbetrachtungsweise ist es, worum es am Ende geht. Wenn die Batterie eines e-Autos mit Kohlestrom hergestellt wurde und das Fahrzeug einen Rucksack voll CO2 mitschleppt, zählt es derzeit aber nicht, weil das Auto selbst kein CO2 emittiert“, regt Roth zu fairen Betrachtungsweisen an und Alexander Gutmann ergänzt: „Wenn man ernsthafte und ehrliche Politik für Klima und Umwelt betreiben will, ist unser Thema zentral. Es zeigt sich einmal mehr, dass erfolgreicher Klimaschutz langfristig nur durch technische Innovation gelingen kann und nicht mit kurzsichtigen Verboten. Wir können unsere bestehenden Anlagen verwenden, auch weil der Kraftstoff ganz normal gelagert werden kann und die Technologie könnte zu einem Revival der Verbrennungsmotoren führen.“ Auf der anderen Seite der Klima-Medaille darf mit allem gerechnet werden.

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