Digitalisierung: Mit Bandbreite in die Zukunft

Mit dem Corona-Vorschlaghammer wurde bewusst, dass ohne Breitband gar nichts mehr geht, mit entsprechenden Bandbreiten aber extrem viel Neues möglich ist. Die Tiroler Arbeitswelt wird sich durch die Digitalisierung verändern.

Leere Rohre sind Zeugen seiner Pionierleistung. Das klingt bizarr. Ist es aber nicht. Denn mit dem Verlegen von Leerrohren in offene Gräben hat Arno Abler die Zukunft ganz handfest möglich gemacht. 1997 hatte er damit begonnen. In dem Jahr, als er Bürgermeister der Stadt Wörgl wurde. „Damals war das schon noch sehr pionierhaft, da hat noch keiner an Glasfaser geglaubt und all die Zusammenhänge“, sagt er. All die Zusammenhänge in einer Zeit gesehen zu haben, als „das Internet“ in Tirol gerade mal zwei Jahre alt war, beweist, dass die Bezeichnung Pionier trefflich gewählt ist. Hätten alle Tiroler Gemeinden damals schon begonnen, all ihre offenen Gräben mit Leerrohren auszustatten und damit den Zukunftstechnologien das Bett bereitet, wäre Tirol heute wohl das ungeschlagene Breitband-Turbo-Land. Darüber zu sinnieren ist jedoch so sinnlos wie mit zu vielen irrealen Konjunktiven behaftet und Abler war seiner Zeit schlicht voraus. „Es war eben immer schon mein Thema“, sagt er.

Klarheit über Nacht

Das ist es über die Jahre geblieben und so war der Wörgler Altbürgermeister gleichsam die logische Wahl, die Geschäfte der 2018 ins Leben gerufenen Breitbandserviceagentur Tirol (BBSA) zu führen. Die BBSA ist eine zentrale Anlaufstelle für alle rechtlichen, wirtschaftlichen und technischen Fragen im Zusammenhang mit dem Ausbau der Breitband- und Glasfaserinfrastruktur in Tirol. Sie unterstützt und begleitet Gemeinden und Planungsverbände des Landes beim Ausbau der Infrastruktur und bündelt das Know-how. Weil in der BBSA auch alle Daten zum Breitbandausbau in Tirol gesammelt werden, hat Geschäftsführer Abler einen umfassenden  Einblick in die Tiroler Netzlandschaft, in der es mit Beginn der Corona-Krise und dem plötzlich flächendeckenden Bedürfnis nach schnellen Datenverbindungen recht heiß her ging. „Über Nacht wurde jedem klar, dass ohne Breitband überhaupt nichts mehr geht und es wird in Zukunft noch wichtiger werden“, weiß Abler und hält fest: „Jene Gemeinden, die schon eine Glasfaserverbindung oder eine entsprechend hohe Breitbandanbindung bekommen hatten, waren im Vorteil. Und die, die es noch nicht haben, haben die Nachteile gemerkt.“

Tiroler Vorreiterrolle

Obwohl Tirol im Zusammenhang mit dem Breitbandausbau eine Vorreiterrolle in Österreich einnimmt, das Land mit dem Breitbandmasterplan und entsprechenden Förderungen die digitale Erschließung vorantreibt, alle Gemeinden dabei sind und dran, gibt es noch zahlreiche Landesecken, Tal-Enden oder Siedlungsgebiete, wo der Handlungsbedarf groß ist. „Ein Glasfasernetz ist in einer Gemeinde relativ rasch betriebsbereit und sie können schnell Provider drauflassen und entsprechende Services anbieten, aber fertig wird es nie. Das letzte Haus mit Glasfaser zu versorgen, ist eine Aufgabe, die wahrscheinlich in 20 Jahren noch nicht erledigt sein wird“, sagt Abler und weist darauf hin, dass sich die BBSA bemüht, den Gemeinden Möglichkeiten aufzuzeigen, wie sie das Netz möglichst sparsam spinnen können: „Zum Beispiel mit interimistischen Methoden, die sehr günstig sind. Irgendwann aber, wenn ein Graben offen ist, muss eine endgültige Lösung gemacht werden. Ich glaube zwar nicht, dass der Ausbau wegen Corona schneller passieren wird, bin mir aber sicher, dass es noch wichtiger werden wird.“

Gnadenlose Abhängigkeit

Die gnadenlose Abhängigkeit von großen Bandbreiten wurde in so gut wie jedem Tiroler Haushalt spürbar, wo Eltern gleichsam über Nacht im Homeoffice arbeiteten und Kinder parallel dazu digital unterrichtet wurden. Als es beispielsweise am 27. April 2020 österreichweit zu teils flächendeckenden Ausfällen bei einem Internetanbieter kam, liefen tausende Nutzer Sturm und das Online-Störungsportal www.allestörungen.at lief heiß. Mitten in der Homeoffice-Zeit kappten die Störungen alle Verbindungen „nach draußen“ und der Stillstand hinterließ ähnlich mulmige Gefühle wie ein Stromausfall.

„Die Telekommunikationsunternehmen sind Teil der kritischen Infrastruktur, deswegen mussten unsere Mitarbeiter auch in die Quarantänegebiete fahren, wenn es notwendig war“, weiß Manfred Heidegger, Vorsitzender der Tiroler Telekommunikations- und Rundfunkunternehmungen, um die Schlüsselrolle der Netze. Auch als Chef von A1 Telekom Tirol weiß er, welche Herausforderungen die Tiroler Telekommunikationsunternehmen in der Hochzeit der Krise stemmen mussten: „Wir hatten mehr Arbeit, als sonst, doch haben wir auch gesehen, dass die Breitbandversorgung diesem Ansturm stand gehalten hat. Breitband ist das Rückgrat.“ Wie wichtig es ist, um den unternehmerischen Alltag aufrecht zu erhalten, wurde in den Homeoffice-Wochen klar, ja glasfaserklar.

„Über Nacht wurde jedem klar, dass ohne Breitband überhaupt nichts mehr geht und es wird in Zukunft noch wichtiger werden.“
Arno Abler, GF Breitbandserviceagentur Tirol (BBSA)

Breitband: Ein Nachfrageproblem?

„Es gibt eine Gruppe, die sagt, wir hätten in Österreich eine zu schlechte Bandbreitenversorgung. Das stimmt aber nicht. Wir haben eher ein Nachfrageproblem“, deckt Heidegger die meist falsche Betrachtungsweise eventuell stockender oder gar stehender Internetverbindungen auf. Wenn ganze Hotelanlagen mit einem günstigen Privatanschluss versorgt werden, ist der Frust der mit Tablets und Smartphones surfenden und Urlaubseindrücke teilenden Gäste vorprogrammiert. Bandbreite kostet und Heidegger rechnet vor, warum es sich lohnt und was er damit meint, wenn er von einem Nachfrageproblem spricht: „Ich wohne in Trins und habe einen recht tollen 40 Megabyte-Anschluss. Diesen Anschluss könnten in der Gemeinde mindestens 500 Haushalte haben, tatsächlich sind es vielleicht 40.“ So viel zur Nachfrage und hier kommt die Rechnung: „Meine Kinder nutzen Streaming-Portale und Streamen kostet ungefähr 20 MB. Mein VPN-Tunnel kostet auch 5 MB, meine Frau arbeitet ebenso online und wenn dann noch ein weiterer Nutzer im Netz ist, ist mit 40 MB gleich Schluss.“

Diese Addition bzw. Subtraktion machte nicht wenigen Haushalten in der Ausnahmezeit schwer zu schaffen. „Ich gehe davon aus, dass die Kunden zukünftig größere Bandbreiten kaufen“, so Heidegger. Unlimitiert ist und bleibt das Datenvolumen nur im Festnetz, an dessen Ausbau neben den Gemeinden mit ihren OAN (Open Access Netze) auch Stadtwerke oder eben A1 werkeln. „A1 investiert mehr als 500 Millionen Euro jährlich in den Festnetzausbau. Das ist schon viel Geld und das würde man nicht machen, wenn man der Meinung wäre, dass es das Festnetz ab 5G nicht mehr braucht“, lenkt Heidegger den Blick auf die nächste Generation des Mobilnetzes, mit dem das feste Kabelnetz ergänzt werden soll und in dem vor allem entlegene Gebiete, die keine Aussicht auf eine unter der Erde verborgene Breitbandlösung haben, ihre Chance sehen. Noch ist es nicht so weit, Frequenzen werden noch versteigert und es gilt auch, diesbezüglichen Bedenken zu begegnen bzw. sie aus dem Weg zu räumen. Doch für viele bleibt der Mobilfunk die einzige Möglichkeit, den Anschluss an die Welt nicht zu verlieren bzw. ebendiesen zu bekommen.

„Es gibt eine Gruppe, die sagt, wir hätten in Österreich eine zu schlechte Bandbreitenversorgung. Wir haben aber eher ein Nachfrageproblem.“
Manfred Heidegger, WK-Telekom

So weiß Heidegger beispielsweise von einem kleinen, rundum sehr feinen und tollen Skigebiet im Tiroler Oberland zu berichten, das schlechte Kundenbewertungen kassierte: „Nicht wegen der Pisten, der Anlagen oder Restaurants, sondern wegen der fehlenden Breitbandanbindung im Skigebiet. Dass ein Skigebiet deshalb schlecht bewertet wird, ist schon krass.“ Stimmt, das ist ein krasser Grund und doch ist er realistisch angesichts der veränderten Verhaltensweisen, die sich auf den Pisten wie vor dem Goldenen Dachl dadurch zeigen, dass hunderte Touristen gleichzeitig Fotos oder Filme ins Netz stellen. Wenn sie wieder dürfen, versteht sich.

Veränderte Arbeitswelt mit Digitalisierung

Apropos Veränderung. Vor allem die Tiroler Arbeitswelten wurden mit dem Corona-Virus auf neue Wege gezwungen. „Das war irgendwie ein gewaltsamer Drang zur Digitalisierung“, weiß der Telekommunikations-Sprecher. Er hätte schon seit 20 Jahren im Homeoffice arbeiten können, A1 ist diesbezüglich nicht zurückhaltend. „Ich machte es aber nicht, weil ich das Analoge und mein Büro liebe“, sagt Heidegger. „Jetzt wurde ich dazu gezwungen. Ich behaupte, dass spätestens jetzt alle Unternehmen drauf gekommen sind, dass digitales Arbeiten und Homeworking funktioniert. Auch in Unternehmen, die zuvor sagten, dass das bei ihnen nie gehen würde.“

In dieser Erkenntnis steckt viel Kraft und Veränderungspotenzial. „Aufgrund der Situation haben wir massive Erfahrungswerte und sehen diese Erfahrungen positiv“, stellt etwa Wolfgang Loinger, Personalleiter bei Egger Österreich fest. Allein im Stammwerk der Gruppe in St. Johann sind ca. 1.000 Mitarbeiter beschäftigt und viele von ihnen machten in den Lockdown-Wochen Bekanntschaft mit dem Arbeiten im Heimbüro und fern vom Werk. „Es wird dazu führen, dass wir das Thema Homeoffice oder die Möglichkeit im Homeoffice zu arbeiten, forcieren werden – dort, wo es für uns Sinn macht“, so Loinger, der nach Rückkehr der Mitarbeiter in die Firma feststellte, wie individuell die Erfahrungen mit dem Homeoffice waren: „Das ist verständlich, die Leute haben ja unterschiedliche Voraussetzungen und Aufgaben. Nach diesen Wochen waren aber viele auch ganz froh, wieder im Office arbeiten zu können.“

Homeoffice im Coworking

Die flächendeckenden Homeoffice-Erfahrungen wurden gleichsam mit einem Vorschlaghammer angetrieben. „Doch dieser Vorschlaghammer war dafür sehr gut. Hätte man das nur im Kleinen probiert, hätte es nicht funktioniert“, stellt dazu Herwig Zöttl, Geschäftsführer von Heumandl-Media und Mitgründer des Coworking Space „Raum13“ in Innsbruck, fest. Zöttl gilt als Pionier in Sachen Coworking in und über Tirol hinaus. Und er hat Recht, erst der plötzliche Zwang, zu Hause zu bleiben und dort auch zu arbeiten, hat die breiten Erfahrungswerte ermöglicht. „Alle Firmen in Tirol, Österreich und der ganzen Welt haben festgestellt, dass der digitale Abstand zur Firma möglich ist. Wobei zu Hause viele festgestellt haben, dass zwar das entfernte Arbeiten funktioniert, aber halt das zu Hause arbeiten nicht“, lenkt auch Zöttl den Blick auf die unterschiedlichen Voraussetzungen der Mitarbeiter sowie darauf, dass der Konzentrationsaufwand stark herausgefordert wurde, etwa wenn die Kinder lustig wurden oder die Wohn-Arbeits-Situation zu eng.

„Es wird dazu führen, dass wir das Thema Homeoffice oder die Möglichkeit im Homeoffice zu arbeiten, forcieren werden – dort, wo es für uns Sinn macht.“
Wolfgang Loinger, Personalleiter Egger Österreich

Vor dem Hintergrund skizziert Zöttl eine win-win-Lösung, die große Chancen in den neuen Arbeitswelten hat. „Wir forcieren das Arbeiten in Coworking Spaces. Man arbeitet, wo man wohnt, aber nicht allein daheim – ohne Ablenkung, ausgestattet mit professioneller Infrastruktur und sozial eingebunden“, erklärt der erfahrene Coworker. Die Idee wirkt, wie die berühmte Klappe, mit der viele Fliegen auf einmal geschlagen werden können und Zöttl zählt weiter auf: „Das tägliche Pendeln fällt weg, keiner pfuscht dir in die Arbeit rein und wenn du willst, kannst du mit deinem Raum-Nachbarn einen Kaffee trinken, oder eben nicht. Man weiß inzwischen, dass dieses Arbeiten viel effektiver ist.“ Effektiver und günstiger, weil ein Platz im Coworking Space weniger zu Buche schlägt als das Büro oder der Arbeitsplatz in der Firma selbst.

Das Modell hat viele Denkvarianten und viele Reize, die gerade jetzt auf entsprechende Rezeptoren treffen. Mit Unterstützung der Standortagentur Tirol wurde ein Netzwerk der Coworking Spaces gegründet, das gerade wächst, stärker wird und immer konkretere Formen annimmt, um die Interessierten aufzufangen. „Es ist ein ganz spannendes Thema und eine große Chance“, weiß Zöttl.  Eine Chance mit großer Bandbreite.

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