Regional und digital als Zukunftsrezept

WK-Präsident Christoph Walser und Direktorin Evelyn Geiger-Anker über den Ausnahmezustand der letzten Wochen, die schrittweise Rückkehr in eine neue Normalität und Veränderungen, die auch nach Corona bleiben werden.

INTERVIEW

wirtschaft.tirol: Seit Mitte März ist alles anders. Das Coronavirus hat unser Land und die ganze Welt fest im Griff. Wie haben Sie die letzten Wochen erlebt?

WK-Präsident Christoph Walser: Kaum war die WK-Wahl vorbei – die für unsere gesamte Organisation eine riesige Herausforderung war – ist die Corona-Krise voll losgebrochen. Die letzten Wochen waren für die heimischen Betriebe extrem hart, haben aber auch für die Wirtschaftskammer eine ständige Ausnahmesituation bedeutet. Unser Ziel war und ist es, möglichst schnell und punktgenau zu informieren, der Politik Rückmeldungen über die Lage der Betriebe zu geben und die Hilfsmaßnahmen zu begleiten.

WK-Direktorin Evelyn Geiger-Anker: Unsere Mitgliedsbetriebe können von ihrer Interessenvertretung einen verlässlichen Partner erwarten – gerade in einer Zeit der Krise. Unsere Mitarbeiter haben in den letzten Wochen 77.000 Anrufe entgegengenommen und abgearbeitet – allein über die Corona-Hotline gingen 29.000 Telefonate ein. Das WIFI Tirol hat sein Angebot großteils auf Online-Kurse umgestellt. Um Lehrlingen eine ihnen zustehende Lehrabschlussprüfung zu ermöglichen, ist die Tiroler Wirtschaftskammer die erste Einrichtung, die Abschlussprüfungen auch online anbietet. Und wir bringen uns intensiv in die Abwicklung der Anträge für den Härtefall-Fonds und die Kurzarbeit ein.

War es eine strategisch kluge Entscheidung, dass die WK aktiv bei der Abwicklung dieser Anträge mitwirkt?

Geiger-Anker: Es ist für uns selbstverständlich, dass wir mit der Kammerorganisation unseren Beitrag leisten. Wir haben sämtliche Ressourcen mobilisiert. Viele unserer Funktionäre und Mitarbeiter sind derzeit auch an den Wochenenden im Einsatz.

Walser: Darin liegt auch ein großer Vorteil: Wir bekommen ungefiltert das Feedback der Unternehmerinnen und Unternehmer zu den unterschiedlichen Unterstützungsmaßnahmen, auch kritisches. Wir nehmen das ständig zum Anlass, konkrete Verbesserungen in Wien einzufordern. Dort wird unsere fundierte Rückmeldung sehr ernst genommen und hat ja laufend zu Nachbesserungen beim Härtefall-Fonds, der Kurzarbeit und anderen Hilfsmaßnahmen geführt – auch wenn wir uns noch bessere Zugangsbestimmungen für die Betriebe wünschen.

Wo sehen Sie hier besonderen Handlungsbedarf?

Walser: Ich sehe gerade für mittelständische Unternehmen eine Lücke in der Anspruchsberechtigung. Unternehmen, die weniger als 40 Prozent Einbußen verzeichnen – und das kann durchaus existenzbedrohend sein –, sind meiner Meinung nach zu wenig berücksichtigt. Wir machen mit dieser Forderung Druck bei sämtlichen politischen Entscheidungsträgern – das Rückgrat unserer Wirtschaft verdient mehr Augenmerk. Wir brauchen zudem für unsere Tourismusbetriebe wirksame Impulse seitens der Politik. Diese reichen von zusätzlichen Unterstützungsmaßnahmen über Image- und Werbekampagnen bis hin zum Aufbau einer speziellen Testinfrastruktur für die Hotellerie und Gastronomie. Wir müssen jetzt dieser für Tirol so wichtigen Branche möglichst viel Rückenwind verschaffen.

Wird es Veränderungen geben, die über die Krise hinausreichen?

Geiger-Anker: Die Aufräumarbeiten der Krise werden uns noch lange beschäftigen. Aber es werden auch positive Nebeneffekte übrigbleiben. Die Krise ist ein ungeplanter Turbo in die digitale Welt. Plötzlich sind Videokonferenzen zur Normalität geworden, Online-Lernen hat sich etabliert und sogar Prüfungen werden erfolgreich per Internet abgenommen. Vieles davon hat besser funktioniert als ursprünglich angenommen und wird auch in der Zeit nach Corona in Teilbereichen fortgeführt werden.

Walser: Die Corona-Krise macht vielen Konsumenten deutlich, wie wichtig lokale Geschäfte und regionale Wirtschaftskreisläufe sind. Lebendige Ortskerne sind nur mit florierenden Geschäften und Lokalen denkbar – und ob es diese gibt, entscheidet der Kunde. Umgekehrt ist vielen heimischen Händlern bewusst geworden, dass eine professionelle Online-Präsenz zusätzlich zum stationären Geschäft unbedingt notwendig ist. „Regional digital“ wird mit Sicherheit über die Krise hinauswirken und bietet unseren Betrieben neue Chancen.

Worauf kommt es in der nächsten Zeit an?

Walser: Dass jetzt nicht das große Ausspielen der Gesellschaftsgruppen gegeneinander beginnt und die anfängliche Solidarität vergessen wird. Wir brauchen definitiv keinen Klassenkampf. Auch die aufflammende Diskussion über neue Vermögens- und Erbschaftssteuer ist mehr als entbehrlich. Das trifft wieder den Mittelstand, der jetzt in dieser Krise am meisten zu kämpfen hat.

Geiger-Anker: Österreich hat sich die aktuell gute Lage mit einem konsequenten Shutdown und dosierten Öffnungen hart erarbeitet. Es liegt nun in der Eigenverantwortung aller, dass wir diesen Stand halten. Wir haben jetzt gute Voraussetzungen, mit Disziplin und der nötigen Portion Optimismus zur Normalität zurückkehren, die wir uns alle so wünschen.

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