Was die Krise für Tirols Wirtschaft bedeutet

Eine aktuelle Studie zeigt anhand von drei Szenarien, wie hart die Corona-Krise den in Tirol stark ausgeprägten Dienstleistungssektor trifft. Für eine spürbare Schadensbegrenzung braucht es eine rasche Normalisierung und gezielte Maßnahmen.

Anhand des regionalwirtschaftlichen Simulationsmodells TiRemo haben die Tiroler Wirtschaftskammer und die Gesellschaft für Angewandte Wirtschaftsforschung drei mögliche Szenarien berechnet, wie sich der durch die Corona-Pandemie verursachte Nachfrageausfall im Tourismus auf die Gesamtwirtschaft Tirols in den kommenden drei Saisonen auswirken könnte.

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Tirol erzielte im Jahr 2019 eine Bruttowertschöpfung von rund 32 Milliarden Euro. Davon entfielen 4,9 Milliarden Euro auf den Sektor Beherbergung/Gastronomie  – das sind rund 15 Prozent der Gesamtwertschöpfung, mehr als in jedem anderen Bundesland. Zählt man die Seilbahnwirtschaft und die tourismusnahen Dienstleistungen hinzu, beläuft sich der Wertschöpfungsanteil auf rund 18 Prozent. Durch die starke Verflechtung des Tourismus mit den anderen Wirtschaftssektoren wie Gewerbe, Bau oder Handel wirkt sich ein Rückgang auch auf alle weiteren Branchen aus. „Auch wenn der produzierende Bereich durch die Unterbrechung internationaler Lieferketten ebenfalls stark betroffen ist – im Gegensatz zur Wirtschafts- und Finanzkrise in den Jahren 2008 – 2010 handelt es sich diesmal um eine ausgeprägte Krise des Dienstleistungssektors“, betont WK-Studienautor Stefan Garbislander. Insgesamt werden rund 40 Prozent der Bruttowertschöpfung in Tirol im Dienstleistungsbereich erwirtschaftet.

Widerstandskraft in Krise

Alle drei Szenarien bringen massive Rückgänge in der Wirtschaftsleistung. Für Präsident Christoph Walser liegt darin dringender Handlungsbedarf. Die Krise zeigt, dass nur ein Drittel der Betriebe in Krisen über eine hohe Widerstandskraft verfügt. „Langfristig muss es der Politik ein Anliegen sein, die Stabilität der heimischen Betriebe zu erhöhen“, fordert Walser, „die Steuerquote und die Lohnnebenkosten müssen sinken, damit sich die Unternehmen einen Eigenkapital-Polster aufbauen können.“ Weiters regt Walser einen Treuhandfonds analog zum Tiroler Bodenfonds an, der ins Trudeln geratene Betriebe erwirbt, um einen Ausverkauf ins Ausland zu verhindern.

Kurzfristig sind für den Präsidenten Image- und Werbekampagnen wichtig. „Tirol bietet Qualitätstourismus auf höchstem Niveau – das gilt es verstärkt zu kommunizieren“, so Walser. Ebenfalls kurzfristig muss eine professionelle Testinfrastruktur aufgebaut werden. „Das hilft uns, Infizierte schnell zu erkennen und zu isolieren und kann uns vor einem zweiten Shutdown bewahren, den viele Betriebe nicht überleben würden“, erklärt der Präsident. Darüber hinaus sind für Christoph Walser jetzt Unterstützungsmaßnahmen für KMU, die bei den derzeitigen Hilfsfonds leer ausgehen, dringend erforderlich. Die öffentliche Hand fordert er auf, etwa mit Bauprojekten Investitionsimpulse zu setzen, um die nur zögernd anspringende Konjunktur wieder ankurbeln.

Grundlagen der Analyse

Die drei Szenarien berücksichtigen die jüngsten Meldungen betreffend mögliche Verlängerungen oder Aufhebungen der bestehenden Reisebeschränkungen. Weiters fließt auch die Entwicklung der Anzahl an Infizierten in den Hauptherkunftsländern in die Szenarien ein. Ebenso wird auf die unterschiedlich starke wirtschaftliche Betroffenheit dieser Länder Bedacht genommen. Denn ein stärkerer Rückgang in den Einkommen der Konsumenten und Konsumentinnen in einem Land wird sich in einem stärkeren Rückgang des Gästeaufkommens aus diesem Land widerspiegeln. Dies ist etwa der Fall für Italien, das wirtschaftlich stärker betroffen ist als beispielsweise Deutschland. Die Angaben in den Rückgängen und Zuwächsen der Nächtigungen beziehen sich jeweils auf ein Referenzszenario, bei dem angenommen wurde, dass die Nächtigungen in Tirol in den nächsten Saisonen (Sommer 2020, Winter 2020/21 sowie Sommer 2021) mit zwei Prozent im selben Ausmaß steigen würden wie im Schnitt der letzten Jahre.

  • OPTIMISTISCHES SZENARIO:

Das optimistische Szenario geht von einer starken Nachfrage österreichischer Gäste, einer raschen Normalisierung des Reiseverkehrs mit Deutschland und mit Rückgängen aus anderen Zielmärkten zwischen 10 und 70 Prozent aus. Selbst unter diesen sehr positiven Annahmen ergibt sich für das Kalenderjahr 2020 ein Verlust von 2,26 Milliarden an Bruttowertschöpfung in Tirol. Insgesamt gehen durch den Nachfrageausfall im Jahr 2020 rund 20.000 Arbeitsplätze in Tirol verloren.

  • MITTLERES SZENARIO:

Das mittlere Szenario basiert darauf, dass Tirol die österreichischen Gäste beginnend mit Juli 2020 bis zum Ende der Sommersaison 2021 wieder zu 100 Prozent begrüßen kann. Die Nächtigungen deutscher Gäste ziehen sukzessive wieder an – von 50 Prozent im Sommer 2020 bis 90 Prozent im Sommer 2021. Alle übrigen Märkte erholen sich hingegen nur schrittweise. Im mittleren Szenario ergibt sich für das Kalenderjahr 2020 ein Verlust von rund 3,6 Milliarden Euro an Bruttowertschöpfung in Tirol. Insgesamt gehen durch den Nachfrageausfall im Jahr 2020 rund 31.600 Arbeitsplätze in Tirol verloren.

  • PESSIMISTISCHES SZENARIO:

Das pessimistische Szenario geht davon aus, dass die Nächtigungen österreichischer Gäste in Tirol langsam von 50 Prozent auf 100 Prozent steigen. Für die anderen Zielmärkte hingegen steigen die Nächtigungen nur zögernd von 10 Prozent im Sommer 2020 bis auf 50 Prozent im der Sommersaison 2021. Im pessimistischen Szenario ergibt sich für das Kalenderjahr 2020 ein Verlust von rund 4,8 Milliarden Euro an Bruttowertschöpfung in Tirol. Insgesamt gehen durch den Nachfrageausfall im Jahr 2020 über 42.500 Arbeitsplätze in Tirol verloren.

Die Corona-Krise bremst den Tiroler Tourismus – und damit weitere Wirtschaftssektoren. Beim mittleren Szenario verringert sich die jährliche Tiroler Wertschöpfung von zuletzt 32 Milliarden Euro um mehr als 3,6 Milliarden Euro.

Die Corona-Krise bremst den Tiroler Tourismus – und damit weitere Wirtschaftssektoren. Beim mittleren Szenario verringert sich die jährliche Tiroler Wertschöpfung von zuletzt 32 Milliarden Euro um mehr als 3,6 Milliarden Euro.

Wie gut Betriebe diese Krise wegstecken können, hängt stark von ihrer Eigenkapitalquote und ihrer Umsatzrentabilität ab: Je höher diese Kennzahlen liegen, desto leichter können Unternehmen schwierige Situationen bewältigen. Laut Berechnungen der KMU-Forschung Austria galten bereits vor Ausbruch der Krise rund 14 Prozent der 6.300 Tiroler Beherbergungsbetriebe als „überschuldete Unternehmen in der Verlustzone“. Weitere rund 19 Prozent der Beherbergungsbetriebe galten als Unternehmen mit „klarem Verbesserungsbedarf in der Finanzierungs- und Ertragssituation“.

„Vor allem beim oben angeführten pessimistischen Szenario, aber auch beim mittleren Szenario, sind damit rund 32 Prozent der Beherbergungsbetriebe akut gefährdet“, fasst Stefan Garbislander die möglichen Auswirkungen der Corona-Krise auf die Hotellerie zusammen. Noch angespannter ist die Lage bei den 3.500 Tiroler Gastronomiebetrieben: Rund 38 Prozent der Gastronomiebetriebe hatten bereits vor der Krise eine geringe Eigenkapitalquote und eine niedrige Umsatzrentabilität. 17 Prozent waren schon vor der Krise in der Verlustzone und überschuldet und sind damit auch am stärksten von der Corona-Krise betroffen.

Um den drohenden Schaden abzufedern, fordert die Tiroler Wirtschaftskammer effektive und rasch wirksame Maßnahmen. Beispiele dafür finden sich in nebenstehender Fact Box. Die (Tiroler) Politik ist definitiv gefragt, sich dieser Situation zu stellen und wirksame Gegenstrategien einzuleiten.

Was die (Tiroler) Politik jetzt tun kann

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