Tiroler Schneider: Nähen für das Land

Seit 26. März 2020 nähen die Tiroler Schneiderinnen und Schneider dringend nötige Mundschutzmasken für öffentliche Einrichtungen des Landes Tirol. Innungsmeisterin Brigitte Huditz und ihrem Team ist damit ein beeindruckender Kraftakt gelungen. „Ich finde es super. Es ist eine Win-win-Situation – für das Land und unsere Schneiderwerkstätten. Und es ist ein schönes Zeichen für den Zusammenhalt.“

Anfang vergangener Woche raschelte es gewaltig in den Räumlichkeiten der Wirtschaftskammer Tirol. Zwei Tonnen Stoff waren hier angeliefert worden und wollten „portioniert“ werden. „Das sind 6.000 Meter Stoff. Schon eine irre Dimension“, weiß Brigitte Huditz, Landesinnungsmeisterin der Mode und Bekleidungstechnik Tirol. 6.000 Laufmeter. Hobbyläufer schaffen einen Sechs-Kilometer-Lauf in knapp 30 Minuten. Sich die Entfernung zwischen der Innsbrucker Innenstadt und dem Zentrum von Völs vorzustellen, hilft auch dabei, die gigantische Stoff-Dimension erfassen zu können. Und ihr Zweck steht für einen Superlativ der ganz besonderen Art. „Nachdem ich am Montag vor einer Woche vom Land Tirol gefragt wurde, ob wir, also die Tiroler Schneiderinnen und Schneider, Mundschutzmasken nähen können, bin ich sofort aufgesprungen“, erzählt Brigitte Huditz.

Tags zuvor, am 15. März 2020, war die Ausgangssperre über Tirol verhängt worden und auch die Tiroler Schneiderwerkstätten waren plötzlich verwaist. Huditz: „Unsere Schneidereien können seither keine Kunden mehr empfangen und keine Anproben machen. Die meisten hatten von heute auf morgen kein Einkommen mehr und ich habe mir gedacht, dass wir etwas dagegen tun können.“

Okay der Expertin

Derart motiviert, gab die passionierte Schneidermeisterin Gas – Vollgas, um genau zu sein. Sie machte sich schlau und musste bald feststellen, dass jener Stoff, der für die Herstellung von Covid 19-Atemschutzmasken nötig ist, nicht zu bekommen war. „Darum haben wir uns auf Baumwolle konzentriert beziehungsweise spezialisiert. Mikrobiologin Cornelia Lass-Flörl hat die Maske abgenommen und gesagt, super, das ich eine niederschwellige Maske für alle Bereiche, die nicht mit Covid 19 zu tun haben“, berichtet Huditz von der Treffsicherheit des Musters und des dabei verwendeten Baumwollstoffes: „Die Dichte entspricht genau den Kriterien.“ Altersheime, Pflegeeinrichtungen oder Sozialsprengel können beispielsweise mit den Baumwollmasken ausgestattet werden.

Das Okay der Expertin befeuerte Huditz’ Engagement. Noch ohne den Auftrag des Landes in der Tasche zu haben, ging sie etwa mit der Bestellung der notwendigen „Rohstoffe“ in Vorlage und organisierte weiter: „Ganz am Anfang habe ich die Geschützte Werkstätte ins Boot geholt. Dort wird die Qualitätsprüfung gemacht und anschließend werden die Masken versandt.“

Geschützte Werkstätte mit Schlüsselrolle

Klaus Mair ist Geschäftsführer der „Geschützten Werkstätte Integrative Betriebe Tirol GmbH“, von deren rund 300 Mitarbeitern der überwiegende Teil (84 Prozent) Menschen mit Behinderung sind. „Wir sind selbstverständlich gerne dabei, wo es darum geht, zu helfen“, ist Mair von der „Mundschutz-Initiative“ überzeugt, bei der die Geschützte Werkstätte mit Qualitätskontrolle und Versand eine Schlüsselrolle zukommt, und Mair hält weiters fest: „Wir sind ein Teil der Gesellschaft und des Arbeitslebens. Besondere Zeiten verlangen besondere Herangehensweisen – wenn es da einen Schulterschluss gibt, alle möglichen Kräfte im Land Tirol zusammen helfen und im Sinne der Sache arbeiten, kann man das nur begrüßen.“

Apropos begrüßen. Der entscheidende Schritt der Landesinnungsmeisterin war es, ihre Kolleginnen und Kollegen zu kontaktieren. Huditz: „Ich habe ein Schreiben an meine Scheiderinnen und Schneider hinausgeschickt und innerhalb von sechs Stunden 70 positive Antworten bekommen – ist das nicht schön?“

6.000 Meter Stoff

Das ist nicht nur schön, sondern auch sehr berührend. Sich über dieses starke Signal des Zusammenhalts in Krisenzeiten entsprechend zu freuen, blieb Huditz in dieser Phase aber noch zu wenig Zeit. Sie scharte ein kleines Team an Mitstreiterinnen um sich, um den Stoffmassen Herr(in) zu werden, die Anfang der Woche in die WK Tirol geliefert wurden. 6.000 Meter Stoff mussten in entsprechenden Längen abgeschnitten und zusammen mit den weiteren notwendigen Utensilien in Kartons verpackt werden, um landauf landab die Schneiderinnen und Schneider zu beliefern.

100.000 Masken

Damit ausgerüstet konnte am 26. März 2020 das große Nähen im Zeichen von Corona beginnen. Zwischenzeitlich ist die Zahl der Betriebe auf an die 100 angestiegen, auch ein kleiner Industriebetrieb im Oberland zählt dazu. „Das ist jetzt das Material für die ersten 100.000 Masken. Das wird sicher zwischen drei und vier Wochen dauern, wobei wir wöchentlich liefern können“, so Huditz. Die Produkte aus den Schneiderwerkstätten werden entscheidend zum Schutz und zur Sicherheit des Landes und seiner Bewohner beitragen.
Die Mundschutzmasken aus Tirol für Tirol sind ein Leuchtturmprojekt mit heller Strahlkraft. Huditz: „Ich finde es super. Es ist eine win-win-Situation – für das Land Tirol und unsere Schneiderwerkstätten. Und es ist ein schönes Zeichen für den Zusammenhalt.“ Stimmt.

 

Kerstin Radnetter ist eine von rund hundert Schneiderinnen und Schneidern die in den kommenden Wochen dringend benötigte Schutzmasken nähen werden.

Kerstin Radnetter ist eine von rund hundert Schneiderinnen und Schneidern die in den kommenden Wochen dringend benötigte Schutzmasken nähen werden. Foto: WKT/Gerhard Berger

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