Themenhotels: Tiroler sind Meister der Nischen

Die zunehmende Individualisierung der Gäste trifft in Tirol auf ein zunehmend individualisiertes Angebot. Ob Kinder, Romantik, Hunde, Sport oder Gesundheit – zahlreiche Hoteliers setzen mit Themenhotels auf Nischen. „Damit heben wir uns ab. Da sind wir Weltmeister“, sagt Hotellerie-Obmann Mario Gerber.

Spezifisch, verschieden, besonders, originell, speziell, einmalig. Es gibt zahlreiche Synonyme für das Wörtchen individuell und in allen steckt jene Einzigartigkeit, die jeden einzigartig macht. „Der Gast wird immer individueller, das stellt uns natürlich vor Herausforderungen“, weiß Mario Gerber, Obmann der Fachgruppe Hotellerie der Tiroler Wirtschaftskammer, und hält fest: „Eine Masse zu bewältigen ist leichter, als ein individuelles Angebot zu bieten. Doch das haben wir schon immer besser können, als andere.“

Was Gerber damit ganz ohne falsche Bescheidenheit anspricht, erschließt sich erst einmal beim großen Blick auf den touristischen Globus. Viele reizvolle Destinationen hat er zu bieten. Vom weißen Sandstrand auf Mauritius über ewig grüne Inseln im Pazifik hin zu blauschimmernden Eislandschaften im Norden. Tirol verkauft Natur und Berge, doch tut „es“ das nicht mit Kempinskis, die kopierbar sind und sein müssen, sondern eben mit einer kleinstrukturierten, meist von Familien getragenen Hotellerie, die nicht kopiert werden kann.

“Worauf immer sich die Häuser spezialisieren – das sind keine Selbstläufer, sondern Produkte, über die man sich sehr viele Gedanken machen muss.”
Mario Gerber

Allein mit dieser Art der Gastfreundschaft, der direkten Betreuung durch die Gastgeber und der früh schon mit dem Angebot der regionalen, traditionellen Küche ausgebauten Software besetzt das Tourismusland eine Nische. Sie erfolgreich zu bespielen ist in die DNA der Unternehmer wie des Standortes übergegangen.

Und seit einigen Jahren bildet diese Struktur die Basis für eine Zuspitzung des Angebotes, mit der punktgenau auf Bedürfnisse geantwortet wird, die immer spezieller werden, immer individueller. „Im Bereich der Themenhotels gibt es in Tirol viele Beispiele für spannende Innovationen. Das ist eine riesengroße Qualität“, sagt Gerber. Wieder wäre Bescheidenheit fehl am Platz.

Erwachsenenhotels, Wanderhotels, Hotels am See, Romantische Hotels, Gourmethotels, Familienhotels, Skihotels, Bikehotels, Wellnesshotels, Golfhotels, Motorradhotels, Reiterhotels, Schlosshotels und hundefreundliche Hotels. Zu allen Themenhotel-Kategorien finden sich Beispiele im Land. Hinzu kommen Urlaubsangebote, die sich der Nachhaltigkeit verschreiben oder der Entschleunigung.

Es gibt Hotels, die einen Zirbensarg für das Handy anbieten, um den Gästen den Luxus der Unerreichbarkeit zu ermöglichen. Und es gibt Häuser, die eine Art antidigitalen Kurs einschlagen und analoge Schlüssel sowie WLAN-Freiheit anbieten. Gerber: „Worauf auch immer sich die Häuser spezialisieren – das sind keine Selbstläufer, sondern Produkte, über die man sich sehr viele Gedanken machen muss.“

Die Fokussierung

Das Bio-Hotel Grafenast am Hochpillberg über Schwaz zeigt beispielsweise, wie sich diese Gedanken bis in kleinste Details nachvollziehen lassen. Das idyllisch am Fuß des Kellerjochs gelegene Haus ist auf ein Konzept gebaut, das über Jahre gewachsen und nachhaltig, naturbelassen sowie umweltfreundlich ist. Es werden ausschließlich Bioprodukte verwendet.

Nicht nur im Restaurant, das der Slow Food Restaurantführer mit den Worten „Die Küche ist vorwiegend regional ausgerichtet, bietet aber immer wieder international inspirierte Überraschungen“ beschreibt. Bio ist alles – von den Textilien bis hin zum Waschpulver – und kostenlosen Internetzugang gibt es nur in öffentlichen Bereichen. Das kleine Haus ist ein Gesamtkunstwerk, dessen biologische Ausrichtung schon Mitte der 1980er-Jahre begonnen hat, seit 1996 ist dort von Bio-Hotel die Rede. Es war eines der ersten mit diesem Fokus.

Ein viertel Jahrhundert ist seither fast vergangen, Bio wurde vieles. Ist es noch ein Trend? „Ich weiß nicht, ob man noch Trend dazu sagen kann. Viele nehmen Bio immer mit, doch da gibt es ein Standard-Bio und es gibt ganz tolle Hotels, die sich darauf spezialisiert haben“, verweist Gerber einerseits auf bewegende Trend, andererseits zeigt er aber auch die Chancen auf, die sich durch echte, strenge Fokussierung auftun können.

Durch den Ausbau besonderer USPs gelingt es Hotels auch, der früher noch alles entscheidenden Lage ein Schnippchen zu schlagen. „Sehen sie sich nur die Häuser am Mieminger Plateau an – das Alpenresort Schwarz beispielsweise, oder das Landhotel Stern. Die haben nicht die beste Lage, haben aber ein hervorragendes, ein individuelles Produkt. Zuspitzung bringt Erfolg, doch muss man auch einen Spagat schaffen“, weiß der Hoteliers-Obmann.

Der Spagat

Karin und Manfred Kühbacher proben diesen Spagat in ihrem Naturhotel „Das LechLife“ in Wängle im Außerfern. Vor sechs Jahren haben sie das Ende der 1980er Jahre von den Skilegenden Harti Weirather und Hanni Wenzel errichtete Haus übernommen und passen es Schritt für Schritt ihrer eigenen Lebenseinstellung an.

Nachhaltigkeit und Verantwortungsbewusstsein sind – vereinfacht formuliert – die roten Fäden dieser Haltung, aus der für das Hotel eine starke Richtschnur geknüpft wird. „Natürlich informiert man sich und schaut, welche Möglichkeiten es gibt. Doch muss man immer auch ein bissl nach dem Bauchgefühl gehen“, stellt Karin Kühbacher fest.

Bauchgefühl im wahrsten Sinn des Wortes prägt beispielsweise die Küche des Hauses, wo neben den traditionellen auch zahlreiche vegane Gerichte zubereitet werden. Von Schnitzel und Tafelspitz beziehungsweise dem Verzehr von Lebensmitteln tierischen Ursprungs hat sich die Familie Kühbacher selbst schon vor Jahren verabschiedet.

„Wir fördern vegane Ernährung – nicht erst seit Greta Thunberg oder dem Film „The Game Changers“ und auch nicht, weil Leonardo di Caprio ein cooler Typ ist. Es ist uns ein Anliegen aus ökologischer Sicht, aus gesundheitlicher Sicht und für uns persönlich als Familie auch aus ethischer Sicht“, erklärt Kühbacher, warum das ausgeklügelte vegane Angebot als Teil der Authentizität des Hauses betrachtet und von den Gästen auch als solches angenommen und geschätzt wird.

Kein USP fällt vom Himmel. Er will Stück für Stück erarbeitet, umgesetzt und belebt werden. Diese Konsequenz wird spürbar. „Es ist immer wieder ein Bewusstseinsprozess. Man erlangt Wissen über Dinge, über die man sich vorher oft keine Gedanken gemacht hat und wenn man sie erfährt, ganz geschockt ist“, beschreibt Kühbacher den Erkenntnis-Weg, den sie und ihre Familie nicht selten mit den Gästen des LechLife teilen. Wie eben die vegane Philosophie, die nicht nur auf der Speisekarte, sondern auch in den Zimmern zu finden ist.

Dort sind keine Wollteppiche zu finden, sondern federn Spannteppiche aus Maisfaser, einem veganen Naturmaterial, die Schritte. Apropos vegan. Obwohl der gebürtige Tiroler und Starkoch Siegfried Kröpfl im Bewusstsein der vieles bewegenden Nachhaltigkeits-Fragen unserer Zeit sogar eine vegetarische oder vegane Zukunft voraussagt, sehen sich vegane Gäste in vielen Gaststuben noch mit einem spärlichen Angebot auf der Karte oder unangenehmen Fragen der Tischnachbarn konfrontiert. Der entscheidende Wohlfühlfaktor liegt aber für alle Individualisten darin, nicht nur geduldet, sondern mit seinen Wünschen willkommen geheißen zu werden.

Die Nische

Das ist der Knackpunkt, der beispielsweise das Hotel Riederhof in Ried im Oberinntal von den meisten Hotels unterscheidet, die Hundebesitzern insofern entgegen kommen, als dass sie die haarigen Vierbeiner im Hotel erlauben. „Das ist etwas anderes. Dort werden die Gäste gleich gefragt, wie groß die Hunde sind. Bei uns spielt das keine Rolle. Wir haben vom kleinsten Chihuahua bis zur deutschen Dogge alle Rassen und alle Größen. In unserem Hotel steht der Hund im Zentrum und alles ist auf den Hund ausgelegt“, stellt Oswald Hauser fest.

Hauser hat im November 2019 den Riederhof übernommen. Er ist das erste Tiroler Hundehotel. „Ich habe das Hotel genau aus diesem Grund übernommen. Weil es dieses große Serviceangebot für Hunde hat und damit eine Nische besetzt. Stellen sie sich vor, sie nehmen einen Hund mit in ein 4-Stern-Hotel in Ischgl, wo der Großteil der Gäste keinen Hund hat. Sie fühlen sich als Gast nicht wohl, wenn die anderen Gäste einen Bogen um sie und ihren Hund machen“, sagt Hauser.

Die Gäste seines Hauses sind per se offen für Hunde, sonst würden sie hier schlicht kein Zimmer buchen. Und für die Hunde steht ein Angebot zur Verfügung, das weit über die Hundedecke und den Hundenapf am Zimmer hinaus reicht. Hauser will es noch weiter ausbauen. Die Nische wird noch mehr zugespitzt.

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Das „Riederhof“ in Ried im Oberinntal ist das erste Tiroler Hundehotel. Die dortigen Annehmlichkeiten wie etwa das hauseigene Hunde-Waschcenter weiß auch Haushund Emma zu schätzen. Foto: Hotel Riederhof

Sich auf das ganz spezielle, hundeaffine Gästeklientel zu konzentrieren erleichtert die Entwicklungsschritte des 4-Stern-Hauses und erst vor kurzem durfte Hauser feststellen, wie außergewöhnlich das Angebot ist. „Ich war drei Tage auf einer Hundemesse in Winterthur in der Schweiz, wo ich das Hotel präsentiert habe“, erzählt er, „da machte ich die Erfahrung, dass das für viele Schweizer unbekannt ist und neu. In der Schweiz gibt es kein Hotel, das auf Hunde ausgelegt ist.“

Allein in diesem – nur aus Schweizer Sicht tristen Vergleich – steckt viel von der Innovationskraft der Tiroler Touristiker, die Gerber begeistert. „Das ist schon cool“, stellt der Hoteliersobmann beim Blick auf die Vielfalt des Angebotes fest, mit dem heimische Hoteliers auf die differenzierten Bedürfnisse der Gäste reagieren.

Die Königin der Themenhotels

Motorradfahrer mögen es genauso, Gleichgesinnte in entsprechend gestaltetem und ausgestattetem Ambiente zu treffen, wie Golfspieler, Romantiker, Skifahrer, Reiter oder Genießer. Wer es ruhig, einsam und einfach will, findet seinen Platz vielleicht in den Tiroler Bergsteigerdörfern, wo das Motto „Weniger ist mehr“ eine wachsende Zielgruppe anspricht und ebenso eine Nische besetzt – mit einer charmanten Retro-Dynamik, die an die Geburtsstunden des Tiroler Tourismus erinnert.

Seit diesen ersten Stunden locken die Tiroler Gastgeber auch Familien mit Kindern. Zwischenzeitlich ist es die dritte, wiederkehrende Gästegeneration, die den Kindern jene Erinnerungen schenken will, welche ihre eigenen Gedanken an die eigene Kindheit prägen. Diese dritte Generation trifft allerdings auf ein ganz anderes Angebot als die Großeltern. Ein größeres, bunteres und ausgefeilteres. Der Spiele-Raum mit Tischfußball hat seine Meister gefunden.

„Die Tiroler Kinderhotellerie ist durch spannende Innovationen geprägt – pädagogisch durchdacht und hochwertig“, weiß Gerber. Die Alpenrose in Lermoos ist in dieser Nische eine wahre Königin, eine Kategorie für sich. 1988 hatten Andrea und Ernst Mayer das Hotel, das sich aus dem großelterlichen Bauernhof heraus entwickelt hatte, übernommen und rasch die Entscheidung getroffen, es dezidiert den Kindern und Familien zu widmen.

Spiel-Oase für die Kleinen

Bald wurde die Alpenrose Teil der Gruppe der Original Kinderhotels in Europa und als solches sprengte es bald die bekannten Dimensionen. 1994 wurde es schon mit fünf Smileys, der höchsten Kinderhotel-Kategorie ausgezeichnet und sammelt Auszeichnung, um Auszeichnung, Jahr für Jahr. Die beste Auszeichnung aber ist die konsequent hohe Auslastung des Luxus-Hauses, das mit dem Familienhotel in Oberjoch und dem Dachsteinkönig im Salzkammergut nicht minder erfolgreiche „Schwestern“ erhielt, die seit Ende des vergangenen Jahres unter der Marke „Familux Resorts“ firmieren.

Mit dem Slogan „Bring your kids, find yourself“ wird das Angebot auf den Punkt gebracht, das Ernst Mayer folgendermaßen zusammenfasst: „Das Kinderhotel Alpenrose ist Wellness- und Gourmet-Tempel für die Großen und Spiel-Oase für die Kleinen. Luxusurlaub für Eltern, Ferienspaß der Extraklasse für Kinder, optimale Betreuung für einen Urlaub mit Baby. Wir vereinen auf allen Ebenen, was Gäste von einem Wellness-, Erlebnis- und Familienhotel erwarten.“

Vom 19. April bis 26. Juni 2020 wird das Hotel dem Erfolgs-Konzept entsprechend umgebaut und erweitert. Um wieder Dimensionen zu sprengen. Und den Worten spezifisch, verschieden, besonders, originell, speziell, einmalig und einzigartig ein Krönchen aufzusetzen. Und wieder zu zeigen, wie gut Tiroler Hoteliers Nischen orten und besetzen können. „Individuell zu sein, ist wichtig. Ich gehe nicht davon aus, dass das morgen uninteressant ist“, sagt Mario Gerber. Der Spezialisierungs-Reigen geht weiter und der Hoteliers-Obmann weiß: „Damit heben wir uns ab. Da sind wir Weltmeister.“

Bild oben: Urlaub zum Erlebnis machen – im Familien Landhotel Stern in Obsteig gelingt das etwa damit, dass den jungen Gästen “Heuschlafen” angeboten wird. Foto: Landhotel Stern/Manfred Horvath

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