Megatrend Neo-Ökologie: Tirol ist mittendrin

Mit dem „Megatrend Neo-Ökologie“ gibt das Zukunftsinstitut der Neuausrichtung des alltäglichen und wirtschaftlichen Handelns einen Namen. Der Megatrend im Zeichen der Nachhaltigkeit ist weder neu noch überraschend. Tiroler Unternehmen zeigen längst, wie‘s geht.

Wenn am 2. Juni 2020 die Tiroler TRIGOS-Gewinner im Rahmen einer feierlichen Gala präsentiert und zelebriert werden, wird es wieder bestätigt. Tirol ist in vielen Bereichen Vorreiter im Zusammenhang mit nachhaltigem beziehungsweise verantwortungsvollem Wirtschaften, dem diese Auszeichnung gewidmet ist.

Der TRIGOS wurde 2004 geboren. Er ist also fast so alt wie Umweltaktivistin Greta Thunberg, deren globales Engagement das Bewusstsein gegenüber der notwendigen Neuausrichtung des Lebens und Wirtschaftens schärft. Der TRIGOS zeigt, dass die Forderungen, angesichts der Klimakrise verantwortungsvoll zu denken und zu handeln, hierzulande auf längst aufbereiteten Boden fallen.

„Das verantwortungsvolle Wirtschaften gibt’s schon lange. Viele Tiroler Unternehmen machen es, doch könnten sie es oft strategischer angehen“, sagt Marlene Hopfgartner von der Abteilung Wirtschaftspolitik und Strategie der WK Tirol. Hopfgartner ist Nachhaltigkeitsexpertin und Ansprechpartnerin für „den“ TRIGOS, dessen Einreichfrist für 2020 am 13. Jänner 2020 begonnen hat und am 13. März 2020 enden wird.

Mit dem Preis werden nicht nur beispielhaft arbeitende und Corporate Social Responsibility (CSR) „bewusst „lebende“ Unternehmen ausgezeichnet, es wird damit auch jener strategische Zugang zur Nachhaltigkeit angeregt, den Hopfgartner in der Breite noch ein wenig vermisst.

Nachhaltigkeit als never ending story

„Der TRIGOS ist der anerkannteste Preis in der Nachhaltigkeit in Österreich und es war lässig, die Sachen aufzuarbeiten, einzureichen – und zu gewinnen“, stellt etwa René Föger, Chef des Familien Landhotel Stern in Obsteig, rückblickend fest. 2012 schon wurde das in die Zeit Kaiser Maximilian I. zurückreichende, gastfreundliche Haus am Sonnenplateau mit dem TRIGOS ausgezeichnet.

Der Preis war für Föger auch eine Motivation, in dem Takt und mit der Zielrichtung vor Augen, weiter zu machen: „Nachhaltigkeit ist eine never ending story. Wir sprechen damit eine Zielgruppe an, der Nachhaltigkeit, bewusstes Leben und Ernährung wichtig sind. Das ist ein Trendthema und sind wir uns ehrlich: wenn du kostensparend mit Ressourcen umgehst, hat das natürlich einen wirtschaftlichen Effekt.“

Megatrend Neo-Ökologie

Föger hat recht. Nachhaltigkeit ist eine never ending story – auch, weil es dabei in vielerlei Hinsicht um Kreisläufe geht. Und Nachhaltigkeit ist ein Trendthema, das den abschreckenden Mantel längst abgelegt hat, weil die Chancen erkannt wurden. Apropos Trend. Trends sind es, denen sich der deutsche Publizist und Medienberater Matthias Horx mit seinem Zukunftsinstitut vornehmlich widmet.

Auch so genannte „Megatrends“ fängt das Zukunftsinstitut ein und fasst sie in umfangreichen Dokumentationen zusammen. „Megatrends sind Tiefenströmungen des Wandels. Als Entwicklungskonstanten der globalen Gesellschaft umfassen sie mehrere Jahrzehnte. Ein Megatrend wirkt in jedem einzelnen Menschen und umfasst alle Ebenen der Gesellschaft: Wirtschaft und Politik, sowie Wissenschaft, Technik und Kultur. Megatrends verändern die Welt – zwar langsam, dafür aber grundlegend und langfristig“, erklären die Zukunftsforscher.

Wissenskultur, Urbanisierung, Konnektivität, Individualisierung, Globalisierung, Mobilität oder Silver Society wurden bereits als Megatrends beschrieben. Ende 2019 kam die umfangreiche Publikation zum „Megatrend Neo-Ökologie“ hinzu. Seither geistert der Begriff durch die Medien und bildet eine Krücke, um zahlreiche gesellschaftliche, ökologische und ökonomische „Wandelthemen“ zu beschreiben.

Von Zukunftsinstituts-Mitarbeiterin Lena Papasabbas wird die Neo-Ökologie als „der wichtigste Megatrend unserer Zeit“ bezeichnet, „der die 2020er prägen wird wie kein anderer: Umweltbewusstsein vom individuellen Lifestyle zur gesellschaftlichen Bewegung. Nachhaltigkeit vom Konsumtrend zum Wirtschaftsfaktor. Und die Klimakrise zur Grundlage einer neuen globalen Identität.“

Vom Schlagwort zur Notwendigkeit

Die überall spürbar gewordene Realität des Klimawandels hat in den letzten Jahren zahlreiche Rekorde gebrochen und Zahlen generiert, welche die Wucht des teils wütend ausgetragenen und immer wieder polarisierenden gesellschaftspolitischen Diskurses befeuern. 86 Millionen Tonnen Plastik sind Schätzungen zufolge bereits im Meer gelandet. Pro Minute werden in Brasilien Flächen in der Größe von drei Fußballfeldern abgeholzt. Die Anzahl an Einwegflaschen, die allein der Coca Cola-Konzern jährlich produziert, würden aneinandergereiht 31 mal zum Mond und wieder zurück reichen. Zahlen wie diese wirken wie Katalysatoren auf den Prozess, in dem Nachhaltigkeit vom Schlagwort zur Notwendigkeit wurde und Verantwortung zum Muss.

Unter dem Überbegriff Neo-Ökologie tummeln sich alle Denk- und Handlungsstränge, die sich vor diesem Hintergrund und dem parallel dazu gewachsenen Bewusstsein entwickelten. Laut Papasabbas ist Neo-Ökologie der zentrale Treiber für vier Dimensionen des Wandels: Neue Werte, Neue Märkte, Neue Umwelten, Neues Wirtschaften. Dass ökologische Werte eine neue globale Identität schaffen, die neue Wir-Kultur eine Abkehr vom Konsumismus einläutet, Natur zum Synonym eines gesunden Lebens wird und progressives Postwachstum das Paradigma der nächsten Gesellschaft sein wird, heißt es erklärend dazu. Umfangreich ist auch die Auflistung all der Einzeltrends, die zum Megatrend zählen. Von Achtsamkeit über Bio-Boom, Circular Economy, E-Mobility, Green Tech oder Post-Carbon-Gesellschaft reicht die Liste bis hin zu Urban Farming oder Zero Waste.

Wer angesichts dessen glaubt, alles schon einmal mit anderen Worten oder unter anderen Vorzeichen gehört oder gelesen zu haben, liegt nicht falsch. „Mir sind die SDGs, die Sustainable Developement Goals, beziehungsweise die 17 UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung lieber. Ich hätte da keine neuen Begriff eingeführt“, sagt Marlene Hopfgartner.

Schließlich haben sich alle 194 UN-Mitgliedsstaaten im Rahmen der „Agenda 2030“ auf die 17 Sustainable Developement Goals  geeinigt, die am 25. September 2015 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York verabschiedet wurden. Ökologische, ökonomische und soziale Probleme, wie etwa Klimawandel, Ungleichheit und Armut sollen demnach bis 2030 gelöst werden. Dass die Herausforderungen global, gesamtstaatlich, gesamtgesellschaftlich und vor allem auch wirtschaftlich angegangen werden, gilt dabei als entscheidend. Schließlich wird nicht weniger als die „Transformation unserer Welt“ mit der Umsetzung der Ziele angestrebt. Megatrend Neo-Ökologie klingt vor diesem Hintergrund fast zu harmlos, fast zu hipp.

Trendsetter im Alltag

„Wir diskutieren gar nicht darüber, ob das sinnvoll ist oder nicht – wir tun es einfach. Und andere tun es auch“, sagt Manfred Pletzer, Vizepräsident der WK Tirol und Geschäftsführer der Pletzer Gruppe. Nach all der Theorie wirkt seine Feststellung erfrischend handfest. Und die Bestimmtheit seiner nächsten Aussage verstärkt die Neugier: „Wir setzen die Trends.“

Mit den Produkten der zur Pletzer-Gruppe zählenden iDM Energiesysteme GmbH in Matrei in Osttirol beispielsweise, wo die natürlichen, erneuerbaren Energiequellen Erde, Wasser, Luft und Sonne schon seit vielen Jahren im Mittelpunkt stehen. „Dass es zur Energiewende kommen wird, wissen wir seit rund 20 Jahren. Deshalb haben wir damals begonnen, entsprechende Produkte in diesem Bereich zu entwickeln. Wir setzen in den Produkten selber diese Trends und sagen, der Ausstieg aus dem Öl oder der Ausstieg aus dem CO2 ist mit diesen technischen Lösungen möglich“, so Pletzer.

Das frühe Erkennen der Herausforderungen und noch mehr das clevere Reagieren darauf, führte dazu, dass die iDM Energiesysteme bei der Nutzung natürlicher Energiequellen europaweit zu den Vorreitern zählt. Dass Pletzer vor diesem Hintergrund nicht überrascht ist vom flächendeckenden und alle Bereiche des Lebens durchdringenden Klimadiskurses, scheint logisch: „Das Thema bekommt gerade mehr Sensibilität und mehr Drive. Diese positive Aufregung kommt uns sehr entgegen. Alle sprechen davon, doch viele wissen nicht, welche Möglichkeiten es längst gibt.

Große Augen und Skepsis erntet Pletzer beispielsweise nicht selten, wenn er darauf hinweist, dass ein ganzer Hotelbetrieb mit technisch und wirtschaftlich vertretbarem Aufwand auf erneuerbare Energien umgestellt werden kann. Den Beweis erbringt die Pletzer-Gruppe gleich selbst – in ihren Hotels in Tirol, Kärnten und Bayern. „Das neue Hotel in Bayrischzell wird zu 100 Prozent mit erneuerbarer Energie betrieben, in Hopfgarten haben wir eine 380 Kilowatt PV-Anlage auf dem Dach, österreichweit bauen wir gerade PV-Anlagen mit einer Leistung von 6 Megawatt“, zählt Pletzer auf und in diesem Stakkato geht es weiter: „Wir vermeiden Abfall und speziell Lebensmittelabfälle in der Küche. Dazu gibt es eigene Programme und Projekte. 80 bis 90 Prozent unserer Produkte beziehen wir nur aus Österreich und bemühen uns, unsere Produkte aus der Region zu beziehen. Wir bauen unsere Hotels primär dorthin, wo wir einen öffentlichen Verkehrsanschluss haben und wir haben eine große Elektroautoflotte für unsere Gäste. Öl und Gas verschwindet.“

Eindrücklich zeigt Pletzer damit auf, dass nachhaltiges Wirtschaften kein Thema der Zukunft ist, sondern längst passiert. „Wichtig ist, was man heute schon tun kann – und tut“, stellt der WK-Vizepräsident klar.

Im Großen und Kleinen

Egal, ob man die Engagements an den Themen des Megatrends Neo-Ökologie festmacht oder sie mit den 17 UN-Nachhaltigkeitszielen (SDGs) auf den Punkt bringt – was Tiroler Unternehmer heute schon tun können – und tun, zeigt allein der Blick auf das Siegerpodest des TRIGOS. Es bietet einen lebendigen Querschnitt durch alle Branchen des Landes.

Die hollu Systemhygiene GmbH zählt selbstverständlich dazu, hat das Unternehmen doch in einem intensiven Prozess alle 17 SDGs durchdekliniert und umgesetzt. Ähnlich stringent setzt das schon erwähnte Hotel Stern in Obsteig die SDGs um und sorgte beispielsweise mit der Wiederbelebung des alten Obstgartens für geschmackvolle Nachhaltigkeit. Das Außerferner Unternehmen „Holzbau Saurer“ sticht regelmäßig mit seinen CSR-Aktivitäten hervor und wurde dafür 2016 mit dem TRIGOS ausgezeichnet.

Mit der ressourcenschonenden Aufbereitung und Bereitstellung metallischer Altstoffe überzeugte das Haller Recyclingunternehmen Ragg GmbH die hochkarätig besetzte TRIGOS-Jury und wurde 2018 zur Siegerin in der Kategorie „Vorbildliche Projekte“ gekürt. 2016 durchzog nicht nur der Duft nach Holz sondern auch der Duft nach frischgebackenen Semmeln die Preisverleihung. Die in Münster und Schwaz werkelnde Bäckerei Bathelt machte mit ihren ganzheitlichen Bemühungen um Qualität und Nachhaltigkeit auf ihre Backstube aufmerksam, wo regionale Zutaten ohne jegliche Zusatzstoffe oder Backmischungen verwendet werden.

Im TRIGOS-Takt geht es auch nach der Auszeichnung weiter. So bietet die Bäckerei seit 2019 Brotsackerln aus der Geschützten Werkstätte Tirol an und hält dazu auf der Homepage fest: „Schön, dass man mit dem Kauf eines Brotsackerls einen Beitrag zu nachhaltigem, ökologischen und sozial verantwortlichem Handeln leisten kann.“ Stimmt. Genau diese Beiträge sind es – ob groß oder klein – die dazu beitragen, die Welt zu ändern und den nachhaltigen Transformationsprozess zu bewältigen.

„Wer die Welt als Geschenk erfährt, fühlt sich zum Danke gedrängt“, hatte Alt-Bischof Reinhold Stecher einst Verantwortung und Nachhaltigkeit in Worte gefasst. Im Rahmen der Benefiz-Auktion „Wasser zum Leben“ wurden drei seiner Bilder ersteigert. Sie werden den TRIGOS-Gewinnern 2020 überreicht. Am 2. Juni 2020, wenn wieder bestätigt wird, dass Tirol im Zusammenhang mit nachhaltigem beziehungsweise verantwortungsvollem Wirtschaften in vielen Bereichen Vorreiter ist.

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