highline 179: Schwindelerregende Wirkung

Seit fünf Jahren ist die in ihrer Form längste Hängebrücke der Welt eine spektakuläre Landmarke des Außerferns. Und hat der gesamten Region einen enormen touristischen Impuls beschert.

Kreativer Weitblick, Geduld, Hartnäckigkeit und ein echt beneidenswertes Nervenkostüm zeichnen ihn aus. „Meine Frau sagt, ich habe einen Vogel“, ergänzt Armin Walch augenzwinkernd. Der Reuttener Architekt weiß, dass manch einer ihn für verrückt erklärte, als er damit begann, Ideen zu spinnen – rund um die  Ruine Ehrenberg und ihre steinernen Kolleginnen bei der Landenge kurz vor Reutte. Vor knapp zwei Jahrzehnten noch waren die heute schon aus weiter Ferne  sichtbaren historischen Schätze von Bäumen versteckt und mit Moos bedeckt. Kaum einer kannte ihre Geschichte und auch bei den Schülern des Bezirkes, die im Rahmen ihrer Schulausflüge auf den steinernen Ehrenberg-Resten rasteten, hielt sich der ErzählensWert in Grenzen. Es war Niemandsland. „Ja, es war im Dornröschenschlaf“, sagt Walch, der 1996 damit begann, sich intensiv mit dem Festungsensemble Ehrenberg zu beschäftigen. „Schöne Burgen gibt es überall, aber ein  Verteidigungssystem bestehend aus vier Festungsanlagen aus verschiedenen Zeiträumen ist schon etwas sehr Besonderes“, stellt Armin Walch fest. Heute bleibt das jedem Besucher im Gedächtnis, damals – 1996 – löste es erst einmal eher mürrische Verwirrung denn Begeisterung aus.

Gigantischer Defibrillator

Österreich war gerade der EU beigetreten und damit fielen nicht nur Grenzen, sondern öffneten sich auch Wege zu Fördertöpfen, die bislang unerreichbar  gewesen waren. „Ich habe gemeinsam mit der Gemeinde Reutte und Hermann Ruepp, dem Obmann des TVB, gleich ein Interreg II-Projekt ins Auge gefasst und begonnen, einen Masterplan zu entwickeln“, blickt Walch zurück. Dieser Masterplan ist das theoretische Herzstück des gigantischen Defibrillators, der ab 1996 das Niemandsland aus seinem Dornröschenschlaf weckte. Walch war sich von Anfang an bewusst, dass es nicht nur darum gehen durfte, die historischen Anlagen zu sanieren und für die kommenden Generationen zu erhalten, sondern auch darum, das Projekt mit einer wirtschaftlich nutzbaren kulturtouristischen Konzeption zu befeuern. Der Masterplan und seine zwei Zielrichtungen sind bis heute die Leuchttürme für die Entwicklungsschritte der Burgenwelt Ehrenberg.  „Armin Walch ist Respekt zu zollen. Er spinnt nicht von Tag zu Tag – der Masterplan zeigte und zeigt, wo die Reise hingehen soll“, zieht Wolfgang Winkler, WK-Bezirksstellenleiter in Reutte, den Hut vor dem Mastermind der Burgenwelt, dem seine Visionen eine Art Ritterrüstung verliehen haben müssen.

Aufwand hat sich gelohnt

„Am Anfang  war es ziemlich schwierig. Es hat relativ viel finanziellen und zeitlichen Aufwand benötigt, um die Basis herzustellen“, spricht er das aufwändige Roden der  Bäume, das Freilegen der Gemäuer und das Bauen der Wege an – Maßnahmen, die bei weniger Weitsichtigen kurzsichtige Kritik auslösten. „Es waren ja nur  schöne Visionen, Pläne und Skizzen. Aber der Beweis war noch nicht angetreten“, erzählt Walch, der seit 2001 in seiner Funktion als Geschäftsführer des  gemeinnützigen Vereins Burgenwelt Ehrenberg nie locker ließ, Fördermittel auftrieb und die Interreg-Programme der EU zu nutzen verstand, um das  Festungsensemble Schritt für Schritt sichtbarer, attraktiver und wirtschaftlich nutzbarer zu machen. Spätestens, als auch die Festung Schlosskopf ausgeholzt und in der Nacht bestrahlt, Fort Claudia erschlossen und die Ehrenbergarena aufgesperrt war, wendeten sich rasch auch die letzten negativen Blätter. „Da hat man  gesehen, dass das auch touristisch vermarktbar ist“, so Walch.

Die Hängebrücke

Die Besucherzahlen stiegen von zuvor ein paar Tausend Insidern auf 150.000 bis 170.000, das Konzept funktionierte, „doch wusste ich, dass der finanzielle Bedarf für Instandhaltung und Sanierung steigen würde. Die Vision war dann, neben der kulturtouristischen Attraktion etwas zu schaffen, mit dem langfristig aus eigener Kraft die Instandhaltungs- und Investitionsarbeiten erwirtschaftet werden konnten.“ Diese Überzeugung und eine Hike-Trekkingtour des Architekten in Nepal, wo auch recht schwindlige Hängebrücken überwunden werden wollten, waren die Geburtshelfer für die Idee, eine Hängebrücke über die B 179 zu spannen. 2003 kam sie zur Welt. Im landschaftlich reizvollen Gebiet zwei Festungsanlagen miteinander zu verbinden und das hoch über der Bundesstraße, auf der täglich bis zu 14.000 Autos fahren, war eine gewagte Idee, für die Walch neuerlich seine Ritterrüstung benötigte. „Die Leute waren recht skeptisch, als er das Hängebrücken-Projekt vorstellte. Kaum einer hat daran geglaubt, dass so etwas funktionieren kann“, erinnert sich Wolfgang Winkler. Das historische Burgenensemble wurde zu einem Schauplatz für politische Scharmützel bis mit dem Vilser Unternehmer Stefan Lochbihler ein Investor gefunden  wurde, der den Bau der Brücke finanzierte. Und zwar „losgelöst von der Politik“, wie Walch betont. Lang war sein Atem gewesen, groß seine Geduld. Doch die  Vision wurde umgesetzt – elf Jahre nachdem er sie vorgestellt hatte.

Eintrag im Guinessbuch der Rekorde

Vor fünf Jahren – am 22. November 2014 – konnte die highline 179 eröffnet werden. „Und sie hat gigantisch eingeschlagen“, sagt Walch. Schließlich brachte nicht nur das schon im Vorfeld enorme Medienecho die Brücke zum Schwingen. Der Eintrag ins Guinessbuch der Rekorde als „längste Hängeseilbrücke der Welt für Fußgänger im Tibet Style“ verlieh ihr zudem den globalen Superlativ, der Region brachte sie ein spektakuläres Alleinstellungsmerkmal und Wolfgang Winkler weiß: „Die highline 179 ist binnen kürzester Zeit zu einer echten Landmarke geworden. Die Region wird schon teilweise damit identifiziert.“  114 Meter über dem Talboden und 406 Meter lang fordert sie Hasenfüße frech heraus. Es werden rund 200.000 Brückenbesucher pro Jahr gezählt, die Zahl der Gäste der Burgenwelt Ehrenberg hat die highline 179 mehr als verdoppelt und auch Asiengäste finden in ihren engen Terminplänen längst Zeit, zwischen dem nahen Schloss Neuschwanstein und Hamburg, Venedig, Innsbruck oder sonstwo, über diese Brücke zu gehen. „Dem Festungsensemble Ehrenberg hat sie einen gewaltigen Entwicklungsschub gegeben“, so Walch.

Investitionen: 15 Millionen Euro

Entwicklung ist das Zauberwort, Stillstand keine Kategorie in seinem Masterplan, der – die privaten Investitionen nicht eingerechnet – schon zu Investitionen in  Höhe von 15 Millionen Euro geführt hat. Der gemeinnützige und seit Jahren bilanzierende Verein „Burgenwelt Ehrenberg“ ist Arbeitgeber für über 30 Mitarbeiter, die Gastronomie floriert, im Hotel übernachten etwa 12.000 Gäste pro Jahr, Kinder wie Erwachsene freuen sich auf die Fortsetzung des Ritter Rüdiger-Musicals im nächsten Jahr, mit dem von Franz Dengg finanzierten Schrägaufzug sind seit April 2019 das jüngst sanierte Hornwerk wie auch die highline 179 barrierefrei erreichbar und eine Fortsetzung des Liftes zum Schlosskopf ist angedacht.

Kulturbaustelle

„Was uns jetzt gelingen muss, ist eine vernünftige Verbindung  zwischen der Burgenwelt und Reutte“, denkt auch Wolfgang Winkler weiter, der sich im Namen der Wirtschaftskammer für ein von der EU gefördertes  Handwerks-Projekt stark gemacht hat, das 2020 starten und fünf Jahre laufen soll. „Dabei geht es darum, dass die historischen Maurer-Techniken wieder erlernt werden. Ehrenberg wird zur Kulturbaustelle. Mit dem Projekt ‚Altes Handwerk neu entdeckt‘ unterstützen wir sie“, so Winkler. Spitz- oder Rundbögen zu bauen wie vor hunderten Jahren ist ein Know-how, das fast verloren gegangen ist und dieses Wissen wird in der Burgenwelt Ehrenberg wiederbelebt. „Auch, damit wir aus eigener Kraft mit Mitarbeitern der Region die wesentlichen Instandhaltungsarbeiten der Zukunft selber abwickeln können“, erklärt Walch. Wieder so eine  Win-win-Situation mit Strahlkraft und Tiefgang. Wie rote Fäden durchziehen sie den Masterplan des Masterminds. Ehrenberg boomt, die Hängebrücke „rockt“ und das Ende ist noch lange nicht erreicht.

 

Die highline 179 in Zahlen
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