Tourismus: Neue Initiativen gegen die Lücke am Arbeitsmarkt

Mit zahlreichen neuen Initiativen und auf unterschiedlichsten Wegen wird das Ziel verfolgt, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. „Es sind geniale Projekte“, zeigt sich Alois Rainer, Obmann der Fachgruppe Gastronomie in der WK Tirol, begeistert.

REPORTAGE

Es gibt Dinge, die man nicht ändern kann. Dass der Himmel blau ist, das Wasser nass oder eben auch, dass die bildhafte Darstellung der demografischen Entwicklung schon lange keiner Pyramide mehr gleicht, sondern vielmehr einer Birne mit unruhigen Rändern und einem durchaus stattlichen „Speckgürtel“.

In den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren werden die Babyboomer in Pension gehen. Sie werden eine Lücke hinterlassen, die aufgrund der quantitativen Schwäche der Nachwuchsjahrgänge den bereits bestehenden Druck am Arbeitsmarkt erhöht. „Die Demografie können wir wirklich nicht beeinflussen, aber wir können Maßnahmen setzen, um die Lücken zu schließen“, weiß Alois Rainer, Obmann der Fachgruppe Gastronomie der WK Tirol.

Neue Wege gehen

Dass bei der Rekrutierung von Fachkräften für die heimische Hotellerie und Gastronomie neue Wege gegangen werden müssen, ist ein Gebot des Mangels, der wiederum die Phantasie beflügelt. Vor dem Hintergrund wurde im Oktober 2019 beispielsweise das Projekt „Atract“ präsentiert, eine genossenschaftliche Privatinitiative mit dem Ziel, Tourismus-Mitarbeiter im Ausland zu finden, sie dann in Tirol zu schulen und in die heimische Arbeitswelt zu integrieren. Scouts machen sich im Auftrag der Genossenschaft in Spanien, Italien, Rumänien, der Slowakei und Portugal auf die Suche nach Interessierten und schon im Dezember 2019 werden die ersten potenziellen Mitarbeiter in einem Trainings-camp in Tirol ausgebildet.

“Die Demografie können wir nicht wirklich beeinflussen. Aber wir können Maßnahmen setzen, um die Lücken zu schließen.”
Alois Rainer

Weltweit Lust auf die heimische Gastronomie macht auf Schlagzeilen erntende Weise das Tiroler Start-up „Gronda“, das eine Mischung aus sozialem Netzwerk und Jobbörse mit genau definierter Zielgruppe ist und die Internationalität der Branche nutzt. „Jobbörse allein wäre zu eindimensional. Wir wollen Leuten helfen, ihr Potenzial zu entfalten und das Maximum aus sich herauszuholen, um erfolgreich zu sein“, erklärt Gronda-Gründer Valentin Schütz, dessen eigene Biografie die Idee zum Schwingen brachte.

Im Hotel der Eltern im Pitztal erkannte er, dass er nicht das Leben eines Gastgebers führen wollte. Er erkannte aber auch, dass er seine Stärken als vernetzter Denker und Programmierer nutzen kann, das Leben der Gastgeber zu erleichtern: „Irgendwann dachte ich, warum baue ich nicht etwas, damit meine Eltern wieder Mitarbeiter finden, die genauso viel Lust haben, den Beruf auszuüben, wie sie.“ Gronda gelingt es nicht nur, potenzielle Mitarbeiter mit Suchenden zu vernetzen, sondern auch, mit animierenden Videos das prickelnde Leben, die Kreativität und die schönen Seiten der Branche darzustellen. Und die User anzustecken.

Potpourri an Maßnahmen

„Alles, was in diese Richtung unternommen wird, ist super. Es ist unserem Berufsstand dienlich, wenn er in der Bevölkerung wieder neu aufgestellt wird“, begrüßt Alois Rainer die Projekte, die allesamt dazu beitragen, eine neue, dem tatsächlichen Alltag entsprechende Stimmung zu erzeugen und die Situation der Branche zu verbessern. Die Fachgruppe Gastronomie der WK Tirol setzt dabei auf ein so umfangreiches wie ungewöhnliches und teils auch bahnbrechendes Potpourri an Arbeitsmarkt-Aktivitäten. In Tirol selbst, aber auch weit über die Grenzen des Landes hinaus, wird damit Neuland betreten.

Ende Oktober fand beispielsweise die zweite Tiroler Jobmesse in der kroatischen Hauptstadt Zagreb statt. Die Kooperation mit dem Außenwirtschaftscenter Zagreb, die insbesondere hinsichtlich des freien Arbeitsmarktzuganges für Kroatien ab 2020 entscheidend ist, hat letztes Jahr zum ersten Mal Früchte getragen. Und begeistert. „Ich war im Vorjahr selber dort und habe mir ein Bild der Veranstaltung gemacht“, erzählt Alois Rainer, „am Anfang war ich ein bissl skeptisch, habe mich dann aber gerne eines Besseren belehren lassen.“ Schon am Vormittag, als die Tiroler Betriebe Termine mit potenziellen Mitarbeitern absolvierten, habe reger Andrang geherrscht. Überrascht war der Fachgruppenobmann dann aber am Nachmittag, als die Messe für Besucher geöffnet wurde: „Da sind viele Leute gekommen, die nicht angemeldet waren und aus Neugierde oder auf Jobsuche die Messe besuchten. Da haben wiederum einige Gespräche stattgefunden, die zu einem Arbeitsverhältnis geführt haben.“

Premiere für Online Jobday

Arbeitsverhältnisse zu schaffen ist das Ziel, das auch den European Online Jobday energetisierte, der im Oktober 2019 Premiere hatte und auf enormes Echo stieß. Basis dieses ersten Online-Recruiting-Tages, an dem Menschen aus ganz Europa auf unkomplizierten Wegen – per Chat oder Skype – mit Vertretern von Tiroler Tourismusbetrieben in Kontakt treten konnten, ist eine EU-finanzierte online-Plattform, für die das AMS Tirol ihr Partnernetzwerk EURES zur Verfügung und damit die europaweite Verbreitung sicherstellte.

Große wie kleine Häuser waren dabei, ein bunter Mix des Tourismuslandes quasi, und sie alle hatten auf der Plattform die Möglichkeit, sich zu präsentieren, ob mit einem Inserat oder einem kleinen Recruiting-Video. „Im Endeffekt waren es über 1.000 Arbeitssuchende aus ganz Europa, die sich dabei für rund 700 ausgeschriebene Jobs beworben haben – bei knapp 100 Tiroler Betrieben“, weiß Rainer zu berichten und hält zum European Online Jobday so knapp wie treffsicher fest: „Sehr interessant, ausbaufähig und zukunftsträchtig.“

Junge Leute aus dem Ausland

Aus eigener Erfahrung begeistert ist der Vollblut-Wirt auch von den zwei Initiativen, mit denen die Talente in den Mittelpunkt gerückt werden. „Talents for Europe“ nennt sich etwa ein von Hannes Missethon ausgearbeitetes Projekt, das junge Leute aus Europa anspricht und einlädt, ihre Fachausbildung in Österreich mit dem Lehrabschluss zu krönen und hier auch Wurzeln zu schlagen. Für die Tourismusbranche ist Spanien ein Land der Zukunft, auch weil das Land selbst mit Jugendarbeitslosigkeitsraten von bis zu 65 Prozent derzeit wenig Zukunftschancen bieten kann. Angehende Fachkräfte werden in Spanien hauptsächlich theoretisch ausgebildet, auf die zehn Jahre Pflichtschule folgen zwei Jahre in einer Fachschule.

Dort setzt das Konzept an, mit dem das spanische und das duale System Österreichs geschickt vernetzt werden. Schüler, die sich dazu entscheiden, lernen im zweiten Fachschuljahr intensiv Deutsch, um die Integration zu erleichtern und den reibungslosen Einstieg in die Berufsschule zu ermöglichen. Nach Abschluss der Fachschule können sie in einem Betrieb in Österreich in das zweite Lehrjahr einsteigen, Praxiswissen sammeln und die Lehre abschließen. „Wir nehmen an dem Talents for Europe-Programm teil und haben selbst eine junge Frau aus Spanien im Betrieb“, erzählt Alois Rainer und berichtet: „Das funktioniert wunderbar. Man sieht, dass die Grundkenntnisse da sind, das Basiswissen. Das Gelernte kann sie hier in die Praxis umsetzen und sie lernt natürlich die österreichische Küche kennen.“

In der Küche des „Gasthof Post“ in Strass, des traditionsreichen Unternehmens der Familie Rainer, hat vor zwei Jahren ein weiterer Mitarbeiter, ein junger Mann aus Ungarn, seinen Platz gefunden. „Er hat damals als Spülkraft angefangen, wir haben sein Potenzial erkannt und ihm Schritt für Schritt andere Arbeiten zugewiesen“, so Rainer.

Talents for Tourism

Um Hilfskräfte mit Potenzial zu fördern, gab es bislang lediglich die Möglichkeit, sie in eine Lehre zu schicken, was für die Mitarbeiter etwa wegen des im ersten Lehrjahr doch einschneidenden Einkommensverlustes weniger reizvoll war. Bislang gab es auch für Quereinsteiger, Schulabbrecher oder junge Erwachsene, die bereits die Matura oder andere Ausbildungen absolviert hatten, keine Möglichkeit zur Höherqualifizierung in Tourismusbetrieben.

Diese große Lücke wird seit Kurzem mit dem Programm „Talents for Tourism“ geschlossen, einem begleitenden Ausbildungsmodell zur Lehrabschluss-prüfung im zweiten Bildungsweg, das die Fachgruppe Gastronomie gemeinsam mit dem Wifi Tirol ausgearbeitet hat. Der Reiz dieser neuen Ausbildungsschiene für Menschen ab 18 Jahren ist nicht nur, dass die Ausbildungskosten zu 90 Prozent von den gastgewerblichen Fachgruppen, dem Präsidium der WK Tirol und dem Land Tirol (Tourismusförderungsfonds) übernommen werden.

Reizvoll ist auch, dass die Ausbildung nur 18 Monate dauert, in denen der Betrieb die Mitarbeiter für insgesamt 30 Kurstage freistellen muss. „Das ist aber kein Schnellsiedekurs. Gar nicht. In diesen 18 Monaten wird die Essenz unterrichtet. Da gibt es keine anderen Fächer – wie Religion oder Turnen. Da geht es rein um das Fachwissen, das am Arbeitsplatz entscheidend ist“, so Rainer. Auch dass sein Mitarbeiter, der zu den ersten Talents of Tourism zählt, ihm regelmäßig Fotos der Kurse schickt und vollends begeistert ist, gibt ihm die Gewissheit, mit den neuen Arbeitsmarkt-Aktivitäten auf dem richtigen Weg zu sein: „Es sind geniale Projekte.“

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