„Bayern lassen sich nicht vorschreiben, wo sie Urlaub machen!“

Dass der bayerische Ministerpräsident Markus Söder seine Landsleute auffordert, ihren Urlaub in Bayern statt in Tirol zu verbringen, stößt bei Touristikern auf erstauntes Unverständnis.

REPORTAGE

Dann hat er es wieder getan. Und die Wiederholung ist es, die dem Untergriff aus dem Nachbarland eine leicht perfide Note verleiht. Weil es unfreundlich ist und auch, weil damit politische Äpfel mit wirtschaftlichen Birnen vermischt wurden. „Offenkundig ist es so, dass in Tirol die Straßen so überfordert sind, dass der Skiurlaub dort wenig Sinn macht. Warum ungewollt in Österreich Geld lassen, wenn man in Bayern ein herzliches Dankeschön bekommt“, stellte der bayerische Ministerpräsident Markus Söder Ende Oktober 2019 im Landtag in München fest und reagierte damit umgehend auf die Ankündigung des Landes Tirol, auch zwischen dem 21. Dezember 2019 und dem 12. April 2020 die Stau-Ausweichrouten an Wochenenden zu sperren (siehe Grafik).

„Ich finde es nicht in Ordnung, kann aber nicht sagen, dass es mich tatsächlich beunruhigt.“
Signe Reisch, Kitzbühel Tourismus-Präsidentin

„Die Belastungsgrenze für Mensch, Natur und Infrastruktur ist bei Weitem überzogen“, hatte der Tiroler Landeshauptmann Günther Platter die bereits bewährten Maßnahmen argumentiert und Ministerpräsident Söder meinte: „Die Verbote sind ein Verhalten, das Freunde einfach nicht tun sollten.“  Zahlreiche österreichische Medien berichteten über den Boykottaufruf und über das Kopfschütteln, das Söder damit zwischen Vorarlberg und Wien auslöste. Als sich am Mitte November 2019 dann der Münchner Merkur dem Thema widmete, lautete ein Online-Kommentar zur Geschichte: „Oh Gott, Söder! Bau doch einfach diese dämliche Bahnstrecke München-Kufstein aus! […] Dass die Tiroler Druck ausüben, ist doch logisch!“

Die Verkehrs- beziehungsweise Transitfrage in Kombination mit den offenen Fragen zu den Zulaufstrecken des Brennerbasis-Tunnels sind Hintergrund der neuerlichen Urlaubswarnung des Ministerpräsidenten. Schon im Juli 2019 hatte Söder auf die Wochenendsperren der Stau-Ausweichrouten gegenüber der dpa unter anderem festgehalten: „Zum Glück kann man im Allgäu, in Garmisch oder in Berchtesgaden genauso Skisport betreiben wie in Kitzbühel.“ Mit der deutschen Bild-Zeitung bekam diese Aussage eine breite boulevardeske Plattform und der Titel sprach für sich: „Bayern-Urlaub statt Kitzbühel – Söder legt im Maut-Streit mit Ösis nach.“ Kitzbühel ist eine äußerst beliebte Urlaubsregion für bayerische Gäste.

Tagespolitisch opportun

Laut Rechercheplattform Addendum, die unter dem Titel „Was, wenn die Bayern Tirol umfahren“, der Söder‘schen Urlaubswarnung ein Projekt widmete, waren in der Wintersaison 2018/2019 von den 383.488 Nächtigungen, die der TVB Kitzbühel Tourismus in der letzten Wintersaison verzeichnete 90.543 und damit rund 24 Prozent bayerischen Ursprungs. „Wir haben auf den Bild-Artikel reagiert, indem wir, also unser Aufsichtsratsvorsitzender Josef Burger und ich, einen Brief an Ministerpräsident Söder geschrieben haben“, erzählt Signe Reisch, Präsidentin von Kitzbühel Tourismus.

Im Brief, der mit 26. Juli 2019 datiert ist, halten Reisch und Burger unter Bezugnahme auf den kurz zuvor erschienenen Bild-Artikel fest: „Wie Ihnen, sehr geehrter Herr Ministerpräsident, sicherlich bekannt ist, pflegen wir Kitzbüheler mit unseren bayerischen Nachbarn einen sehr lebhaften wirtschaftlichen Austausch nicht nur beim familiären Einkauf, bei der Nutzung des hervorragenden Münchner Flughafens oder bei automotiven Werbepartnerschaften und nicht zuletzt auch bei Autokäufen. Natürlich freuen wir uns auch sehr, wenn unsere bayerischen Nachbarn beim Kauf von touristischen Dienstleistungen Kitzbüheler Anbietern ihr Vertrauen schenken. Wir würden uns wünschen, dass die gewachsenen Partnerschaften, Bekanntschaften und viele Freundschaften nicht durch möglicherweise tagespolitisch opportunen Aussagen gestört werden. Wir glauben auch nicht, dass Kitzbühel diskriminierende Aussagen eine offensichtlich massiv bestehende und belastende Verkehrsproblematik dieser Art einer Lösung zugeführt wird. Wir ersuchen Sie, sehr geehrter Herr Ministerpräsident, obige Ausführungen entgegen nehmen zu wollen und Kitzbühel hinkünftig eine faire Behandlung angedeihen lassen – wir hätten uns diese jedenfalls redlich verdient.“

Die hochrangigen Vertreter des Kitzbühel Tourismus erhielten keine Antwort des Ministerpräsidenten und auch nach der zweiten Urlaubswarnung meint Präsidentin Reisch: „Ich glaube, gerade die Bayern lassen sich nicht vorschreiben, wo sie ihren Urlaub verbringen. Ich finde die Aussagen nicht in Ordnung, das tut man eigentlich nicht. Ich kann aber nicht sagen dass es mich tatsächlich beunruhigt.“

Verständnis für Problematik

Den potenziellen Auswirkungen gegenüber ähnlich gelassen, zeigt sich Michael Unger, Obmann des TVB Wildschönau. Auch dort wurde im vergangenen Winter jede vierte touristische Nacht von Bayern verbracht. 97.709 von 403.512 Nächtigungen der letzten Wintersaison gehen auf Gäste aus dem Nachbarland zurück und Obmann Unger hält gegenüber der TW fest: „Ich muss sagen, ich habe das nicht allzu ernst genommen. Ich glaube nicht, dass die Leute darauf Rücksicht nehmen. Wenn sie herkommen wollen, dann kommen sie – egal, ob der Ministerpräsident das nun sagt, oder nicht.“ Wäre es eine Sicherheitswarnung, würde die Sache selbstverständlich anders aussehen, so der Obmann. Doch, mit Sicherheit habe der Boykottaufruf ja nichts zu tun: „Ich habe mit einigen bayerischen Freunden gesprochen. Die sehen schon auch unsere Problematik mit dem Verkehr und haben Verständnis dafür, dass man versucht, das einzudämmen.“

Der hohe Bayernanteil ist nicht nur in Kitzbühel oder der Wildschönau sondern auch in den Tourismus-Regionen bzw. -Destinationen Naturparkregion Reutte, Ferienregion Hohe Salve und Achensee auffallend respektive liegt er dort bei über 20 Prozent. Von den 617.976 Nächtigungen rund um den prächtigen Achensee waren in der Wintersaison 2018/19 nicht weniger als 156.584 auf bayerische Nachbarn zurückzuführen, die dort gleichsam einen Katzensprung vom heimatlichen weiß-blauen Himmel entfernt sind.

Die Stammgäste bleiben treu

Zu den bayerischen Flachlanden nahen Urlaubs-Destinationen in Tirol zählt auch die Ferienregion Hohe Salve, wo vergangenen Winter 73.896 von 339.362 Nächtigungen bayerisch waren. TVB Hohe Salve-Geschäftsführer Stefan Astner will die potenziellen Auswirkungen der Warnung Söders nicht groß, aber auch nicht klein reden.

„Ich bin mir nicht sicher, wie das bei den Gästen ankommt. Wir sind eine Region mit wahnsinnig vielen Stammgästen, die unsere Gegend und die Tiroler Gastlichkeit sehr schätzen. Die werden uns die Treue halten. Doch gibt es auch viele Tagestouristen aus dem bayerischen Raum und da ist es sicher nicht förderlich, wenn der Ministerpräsident vor Reisen nach Tirol warnt“, stellt Stefan Astner fest. Jene Gäste, die Tirol bereits lieb gewonnen hätten, würden sich von der Aussage nicht davon abhalten lassen, nach Tirol zu fahren, doch „schwieriger wird es in der Zielgruppe von Menschen, die mit unserem Angebot noch nicht so vertraut und unsicher sind, wo sie hinfahren sollen. Da könnte es sein, dass sie das ernst nehmen und – keine Ahnung – beispielsweise ins Sudelfeld zum Schifahren fahren.“ Egal, ob die Aussage lächerlich sei oder nicht, sei sie – so die Einschätzung Astners – jedenfalls weder förderlich für die Wirtschaft noch das Gesprächsklima.

Größer Denken

Als „Populismus, den man sich sparen kann“ bezeichnet Hermann Ruepp den verbalen Untergriff aus dem Freistaat. Ruepp ist Obmann des TVB Naturparkregion Reutte, wo ebenso jeder vierte Gast (35.052 von 148.833 in der letzten Wintersaison) aus dem nahen Bayern stammt, von dessen Einwohnern Ruepp überrascht wäre, würden sie aufgrund des Boykott-Sagers nicht nach Tirol sondern etwa nach Vorarlberg oder Salzburg fahren. „Die Maßnahmen, die das Land Tirol im Sommer getroffen hat, waren kurzfristig die beste Lösung und sie wurden höchst professionell umgesetzt. Alle Gäste, die zu uns wollten, sind unproblematisch zu uns gekommen“, berichtet er und hält fest: „Die Sperre der Ausweichrouten hatte für uns keine negativen Auswirkungen. Im Gegenteil – die Urlaubsgebiete und Ortsgebiete waren wieder frei vom Verkehr.  Auch die Urlauber wollen sich ja bewegen und nicht im Stau stehen.“ Stimmt!

Tirol - Fahrverbote Wintersaison 2019/20

 

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