Nachhaltigkeit ist nur mit der Wirtschaft erreichbar

Im Wirtschaftsparlament wurden Themen wie die Weiterentwicklung der dualen Ausbildung sowie die Vorbereitungen für die WK-Wahlen diskutiert. Im Interview nimmt Präsident Christoph Walser zu aktuellen Herausforderungen Stellung.

INTERVIEW

wirtschaft.tirol: Das Thema der Aktuellen Stunde im gestrigen Wirtschaftsparlament war die so genannte Neue Duale Berufsbildung. Warum geht es dabei?

Christoph Walser: Die Lehre ist ein Erfolgsmodell, um das uns die Welt beneidet: hohe fachliche Kompetenz, niedrige Jugendarbeitslosigkeit sowie österreichische Lehrlinge und Meister, die laufend internationale Berufswettbewerbe gewinnen. Doch es gibt in der berufspraktischen Ausbildung Lücken und im Gegensatz zum schulisch-akademischen System fehlt die Möglichkeit, die höchsten Stufen des sogenannten Nationalen Qualifikationsrahmens zu erreichen. Mit der Neuen Dualen Berufsbildung lässt sich erstmals ein eigenständiges, durchgängiges und gleichwertiges berufspraktisches Bildungssystem schaffen. Die Schweiz und Deutschland haben diese Gleichwertigkeit in einigen Teilbereichen bereits geschaffen – nun soll Österreich mit einer Gesamtlösung eine Vorreiterrolle einnehmen.

Die Wirtschaftskammer Tirol beschäftigt sich intensiv mit Verkehr. Was kann die WK zu diesem Tiroler Reizthema beitragen?

Bis jetzt wurde Mobilität meist als Stückwerk gedacht. Es gibt zahlreiche Einzelmaßnahmen, meist in Form von Verboten und Beschränkungen. Doch der Verkehr der Zukunft muss als Gesamtes gedacht werden. Ein wesentlicher Bestandteil ist die Verlagerung von der Straße auf die Schiene. Das Bekenntnis dazu ist quer über alle Parteien und Interessenvertretungen da – aber es fehlt an den nötigen Verladeterminals und leistungsfähigen Zulaufstrecken. Mobilität von Menschen und Gütern ist nicht die Folge, sondern die Grundlage unseres Wohlstands – es geht um das Pendeln zum Arbeitsplatz, um die verlässliche Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs, um 80.000 Pakete, die Tag für Tag in Tirol zugestellt werden. Die WK Tirol ist gerade dabei, Zukunftsprojekte im Bereich Mobilität in Zusammenarbeit mit Experten, Unternehmern und Partnern voranzutreiben. Bis Jahresende werden Ergebnisse vorliegen.

Nachhaltigkeit ist aktuell ebenfalls ein vieldiskutiertes Leitthema. Kann die Wirtschaft dazu einen Beitrag leisten?

Und ob! Es wird uns laufend eingeredet, Nachhaltigkeit sei nur gegen die Wirtschaft erreichbar. Dabei geht es nur mit der Wirtschaft. Wir haben hier einen ähnlichen, lösungsorientierten Zugang wie beim Verkehr: Verbote, eine Verteufelung jedes Wachstums und künstlich erzwungener Verzicht bringen uns auf Dauer nicht weiter. Die Tiroler Unternehmen haben die Kraft und die Fähigkeit, neue Verfahren und innovative Technologien zu entwickeln, die nachhaltig sind. Auch das Thema Nachhaltigkeit muss in Zusammenhängen betrachtet werden. Dann zeigt sich beispielsweise, dass die Auslagerung von Industriebetrieben ins Ausland nicht nur zu einem Verlust heimischer Arbeitsplätze führt, sondern auch noch die Emissionen massiv erhöht – weil dort unter viel lascheren Umweltauflagen weiter produziert wird.

Haben Tiroler Qualitätserzeugnisse in Zeiten von Schnäppchenkäufen und Online-Bestellungen überhaupt noch eine Chance?

Auf jeden Fall – es ist eine Renaissance von Qualitätsprodukten zu beobachten. Viele Menschen achten auf Nachhaltigkeit – und das geht nur, wenn man sich vom Wegwerfdenken verabschiedet. Die Politik muss jetzt darauf schauen, dass unsere Betriebe den entsprechenden Rahmen vorfinden, um wettbewerbsfähig zu sein. Dazu gehört die Reduktion der Steuerquote, die derzeit mit 42,8 Prozent deutlich über dem EU-Schnitt liegt.

Im Land wird viel über die Zukunft des Tourismus diskutiert. Wo soll die Entwicklung aus Ihrer Sicht hingehen?

Wir müssen auf Qualität und Ganzjahrestourismus setzen. Eine positive Tourismusgesinnung ist die Basis dafür, dass sich Gäste und Einheimische wohlfühlen. Es geht um Augenmaß und eine gesunde Weiterentwicklung – denn eines dürfen wir nicht vergessen: Viele Tiroler Täler wären ohne Tourismus wirtschaftliches Ödland. Zahlreiche Arbeitsplätze in den Regionen werden direkt oder indirekt über touristische Wertschöpfungsketten geschaffen. Das wird etwa in der Diskussion über den Zusammenschluss Ötztal-Pitztal gerne vergessen.

Ohne Selbstständige gibt es keine Arbeitsplätze für Unselbstständige. Wo und wie lässt sich Unternehmertum fördern?

Das beginnt bei einer besseren Vermittlung ökonomischer Inhalte in den Schulen, geht über eine gesunde Einstellung gegenüber unternehmerischem Scheitern und hört bei den Rahmenbedingungen auf, wie etwa die Erleichterung von Betriebsübergaben, weniger Bürokratie und weniger Steuerlast.

Anfang März gilt es, die Wirtschaftskammer-Wahlen zu schlagen. Worauf gilt es hier aus Ihrer Sicht zu achten?

Grundsätzlich tut eine derartige Herausforderung der WK gut. Letztlich ist eine Wahl für eine Interessenvertretung das, was Kundenbewertungen für Betriebe sind. Auch wir müssen uns dem Urteil unserer Mitglieder stellen, Kritik und Anregungen aufnehmen und uns laufend verbessern. Die Wahlbeteiligung ist mir ein besonderes Anliegen.

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