Smart City Santander: Die schlaueste Stadt Europas

Die nordspanische Stadt Santander ist die erste Smart City der Welt. Auf einfache Art und Weise wird dort der Alltag digitalisiert und automatisiert. Die Fachgruppe Entsorgungs- und Ressourcenmanagement der Tiroler Wirtschaftskammer machte eine Exkursion in die intelligenteste Stadt Europas – und interessierte sich unter anderem für das digitale Waste Management vor Ort.

Santander, die 170.000-Einwohner-Stadt im Norden Spaniens, gilt als eine der ersten echten Smart Cities der Welt. „Seit 2009 wurden in der gesamten Stadt über 20.000 Sensoren verteilt. Sie lösen verschiedenste Probleme, mit der sich eine Stadt im 21. Jahrhundert auseinandersetzen muss. Ganz automatisch. Die Technik soll der Stadt dabei helfen, das Zusammenleben der Bewohner so effizient wie möglich zu gestalten“, erklärt Verónica Gutierrez Polidura vom Smart City Demonstration Center. Im Boden versenkt oder auf Busse montiert, liefern die Sensoren einer zentralen Kontrollstelle laufend Daten über die unterschiedlichsten Vorgänge in der Stadt. Diese werden von mittlerweile 25 IT-Technikern bewacht und kontrolliert. Neue Projekte werden in Folge in Gang gesetzt.

Die Fachgruppe der Ressourcen- und Entsorgungsmanager der WK Tirol in Santander. Foto: WKT

Die Fachgruppe der Ressourcen- und Entsorgungsmanager der WK Tirol in Santander. Foto: WKT

Das Ende der überfüllten Mülleimer

Besonders interessant war für die Tiroler Entsorgungsunternehmer das ausgeklügelte Waste Management an der spanischen Küstenstadt. „Der digitale Wandel in der Abfall- und Abwasserwirtschaft ist für uns unumgänglich“, erklärt Fachgruppenobmann Harald Höpperger. „Die Unternehmen der Fachgruppe Entsorgungs- und Ressourcenmanagement haben in vielerlei Hinsicht schon in der Vergangenheit Pionierarbeit geleistet. Um auch weiterhin am Zahn der Zeit zu bleiben, haben wir uns dazu entschlossen, Betriebe und Kommunen zu besichtigen, welche im Bereich der Digitalisierung als Vorreiter gelten. Hier können wir uns vor Ort anschauen, welches Potenzial wir noch in unseren eigenen Unternehmen ausschöpfen können.“ Denn in Santander sind auch die Mülleimer intelligent und melden, wann sie geleert werden müssen. Mittels Sensor wird die Müllmenge in den Eimern aufgezeichnet und die Informationen über WLAN oder SIM-Karte weitergeschickt. Der Entsorgungsbetrieb weiß so genau, wann welche Eimer geleert werden müssen. Statt in regelmäßigen Intervallen sammeln sie den Müll nun nach Bedarf ein und sparen so überflüssige Zeit für das Leeren halbvoller Abfalleimer und dadurch wird die Stadt sauberer.

Handshake mit der Bürgermeisterin

Die spanische Musterstadt wird von Expertengruppen aus aller Welt besucht. So begrüßte Bürgermeisterin Gema Igual Ortiz auch die Tiroler Entsorgungsdelegation mit Freude im Rathaus von Santander. „Unsere Stadt wurde früher wegen des milden Klimas, den perfekten Wellen für Wassersportbegeisterte und den schönen Stränden vom Adel angezogen, heute hat sie sich in ein Technologie-Labor entwickelt“, erzählt die Bürgermeisterin lachend. Der Start Santander in eine SmartCity zu verwandeln, war im Jahr 2007, um den Energieverbrauch der Stadt zu minimieren. Pro Jahr produziert die Stadt an die 56.000 Tonnen nicht recyclebaren Müll. „Ich habe früher im Tourismus gearbeitet, Sauberkeit und Sicherheit stehen für mich an erster Stelle“, so die Bürgermeisterin.

Die Stadtreinigung gehört zur öffentlichen Verwaltung von Santander, deshalb war dies der erste Schritt der Smart City Technologie, die intelligenten Müllsysteme einzuführen. In der nordspanischen Küstenstadt gibt es nur einen privaten Entsorgungsanbieter. Man habe eine Ausschreibung gemacht, um alle abfallwirtschaftlichen Dienstleistungen aus einer Hand zu bekommen, und sich für diese Firma entschieden. Im Hintergrund arbeitet noch ein weiteres Unternehmen, welche die ganzen Vorgänge kontrolliert. „Wir veranstalten im Jahr zwölf Sensibilisierungsmaßnahmen, um die Bevölkerung zu informieren“, erzählt Gema Igual Ortiz. „Auch das Entsorgungsunternehmen hat sich verpflichtet einmal im Monat über die Smart City-Dienste aufzuklären.

Doch es ist schwer die Bürger von Santander zu erziehen, dass sie alle technischen Möglichkeiten nützen und verwenden. Vor allem bei der Jugend ist das Bewusstsein für Sauberkeit nicht da. Hier versuchen wir den Hebel wieder in die richtige Richtung umzulegen.“ Von den Maßnahmen, die die Stadtregierung in Santander in Bewegung setzten, zeigte sich auch die Tiroler Abfallwirtschaft beeindruckt: „Santander hat nach der Immobilienkrise 2008/2009, die sie schwer getroffen hat, richtig reagiert: Investitionen im Bereich Digitalisierung, von denen viele lokale Unternehmen profitieren, haben der Stadt wieder wirtschaftlichen Aufschwung verliehen“, erklärt Matthias Zitterbart vom Entsorgungsunternehmen DAKA. „Die Stadtführung hat viel Mut und langen Atem bewiesen um dieses Thema sowohl auf politischer als auch wirtschaftlicher Ebene zu bearbeiten. Altbewährte Technologien und Prozesse wurden hinterfragt und Raum für disruptive Innovationen geschaffen. Die Bevölkerung wurde in diesen Veränderungsprozess involviert, um mehr Akzeptanz und Teilhabe für die verschiedenen Digitalisierungsthemen zu erwirken.“

Fachgruppenobmann Harald Höpperger mit der Bürgermeisterin von Santander, Gema Igual Ortiz. Foto: WKT

Fachgruppenobmann Harald Höpperger mit der Bürgermeisterin von Santander, Gema Igual Ortiz. Foto: WKT

Müllentsorgung per WLAN-Signal

Das Entsorgungsunternehmen Ascan Geaser, welches das digitale Waste Management der Stadt zugesprochen bekommen hat, liegt am Stadtrand von Santander. In der Niederlassung in Santander sind 270 Leute beschäftigt, in ganz Spanien um die 3.000. Im Jahr 2013 hat Ascan Geaser die öffentliche Ausschreibung für sich entschieden und den Auftrag für Abfall-, Recycling- und Straßenreinigung der Stadt Santander übernommen. Um diesen Auftrag auch richtig ausführen zu können, hat das Unternehmen vor sechs Jahren 34 neue Müllautos dazugekauft.

„Um die Produktivität des neuen Abfallsammeldienstes weiter zu optimieren, haben wir einen Sensor eingesetzt, der Echtzeitdaten sowohl für die Stadt als auch für uns bereitstellt und detailliert angibt, wie voll die Container sind“, erklärt Begona Castano Escalante, die Frau, die den Abfall der Stadt managt. Wenn Abfall in den Containern deponiert wird, berechnet der Sensor, wie viel Kubik Luftraum der Abfall verbraucht, und sendet dann den Prozentsatz der pro Kubikmeter verbleibenden Behälterkapazität an Ascan Geaser und an die Stadtreinigungszentrale. Dieses System unterstützt Ascan Geaser bei der Optimierung seines Abfallsammeldienstes, sodass nur volle Container entleert werden, wodurch die Betriebskosten und der CO2-Fußabdruck gesenkt werden. „Auf jedem Fahrerhaus hängt ein Tablet, auf dem sich die Routen laufend aktualisieren. Somit spart man unnötige Wege und verschmutzt weniger Luft“, so Begona Castano Escalante stolz.

Die Daten werden in Form von Farbtabellen in Echtzeit an die Zentralen von Ascan und Santander geliefert, wobei verschiedene Farben die verschiedenen Abfallströme unterscheiden, zum Beispiel Rot: Papier und Pappe; Gelb: Plastik-, Eisen- und Nichteisen-Blechdosen gemischt. Der Prozentsatz der verwendeten Behälterkapazität ist in der Mitte mit Farbtafel angegeben. „Die Seitenlader fahren jeden Abend von 22 Uhr bis vier Uhr morgens und sammeln nicht recycelbare Abfälle aus der Innenstadt und liefern ihre Abfallladung einmal oder zweimal pro Nacht an die Abfallbehandlungsanlage“, so Begona Castano Escalante. So wird gesehen, wie lange die Fahrzeuge zur Müllabfuhr und Straßenreinigung brauchen, um die Dienstleistung zu erbringen. Wenn eine Panne (z. B. ein Reifenschaden) auftritt, wird diese Information gleich weitergeleitet, damit eine Lösung für den Abschluss der Runde gefunden werden kann. Dreißig der CO2- und NOx-Emissionen von Ascan-Fahrzeugen werden digital überwacht. Die Daten werden der Stadt zur Verfügung gestellt, um zu belegen, dass die Ascan-Flotte emissionsarme Fahrzeuge hat und zur Verbesserung der Luftemissionen in ganz Santander beitragen.

Sensoren melden, wenn die Mülleimer zu voll werden. Foto: WKT

Sensoren melden, wenn die Mülleimer zu voll werden. Foto: WKT

Tirols intelligente Abfallwirtschaft

Für die Tiroler Exkursionstruppe war der Besuch bei Ascan Geaser eine ideale Gelegenheit sich vor Ort selbst zu überzeugen, wo noch im eigenen Betrieb Verbesserungspotenzial liegt oder wo man schon auf dem richtigen digitalen Weg ist. So sind unter anderem für das Entsorgungsunternehmen DAKA in Schwaz Abfallsensoren im Mülleimern längst keine Neuigkeit mehr, weiß Matthias Zitterbart aus dem Familienunternehmen. Die Firma DAKA arbeitet bereits seit über einem Jahr mit Füllstandsensoren: „Für das Thema intelligente Müllbehälter, die über den aktuellen Füllstand Auskunft geben und die Tourenpläne dynamisch ausrichten, ist Tirol prädestiniert. Aufgrund unserer geografischen Lage und der Tatsache, dass gerade in touristischen Gegenden mit Freizeitwohnsitzen, Müllkübel nicht jede Woche voll sind, tragen Füllstandsensoren dazu bei, Kosten und Verkehr einzusparen. Dadurch wird die Logistik ständig optimiert und dem Kunden ein Mehr an Service angeboten.“ Darüber hinaus erhält die Gemeinde wichtige Erkenntnisse darüber, an welchem Ort mehr bzw. weniger Abholung notwendig wären. Ähnlich sieht es auch die Firma Höpperger aus Rietz: „Im Bereich der Abfallwirtschaft stehen wir Santander um nichts nach. Die Digitalisierung begleitet unser Unternehmen schon seit Jahren in den verschiedensten Bereichen. Digitale Abfallerfassung, automatisierte Anlagentechnik oder weitgehend papierloses Arbeiten sind nur einige Beispiele dafür“, so Geschäftsführer Thomas Höpperger.

Mit der Santander-App können Einheimische Fehler in der Infrastruktur melden und verfolgen. Foto: WKT

Mit der Santander-App können Einheimische Fehler in der Infrastruktur melden und verfolgen. Foto: WKT

Smart Santander

Parkplatzsuche per App, Parkbewässerung mit Bodensensoren oder Mülleimer, die ein Signal senden, wenn sie geleert werden müssen. Kurz zusammengefasst, bei der SmartCity-Technologie gehe es darum, die Leistungen der Stadt zu optimieren, Schadstoffe und den Energieverbrauch zu reduzieren und letztlich Kosten zu sparen. „Allein durch die komplette Umstellung der Straßenbeleuchtung auf LED konnten 80 Prozent der Stromkosten gespart werden. Sie brennen nur noch, wenn ein Fußgänger vorbeigeht. Oder die Bewässerung der Parks. Sensoren messen die Feuchtigkeit des Bodens. Wird er zu trocken, werden die Rasensprenger angeschaltet“, erklärt Verónica Gutierrez Polidura vom Smart City Demonstration Center. „Viele Sender sind in Schuhkartongroßen Kästen mit Antennen versteckt, die an Masten, Laternen und Fassaden kleben. Polizeiwagen, Taxis und städtische Busse sind damit ausgestattet. Wetterinfos, Luftqualität, Lärmbelästigung, Verkehrsdichte oder auch Lichtverhältnisse werden an den Zentralcomputer gesendet.“ Santander wurde somit zum absoluten Vorzeigeprojekt der Smart-Technologien. Gut 1.300 neue Arbeitsplätze seien vor allem im Technologiebereich entstanden.

Mit der „SmartSantander-App“ können die Santanderinos auch Alltagsprobleme melden: kaputte Laternen, zugeparkte Einfahrten, Schlaglöcher und können anschließend in der Applikation sehen, wie schnell ihr Problem bearbeitet wird. „Beindruckt zeigten wir uns von der „Big Data“, welche in Santander zusammenkommen. Santander war in allen Bereichen eine Exkursion wert und wir kehren mit vielen Interessanten Bildern und Informationen zurück nach Tirol. Ich möchte mich bei allen Teilnehmern bedanken, die mit uns diese Reise angetreten haben. Wir zeigen Flagge und möchten auch in Zukunft in der Entsorgungsbranche am Puls der Zeit bleiben“, so Fachgruppenobmann Harald Höpperger begeistert.

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