Die Innovationskraft der UN-Nachhaltigkeitsziele

Die Tiroler Wirtschaftskammer bildete den perfekten Rahmen für den 14. Österreichischen CSR-Tag – den ersten im Westen. Die Innovationskraft der UN-Nachhaltigkeitsziele standen dabei im Mittelpunkt. “Eine Riesenchance für unseren Standort”, so WK Tirol-Präsident Christoph Walser.

REPORTAGE

Diese kleine Episode aus der Tiroler Geschichte vermag die Entwicklung der letzten Jahrzehnte vielleicht am heitersten auf den Punkt zu bringen: Als sich die Umweltaktivisten Österreichs in den 1980er Jahren in Richtung Grüne Partei bewegten und neben der Heinburger Au auch das Baumsterben wichtiges Thema wurde, soll der Tiroler Alt-Landeshauptmann Eduard Wallnöfer ein wenig genervt festgestellt haben: “Und überhaupt, dürre Bam hot’s allweil scho geb’n.” Die Worte spiegeln die ursprünglich höchst skeptische Haltung der heimischen Landwirtschaft wie der Wirtschaft gegenüber Umweltschutzthemen recht treffsicher wider. Selbst wenn die Aussage erfunden wurde, wurde sie gut erfunden und markiert gewissermaßen den Beginn einer dynamischen Entwicklung, die am 17. Oktober 2019 ihren beeindruckenden Höhepunkt feierte.

Gemeinsam waren Land und Wirtschaftskammer Tirol dafür verantwortlich, dass der Österreichische CSR-Tag 2019 – also der Tag der Corporate Social Responsibility – erstmals im Westen Österreichs, erstmals in Tirol stattfinden konnte. “Nicht irgendwo, sondern im Haus der Wirtschaftskammer. Vor einigen Jahren wäre das noch nicht üblich gewesen. Es hat sich viel verändert und es ist ein Signal der Wirtschaft an die Themen Nachhaltigkeit, Klimaschutz und Umweltpolitik, dass diese Veranstaltung heute in unserem Haus stattfindet”, stellte der “Hausherr”, WK Tirol-Präsident Christoph Walser, in seiner Begrüßungsrede klar und hielt fest: “Die Nachhaltigkeitsziele der UNO können eine Chance für unseren Standort sein, innovativ in die Zukunft zu arbeiten. Die Angst vor dem Klimaschutz ist einfach unbegründet. Es bewahrheitet sich immer wieder, dass Umweltschutz in keinem Konkurrenzverhältnis zur Wirtschaft steht. Ganz im Gegenteil. Wir sollten das Beste daraus machen, neue Technologien entwickeln, neue Jobs schaffen und einen positiven Beitrag zur Veränderung leisten.”

CSR-Tag-2019

Unterstrichen die Bedeutung der SDGs im Rahmen des CSR-Tages in der WKT (v.l.n.r.): Michael Green (Keynote CSR-Tag, CEO Social Progress Imperative), Ingrid Felipe (Landeshauptmann-Stellvertreterin Tirol), Peter Giffinger (respACT-Präsident und CEO Austria bei Saint-Gobain), Daniela Knieling (respACT-Geschäftsführerin) und Christoph Walser (Präsident der Wirtschaftskammer Tirol).

Aufbruchstimmung

Die Aufbruchsstimmung, die der Präsident damit skizzierte, beherrschte den 14. Österreichischen CSR-Tag, der der Innovationskraft der UN-Nachhaltigkeitsziele gewidmet war und Unternehmervertreter wie Interessierte aus ganz Österreich nach Innsbruck lockte. Zur Umsetzung der 17 Sustainable Developement Goals (SDGs) und der insgesamt 169 Targets (Unterziele) haben sich im Jahr 2016 die Staats- und Regierungschefs aller 193 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen bekannt. Es ist ein ambitioniertes globales Vorhaben, das sich in der so genannten Agenda 2030 ballt und eine nachhaltige Entwicklung in den Bereichen Menschen, Planet, Wohlstand, Frieden und Partnerschaften anstrebt.

„Viele Unternehmen erkennen die Chance, die mit den SDGs einhergehen.”
Peter Giffinger, CWO Saint-Gobain

Den Unternehmen eröffnet die Umsetzung der UN-Nachhaltigkeitsziele eine große Bandbreite an Innovationsmöglichkeiten. In der Erschließung neuer Märkte, der Implementierung zirkulärer Produktionsmuster und Lieferketten oder der Kreation innovativer Lösungen für soziale und ökologische Herausforderungen stecken beispielhaft die Chancen, deren wirtschaftliches Potenzial im Jahr 2017 global mit 10 Billionen Euro bewertet wurde.

Regional beziehungsweise Tirol-spezifisch befeuert wurde die Aktualität des Themas kurz vor dem CSR-Tag durch die Ergebnisse einer Umfrage der Tiroler Industriellenvereinigung. Diese hatte ergeben, dass 86 Prozent der befragten Unternehmen nachhaltiges und verantwortungsvolles Wirtschaften als wichtig bzw. sehr wichtig erachten. 95 Prozent der IV-Mitgliedsbetriebe sind davon überzeugt, dass das Interesse an CSR weiter steigen und wiederum 40 Prozent davon meinen, dass dieses Interesse sogar stark zunehmen wird. Bemerkenswert ist ein weiteres Ergebnis der aktuellen Umfrage. Rund 90 Prozent der befragten Unternehmen gehen davon aus, dass sich junge Menschen vornehmlich bei Unternehmen einen Arbeitsplatz suchen, die einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung leisten.

Ideale Zielmission

Um Beiträge zur nachhaltigen Entwicklung leisten zu können, geben die 17 SDGs der UNO einen Leitfaden vor. “Sie stellen dazu eine ideale Zielmission dar”, weiß Peter Griffinger, Präsident von respACT, Österreichs führende Unternehmensplattform für verantwortungsvolles Wirtschaften. Mehr als 300 Mitgliedsunternehmen zählt die Plattform bereits, die gemeinsam mit der WK Tirol den 14. CSR-Tag organisierte, bei dessen Eröffnung Griffinger im vollbesetzten WK-Festsaal feststellte: “Viele Unternehmen erkennen die Dringlichkeit aber auch die Chancen, die mit den SDGs einhergehen. Sie sind sich bewusst, dass langfristiger Erfolg nur dann möglich ist, wenn die Lösungen ökologischer und sozialer Belange Bestandteile der Unternehmensstrategie sind.”

Um die Tragweite dieser Feststellung zu untermauern, nannte Griffinger ein beeindruckendes Beispiel: “Ich war dieses Jahr in Nepal, einem der ärmsten Länder der Welt. Wir sind mit einem Flugzeug der Yeti-Airline geflogen und über der Fensterreihe war ein großer SDG-Aufkleber zu sehen. Im Flugzeug teilte man mir mit, dass diese Airline CO2-neutral fliegt und dabei ist, die SDGs vollständig in der Unternehmensgruppe umzusetzen. Das hat mich nicht nur aufgerüttelt, sondern auch betroffen gemacht. Wenn Unternehmen in einem derart armen Land die SDGs umsetzen, dann müssen doch wir in einem reichen Europa, in einem so wohlhabenden Land wie Österreich diese Themen noch intensiver angehen.”

Nachhaltige Entwicklungsziele SDGs der Vereinten Nationen

17 nachhaltige Entwicklungsziele (Sustainable Development Goals, SDGs) haben die Vereinten Nationen auf nationaler, regionaler und internationaler Ebene festgelegt. Alle 193 Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen haben sich verpflichtet auf ihre Umsetzung bis zum Jahr 2030 hinzuarbeiten – dabei spiel die Wirtschaft eine Schlüsselrolle.

Unternehmen zu animieren und sie bei der Umsetzung der SDGs zu unterstützen, ist Ziel von respACT wie des CSR-Tages, für dessen Tirol-Organisation sich die Nachhaltigkeitsexpertin der WK Tirol, Marlene Hopfgartner, verantwortlich zeichnete. “Der Vorschlag Marlene Hopfgarnters, diesen CSR-Tag gemeinsam auszurichten, habe ich gerne angenommen”, betonte Landeshauptmann-Stellvertreterin Ingrid Felipe in ihrer Rede die Strahlkraft der Kooperation und die Notwendigkeit der Zusammenarbeit der unterschiedlichen Stakeholder, um die großen Herausforderungen unserer Zeit bewältigen zu können. Selbstkritisch stellte Felipe zur Verantwortung “der Politik” fest: “Sie hat sich in den vergangenen Jahren nicht immer mit Ruhm bekleckert, wenn es darum gegangen ist, was man an Rahmenbedingungen schaffen kann, sodass es Unternehmern leicht oder möglich gemacht wird, sich ethisch oder klimagerecht zu verhalten. Es ist dringend notwendig, dass wir in der Politik Rahmenbedingungen schaffen, auf die man sich verlassen kann. Es braucht eine Rechtssicherheit und was wir vereinbaren, sollte nicht demnächst von einem der Gerichtshöfe gekippt werden.” Dies zu vermeiden schlug sie bei anstehenden Veränderungen vor, “sich eine Runde mehr Zeit zu lassen, um darüber nachzudenken und rückzusprechen, ob das machbar und tragfähig ist.”

Belustigten Applaus erntete Felipe für ihren Vorschlag, dass Politiker nicht immer nur Medienbriefings sondern vielleicht auch mal ein Buch lesen sollten. Mit ihrer Feststellung, dass die Herausforderung Klimawandel “tolle Chancen für die Gesellschaft aber auch die Wirtschaft bietet”, hob sie verbal der Vorhang für Michael Green, den ersten Keynote Speaker des 14. CSR-Tages.

Der Social Progress Index

Michael Green, CEO des Social Progress Imperative, hat mit dem Social Progress Index einen Weg gefunden, die Lebensqualität von Staaten auf Basis von Sozial- und Umweltindikatoren zu messen und der Welt damit ein Instrument gegeben, den Status quo der Länder im Zusammenhang mit dem Umsetzungsgrad der UN-Nachhaltigkeitsziele darzustellen. “Die Führer der Welt haben vor vier Jahren ein großes Versprechen abgegeben, es ist ein fantastisches Versprechen und ich bin ein Fan der SDGs, doch gibt es drei fundamentale Probleme”, hielt Green einleitend fest. Das erste Problem sei die Bezeichnung “Sustainable Developement Goals” an sich, von der U2-Frontman Bono meinte, sie höre sich wie eine sexuell übertragbare Krankheit an. “Das zweite Problem ist, dass es 17 Ziele, 169 Unterziele und eine ganze Menge zusätzliche Indikatoren gibt. Das ist sehr kompliziert und nicht wirklich hilfreich, wenn du willst, dass Dinge passieren”, so Green. Das dritte und größte Problem aber seien die Daten, die entweder für einige Ländern nicht existierten oder aber für gar kein Land. Green: “Es ist eine große Datenherausforderung. Mit dem Social Progress Index haben wir versucht, das zu vereinfachen.”

Vom Konzept her werden dafür die gleichen Indikatoren, wie bei den SDGs verwendet und die Staaten, Regionen oder Städte auf Basis vertrauenswürdiger Daten eingeteilt beziehungsweise ihr Fortschritt in ihrer SDG-Entwicklung gemessen. 2014 wurde der Index erstmals angewandt, weswegen in Bezug auf den Fort- oder Rückschritt der einzelnen Länder bereits fünf Jahre betrachtet werden können. “Wir haben insgesamt 149 Länder gemessen, das entspricht 95 Prozent der Weltbevölkerung. Für ein paar Länder, wie beispielsweise Venezuela oder Syrien, bekommen wir aufgrund der aktuellen politischen und chaotischen Situation keine Daten”, erklärte Green. In sogenannten Scorecards können die Ergebnisse beziehungsweise der Status quo abgelesen werden.

„Es ist eine große Datenherausforderung. Mit dem Social Progress Index haben wir versucht, das zu vereinfachen.”
Michael Green, CEO Social Progress Imperative

Österreich weist in der aktuellen Scorecard gute beziehungsweise aufgrund des Bruttoinlandsproduktes erwartbare Werte bei der ersten Säule der Menschlichen Grundbedürfnisse (Basic Human Needs) auf. In der zweiten, den Grundlagen des Wohlbefindens (Foundation of Wellbeing) gewidmeten Säule schneidet das Land unterdurchschnittlich in den Bereichen Zugang zu grundsätzlicher Bildung und Information und Kommunikation ab und in der dritten, die Möglichkeit (Opportunity) beschreibenden Säule zeigt sich etwa bei Toleranz und Inklusion oder beim Zugang zu fortgeschrittener Bildung starker Aufholbedarf. Toleranz gegenüber Fremden, Immigranten, Behinderten und Homosexuellen sind auch die großen Schwachstellen auf der aktuellen Scorecard des Landes Tirol. “Sie wirken doch so nett”, hielt Green dazu fest und erklärte: “Diese Indikatoren sind auffallend schlechter als in vergleichbaren Regionen der EU. Das ist es, was die Daten sagen. Sie müssen selber wissen, welche Geschichte das Land in dem Bereich hat.”

Handlungsbedarf wird deutlich

Die Indikatoren des Social Progress Index zeigen jedenfalls auf, wo Handlungsbedarf besteht und ermöglichen den einzelnen Ländern, die Nachhaltigkeitsziele leichter zu erreichen.

Geht es in der aktuellen Geschwindigkeit weiter, werden die SDGs nicht im Jahr 2030 und auch nicht im Jahr 2050 erreicht. “Wenn wir so weitermachen, werden die Ziele im Jahr 2073 erreicht”, hielt Green fest, “Mein Plan für 2073 ist es tot zu sein, doch mit dem Index können wir den Fortschritt schneller vorantreiben.”

Green versteht den Index als wichtige Ergänzung zum Bruttoinlandsprodukt, das allein nichts über die Lebensqualität eines Landes aussagt. Wohl aber hängt der wirtschaftliche Erfolg in weiten Teilen davon ab, dass die SDGs eine große Rolle spielen und einen so stabilen, wie zukunftsfitten Rahmen bieten. Mit dem 14. Österreichischen CSR-Tag wurde das Bewusstsein dafür geschärft und positiv aufgeladen. “Es war eine sehr motivierende Aufbruchstimmung spürbar”, zieht Hauptorganisatorin Marlene Hopfgartner (Abteilung Wirtschaftspolitik, Innovation und Strategie) ein positives Resumee. Dieser Schwung wird beim Gestalten der weiteren Service-Angebote, Maßnahmen und Konzepte der WK Tirol mitgenommen. 2019 stand die Industrie im Mittelpunkt, 2020 wird der Focus auf den Tourismus gelegt und Marlene Hopfgartner weiß: “Die spartenspezifische Betreuung wird weiter ausgebaut.”

» Mehr Informationen: www.un.org/sustainabledevelopment

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