Bezirk Landeck: Leuchttürme der Leerstandsbelebung

Im Tiroler Oberland werden den tristen Prognosen immer wieder schöne Schnippchen geschlagen, indem auf Abwanderung mit Leerstandsbelebung geantwortet wird. „Die Gemeinde Fließ ist mit ihrem Gewerbepark vorbildhaft“, weiß WK-Bezirksstellenleiter Otmar Ladner.

REPORTAGE

Anfang September 2019 trafen sich die Bürgermeister Österreichs im schönen Bad Aussee, wo im Rahmen der „Kommunalen Sommergespräche“ des Österreichischen Gemeindebundes die Zukunft der Gemeinden im Mittelpunkt stand. Das tut sie eigentlich immer, wenn sich ihre Vertreter treffen, eint die kleinsten Einheiten des staatlichen Systems doch ein oft schwerer Kampf ums Gestalten ihrer Zukunft. Im Trubel zahlreicher Trends, die zwischen Landflucht, Finanznot, Aufgabenlast und Demografie kommunale Köpfe rauchen lassen, sind die Aussichten vielfach höchst trist. In Bad Aussee erhielten die Teilnehmer der Denkwerkstatt gleich zu Beginn wohltuend positives Futter, als Zukunftsforscher Matthias Horx über den Gegentrend der Urbanisierung referierte, die „Progressive Provinz“ in den Mittelpunkt stellte und jene Bereiche, die für die Zukunft der Regionen wichtig sind, folgendermaßen zusammen fasste: „Verkehrsanbindung und schnelles Internet, landschaftliche Schönheit, Arbeitsplätze, Subventionen des Zentralstaates, kreative Ideen und positive Kooperation und Aktivität der Bürger.“ Daraus ergibt sich für Horx, dass „blühende Dörfer und Regionen aktive Heimkehrer, lokale Kreative, die neue Ideen bringen, ein klares Selbstverständnis für die Geschichte des Ortes, die auch die Zukunft prägt, mutige Projekte, die Menschen stolz machen, traditionsreiche Weltoffenheit, Kooperationsgeist über Gemeindegrenzen hinweg sowie Selbstvertrauen und Jammerverzicht brauchen.“

Ein Stück Heimat

Klingt schön. Fast schon zu schön, um wahr werden zu können, doch gerade weil es Tiroler Gemeinden gibt, in denen viele dieser „Gebote“ mit Leben gefüllt wurden und werden, sind die Feststellungen des Zukunftsforschers alles andere als utopisch. „Die Gemeinde Prutz geht als Vorzeigebeispiel voran, wenn es um die Belebung des Ortskernes und der Revitalisierung von Leerständen geht. Daran sieht man eindrucksvoll, wie historische Bausubstanz für zeitgemäßes Wohnen und Arbeiten nutzbar gemacht werden kann. Im Zuge derartiger Projekte wird zumeist nicht nur ein einzelnes Haus gerettet, sondern zugleich ein Stück Heimat erhalten“, wurde der für Dorferneuerung zuständige Tiroler Landesrat Johannes Tratter zitiert, nachdem er Mitte Juli 2019 die Gemeinde besucht und sich von ihrer neuen Lebendigkeit überzeugt hatte.

Wie in so vielen Gemeinden anderswo und auch im Tiroler Oberland war der Ortskern von Prutz vom großen Gähnen übermannt worden. Auch, weil die örtliche Regionalbank ihre Tore geschlossen und mitten im Zentrum einen erdrückenden Leerstand hinterlassen hatte. Um die daraus resultierende Tristesse umzukehren, kaufte die Gemeinde Prutz das Haus und revitalisierte es im besten Sinn des Wortes. Nach dem Umbau stehen dort ein Café, eine neue Bankfiliale und Räumlichkeiten für Start-ups zur Verfügung. „Man hat ein tolles Dorfzentrum erschaffen, Betriebe wurden integriert und es macht wieder Spaß durch das Dorf zu gehen, weil es auch mit Gastronomie wiederbelebt worden ist und Menschen sich treffen können“, stellt Otmar Ladner, Leiter der WK-Bezirksstelle Landeck fest. Prutz hat ein starkes Gewerbegebiet, das sich entwickelt und weiter wächst. Die Finanzkraft der Gemeinden ist logischerweise entscheidend, wenn es darum geht, selbst tätig zu werden, leerstehende Gebäude zu kaufen oder Gewerbegrundstücke teuer zu erschließen. Wenn Zukunftsforscher Horx auf die „Subventionen des Zentralstaates“ pocht, weiß er, wovon er spricht. Ist die finanzielle Basis einer Gemeinde weniger rosig, tut sie sich schwer und Ladner weiß zudem: „In Prutz hatte man die Flächen, das Gewerbegebiet zu entwickeln. Das ist der maßgebende Punkt.“ Flächenmäßig ist das Tiroler Oberland arg begrenzt und die WK Landeck ist meist eingebunden, wenn es darum geht, Gewerbeflächen zu finden – und auch, wenn es darum geht, gewerbliche Leerstände zu vermeiden oder zu füllen.

Gewerbepark Nesselgarten

Der Ortsteil Nesselgarten beheimatet mittlerweile zahlreiche erfolgreiche Unternehmen und bietet interessante Arbeitsplätze für die gesamte Region. Bild: Gemeinde Fließ

Das Netzwerk

„Wir arbeiten da im Netzwerk – mit den Bürgermeistern und dem Regionalmanagement Landeck regioL. Eine Stärke der Region ist, dass es wenig Zeit braucht, um eine Umsetzungsgeschwindigkeit aufzubauen“, sagt Ladner. Der stark touristisch geprägte Bezirk hat das Problem, nicht alle Branchen anbieten zu können, weswegen ihm manche junge Menschen an den urbanen Raum verloren gehen. Ladner: „Doch gibt es tolle Maßnahmen und schöne Beispiele dafür, die dem entgegenwirken.“ Zwischen 2014 und 2018 ist die Zahl der unselbstständig Beschäftigten im Bezirk von 19.054 auf 20.756 gestiegen – eine Zahl, die den traurigen Prognosen der vergangenen Jahre widerspricht und auch darauf zurückzuführen ist, dass Raum für Arbeitsplätze geschaffen wurde. In ehemaligen Leerständen etwa.

„In Prutz haben die Küchenprofis ein Wohnstudio in einem vormals leerstehenden Gebäude eingerichtet, im Kaunertal wurde ein Seminarzentrum mit Übernachtungsmöglichkeiten geschaffen, Kurt Micheluzzi hat in Pfunds einen Schauraum für sein Maler- und Raumausstatter-Geschäft gefunden, in Pians ist eine Physiotherapeutin in die Räumlichkeiten eines alten Hauses gezogen, ein paar Lokale sind wiedereröffnet worden – die Leerstandsbelebung geht quer durch den Gemüsegarten“, berichtet Gerald Jochum, Geschäftsführer des Regionalmanagements regioL, für das die Leerstands-Belebung ein Schwerpunkt ist: „Wenn dadurch wieder Leben in die Orte kommt, ist das eine Win-win-Situation. Wir probieren da alle Schienen, unterstützen in allen Bereichen – doch einfach ist es nicht.“

Als zentrales Problem nennt Jochum den richtigen Zeitpunkt, die Leute genau dann zu erwischen, wenn sie etwas planen. Und Zeit ist auch entscheidend, weil es oft viele Jahre braucht, um Projekte umzusetzen. „Man kann Neues schaffen, doch braucht es da eine gewisse Hartnäckigkeit“, bestätigt Otmar Ladner die entscheidende Rolle der handelnden Personen: „Die Gemeinde Fließ hat einen sehr engagierten Bürgermeister und ist mit ihrem Gewerbepark wirklich vorbildhaft.“

Bunter Defibrillator

Ende 2018, kurz vor Weihnachten, hat die Gemeinde Fließ das so genannte HaHo-Gebäude im Ortsteil Nesselgarten erworben. „Wir haben 900.000 Euro für die Halle gezahlt und werden sicher 300.000 bis 400.000 Euro reinstecken, damit sie vermietbar wird“, sagt Hans-Peter Bock, Bürgermeister der Gemeinde Fließ. Fließ ist ein kompliziertes Dorf im Oberen Gericht, ein Haufen-Dorf auf einem Plateau etwa 200 Meter über dem Inn, eine direkte Nachbarin von Landeck und mit seinen rund 75 Weilern, die durch ca. 80 Kilometer Gemeindestraßen verbunden sind, gar nicht so leicht zu fassen. Hans-Peter Bock ist seit 30 Jahren Bürgermeister dieser Gemeinde, die für ihre gelungene Ortskernrevitalisierung vielfach ausgezeichnet und weit über die österreichischen Grenzen hinaus bekannt ist. „Wir sind eine wachsende Gemeinde“, verweist Bock nicht ohne Stolz auf die über 3.050 Einwohner, die im Jänner 2019 gezählt werden konnten. Tendenz steigend.

Viele Faktoren sind verantwortlich für die totale Trendwende im Dorf. Kinderbetreuung zählt ebenso dazu, wie die Hartnäckigkeit der Gemeindeführung, viel Geduld, ein starkes Ziel und die Tatsache, dass es gelungen ist, viel Platz für Arbeitsplätze zu schaffen. Vor etwa zehn Jahren wurde der dafür entscheidende Dominostein in Bewegung gesetzt. „Eine große Halle im Ortsteil Nesselgarten stand lange leer, sodass wir sagten, wir müssen uns langsam schämen“, erinnert sich Bock und erzählt weiter: „Wir haben sie gekauft, mit der Idee, sie jungen Leuten zu vermieten, die sich selbstständig machen wollten, sich aber wegen der finanziellen Risiken nicht trauten.“

„Wir haben eine Halle gekauft, mit der Idee, sie jungen Leuten zu vermieten.“
Hans-Peter Bock

Drei Euro pro Quadratmeter pro Jahr waren es, die zahlreiche junge Firmengründer überzeugten. „Das war die Miete für das erste Jahr. Wer für 300 Quadratmeter Hallenfläche nicht einmal 1000 Euro pro Jahr zahlen muss, kann sich auf das Wesentliche konzentrieren und muss nicht viel investieren“, weiß Bock. Die Rechnung ging auf. Besser sogar, als geplant. Die Gemeindeführung hatte damit gerechnet, dass 30 Prozent der jungen Firmengründer pleite gehen würden, doch kein einziger erfüllte diese Erwartung. „Wir haben dort einen Mechaniker, einen Spengler, einen Elektriker, einen Verputzer, einen Steinmetz und einen Installateur. Organoid hat die größte Fläche der Halle – das ist ein ganz tolles Unternehmen“, verweist Bock auf die handwerkliche Vielfalt und die 2013 gegründete Organoid Technologies GmbH, die mit der Produktion von echt alle Sinne „streichelnden“ Naturoberflächen weltweit erfolgreich ist.

„Ich glaube, der eine oder andere hätte ohne unser günstiges Flächenangebot gar nicht angefangen“, ist der Bürgermeister vom entscheidenden Impuls der ersten Halle überzeugt, der nun eine zweite folgt. Wie erwähnt, konnte die Gemeinde Ende 2018 eine weitere leer gewordene Halle in unmittelbarer Nähe der ersten kaufen. „Dort sind wir eigentlich auch schon voll. Ein Teil ist für die Firma Organoid reserviert, dann finden dort ein Isolierer, ein Mechaniker, ein Bodenleger, ein Verputzer, einer mit Fitnessgeräten, die Breitbandversorgung Oberes Gericht und der TVB Tirol West mit seinen Wanderwegbetreuern Platz“, weiß Bock. Ungefähr 50 Arbeitsplätze wurden so in der ersten Halle geschaffen und mit ca. 20 weiteren rechnet der Bürgermeister nach Wiederbelebung der zweiten Halle im Gewerbegebiet der Gemeinde Fließ. Dort wurde ein bunter Defibrillator eingesetzt, um einen beispielhaften Leuchtturm in Sachen Wiederbelebung zu bauen und zu zeigen: Ja, es geht!

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