Tiroler Unternehmer nützen Marktchancen in Asien

Wenn von asiatischen Märkten die Rede ist, denken die meisten Wirtschaftstreibenden an China. Doch auch in Indien wie auch in den zentralasiatischen Ländern (Kasachstan, Usbekistan etc) eröffnen sich Marktchancen – und etliche Tiroler Unternehmer nützen sie bereits.

Tiroler Unternehmen exportieren Waren und Dienstleistungen im Wert von immerhin 90 Millionen Euro nach Indien, für fünf Millionen nach Kasachstan und für elf Millionen nach Usbekistan. Das ist zum Teil beachtlich. Dennoch gibt es noch viel Potenzial nach oben, sagt Gregor Leitner, Chef der Außenwirtschaft in der Tiroler Wirtschaftskammer.

Seit Jahren sind die Firmen Felder oder Swarco vor Ort, wie Robert Luck vom Außenwirtschaftszentrum Neu Delhi berichtet. In Mysore produziert Plansee Indien feine Wolframdrähte und feine Molybdändrähte, die „unsichtbar“ Frontscheiben in modernen Autos heizen. Neben verdrillten Drähten und Wendeln werden auch Schiffchen für thermische Verdampfungsanlagen und Ionenimplantationsanlagen erzeugt.

Indien ist ein Land der extremen Gegensätze: Das Land hat mittlerweile schon genau so viele Einwohner wie China (1,35 Milliarden), hinkt allerdings in der wirtschaftlichen Entwicklung noch China hinterher. Immerhin gibt es 300 Millionen Mobiltelefon-Verträge (plus 20 Prozent  pro Jahr), gleichzeitig allerdings auch eine hohe Analphabetenrate. Es gibt eine neue Mittelschicht und 400 neue Milliardäre, aber gleichzeitig mehr als 100 Millionen Leute unter der Armutsgrenze. Immerhin gibt es auch 40 Millionen Haushalte mit einem jährlichen Einkommen über 10.000 Dollar, das BIP wächst mit 6,9 Prozent, liegt aber pro Kopf  deutlich hinter China. Dennoch ist Indien die sechstgrößte Volkswirtschaft der Welt und dürfte heuer Großbritannien im BIP-Ranking überholen.

Was interessant ist am indischen Markt: Indien forciert eine klare Industrialisierungsstrategie. Der BIP-Anteil der Industrie soll von 16 auf 25 Prozent steigen, so ist der Plan der Regierung. In gro-ßen städtischen Zentren funktioniert das teilweise schon sehr gut. So hat etwa die österreichische Firma AVL in Bangalore ein Forschungszentrum errichtet.

Tiroler Engagement beachtlich

Aber auch Tiroler Unternehmen sind bereits erfolgreich aktiv, wie etwa die SPG Prints Austria in Schaftenau: Das Unternehmen, das 120 Mitarbeiter beschäftigt, produziert Textilmaschen für die Druckvorstufen, z. B. Lasergravurmaschinen: Druckschablonen werden mit diesen Maschinen graviert, mittlerweile schon in Indien, Bangladesch oder Pakistan. SPG-Prints-Maschinen können aber auch industrielle Gravur z. B. für Metalldosen erledigen. Warum die asiatischen Kunden auf Tiroler Produkte setzen? „Das machen die hohe Technologiekompetenz, das Know-how und die jahrelange Erfahrung“, begründet Herbert Mösinger von SPG Prints Austria.

Auch der Holzbearbeitungsmaschinenhersteller Felder KG in Hall ist schon seit geraumer Zeit in Indien tätig. Marco Antoniazzi, Sales Manager für Südasien, berichtet, wie es begann: Auf einer Messe kam ein indischer Interessent auf Felder zu, der die Produkte in Indien vertreiben wollte. Nach etlichen Anläufen mit verschiedensten Strukturen beschloss Felder schließlich im Jahr 2012, mit einer eigenen Niederlassung weiterzuarbeiten. „Man braucht aber einen langen Atem“, sagt Antoniazzi.

Für Felder hinderlich war vor allem, dass die Ausbildung im Holzbearbeitungsgewerbe in Indien auf sehr schwachen Fundamenten steht. Felder beschloss daraufhin, Ausbildungsstätten zu unterstützen. Die dort ausgebildeten Fachkräfte sollen an ihren künftigen Arbeitsplätzen dann auf Maschinenqualität auf Felder-Niveau bestehen. „Das ist ein Langfristprojekt, aber es zahlt sich für Felder aus“, ist Antoniazzi überzeugt. Hauptsitz der Felder Group India ist Mumbai, es gibt aber zahlreiche Showrooms im ganzen Land.

Probleme in Indien?

Der größte Engpass bei der Industrialisierung ist die erneuerungsbedürftige Infrastruktur des Landes. Indien hat zwar das längste Eisenbahnnetz der Welt, dieses muss aber auf modernen Stand gebracht werden. Auch die Straßeninfrastruktur bietet noch nicht jenen Standard, der für die Industrialisierung notwendig wäre. Das bedeutet nicht nur Probleme, sondern eröffnet Perspektiven auch für österreichische Betriebe: So hat etwa der Eisenbahnzulieferer Plasser & Theurer ein eigenes Werk für Gleisbaumaschinen in Indien eröffnet.

Auch in Sachen Energie bieten sich Chancen für österreichische Exporteure. Indien will etwa Millionen von Rikschas bis gegebenenfalls 2023 verpflichtend auf Elektrobetrieb umrüsten. Viele Möglichkeiten gibt es für österreichische Unternehmen beispielsweise  im Bereich Umwelttechnik und Abwasserentsorgung.

Chancen eröffnen sich auch in den zentralasiatischen Ländern Kasachstan und Usbekistan. Kasachstan ist flächenmäßig  beinahe so groß wie Indien, hat aber nur 1,3 Prozent der indischen Bevölkerung (18 Millionen Kasachen). Das Land ist reich an Rohstoffen, die in der digitalen Revolution eine gewichtige Rolle spielen. Auf dem Weltbank-Doing-Business-Index der wirtschaftsfreundlichsten Länder der Welt hat es Kasachstan bereits auf Rang 28 geschafft. Chancen für heimische Unternehmen gibt es in den Bereichen erneuerbare Energien, Tourismus, Greentech, Gesundheit und Digitalisierung.

Kasachstan und Usbekistan bieten Marktchancen

Usbekistan (33 Millionen Einwohner) ist überhaupt der „Rising Star“ in Zentralasien: Seit 2016 führt die Regierung ein extrem engagiertes wirtschaftsfreundliches Reformprogramm, und mittlerweile hat sich dort eine fulminante Startup-Szene etabliert, berichtet Rudolf Thaler vom Außenwirtschaftszentrum Almaty. Entrepreneurship wird belohnt, es braucht für Europa inzwischen auch kein Visum mehr, die Bürokratie wurde wirksam reduziert. Dennoch sind noch nicht so viele österreichische Unternehmen dort engagiert.

Thaler rät: „Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um in diesen Markt zu gehen.“ Die Rahmenbedingungen seien sehr günstig, und man sei jetzt noch einer der Ersten, die sich das Reformprogramm zu Nutze machen können. In welchen Bereichen? Thaler nennt: Gesundheit, Energie, Industriemodernisierung, Automotive, Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte, Baumaschinen, Digitalisierung.

Eine der Firmen, die in Zentralasien tätig sind, ist die ILF Ingenieure in Rum. „Seit 52 Jahren sind wir tätig, wir haben in dieser Zeit 6000 Projekte abgewickelt“, berichtet Alexander Speckle von ILF Consulting Engineers Austria. ILF beschäftigt 2000 Mitarbeiter und ist in 150 Ländern tätig, hat 40 Standorte weltweit und macht einen Umsatz von 202 Millionen Euro. Vier Bereiche bearbeitet das Unternehmen: Energie & Klimaschutz, Wasser & Umwelt, Verkehr & Bauwerke, Öl, Gas & Industrie. Derzeit baut die Firma ein eigenes Team auf für den Bereich Klimaschutz, das Know-how in Hinblick auf Klimaauswirkungen zur Verfügung stellen soll: „Das verlangen auch immer öfter die Förderbanken, den Klimaschutz zu berücksichtigen“, berichtet Speckle.

Gegründet wurde das Unternehmen, um die Transalpine Ölleitung von Triest nach Deutschland (durch Osttirol) zu planen. Das Know-how in diesem Bereich wendet ILF heute in modernisierter Form in Kasachstan an, in der Öl- und Gasindustrie. So hat ILF Planungsleistungen für ein 1800-Kilometer-Pipeline-Projekt geliefert, das China, Usbekistan und Kasachstan umfasst. In Kasachstan hat ILF ein Ganzjahresresort mit Liften geplant, in Indien eine Machbarkeitsstudie über ein U-Bahnprojekt sowie das Projekt, die Stadt Dharamsala zur „Smart City“ aufzuwerten.

Hohe Wachstumsraten

Auch in Indien ist ILF seit Jahren  mit einer Niederlassung vertreten. Die Gründe? Zentralasien hat hohe Wachstumsraten, es gibt hohen Nachholbedarf in der Modernisierung der Infrastruktur: „Es ist allerdings sehr herausfordernd, sich auf diesen Märkten durchzusetzen“, sagt Speckle. Man muss Vorlaufinvestitionen tätigen und dann einen langen Atem haben. Wichtig ist, in Indien den richtigen Partner zu haben, sagt Speckle. Backgroundchecks (etwa durch die österreichischen Außenwirtschaftszentren) sind daher Gold wert.

Es brauche dennoch immer einen langen Atem. Red Bull hat vor 15 Jahren in Indien gestartet, und es hat zehn Jahre gedauert, bis das Unternehmen dort ins Verdienen kam, berichtet Luck. Acht geben heißt es auch auf traditionelle Besonderheiten: Das Kastenwesen gibt es zwar offiziell nicht mehr. Inoffiziell regiert aber nach wie vor ein sehr strenges hierarchisches Denken. Wer will, dass man auf Chefebene mit ihm spricht, muss deutlich zeigen (auf Visitenkarten etc.), dass man auch selbst ein Chef ist, rät Luck.

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