OECD-Studie: Österreich für Fachkräfte nur mäßig attraktiv

Für hochqualifizierte Arbeitskräfte und Studenten gibt es in Österreich laut OECD-Studie Schwächen bei Einkommen und Zukunftsaussichten. Ein internationales Schulangebot ist ein wichtiger Mosaikstein zur Verbesserung der Situation.

Das Fachkräfte-Radar der Wirtschaftskammer zeigt: In fast allen Branchen fehlen Mitarbeiter. Drei von vier Betrieben kämpfen mit Lücken beim Personal. Das kann sich auf das gesamte Unternehmen negativ auswirken. Jedes Dienstleistungs- oder Produktionsunternehmen arbeitet mit Wertschöpfungsketten – fehlt an einer Stelle ein Glied, gerät schnell der ganze Ablauf ins Wanken. Besonders intensiv wirkt sich der Mangel an geeigneten Mitarbeitern in mittelgroßen Betrieben, im Tourismus, im handwerklich-technischen Bereich sowie bei uns in Westösterreich aus. In Summe fehlen 162.000 Fachkräfte in Österreich, umgerechnet auf den größeren Bedarf in Tirol sind es hier rund 20.000. Diese kritische Lage bleibt nicht ohne Folgen: Sechs von zehn Betrieben spüren bereits Umsatzeinbußen durch den Fachkräftemangel. Jede zweite Firma fährt ihre Innovationen zurück und verschenkt damit einen Teil ihrer Zukunftschancen.

Lange Mangelberufsliste

Ein Blick auf die umfassende Mangelberufsliste für 2019 zeigt, dass auch bei Hochqualifizierten Bedarf seitens der Betriebe besteht, der nicht am heimischen Arbeitsmarkt gedeckt werden kann. Techniker sind in allen Branchen Mangelware – vom Bau über das Wirtschaftswesen bis hin zur Datenverarbeitung. Nun kann sich ein Land zwar wünschen, dass möglichst viele qualifizierte Fachleute kommen – aber alles hängt davon ab, wie attraktiv ein Standort von außen gesehen wird. Die aktuelle OECD-Studie “Indicators of Talent Attractiveness” gibt Auskunft darüber, wo Österreich hier im internationalen Vergleich liegt. Um es vorweg zu nehmen: Im Spitzenfeld nicht. Österreich bewegt sich in der Mitte, was es schwieriger macht, gesuchte Spezialisten ins Land zu bekommen.

Für gut ausgebildete Migranten ist Österreich bei weitem nicht die erste Anlaufstelle. Demnach belegt Österreich in der Rangliste der attraktivsten Länder für Fachkräfte mit Master-Abschluss oder Doktortitel nur den 17. Platz unter 35 Ländern. Zum Vergleich: Deutschland liegt um fünf Ränge besser auf Platz 12, die Schweiz reiht sich sogar unter die Top 3 ein. Ganz vorne am Stockerl finden sich Australien und Schweden.

Verglichen wurden Faktoren wie berufliche Chancen, Einkommen, Steuern, Möglichkeiten für Familienangehörige, Einreise- und Aufenthaltsbedingungen, Zukunftsperspektiven sowie Lebensqualität oder gesellschaftliche Diversität. Österreich kann zwar mit hoher Lebensqualität und vergleichsweise geringer Arbeitslosigkeit punkten, schneidet dafür bei den beruflichen Möglichkeiten und gesellschaftlicher Diversität schlecht ab. Ein Problem ist die mangelnde Anerkennung im Ausland erworbener Qualifikationen. Ausländische Fachkräfte werden daher oft nicht ihrer Ausbildung entsprechend eingesetzt und sind meist überqualifiziert. Für die Staatsbürgerschaft gelten vergleichsweise strenge Regeln.

Im vorderen Drittel bei Unternehmensgründungen

Etwas besser liegt Österreich mit Rang 11 bei der Attraktivität für ausländische Unternehmensgründer. Bei dieser Wertung kommt es vor allem auf die Rahmenbedingungen für Gründungen an, die in Österreich zuletzt erleichtert wurden. Die besten Bedingungen bietet hier Kanada.

Im Wettbewerb um die besten Köpfe sind für uns Deutschland und die Schweiz die größten Konkurrenten. Die Schweiz punktet mit ihrer Internationalität und hohen Löhnen. Und Deutschland kann schon aufgrund der Größe mehr Perspektiven bieten. Auf der OECD-Liste der attraktivsten Länder für ausländische Studierende belegt Österreich nur Rang 18 hinter Slowenien und knapp vor der Slowakei. Schlecht bewertet werden hier die Möglichkeiten für Familienmitglieder und das so genannte “Kompetenzumfeld”, zu dem etwa die Verbreitung von Englischkenntnissen zählt.

Balkendiagramm Ländervergleich OECD-Studie

Internationales Schulangebot in Tirol verbessern

Genau an diesem Punkt hakt die Wirtschaftskammer ein. “Ein durchgängiges internationales Schulangebot in Tirol ist für die Zielgruppe hochqualifizierter Fachkräfte ein wesentlicher Entscheidungsfaktor – und bietet natürlich auch einheimischen Jugendlichen Chancen für eine internationale Karriere”, erklärt der für Bildung zuständige WK-Vizepräsident Manfred Pletzer. Deswegen hat das Wirtschaftsparlament der WK Tirol Anfang Juni einen Antrag des Wirtschaftsbundes beschlossen, in dem es um die Weiterentwicklung Tirols als internationaler Schulstandort inklusive der Errichtung einer Dachmarke geht. Dazu soll in der Bildungsdirektion ein Koordinator eingesetzt werden, der sich dieser Aufgabe widmet und dadurch Lücken im bestehenden Angebot schließt.

Im Detail sieht der Antrag folgende Vorgangsweise vor: Die Installierung von Internationalen Schulen in der Sekundarstufe 2 ist an den Standorten Innsbruck und Kufstein erfolgt. Die Schülerinnen und Schüler erlangen dort im bilingualen Unterricht zwei Abschlüsse – die österreichische Matura und das internationale Baccalaureat. Zur optimalen Vorbereitung auf diese Qualifikation bedarf es in Tirol jedoch bereits ab dem Kindergarten, in den Volksschulen und Schulen der Sekundarstufe 1 entsprechender Angebote – flächendeckend und koordiniert im Bereich der Schulübergänge. Dies kann durch die Schaffung eines institutionalisierten Verbundes der bereits bestehenden Internationalen Schulen in Tirol unter der Patronanz der Bildungsdirektion gelingen.

In weiterer Folge sollte die Aufnahme von ausgesuchten Kindergärten und Schulen der Sekundarstufe 1 in diesen Verband in Betracht gezogen werden. Diese sollten dann auf das internationale Baccalaureat vorbereiten oder zumindest systematisiert auch in englischer Sprache unterrichten. Zudem ist es dringend notwendig, die Hürden bei den Schulübertritten abzubauen. Auch muss es gelingen, ein System für einen reibungslosen Quereinstieg von SchülerInnen zu etablieren. Zuletzt solle auch eine Markenbildung in diesem Segment umgesetzt werden.

Ein durchgängiges internationales Schulangebot ist ein wichtiger Mosaikstein in der Attraktivität unseres Standortes. Die Wirtschaftskammer setzt mit ihrer Interessenpolitik und ihrem Bildungsangebot auch an weiteren Stellschrauben an, die dafür in Frage kommen. Letztlich ist es die Summe aller Faktoren, die einen attraktiven Standort für Top-Fachkräfte ergeben. Jetzt kommt es darauf an, die richtigen Weichen zu stellen, um Tirol und Österreich Schritt für Schritt aus dem Mittelfeld an die Spitze zu führen.

Diesen Post teilen
X

Ihre Anmeldung für aktuelle Tiroler Wirtschaftsnews – Fast geschafft!

Bitte überprüfen Sie Ihren E-Mail-Eingang. Sie erhalten in Kürze unter der angegebenen E-Mail-Adresse eine Nachricht mit einem Bestätigungslink.
Ein Klick auf den Bestätigungslink schließt die Anmeldung ab.

Sehen Sie gegebenenfalls unter „Werbung“ oder „Spamverdacht“ nach, sollten Sie die E-Mail nicht in Ihrem normalen Posteingang finden.

Jetzt Newsletter abonnieren und regelmäßig personalisierte Tiroler Wirtschaftsnews erhalten!
(Ihre Daten werden vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben)

Bitte warten, Sie werden angemeldet!
Bitte füllen Sie alle Felder aus!