Künstliche Intelligenz: Alltag statt Terminator

Mit der „Roadshow Künstliche Intelligenz“ hat die Junge Wirtschaft Tirol irreführende Terminator-Bilder erfolgreich gelöscht und Anwendungsmöglichkeiten der KI im ganz normalen unternehmerischen Alltag aufgezeigt.

Heute schon den Routenplaner benutzt und dadurch einen Stau umfahren? Oder Siri nach dem Standort der nächsten Apotheke gefragt? Oder etwa auf der Dating-App Tinder nach einer passenden Flirt-Gelegenheit gesucht? In all diesen und unzähligen weiteren, längst zum Alltag zählenden Anwendungen steckt sie – die Künstliche Intelligenz, die so gerne als Technologie für Freaks bezeichnet und noch viel lieber mit dem Bild der Killermaschine Terminator in Verbindung gebracht wird. „Da hat Hollywood ganze Arbeit geleistet und das Denken in eine falsche Richtung gelenkt“, weiß Clemens Plank, Landesvorsitzender der Jungen Wirtschaft Tirol (Mehr dazu im Interview: „KI ist der nächste logische Schritt!“).

Der Science-Fiction-Film, der Arnold Schwarzenegger berühmt gemacht hat, spielt im Jahr 1984 und letztlich geht es darum, dass die Menschen im Jahr 2029 von der Herrschaft der intelligenten und bitterbösen Maschinen befreit werden sollen. Cineastisch-bombastische Bedrohungsszenarien wie dieses haben das ihre dazu beigetragen, dass das Misstrauen gegenüber der Künstlichen Intelligenz genauso groß ist, wie die irrationalen Erwartungen in ihre potenziell die Menschheit bedrohende Kraft. „Aus meiner Sicht ist die größte Bedrohung im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz, wenn wir die Chancen nicht wahrnehmen“, verpasst Dietmar Millinger dem Terminator einen verbalen Tritt in den Hintern und macht damit die Bühne frei für einen vergleichsweise banalen, praktischen und bereits bestehende Abläufe optimierenden KI-Blick.

Mit diesem Blick hatte etwa jener Ingenieur eine KI-basierte Lösung gefunden, die von der Terminator-Welt richtig weit weg ist, hat sie doch nicht mit martialischen Schießeisen, sondern mit Gurken zu tun und auch damit, dass unglaublich viele Gurkenbilder im Internet gefunden werden können. Diese Bilder sind der Datenschatz hinter der Idee. Automatische Bilderkennung ist der Bereich, in dem auf KI basierte Systeme besser und weniger fehleranfällig sind, als das menschliche Auge und „der Ingenieur hat ganz einfache Komponenten zusammengeschraubt, um eine Maschine zu bauen, die Gurken sortiert. Die Produktivität des elterlichen Landwirtschaftsbetriebes wurde damit massiv erhöht“, so Millinger.

20 Milliarden Euro

Dietmar Millinger ist Experte für Künstliche Intelligenz oder Artificial Intelligence (AI), Gründungsmitglied des Vereins AI Austria und er war Keynote Speaker im Rahmen der „Roadshow Künstliche Intelligenz – Chance oder Bedrohung“, die im Mai 2019 Station im WIFI Innsbruck machte. Die Junge Wirtschaft zeichnet für diese Roadshow verantwortlich, mit der in jedem Bundesland verzerrte Bilder zurecht gerückt, den Mythen eine Absage erteilt und die Künstliche Intelligenz gleichsam auf den Boden der unternehmerischen Realitäten geholt wurde.

„Künstliche Intelligenz ist schon längst bei uns angekommen. Das Thema ist praxisrelevant und die JW Tirol war sehr wegweisend für die Entwicklung unserer Roadshow“, streute Christiane Holzinger, Bundesvorsitzende der Jungen Wirtschaft, ihren Tiroler Kollegen Rosen. Die Einladung zu einer Veranstaltung in der Werkstätte Wattens war rückblickend der Funke für den KI-Reigen, mit dem das Thema erstmals in „breitem“ Format von der leicht abschreckend theoretischen auf eine zur Anwendung einladenden Ebene gebracht wurde.

„Ich finde es super, dass ihr das Thema aufgreift und herunterbrecht auf praktische Beispiele“, hielt Barbara Thaler, Vizepräsidentin und Digitalisierungsbeauftragte der WK Tirol in ihrem Eingangsstatement fest, um gleich anschließend auf diesbezügliche Aktivitäten der EU hinzuweisen: „Das Thema Künstliche Intelligenz steht auf der Agenda der EU-Kommission ganz oben. Bis Ende 2020 werden 20 Milliarden Euro investiert, um über verschiedene Maßnahmen die KI-Strategie umzusetzen, die letztes Jahr verabschiedet wurde.“

Zugang für KMU

Gutes Datenmaterial sind ein Schlüssel für die mit KI arbeitenden Technologien, an diesen Daten orientieren sich die dabei eingesetzten Algorithmen und so besteht eine Maßnahme der Strategie darin, einen europäischen Datenraum zu schaffen, wo derartige Musterdaten für Forschung und die Entwicklung neuer Produkte zur Verfügung gestellt werden. „Wichtig ist, das sehr praxisnah auszurollen, damit sich nicht nur Eliteuniversitäten in diesem Datenraum vergnügen, sondern man auch Zugang für KMU und ihre Entwickler schafft“, stellt Clemens Plank dazu fest und wieder klar, dass diese Entwicklungen viel mehr mit dem unternehmerischen Alltag kleiner und mittlerer Betriebe zu tun haben können, als diese sich vielleicht bewusst sind.

„Wenn wir heute über KI sprechen, sprechen wir über schwache KI-Systeme, die einzelne Aufgaben besser können, als Menschen. Diese Systeme haben wir bereits und sie sind es, die die Entwicklung heute treiben“, hielt auch Dietmar Millinger in seiner Keynote fest und führte weiter aus: „Für mich ist die wichtigste Sache, bestehende Wertschöpfungsketten mit der neuen Technologie zu optimieren – sodass der Output besser oder der Aufwand für den Output geringer wird.“

Kleine Schritte

Die bereits erwähnte automatische Bilderkennung ist ein KI-Werkzeug, das in Unternehmen schon jetzt eine große Rolle spielen kann. Wenn es beispielsweise um Qualitätskontrolle geht und die darauf trainierten Bildsensoren Risse oder Lackschäden entdecken, die mit dem menschlichen Auge nicht sichtbar sind. KI kommt auch in der Wartung zum Einsatz, etwa wenn die Software den optimalen Zeitpunkt für die „Maintenance“ berechnet und damit die Zeiten reduziert, in denen die Anlagen ausfallen. Damit Teile rechtzeitig beziehungsweise bevor sie kaputt gehen, getauscht werden können, kann die lernende Maschine einen wertvollen Beitrag leisten. Machine Learning ist es, womit sich Catherine Laflamme beschäftigt, die als Vertreterin des in der Werkstätte Wattens angesiedelten Fraunhofer Innovationszentrums „Digitale Transformation der Industrie“ den rund 170 Besuchern der Roadshow Einblicke in ihre Welt schenkte. „Maschinenlernen ist ein Werkzeug und wir müssen vorsichtig sein, dass es kein Selbstzweck wird. Eine gute Fragestellung muss immer im Zentrum stehen, dann kann Maschinenlernen ein Tool sein, um diese Fragestellung zu beantworten“, so Laflamme, die den Unternehmen rät, am besten klein anzufangen und einen Schritt nach dem anderen zu setzen: „Künstliche Intelligenz ist keine Magie.“

Die Entmystifizierung dieses Teilgebietes der Informatik zog sich wie ein greller roter Faden durch den Roadshow-Abend am WIFI. Auch Michal Zaremba von Med-El Medical Electronics, dem führenden Hersteller von Hörlösungen mit Sitz in Innsbruck, der mit seinen Prodikten die  Leben von Menschen auf der ganzen Welt verändert, pochte darauf. Zaremba ist Head of Applied AI, also Leiter der angewandten Künstlichen Intelligenz bei Med-El und er hielt fest: „Meine Rolle bei Med-El war auch, diese Technologie zu entmystifizieren. Ich bekam sogar den Vorwurf, diese schöne Technologie zu trivialisieren. Doch genau diese einfachen Lösungen sind es, die ich anstrebe.“ Anwendungen in der Rehabilitation der auf unterschiedlichste Weise mit Hörverlust konfrontierten und mit Med-El-Produkten behandelten Menschen drängen sich für ihn auf. „Das dabei notwendige Wiederholen und Wiederholen und Wiederholen des gleichen Satzes, Wortes oder Geräusches können wir der Künstlichen Intelligenz überlassen. Wir wenden KI dort an, wo uns Probleme im Zusammenhang mit Alltagsgeschichten beschäftigen“, so Zaremba. Der Alltag sei es, in dem KI gedacht werden müsse: „Schauen sie sich die Probleme an, mit denen sie um sich herum konfrontiert sind und nicht die schrecklichen im Kino.“

Vor allem wenn es um große Datenmengen geht, spielen Algorithmen ihre große Stärke aus, beispielsweise in der Qualitätskontrolle. Foto: Poobest/stock.adobe.com

Vor allem wenn es um große Datenmengen geht, spielen Algorithmen ihre große Stärke aus, beispielsweise in der Qualitätskontrolle. Foto: Poobest/stock.adobe.com

Große Revolution

Erstaunlich war, dass der nüchterne Zugang des offensichtlich blitzschnellen Querdenkers aus dem Hause Med-El keinen Gegensatz zu dem bildete, was er eingangs zur KI festgehalten hatte: „Wie der PC unser Leben beeinflussen würde, war in den 1980er Jahren genauso jenseits der menschlichen Vorstellungskraft, wie die Einführung des World Wide Web zu Beginn der 1990er Jahre. Bei Künstlicher Intelligenz habe ich gerade zum dritten Mal das Gefühl, vor einer großen Revolution zu stehen.“

Diese große Revolution nutzt die im Inncubator – der Unternehmensschmiede der Universität Innsbruck und der WK Tirol – „sitzende“ Onlim GmbH, um Kundenkommunikation zu automatisieren. Mit Sprachassistenten und Chatbots, also textbasierten Dialogsystemen, die das Chatten mit einem technischen System erlauben, ist die Onlim GmbH führender Technologieprovider in der DACH-Region und mit Marc Isop erklärte der Vertriebs- und Marketing-Chef des Unternehmens, welche Chancen sich mit der Technologie eröffnen. „Wir glauben, dass wir uns in einer maßgeblichen Veränderung des Kommunikationsverhaltens befinden. Es gibt Studien, die davon ausgehen dass 2020 50 Prozent aller Suchanfragen über Sprachassistenten abgewickelt werden“, so Isop. Natürlichsprachige Dialoge sind der Clou dieser KI-basierten Technik, welche die Onlim GmbH für Kunden aus vier Kernbranchen anbietet: Tourismus, Handel, Finanz und Energie. „Für die Wien Energie haben wir beispielsweise einen Chatbot entwickelt, der im Customerservice vollkommen integriert ist und Fragen zur An- und Abmeldung von Strom, Gas und Fernwärme beantwortet. Der Switch zum Mitarbeiter ist dabei jederzeit möglich“, nannte Isop ein Beispiel. Noch sind es repetitive, also sich wiederholende Fragen, die mit den Systemen gemeistert werden, komplexe Fragestellungen sind der nächste Schritt und ganz allgemein hielt Isop fest: „Es kommt immer auf den passenden Anwendungsfall an. Ein Use Case ist immer dann sinnvoll, wenn man damit auch wirklich einen Vorteil gegenüber dem Kunden anbieten kann.“

Künstliche Intelligenz in der Furche

KI um der KI willen macht keinen Sinn. Besserer Output, geringerer Aufwand – diese ökonomische Triebfeder hat jede technische Revolution befeuert und wieder sind es Beispiele aus der Landwirtschaft, mit der die Kluft zwischen Raumschiff Enterprise-Phantasien und sprichwörtlich irdischen Realitäten leicht überwunden werden kann. Das deutsche Wissenschaftsmagazin „Spektrum“ berichtete im Februar 2019 unter dem Titel „Sind Roboter die besseren Bauern?“, dass einer Befragung des Digitalverbandes Bitkom zufolge zwei Drittel der Landwirte digitale Technologien als Chance sehen und mehr als die Hälfte sie auch schon anwenden. Ein Viertel aller Serviceroboter weltweit werden von der Landwirten geordert. „Mit der Digitalisierung verbindet sich in der Landwirtschaft eine große Hoffnung“, heißt es im Text, „So genanntes Precision Farming, Präzisionslandwirtschaft, verspricht unter anderem, dass in Echtzeit mittels Sensoren gemessen wird, was die Pflanzen brauchen, und entsprechende Mittel gezielter und damit ressourcenschonender eingesetzt werden können – vom Wasser bis zum Dünger. Dank maschinellen Lernens kann zudem immer besser berechnet werden, welche Strategien und welche Behandlung die Ernte steigern oder gegen Pflanzenkrankheiten helfen.“

Dass die Begleiterscheinungen dieser potenziellen Revolution von Sozialethikern und Globalisierungskritikern mit Argusaugen beobachtet werden, scheint logisch, doch die Tatsache überrascht, dass die vermeintlich konservativsten Gesellen des Wirtschaftslebens KI-Anwendungen derart offenherzig empfangen.

Viele Fragen offen

Es geht Schlag auf Schlag. Alle zwei Jahre verdoppeln sich die Datenmengen, die Algorithmen ändern und verbessern sich ständig und die Rechenleistungen befeuern die Möglichkeiten. Mit dem autonomen Fahren nähert sich KI in ihrer komplexen Form den europäischen Straßen und ein Paradigmenwechsel jagt den anderen. Viele Fragen gilt es noch zu klären. Ethische wie technische oder rechtliche. „Das dynamische Preismanagement funktioniert mittlerweile so gut, dass sich Kartellbehörden damit beschäftigen. Es besteht der Verdacht, dass solche Pricing-KI von Lufthansa und anderen zu einer Steigerung der Preise geführt haben. Die KI-Systeme haben entdeckt, dass es nicht zielführend ist, billiger zu sein. Da beschäftigen sich die Behörden mit einem vollkommen neuen Phänomen, es ist eine irre Situation“, wusste Dietmar Millinger genauso zu berichten, wie von emotionalen Problemen, die bewältigt werden müssen, wenn Maschinen besser sind, als Menschen.

Nachdem das Google-Computerprogramm AlphaGo im März 2016 den koreanischen Meister des Brettspiels Go besiegt hatte, stand der Ferne Osten gleichsam unter Schock. Go ist weit komplexer als Schach, gilt als schwierigstes Brettspiel der Welt und die Enttäuschung über die Niederlage war bitter. Ein Weg aus diesem emotionalen Dilemma könnte sein, sich schlicht nicht mit einer Software, sondern – wie eigentlich immer in der tausende Jahre alten Geschichte des Spiels – mit einem ebenbürtigen Gegenüber zu messen. Ein Go-Spieler hat die Wahl, ob er Künstliche Intelligenz in sein Leben lässt. Unternehmen, bei denen jetzt entschieden wird, ob sie die neuen Werkzeuge nutzen oder potenzielle Wettbewerbschancen verpassen, haben diese Wahl vielfach nicht. Darin, die Chancen nicht wahrzunehmen, sieht Dietmar Millinger, wie erwähnt, die größte Bedrohung im Zusammenhang mit KI und Martha Schultz, Vizepräsidentin der WKO, zog bei der Roadshow den Bogen zum Wirtschaftsstandort, als sie feststellte: „Damit Tirol eine progressive Provinz werden kann, müssen jetzt die Weichen gestellt werden.“

» Interview mit Clemens Plank: „KI ist der nächste logische Schritt!“

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