Lehre nach der Matura: Vom Agrarwissenschafter zum Zimmerer

Dietrich Reisch aus Kitzbühel ist 22 Jahre jung und hat nach der Matura und angefangenem Studium eine Lehre zum Zimmerer absolviert. Reisch ist einer von rund 350 Maturanten, die hierzulande eine Lehre machen.

Noch ist es die Ausnahme, doch jedes Jahr gibt es mehr Jugendliche, die sich nach nach der Matura für eine Lehre entscheiden. Was in Deutschland schon gang und gäbe ist, entwickelt sich auch in Österreich langsam zu einem beliebten Ausbildungsweg.

„Bei mir hat schon ein Prinz eine Lehre gemacht“

Das Unternehmen Holzbau Obermoser GmbH & Co KG in Aurach gibt es seit dem Jahr 1960. Derzeit sind dort 45 Mitarbeiter und zwei Lehrlinge beschäftigt. Einer davon ist Dietrich Reisch aus Kitzbühel. Er ist bereits der achte Lehrling mit Matura, der im Unterländer Unternehmen seine Ausbildung absolviert. „Vor rund zwanzig Jahren hatten wir bereits unseren ersten Lehrling, der davor die Handelsakademie abgeschlossen hatte. Was in Deutschland schon ganz normal ist, betreibe auch ich seit einigen Jahren und habe durchaus positive Erfahrungen gemacht“, erzählt Unternehmer Sepp Obermoser erfreut über seine Lehrlinge mit Matura. „Einmal hatten wir ein Mädchen aus Deutschland, das stand plötzlich vor der Tür und wollte Tischlerin werden, danach hat sie Restaurationswesen in München studiert. Einen Bergbauernburschen hatten wir auch. Dann einen Arztsohn, der hatte eigentlich mit Arbeiten gar nichts am Hut. Im Anschluss an die Lehre ging er nach Amerika und wurde Ranger in einem Nationalpark, hat Fotografie studiert und ist jetzt Berufsfotograf in Los Angeles. Ein deutscher Prinz hat auch die Lehre bei uns abgeschlossen. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten hat er sich in kürzester Zeit super entwickelt und eingearbeitet und studiert jetzt Architektur in München. Ich glaube, wir sind das lebende Beispiel dafür, dass Menschen aus den verschiedensten Gesellschaftsschichten in einer Lehre wunderbar aufgehoben sind. Die Lehre ist eine gute Basis für jeden weiteren beruflichen Schritt im Leben.“

Lehrling Dietrich Reisch mit seinem Arbeitgeber Sepp Obermoser.

Lehrling Dietrich Reisch mit seinem Arbeitgeber Sepp Obermoser (r.).  Seit zwei Jahren ist Dietrich als Zimmerer-Lehrling bei der Firma Holzbau Obermoser GmbH & CO KG beschäftigt. Die Verbindung von Theorie und Praxis ist für ihn das Einzigartige an der Lehre. Foto: WKT

Theorie und Praxis perfekt kombiniert

Zimmerer-Lehrling Dietrich Reisch hat im Juni 2017 seine Lehre bei der Firma Obermoser gestartet. Nach dem Unterstufen-Gymnasium in St. Johann, Militär-Realgymnasium in Wiener Neustadt, zwölf Monaten Österreichischem Bundesheer, zwei Semestern Agrarwissenschaften an der Universität für Bodenkultur in Wien kam dann der Wunsch nach einer Zimmerer-Lehre. „Mir hat einfach die körperliche Anstrengung gefehlt, ich wollte etwas anpacken und mit meinen Händen schaffen. Die Lehre verbindet auf einzigartige Weise Theorie und Praxis und ist sehr umfassend.“ Ursprünglich wäre eine berufliche Laufbahn beim Militär das Ziel gewesen, doch Reisch fühlte sich noch nicht reif genug dafür. Durch private Kontakte konnte der Kitzbühler vor zwei Jahren bei der Firma Holzbau Obermoser seine Lehre als Zimmerer starten. Egal ob Dachstuhl, Balkon oder Bauphysik – das Wissen und Können eines Zimmerers ist sehr breit und vielseitig. An seinen ersten Tag erinnert sich der Lehrling mit Matura nur zu gut. „Mein Kollege musste unvorhergesehen zu einem Feuerwehreinsatz und ich durfte gleich ordentlich mitanpacken. Da habe ich gesehen: geschenkt wird mir hier nichts und das hat mir gefallen. Jeder Tag ist bei uns anders, neu und abwechslungsreich. Um 7:00 Uhr startet unser Arbeitstag. Oft müssen wir noch etwas vorbereiten, dann geht es direkt zur Baustelle“, so Reisch motiviert. Die Rückmeldungen von Familie und Freunden, nach der Matura noch eine Lehre zu absolvieren, waren größtenteils positiv.

Tür zum Studium steht offen

Die Firma Holzbau Obermoser GesmbH & Co KG in Aurach hat in den letzten 60 Jahren an die 100 Lehrlinge ausgebildet. Geschäftsführer Sepp Obermoser begrüßt das Interesse der Maturanten an einem Lehrberuf: „Die älteren Jugendlichen sind zielorientierter und wissen genau, was sie wollen. Maturanten verfügen über eine gute Basisausbildung und das Verständnis für- und untereinander ist reifer. Zudem gibt es eine verkürzte Lehrzeit, was ein attraktives Extrazuckerl ist.“ Dietrich Reisch kann jedem Maturanten, der plant auch eine Lehre zu machen, nur gut zu sprechen: „Sofort machen. Durch die verkürzte Lehrzeit sind es zwei Jahre, welche im Handumdrehen vorbei sind. Die Türen für ein Studium oder ein anderes Lebensprojekt stehen dann immer noch offen. Ich würde die Lehre nach der Matura jederzeit wieder machen.“ In den nächsten Wochen hat Reisch seine Lehrabschlussprüfung. Ob er in diesem Beruf bleiben wird, ist noch nicht sicher: „Ich bin ein Freigeist, und den darf man ja bekanntlich nicht aufhalten“, so der Lehrling schmunzelnd.

 

» Weitere Informationen zum Unternehmen: holzbau-obermoser.at

 

Fachausbildung für Maturanten
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