„Die EU muss sich den großen Themen widmen“

WK-Vizepräsidentin Barbara Thaler setzt auf ein starkes, modernes Europa – und erinnert an eine unternehmerische Tugend: Es kann nicht falsch sein, die EU besser machen zu wollen.

Die Kandidatin zur EU-Wahl steckt ihre Top-Themen ab, bezieht zur aktuellen Debatte rund um Überregulierung Stellung und hofft auf eine hohe Wahlbeteiligung als kräftiges Signal für die Unterstützung der Europäischen Union.

INTERVIEW

wirtschaft.tirol: In der Endphase der Wahl ist eine Diskussion zur Überregulierung und Bevormundung durch die EU ausgebrochen. Wie stehen Sie zu diesem Thema?

Barbara Thaler: Die EU muss sich großen Themen widmen – wie der Sicherung der Außengrenzen und einer gemeinsamen Sicherheits- und Wirtschaftspolitik – und nicht Kleinigkeiten wie Duschköpfen oder Staubsaugern. Der Schutz der Konsumenten ist wichtig – aber dieser darf nicht hochbürokratisch erfolgen und Regelungen bis ins letzte Detail zur Folge haben. Die Wirtschaftskammer kämpft seit langem auch gegen selbst gemachte Überregulierung, das so genannte Gold Plating, also die überschießende Umsetzung von EU-Vorgaben in nationales Recht. Eines möchte ich klar festhalten: Die EU muss sich ständig erneuern und weiter entwickeln. Daher braucht es einen neuen EU-Vertrag mit mehr Selbstbestimmung für die Regionen.

Was sind Ihre Top-3-Themen, für die Sie sich als Tiroler Vertreterin in Brüssel einsetzen würden?

Das ist erstens der Transit. Diese, besonders für Tirol, große Herausforderung ist nur auf europäischer Ebene lösbar. Um eine Verlagerung des internationalen Transits auf die Schiene zu erreichen, braucht es ein attraktives Angebot seitens der Bahn für die Transportwirtschaft. Hier sind besonders die Zulaufstrecken und Verladeterminals Aufgaben, die angegangen werden müssen. Zweitens geht es mir darum, dass ländliche Regionen mehr Chancen bekommen. Drittens setze ich mich intensiv im Bereich Digitalisierung ein. Hier muss die Balance zwischen großen Konzernen und den in Tirol dominierenden kleinen und mittleren Unternehmen stimmen. Dass Österreich eine Digitalsteuer eingeführt hat, ist richtig, aber auf lange Sicht muss dieses Thema europaweit geregelt werden.

Bleiben wir gleich beim Thema Digitalisierung. Ist diese auch für die vielen kleinen und mittleren Unternehmen in Tirol wichtig?

Ja – und auch schaffbar! Die Wirtschaftskammer bietet eine ganze Reihe von Unterstützungen für die heimischen Betriebe in diesem Bereich. Es geht nicht darum, den Geschäftsbetrieb vollkommen von „analog“ auf „digital“ umzustellen, sondern die Möglichkeiten beider Welten optimal zu nutzen und miteinander zu verbinden. Das Erfolgsgeheimnis in diesem Zusammenhang lautet „Multichanelling“. Ergänzend möchte ich bemerken, dass ein neues Urheberrecht auf europäischer Ebene definitiv notwendig war. Ich war und bin jedoch gegen Uploadfilter, da sie KMU benachteiligen. Jetzt kommt es auf Augenmaß in der nationalen Umsetzung an und hier möchte ich mich mit meiner Fachkompetenz aktiv einbringen. Ich kenne die Branche seit Jahren und weiß, was für unsere heimischen KMU zu schaffen ist und was nicht.

Welchen Stellenwert hat digitale Sicherheit – und wie ist diesbezüglich der Status in der EU?

Die europäische Kommission beschäftigt sich intensiv mit digitaler Sicherheit und künstlicher Intelligenz und schafft dadurch langfristig Wettbewerbsvorteile. Die EU hat Ende letzten Jahres einen Rechtsakt zur Cybersicherheit beschlossen. Damit wird ein Zertifizierungs-Rahmen geschaffen, der die Sicherheit von Online-Diensten und Endgeräten für Verbraucher stärkt. Digitale Sicherheit ist eine ganz wichtige Zukunftsfrage und die EU hat mit ihrem Vorstoß dafür gesorgt, dass sie anderen Standorten nun einen Schritt voraus ist. Konsumenten erhalten dadurch am Markt nur digitale Produkte, auf deren Cybersicherheit sie sich verlassen können. Eine zentrale Anlaufstelle für europaweite Zertifizierung ist besonders für kleine und mittlere Betriebe wichtig, da sie andernfalls teuer und zeitaufwendig mehrere Zertifikate in verschiedenen Ländern beantragen müssen. Cybersicherheit ist ein typisches Beispiel für eine sinnvolle EU-weite Regelung – ein nationaler Fleckerlteppich funktioniert hier nicht, da in diesem Fall immer Sicherheitslücken offen bleiben würde.

Wirtschaft und Klimaschutz werden oft als Gegensätze dargestellt. Zu Recht?

Das passiert in der öffentlichen Debatte leider sehr oft, aber das ist absolut populistisch. Dieses klischeehafte Vorurteil ist in Tirol doppelt unzutreffend:  96 Prozent unserer Betriebe haben weniger als sechs Mitarbeiter. Unsere heimischen KMU leben von und mit der Natur und investieren viel in den Umweltschutz. Man braucht sich nur die hohen Investitionen in die thermische Sanierung von Betriebsgebäuden ansehen. Es gibt auch viele Firmen, die in Form von erneuerbaren Energien ihren Strombedarf selbst decken. Wer also plump in „die Wirtschaft“ auf der einen Seite und „die Umwelt“ auf der anderen unterscheidet, der verkennt die Realität am Standort Tirol. Es geht nicht um ein „Entweder-oder“, es geht um ein „Und“: Die Wirtschaft gehört zu unserem Lebensraum einfach dazu.

Besonders seit Donald Trump ist eine neue Ära der Abschottung eingeläutet worden. Warum sehen Sie darin den falschen Weg?

Eine Abschottung schadet allen Beteiligten – das bestätigen alle seriösen Ökonomen. Amerika mag einige kurzfristige Vorteile erzielen, mittel- und langfristig sind Alleingänge definitiv der falsche Weg. Es braucht fairen Handel und ausgewogene Handelsverträge, die allen Seiten gerecht werden. Aus österreichischer Sicht ist ganz klar: Das geht nur auf europäischer Ebene.

Österreich ist kein Niedriglohnstandort, folglich auch kein Land für Billigpreise. Womit können Produkte und Dienstleistungen aus Tirol am Markt punkten?

„Made in Austria“ überzeugt durch sprichwörtliche Qualität. Diese rechtfertigt auch angemessene Preise. Das setzt entsprechende Kompetenzen unserer Fachkräfte und laufende Aus- und Weiterbildung voraus. In diesem Zusammenhang sehe ich die Aufwertung der Lehre als absolut positiv. Die duale Ausbildung hat sich als Erfolgsmodell bewährt und wird von vielen Ländern kopiert. Unsere Lehrlinge erzielen laufend Spitzenplätze bei internationalen Berufswettbewerben – das macht das hohe Niveau unsere Berufsausbildung sichtbar. Wo wir besser werden müssen, ist der Bereich Innovation. Es gilt, vor allem die Rahmenbedingungen für Innovationen zu vereinfachen und auch Förderungen für den Markteintritt für neue Produkte bereitzustellen. Das Innovationsbarometer der Tiroler Wirtschaftskammer zeigt ganz deutlich, dass vor allem Zeitaufwand und bürokratische Hürden Innovationen einbremsen.

Die Wahlbeteiligung ist immer wieder eine große Herausforderung, speziell bei EU-Wahlen. Was sagen Sie Menschen, die noch unentschlossen sind, ob sie wählen? Warum sollen sie zur Wahl gehen?

Weil es besser ist, selbst zu entscheiden als fremdbestimmt zu werden. Und weil die EU zwar immer besser, effektiver, schlanker werden muss – aber es gibt keine Alternative zur Europäischen Union. Ich kann hier nur den Kanzler zitieren: „Man ist kein Anti-Europäer, nur weil man Europa besser machen will.“ Das ist letztlich auch ein unternehmerischer Zugang: Jeder Unternehmer arbeitet täglich daran, seinen Betrieb zu verbessern. Und keiner würde ihm vorwerfen, dass daran etwas falsch ist.

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