Generation Selbstbewusst: Mädchen in typischen Männerberufen

In Tirol können Jugendliche aus rund 150 Lehrberufen auswählen. Mädchen beschränken sich meist immer noch auf die gleichen. Nicht so Nutchada Phuseedin und Hanna Haselwanter  – die beiden absolvieren eine Lehre als Maurer bei der Firma Porr Bau GmbH und brechen mit typischen Rollenbildern.

Was du bist Maurerin? Das glaube ich nicht“, ist meist die erste Reaktion auf Nutchada Phuseedins Berufswahl. Sie ist 19 Jahre alt, zierlich gebaut und schleppt als Maurer-Lehrling Ziegel und Beton auf der Baustelle herum. Wäre sie ein Junge, würde das als ganz natürlich betrachtet werden. Buben bauen und montieren nun mal gern. Aber ein Mädchen? Bereits im zarten Alter von zehn Jahren besaß Nutchada Phuseedin einen Computer und beschäftigte sich mit Spielen, bei denen Häuser gebaut und konstruiert wurden. Ihr ursprünglicher Berufswunsch war bautechnischer Zeichner. Schlussendlich hat sie sich für eine Lehre mit Matura entschieden und möchte nach Abschluss Architektur studieren. „Um 7:00 Uhr früh startet unser Arbeitstag auf der Baustelle. Mauern, Fundamente ausheben, schalen, verputzen von Wänden. Ich mache alles, was gerade anfällt und wofür ich eingeteilt werde“, so die junge Obsteigerin lachend. „Die Baulehre macht richtig Spaß und die Muskeln verändern sich fast täglich, ich bin mittlerweile richtig stark geworden.“

Hanna hat vor Beginn ihrer Lehre für zwei Jahre die HBLA West in Innsbruck besucht und verfolgte ursprünglich den Berufswunsch der Juristin. Doch schnell war für sie klar: „Ich will nicht sitzen, ich will etwas anpacken“. Beim Tag der Lehre hat sie sich verschiedene handwerkliche Lehrberufe angeschaut, bis sie die Maurer-Lehre bei der Porr Bau Gmbh gestartet hat. Sie ist heute im dritten Lehrjahr und noch immer begeistert: „Am Ende des Tages sehe ich immer ein Ergebnis und das ist großartig. Momentan bin ich bei den Betonierern eingeteilt, wir bauen gerade eine Wohnanlage mit 180 Wohnungen in Innsbruck“, erklärt Hanna. Nach ihrer Lehre will sie die Polierschule besuchen und Baumeister werden.

Durchhaltevermögen gefordert

Kolleginnen haben die beiden Lehrlinge keine, denn die meisten Mitarbeiter sind männlich. Für die Mädchen kein Hindernis: „Wir sind schlagfertig und können uns auch mal gegen blöde Sprüche wehren. Ich habe früher Fußball gespielt und auch da waren nur Jungs, das ist für uns kein Problem“, so Hanna überzeugt. Nach wie vor entscheiden sich junge Frauen vornehmlich für typische Frauenberufe wie Einzelhandelskauffrau, Bürokauffrau oder Friseurin. Die Arbeit und das Leben auf der Baustelle bedarf Durchhaltevermögen: Es ist körperlich anstrengend, der Umgangston ist oft rauer, es ist kalt, dann wieder heiß und auch mal nass. In ihrem Freundeskreis sind Nutchada und Hanna die einzigen Mädchen, die einen typischen Männerberuf gewählt haben. Finanziell betrachtet aber kein Nachteil, im Gegenteil, wie die Mädchen bestätigen. „Was wir verdienen, ist im Vergleich zu anderen Lehrlingen schon ein großer Unterschied.“.

Die Leistung zählt

Franz Krammer ist Lehrlingsausbilder der Porr Bau Gmbh in Kematen. Mit dem weiblichen Nachwuchs ist er mehr als zufrieden. Derzeit absolvieren insgesamt 38 Lehrlinge in den Bereichen Hochbau, Tiefbau, Zimmerei und Spenglerei ihre Ausbildung bei Porr. „Bisher haben insgesamt drei Mädchen eine Lehre am Bau bei uns absolviert. Durchschnittlich ist bei 20 Bewerbungen eine weibliche Interessentin dabei“, so Krammer. Die Mädchen durchlaufen bei ihrer Lehre die verschiedenen Stationen, welche fast sämtliche Bauleistungen umfassen – vom Tief- über Hochbau bis zum Sanieren. Auch die Projekte variieren von der Klein- bis zur Großbaustelle. „So bekommen die Lehrlinge schnell einen Überblick und lernen ihre Stärken kennen. Zu Beginn wird mit Material- und Werkzeugkunde gestartet und dann werden schon erste Erfahrungen auf der Baustelle gesammelt. Dort läuft alles über Leistung und es wird einem schnell klar, ob der Maurer-Beruf die richtige Wahl ist oder nicht.“

Die jungen Frauen sind fleißig, arbeiten sehr genau, sind integriert und bringen ihre Kraft genauso ein wie die Männer. „Bevor die Mädchen auf den Bau gekommen sind, wurde die Mannschaft darauf vorbereitet. Denn in einem männerdominierten Job dürfen die Mädchen nicht auf den Mund gefallen sein. Zudem haben sie ihren eigenen WC-Schlüssel und in der Umkleide warten die Mädchen, bis die Männer fertig sind, damit keine Unannehmlichkeiten auftauchen. Das läuft bis jetzt reibungslos“, erzählt der Lehrlingsausbilder zufrieden.

Traditionelle Rollenbilder aufbrechen

Die moderne Berufswelt hat unendlich viele neue Möglichkeiten für Mädchen im Handwerk und in der Technik, die gewählt werden können. „Meine Eltern sind beide in sozialen Berufen tätig und keiner weiß, warum ich bautechnisch interessiert bin. Die Baustelle ist mein zweites Zuhause und genau da gehöre ich hin“, so Hanna schmunzelnd. „Man sollte das Berufsverhalten generell aufbrechen“, so die beiden weiblichen Maurer-Lehrlinge Nutchada und Hanna. „Wir sind fit und erzielen tolle Leistungen in der Schule. Es braucht nicht nur in der Gesellschaft einen gewissen Meinungswandel, auch bei jungen Frauen und bei den Eltern.“

 

Bestimmungen des ArbeitnehmerInnenschutzgesetzes (AschG)

Immer wieder scheuen Lehrbetriebe die Aufnahme von Mädchen in technische Lehrberufe, weil sie befürchten, sich damit zu aufwändigen Umbauten zu verpflichten. Zum Beispiel wird vielfach angenommen, dass bei der Einstellung eines weiblichen Lehrlings eigene Toiletten, Wasch- und Umkleideräume zu errichten wären. Diese Sorge ist aber in den meisten Fällen unbegründet.
Lesen Sie dazu mehr: Mädchen können Männerberufe: Unternehmen auch!

 

Erfahrungsaustausch am Girls' Day
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