Netzwerk Berg: Zusammen in die Zukunft

Mit einer spritzigen Auftaktveranstaltung im Festsaal der WK Tirol wurde kürzlich das „Netzwerk Berg“ ins Leben gerufen, um gemeinsam an der Zukunft zu arbeiten. „Wir haben alle die gleiche DNA – die Tourismus-DNA“, beschrieb Initiatorin Katrin Brugger die starke Ausgangslage für intensive Zusammenarbeit.

Es waren mehr als Rosen, die Bernhard Riml der Obfrau des Tiroler Sportartikelhandels, Katrin Brugger, da am Ende des Vortragsreigens im Festsaal der WK Tirol streute. Der Obmann des Ötztal Tourismus und führende Sportartikelhändler in der diesbezüglich sehr „dichten“ Gemeinde Sölden lobte nicht nur die Initiative Katrin Bruggers zum Netzwerk Berg, dessen erste Fäden hier eindrucksvoll verbunden wurden.

Riml machte auch das Leitthema dieses Netzwerkes deutlich: „Wenn ein Gast mit dem Skiverleih, dem Hotel oder der Bergbahn in Sölden unzufrieden war, sagt er nach dem Urlaub nicht, dass der Skiverleih, das Hotel oder die Bergbahn nix war. Nein, er sagt, Sölden war nix.“

Die Wahrnehmung eines Gastes passiert in gewisser Weise ganzheitlich und mit dem Prinzip des pars pro toto – ein Teil steht für das Ganze – drängt sich die Sinnhaftigkeit des Netzwerkes Berg, also einer Zusammenarbeit aller Beteiligten und der Abschied vom beengten Blick auf ausschließlich das eigene Unternehmen, die eigene Branche, regelrecht auf. So schonungslos wie chancenreich.

Schonungslos, weil die Dynamik des sich ständig verändernden Marktes in den kommenden Jahren noch viel stärker mit gemeinsamen Strategien beantwortet werden muss. Chancenreich, weil alle in Tourismus und Freizeitwirtschaft involvierten Stakeholder – vom Gastronomiebetrieb über die Seilbahnen, vom Wanderführer über die Bergretter bis hin zum Sportartikelhandel, gefordert sind, Urlaub und Freizeit für Gäste und Einheimische zum Highlight zu machen. Gemeinsam.

„Veränderte Reise- und Buchungsgewohnheiten unserer Gäste, die permanente Präsenz in den sozialen Medien und ihre Unwägbarkeiten fordern auch die Tiroler Tourismus- und Freizeitwirtschaft. Neue Philosophien, Konzepte und Lösungsansätze sind gefragt, um den sich ständig wandelnden Ansprüchen gerecht zu werden“, wurde die Herausforderung in der Einladung formuliert, der zahlreiche Gäste folgten, die kürzlich den Festsaal der WK Tirol füllten und dabei begonnen haben, das Netzwerk Berg zu beleben.

Sportliche Werte

„Wir haben alle die gleiche DNA – die Tourismus-DNA“, beschrieb Katrin Brugger gleich eingangs die starke Ausgangslage für die Zusammenarbeit. Vor diesem Hintergrund hat die Obfrau des Tiroler Sportartikelhandels alle Stakeholder bzw. Mitstreiter eingeladen, um große Blicke in die Zukunft zu werfen. 680 Sportartikelhändler zählt das Land.

Über 800 Stores und über 300 Sportartikelverleiher bzw. -vermieter erwirtschaften jährlich einen Umsatz von rund 360 Millionen Euro und ihre 2.500 bis 3.000 Mitarbeiter sind sehr nah dran – am Thema Nummer eins.  „Ich möchte den Tourismus aus einem anderen Blickwinkel betrachten. 58 Prozent aller Übernachtungen sind als sportrelevant einzustufen. Da müssen wir alle miteinander dazu beitragen, dass das rund läuft. Wir müssen uns wappnen, über zehn Jahre hinaus denken und Impulsgeber sein“, so Brugger.

In diese von einem großen Wandel geprägte Zukunft blickte Ralf Roth, Professor an der deutschen Sporthochschule Köln, wo er dem Institut für Natursport und Ökologie vorsteht, als erster Vortragender des Abends. „Wir reden heute zwar über Tirol – wir müssen aber viel früher anfangen, im Quellgebiet, in den urbanen Räumen, wo über kurz oder lang 60 bis 70 Prozent der Menschen Europas leben. Dort müssen wir sie abholen, an der Hand nehmen und den Bergen zuführen“, lenkte Roth den Blick eben in diese Quellgebiete des Tiroler Tourismus. Deutsche Städte wachsen nicht nur, sie verändern sich und damit auch ihre Einwohner.

Ökologischer Fußabdruck

So sind die Gäste der Zukunft – die Schüler und Studenten – heute vielfach bei den großen Klimaprotesten und -demos zu sehen, mit denen sie nicht nur mehr Klima- und Umweltbewusstsein der Regierungen dieser Welt einfordern, sondern auch die Urlaubsdestinationen herausfordern.

„Ein Drittel unserer Studierenden hat keinen Führerschein und damit auch kein Auto mehr“, so Roth. Wollen sie trotzdem in die Berge gebracht werden, muss dies zwingend auf anderen Wegen passieren. „Wie die Gäste heute zu Ihnen kommen, ist nicht zukunftsfähig, es ist Zeitverschwendung, Luftverschmutzung, teuer, schwierig für Familien und nicht zeitgemäß“, drückte Roth den vollgepackten Straßen einen Zeitstempel auf und stellte fest: „Da müssen in den nächsten Jahren ganz neue Zugänge ermöglicht werden. Es ist wichtig, dass uns das gelingt.“

Wichtig ist das auch, weil der ökologische Fußabdruck – dieses immer stärker werdenden Leitmotiv – bei einem Urlaub in den Alpen selbst bei einer Anfahrt mit dem Pkw um ein Vielfaches geringer ist, als bei einem Flug nach Übersee. Das sind durchaus überzeugende Fakten und das Thema muss, so Roth, gestaltet und viel mehr gespielt werden.

Selbstverständlich spielt das Klima auch eine große Rolle bei der so herrlich vielfältigen Grundlage des Wintersports. Dem Schnee. Von Jahr zu Jahr zeigt die gefallene Menge zwar ein großes Auf und Ab, doch klar ist, dass mit der Erwärmung Rückgänge in den Schneebereichen erwartet werden müssen. Interessanterweise haben Studien ergeben, dass sich diese Rückgänge auf den Früh- und den Spätwinter konzentrieren werden, nicht so sehr auf den Kernwinter.

Nicht minder interessant ist auch, dass das für schifahrende deutsche Gäste weniger relevant ist. „Wir fahren nicht mehr Ski, wenn der Winter länger wird. Ob der Winter 60, 80 oder 120 Tage hat – die Deutschen fahren im Schnitt ihre 20 Tage Ski“, betonte Roth die Wichtigkeit, diese Daten, die auf www.stiftung.ski nachgelesen werden können, ernst zu nehmen und die Produkte anzupassen.

300 Millionen Wintersporttage

Apropos Produkte. Schnee bleibt ein Erlebnisgut der Sonderklasse, weil er – auf den Pisten entsprechend modelliert – möglich macht, dass 3-Jährige und 99-Jährige gemeinsam auf ihm fahren können. Dass im Alpenraum mit den rund 160 Millionen Skierdays 45 Prozent des Weltanteils erzeugt werden, macht Schnee zudem zu einem Wirtschaftsfaktor der Sonderklasse.

„Doch der Höhepunkt im Wintersportbereich ist erreicht. Wir haben eine Konsolidierungsphase und werden dieses Angebot nicht halten können“, lenkte Roth den Blick nicht nur auf eine Harmonisierung der Saisonen und die Tatsache, dass alle Destinationen versuchen werden, an 300 Tagen im Jahr attraktive Angebote zu bieten. Roth machte auch darauf aufmerksam, dass künftig davon ausgegangen werden muss, dass die Gäste zwei bis drei Wintersportarten betreiben. Ein geschicktes Gesamtpaket umfasst deswegen nicht nur perfekte Pisten, sondern auch die Infrastruktur für Nordisches Gehen, Tourengehen, Schneeschuhlaufen et cetera. „Der Bereich Winterwandern nimmt in zunehmendem Alter zu, Rodeln und Tourengehen nehmen ab und Skilanglauf ist durchgängig ein großes Thema“, so Roth.

Vor diesem Hintergrund wird auch nicht mehr über Skierdays, sondern über Wintersporttage gesprochen, von denen die Deutschen etwa 300 Millionen pro Jahr zelebrieren und Roth hielt zur Kraft dieser Tatsache fest: „Zirka 40 Prozent der Deutschen sind Bewegungsverweigerer. Aber von den sportlich aktiven Deutschen betreiben 63 Prozent Wintersport. Das ist ein enorm hoher Wert. 17 Milliarden Euro werden jährlich in diesem Segment ausgegeben.“

Dies ist eine ebenso gute Nachricht, wie die unzerstörbare Anziehungskraft der Berge, die für in urbanen Verdichtungsräumen lebende Menschen ein Sehnsuchtsort sind und bleiben. Um diesen Gunstraum erfolgreich zu bespielen, sind – wie Roth betonte und den Nerv der Veranstaltung traf – strategische und von den Kernleistungsträgern gemeinschaftlich erarbeitete Konzepte nötig. Für den Winter wie den Sommer.

In die Schuhe des Gastes

Darüber, wie Design Thinking im Tourismus ermöglicht, die Gäste nicht nur abzuholen, wo und wie sie sind, sondern sie auch zum Wiederkommen zu bewegen, referierte anschließend Michael Steingress von More than Metrics in atemberaubendem Takt.

Um nachvollziehen zu können, warum Steingress die Stakeholder dazu aufforderte, in die Schuhe des Kunden zu schlüpfen, räumte er beispielsweise mit einem längst überholten Zugang auf. Wird ein Kunde damit beschrieben, 1948 geboren, britischer Staatsbürger, Person des öffentlichen Interesses mit einer Liebe zu Wein wie Hunden und zudem ein Prinz zu sein, könnte es sich dabei nicht nur um Prince Charles handeln, sondern auch um den „Prince of darkness“ Ozzy Osbourne – Leadsänger der Heavy Metal-Band Black Sabbath. „Die beiden erwarten sicher nicht dasselbe“, stellte Steingress etwa fest, dessen Selbstverständlichkeit sich erst erschließt, wenn der Kunde König wird – im Fall des Prinzen von Wales wenigstens in seinem Urlaubsort.

Dort kommt den einzelnen Sporterlebnissen eine enorme Strahlkraft zu, wie Martin Schnitzer (Institut für Sportwissenschaft der Universität Innsbruck) im den Abend abrundenden Vortrag festhielt und etwa am Beispiel der Area 47 oder dem Mountainbikefest Crankworx die nachhaltig wirkenden Eindrücke wissenschaftliche untermauerte.

Umfangreich gewappnet, konnten die Gäste dieser Auftaktveranstaltung daran gehen, die ersten Fäden des Netzwerk Berg zu verbinden. Professor Roth hatte ihnen ein eindrückliches Motto mit auf den gemeinsamen Weg gegeben: „Tourismus und Erlebnis ist die Kunst, auf den Bauch zu zielen und die Brieftasche zu treffen.“

Bild oben: Zuversichtlich für die Zukunft des Tourismus in den Alpen: die “Netzwerk-Berg”-Referenten Martin Schnitzer, Michael Steingress und Ralf Roth (v. l.) mit der Sprecherin des Tiroler Sportartikelhandels Katrin Brugger (r.) und Gremialgeschäftsführerin Karolina Holaus (Mitte).

 

Netzwerk Berg
Diesen Post teilen
X

Ihre Anmeldung für aktuelle Tiroler Wirtschaftsnews – Fast geschafft!

Bitte überprüfen Sie Ihren E-Mail-Eingang. Sie erhalten in Kürze unter der angegebenen E-Mail-Adresse eine Nachricht mit einem Bestätigungslink.
Ein Klick auf den Bestätigungslink schließt die Anmeldung ab.

Sehen Sie gegebenenfalls unter „Werbung“ oder „Spamverdacht“ nach, sollten Sie die E-Mail nicht in Ihrem normalen Posteingang finden.

Jetzt Newsletter abonnieren und regelmäßig personalisierte Tiroler Wirtschaftsnews erhalten!
(Ihre Daten werden vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben)

Bitte warten, Sie werden angemeldet!
Bitte füllen Sie alle Felder aus!