Chancen in Zentral- und Osteuropa nützen

In Zeiten großer wirtschaftlicher Herausforderungen ist es auch für klein- und mittelständische Tiroler Unternehmen wichtig, sich international sehr breit aufzustellen.

Die zentral- und osteuropäischen Länder bieten dafür überdurchschnittlich gute Chancen, war der Tenor beim jüngsten Wirtschaftsdelegierten-Sprechtag „Südost- und Zentraleuropa“ in der Wirtschaftskammer Innsbruck.

Das Wachstum in den zentral- und osteuropäischen Ländern liegt nach wie vor weit über dem Durchschnitt der OECD und weit über den Raten West-Europas. Vier Prozent gab es im Vorjahr etwa in der Slowakei: „Das Land ist für Tiroler Unternehmen hochinteressant“, sagt Cornelia Reibach-Stambolija, Wirtschaftsdelegierte in Pressburg. Es gibt Exportchancen, aber auch die Möglichkeit, dort zu produzieren.

Österreich ist der zweitgrößte Investor in der Slowakei und Österreicher haben in der Slowakei einen guten Ruf. Eine gute Zusammenarbeit gibt es etwa im Industrie- und Metallbereich. So hat die Tiroler Firma PACT Technologies in Innsbruck drei Werke in der Slowakei, berichtet Reibach-Stambolija.

Polen hatte sogar fünf Prozent Wachstum im Vorjahr, das war Europa-Spitze, sagt Karl Schmidt, Wirtschaftsdelegierter in Warschau. Und auch für heuer sind weitere vier Prozent vorausgesagt. Polen hat derzeit eher ein Luxusproblem: Woher die Arbeitskräfte für den Aufschwung nehmen? Österreich kann vom Aufschwung profitieren. Im Vorjahr gab es ein zwölfprozentiges Exportplus auf knapp fünf Milliarden Euro. Das Land ist Öster­reichs achtgrößter Exportmarkt. Österreichische Firmen haben 550 Nieder­lassungen in Polen. Ganz stark gefragt sind aktuell etwa österreichische Unternehmen aus dem Umweltbereich. Österreich war bei der jüngsten Klima­konferenz in Katowice auch mit einem Pavillo­n vertreten und präsentierte seine nachhaltigen Unter­nehmensprodukte und -dienst­leistungen. U. a. war auch das Holzunternehmen Egger aus St. Johann dabei vertreten, wie Schmidt berichtet.

Die Kaufkraft der Kunden steigt

Chancen gibt es aber auch für Tiroler Metall- und Autoteile-Lieferanten sowie sogar für Lebensmittelhersteller. Immerhin gingen im Vorjahr Lebensmittel im Wert von 200 Millionen Euro von Österreich nach Polen: „Die Kaufkraft in Polen steigt, die Leute waren zum Teil schon auf Urlaub in Österreich und wollen die Lebensmittel, die sie hier kennen gelernt haben, auch zu Hause haben.“

Die Tiroler Rohre GmbH in Hall ist schon in etlichen osteuropäischen Ländern gut im Geschäft, etwa in Polen. Den jüngsten Wirtschaftsdelegierten-Sprechtag nutzte Romana Waldenhofer, internationale Vertriebsmanagerin bei der Tiroler Rohre GmbH, um von den Experten Informationen über geplante Infrastrukturprojekte zu erhalten, die für die Tiroler Rohre eine Chance eröffnen: große Wasserprojekte oder Beschneiungsanlagen. Dafür liefern die Haller Qualitätsrohre, die weltweit Ansehen genießen.

Und Schneekanonen sind mittlerweile schon in Ländern wie Bosnien, Rumänien, Polen oder Kroatien im Einsatz. Und werden weiter installiert. Weil die Schneesicherheit immer wichtiger wird, wie Waldenhofer berichtet. Grund dafür sind die hohen Investitionssummen, die heute in Skigebiete fließen. Sie rechnen sich nur, wenn die Anlagen dann auch tatsächlich lange betrieben werden. Das fördert das Beschneiungsgeschäft. Dazu komme, dass Schneeanlagen nicht nur im Alpinskibereich zum Einsatz kommen, sondern zunehmend für Loipen und Sprungschanzen.

Und im Wasserbereich profitiert die Tiroler Rohre GmbH vom Trend zur Nachhaltigkeit, sprich: zur langfristigen Sicherheit der Wasserqualität. Das ist auch in Osteuropa ein immer wichtiger werdendes Thema. Es gebe jedenfalls Nachholbedarf in Osteuropa, sagt Waldenhofer. Große Hoffnungsmärkte sind z. B. Polen und Rumänien. Beide Länder profitieren von EU-Geldern, die dorthin für Infrastrukturprojekte fließen. Die Tiroler Rohre wollen hier verstärkt liefern.

Markus Noppeney, Geschäftsführer des Personaldienstleisters BBO People in See im Paznauntal, holte sich beim Wirtschaftsdelegiertensprechtag Informationen über neue Wege, Personal aus Osteuropa zu gewinnen. Noppeney vermittelt Arbeitskräfte u. a. für die heimischen Tourismusbetriebe. Er arbeitet besonders gerne für Tiroler Kleinbetriebe. Das ist zwar arbeitsaufwändig, dafür gibt es von Seiten dieser Betriebe in der Regel auch absolute Handschlagqualität, lobt Noppeney.

Und seine Dienste werden gerne in Anspruch genommen, weil er eben gute Kontakte in viele Ländern hat und darauf achtet, dass die Bedürfnisse der Unternehmen mit denen der Arbeitskräfte größtmöglich in Einklang gebracht werden, dass also die Dienstnehmer auch gut zu den jeweiligen Betrieben passen, wie Noppeney sagt.

Sein Problem ist aktuell eher, das sich die Arbeitsmarktsituation in Osteuropa zuletzt teilweise sehr verbessert hat. In Polen z. B. ist die Arbeitslosenrate derzeit niedriger als in Österreich. Somit wird es schwierig, Arbeitskräfte nach Österreich zu vermitteln. Für die Mitarbeiterrekrutierung arbeitet Noppeney inzwischen stark mit einem Tiroler Dienstleister zusammen, der über die sozialen Medien das Interesse der Leute an Tirol weckt: „Ohne soziale Medien ginge es heute nicht mehr in unserer Branche.“

Rechtssicherheit ermöglichen

Andreas Winklmayr von der Firma Vizrt in Vomp, die Technologien für die weltweite digitale Medienbranche erstellt, war schon vor zwei Jahren bei einem Wirtschaftsdelegiertensprechtag. Man erhält immer gute Empfehlungen und gute Kontakte, sagt er. Für das Vomper Unternehmen ist es wichtig, zu erfahren, wie es an regionales Know-how in den Bereichen Steuerberatung, Lohnverrechnung und Arbeitsrecht kommt, wenn Vizrt z. B. ein lokales Office in einem Exportmarkt eröffnet. Derzeit gibt es dazu in Osteuropa keine konkreten Pläne, aber frühzeitige Informationen sind wichtig: Winklmayr: „Wir wollen einfach sichergehen, dass wir von Anfang an rechtlich korrekt unterwegs sind.“ Ein interessanter Markt für Vizrt ist zum Beispiel Rumänien: „Die Rumänen sind gut ausgebildet, sind leistungsbereit, kreativ und zeigen grundsätzlich großes Commitment für ihre Firma. Das sind gute Voraussetzungen.“

Herbert Empl, Seniorchef des Empl-Fahrzeugwerks mit Sitz in Kaltenbach, ist in einigen osteuropäischen Märkten schon sehr erfolgreich unterwegs, etwa in Rumänien, Bulgarien, im Baltikum. Aber es gebe noch großen Nachholbedarf in diesen Ländern für Sicherheits-Spezialfahrzeuge, wie sie Empl anbietet, von Polizeifahrzeugen bis zu Löschfahrzeugen.

Zwar ist die Nachfrage nach solchen Produkten zuletzt etwa im arabischen Raum zurückgegangen, weil die niedrigen Ölpreise die Budgets dieser Länder gedrückt haben. Doch Empl verkauft nach wie vor auf einem ordentlichen Niveau, wie Herbert Empl berichtet. Das Familienunternehmen versucht, sich international möglichst breit aufzustellen und verfolgt dabei eine langfristige Strategie. Dazu diente auch der Besuch des Wirtschaftsdelegiertensprechtags in Innsbruck. Empl schätzt ihn als Möglichkeit, im persönlichen Gespräch Aufschluss über die politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen in den Exportmärkten zu bekommen.

Einen Fuß in die Türe bekommen

Elvira Beyer von der Anita Dr. Helbig GmbH in Kuf­stein, war es beim Sprechtag wichtig, fundierte Wirtschaftsprognosen für bestimmte Märkte zu erhalten. Osteuropa ist ein Hoffnungsmarkt für den Hersteller von Spezial-BHs und Brustprothesen. Die wirtschaftliche Entwicklung in den osteuropäischen Märkten sei beeindruckend. Die Anita Dr. Helbig GmbH rechnet mit guten Zukunftschancen: „Über Nacht geht zwar nichts, aber wir wollen einen Fuß in der Türe haben“, berichtet Beyer.

Alfons Klausner, von der Innio Jenbacher & Waukesha (die ehemaligen Jenbacher Werke), war auch beim Sprechtag. Seit November 2018 arbeiten die Jenbacher nicht mehr im Verbund des General-Electric-Konzerns und müssen sich jetzt auf eigenen Standbeinen profilieren. Das sei eine große Chance, sagt Klausner. Der General Electric-Vertrieb vertrat ein großes Produktportfolio, jetzt dagegen könne man sich genau auf die Jenbacher Produkte konzentrieren. Beim Wirtschaftsdelegiertensprechtag holte sich Klausner Informationen auch über politische und  wirtschaftliche Veränderungen in den osteuropäischen Märkten. Die Firma ist dort zwar teilweise schon sehr gut eingeführt, aber die politische Situation sei manchmal sehr volatil und schwer berechenbar. Der Sprechtag gab hier wertvolle Infos.

 

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