Jungholz: Der Abschied vom Mammon

Einst war Jungholz schillernder Veranlagungs-Hotspot und der Ort mit der höchsten Bankendichte der Welt. Die Steuervorteile für deutsche Anleger sind längst verschwunden, die letzte Bank dürfte bald zusperren. Was bleibt, sind große Herausforderungen und Geschichten, die an den Wilden Westen erinnern.

REPORTAGE

Anfang war es fast ein bisschen, wie im Wilden Westen“, schmunzelt Harald Wanke, „allerdings haben die österreichischen Banken in Jungholz die Chance sehr genützt und sind in der Veranlagungsqualität wirklich top geworden.“ In diesen zwei Sätzen fasst der Obmann der Sparte Bank und Versicherung der Tiroler Wirtschaftskammer recht knackig zwei Gegebenheiten zusammen, die wohl ewig mit Jungholz in Verbindung gebracht werden.

Jungholz, die Tiroler Exklave im bayerischen Allgäu, die lediglich durch einen kleinen, auf 1.636 Metern Höhe verorteten Punkt mit Österreich verbunden und ausschließlich über Deutschland zu erreichen ist, war über viele Jahre das El Dorado der heimischen Bankenszene.

Die Vergleiche mit dem Wilden Westen haben durchaus reale Hintergründe, sind doch vornehmlich deutsche Anleger mit Koffern oder Rucksäcken voller Geld nach Jungholz gereist. Nicht nur die schöne Landschaft war es, die in den eigensinnigen Tiroler Zipfel mitten im Allgäu lockte. „Es war die Zeit, in der – sehr, sehr stark steuerlich indiziert – deutsche Anleger ihre Gelder dort veranlagt haben“, weiß Wanke.

Es war ein Schlupfloch

Sehr, sehr stark steuerlich indiziert ist eine schöne Umschreibung der Triebfeder, die hinter der goldenen Ära der rund 300 Einwohner zählenden Gemeinde steckt. Das österreichische Bankgeheimnis verwandelte den Ort ab den 1980er-Jahren zu einer Art Steueroase für Vermögende aus dem nahen Nachbarland. Bösere Zungen sprachen vom „Geschäftsmodell Schwarzgeld“ oder von Jungholz als idyllischem Steuerhinterziehungs-Standort mitten in Deutschland. Tatsache ist jedenfalls, dass die Tiroler Banken, die sich bald häuslich in Jungholz einrichteten, ein Schlupfloch nützten.

„Es war ein Schlupfloch, das ist richtig – es war aber vollkommen legal“, erklärt Harald Wanke, bis 2018 Vorstand der Sparkasse Schwaz. Von der Silberstadt aus beobachtete er die Jungholzer Entwicklungen „neidvoll“. Kein Wunder, war es doch richtig viel Geld, das den in der Exklave arbeitenden Mitarbeitern der Volksbank, der Sparkasse und der Raiffeisenbank Reutte zur Veranlagung übergeben wurde.

500 euro money banknotes background. Five hundred notes of European Union currency. Stack of euro money cash close-up. Concept of bank, stock and wealth.

Richtig viel Geld: Rund vier Milliarden Euro waren zeitweise bei den drei Jungholzer Banken deponiert. Foto: AdobeStock/scaliger

Vier Milliarden Euro

Von rund vier Milliarden auf den drei Jungholzer Banken „liegenden“ Euro war beispielsweise noch im Jahr 2008 die Rede. Um die Zahl fassen zu können, mag der Hinweis, dass das Tiroler Landesbudget 2019 mit 3,7 Milliarden Euro beziffert wird, nützlich sein. „Ich gehe davon aus, dass der deutsche Anleger immer darauf hingewiesen wurde, dass er sein Geld in Deutschland zu versteuern hat. Das hat man sicher gemacht“, sagt Karina Konrad.

Sollte der eine oder andere betuchte Tirol-Tourist diesem Hinweis nicht nachgekommen sein, lag die Verantwortung dafür (noch) nicht bei den Banken. Karina Konrad ist seit der Gemeinderatswahl 2016 Bürgermeisterin von Jungholz. Sie ist selbst Bankbetriebswirtin, hat nach ihrer Ausbildung in Deutschland für die Raiffeisenbank Reutte – in Reutte und in der Schweiz – gearbeitet und ist überzeugt, dass die Geschichten über die Koffer voller Geld, mit denen die Anleger in ihren Heimatort reisten, „sicherlich nicht ganz übertrieben“ sind.

“Das ist ein großer Einschnitt. Damit sind die größten Kommunalsteuerzahler weg.”
Karina Konrad

Die Bürgermeisterin ist mehr oder weniger mit den Banken groß geworden. Sie hat deren Glanzzeiten miterlebt, die aufgrund der satten Kommunalsteuern auch die Glanzzeiten der Kommune waren – und nun muss sie den Umstand meistern, dass mit der Raiffeisenbank Reutte auch die letzte Bank mit dem Gedanken spielt, sich zu verabschieden. „Das ist ein großer Einschnitt. Damit sind meine größten Kommunalsteuerzahler im Endeffekt weg“, stellt Konrad fest. Ihre Wortwahl zeigt, dass sie nicht damit rechnet, dass das Rad zurückgedreht werden kann.

Mit der Zinsinformationsverordnung der EU war das Schlupfloch im Jahr 2004 enger geworden, trotz Widerstand weichte das österreichische Bankgeheimnis zunehmend auf, der grenzüberschreitenden Steuerflucht wurde 2014 ein Riegel vorgeschoben und die Steueramnestie für diesbezüglich reuige deutsche Sünder wurde zu einem weiteren Grabstein für das einst florierende Geschäftsmodell. Ein wenig bissig titelte beispielsweise eine deutsche Tageszeitung im August 2014 einen Bericht zum Thema mit „Kein Schwarzgeld, kein Geschäft für die Banken“. Die neuen Steuergesetze hatten die legale Grauzone verdunkelt.

Der Bankenexodus

„Die Geschäftsstellen machten eigentlich keinen Sinn mehr“, weiß Spartenobmann Wanke. Vor dem Hintergrund ist es recht erstaunlich, dass der große Bankenexodus Jungholz erst 2014 so richtig erfasste. Volksbank und Sparkasse zogen ihre hochqualifizierten Mitarbeiter ab und verkauften ihre Niederlassungen im fernen Stück Tirol.

Als das Bergdorf die Anlegerhochburg schlechthin gewesen war, hatten rund 150 Bankmitarbeiter hier gearbeitet, nicht einmal 30 sind übrig geblieben und auch deren Zeit scheint abgelaufen zu sein. Anfang 2019 gab die Raiffeisenbank Reutte bekannt, dass über die Zukunft ihrer Bankniederlassung „Bankhaus Jungholz“ nachgedacht werde. Obwohl der neue Vorstandsvorsitzende der Bank, Wolfgang Hechenberger, gegenüber den Medien betonte, dass noch keine Entscheidung getroffen worden sei und es nach all den Jahren auch Verpflichtungen gegenüber Jungholz gäbe, geht kaum jemand davon aus, dass der Konzern den Standort noch lange aufrechterhält.

Ein wenig Nostalgie scheint durchaus angebracht. Jahrzehntelang war das Bankhaus Jungholz das Flaggschiff des Institutes gewesen. „Die Jungholzer Banken bzw. Niederlassungen haben sich im Veranlagungsgeschäft wirklich hervorgetan. Sie haben diesem Bereich einen Schub verpasst, denn die anderen Banken des Landes wollten da nicht zurückstehen“, betont Wanke die Strahlkraft des im Bergdorf zelebrierten Private Banking Know-hows.

Erst im Dezember 2018 wurde das Bankhaus Jungholz zum 16. Mal in Folge mit dem Premium-Prädikat „Summa cum laude“ ausgezeichnet und damit vom deutschen „Handelsblatt“ und dem Fachmagazin „Elite Report“ neuerlich an die Spitze der besten Vermögensverwalter im deutschsprachigen Raum gestellt. „Neben dem Bankhaus Jungholz kann nur ein weiterer Vermögensverwalter Deutschlands auf diese Premium-Auszeichnungsserie zurückblicken“, heißt es dazu aus dem Konzern. Jungholz war eine Kaderschmiede für Vermögensmanager und längst ist es dieses Know-how, das die Vermögenden lockt. Über kurz oder lang aber eben nicht mehr in den bizarren Tiroler Ort, dessen Einwohner erst einmal durch das Allgäu fahren müssen, um ins Heimatland zu gelangen.

Spannende Zeiten

Dass auch Bürgermeisterin Karina Konrad mehr allgäuerisch als tirolerisch spricht, verwundert kaum. Die junge Jungholzerin, die vor drei Jahren Langzeitbürgermeister Bernhard Eggel nachfolgte, ist nicht zu beneiden und sie weiß, dass spannende Zeiten auf sie zukommen. „Ich kann schon mit Stolz sagen, dass mein Vorgänger mir eine schuldenfreie Gemeinde überlassen hat. Das war nur durch diese drei Banken möglich“, sagt sie.

Die Kommunalsteuer-Einnahmen wurden geschickt investiert – in Wanderwege, Gebäudesanierungen oder den Bauhof – doch nun muss das Ganze mit stark geschrumpften Einnahmen erhalten und mit dem Tourismus das künftig einzige wirtschaftliche Standbein ausgebaut werden. Geld, um das möglicherweise bald schon frei werdende Bankhaus mitten im Dorf zu kaufen, hat die Gemeinde nicht.

„Es wäre eine Katastrophe, wenn es dunkel wäre“, sagt Konrad, die diesbezüglich auf entgegenkommende Bedingungen seitens der Bank oder auf einen Investor hofft, der das Gebäude lebendig hält: „Der müsste halt in Kauf nehmen wollen, dass in Österreich die Personalkosten und das ganze Drumrum wesentlich teurer sind, als in Deutschland.“ Vieles steht in den Sternen, doch eines ist sicher: Der Mammon bestimmt weiter das Schicksal.

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