Landflucht in Tirol: Zähe Trendwende

Die Landflucht hat in Tirol einen Wettbewerb der Ideen ausgelöst. Viele Maßnahmen wurden schon gesetzt, weitere sind nötig. „Es würde schon helfen, in peripheren Regionen das Kleingewerbe leichter möglich zu machen“, ist Stefan Garbislander überzeugt.

Es ist nicht so leicht zu sagen, warum jemand kommt oder geht“, stellt Hanspeter Wagner fest und umschreibt mit knappen Worten ein „Mysterium“, das im Zusammenhang mit der Landflucht viele politische Köpfe rauchen lässt. Die Abwanderung aus dem ländlichen Raum in Städte respektive in alpinurbane Zentren ist Leitmotiv zahlreicher Konzepte und Masterpläne auf Bundes- wie auf Landesebene.

Ihnen liegt zugrunde, dass aus dem global zu beobachtenden Trend der wachsenden Städte und schrumpfenden Dörfer kein Naturgesetz abgeleitet werden soll. Gegenmaßnahmen werden ergriffen, das Mysterium aber bleibt bestehen. Hanspeter Wagner ist Bürgermeister der Gemeinde Breitenwang im Außerfern. Breitenwang ist Standort für die Firmenzentrale der Plansee Gruppe, was schon traditionell dazu führt, dass die Gemeinde zur Kaiserin des Tiroler Kommunalsteuerrankings gekürt wird. Laut Gemeindefinanzbericht 2018 des Landes Tirol war das auch 2017 der Fall.

Während im kommunalen Landesdurchschnitt 362 Euro pro Kopf eingenommen wurden, zählte Breitenwang 2.059 Euro pro Kopf. Doch die Zahl der „Breitenwanger Köpfe“ schrumpft. „Wir haben trotz Planseewerk einen Einwohnerrückgang, auch, weil die Bautätigkeit in Reutte enorm ist“, erklärt Wagner. Zwar versucht seine Gemeinde mit dem Wohnbau nachzukommen, doch ist der Platz im Vergleich zum nahen Nachbarn beengt und die kommunalen Grenzen sind kaum auszumachen.

“Es gibt vereinzelt junge Menschen, die nach dem Studium zurückkommen, doch ist das leider nicht die große Masse.”
Hanspeter Wagner

Laut Rechercheplattform Addendum, die sich Ende 2018 intensiv mit der Landflucht auseinandersetzte, hat Breitenwang seit 2003 732 Einwohner an Reutte „verloren“ und insgesamt ist die Gemeinde in den letzten 15 Jahren um 10,1 Prozent auf aktuell 1.423 Einwohner geschrumpft. Die Hälfte der ehemaligen Breitenwanger sind dabei nicht weiter fortgezogen als sechs Kilometer, weswegen sie nicht als „Landflüchtige“ bezeichnet werden können. Das Thema beschäftigt Bürgermeister Wagner trotzdem. „Es gibt vereinzelt junge Menschen, die nach dem Studium zurückkommen, doch ist das leider nicht die große Masse“, sagt er.

Der Bürgermeister ist zwar überzeugt davon, dass der große Leitbetrieb die Kraft hat, junge Menschen im Bezirk zu halten – 2018 wurden über 40 Lehrlinge dort aufgenommen – doch reiche das nicht, um den Standort nachhaltig attraktiv zu machen und dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. „Darum ist der Bezirk bemüht, eine HTL zu bekommen. Die Entscheidung liegt beim Ministerium. Für unseren Bezirk wäre es jedenfalls sehr wichtig, die jungen Leute bei uns auszubilden und zu halten“, weiß Wagner.

Dezentralisierung der Bildung

„Wenn die Schüler aus dem Außerfern eine HTL in Innsbruck oder Fulpmes besuchen, gehen sie oft nicht mehr zurück“, bestätigt Stefan Garbislander, Chef-Volkswirt der WK Tirol, eine menschlich leicht nachvollziehbare Entwicklung. Wo in den lebensprägenden Teenager-Jahren zur Schule gegangen wird, werden Verbindungen geknüpft, Beziehungen eingegangen, Wohnungen gefunden, Fühler ausgestreckt und Wurzeln geschlagen.

Die Forderung nach einer Dezentralisierung der Bildungseinrichtungen ist vor dem Hintergrund ein entscheidender Punkt in den Plänen wider die Landflucht. „Auch die Mobilität oder der Ausbau der digitalen Infrastruktur spielen eine große Rolle“, sagt Garbislander. Tirol, wo bezüglich der Aufrechterhaltung der gesunden bzw. überall belebten Landesstruktur Konsens herrscht, ist sowohl beim Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs als auch beim Breitbandausbau nicht schlecht unterwegs.

Osttirol zelebriert beispielsweise eine Vorreiterrolle in der Versorgung der ländlichen Bevölkerung mit blitzschnellem Lichtfasernetz und mit dem Bau der Regionalbahn im Tiroler Zentralraum wird dort bereits größer gedacht. „Der Metropol- oder Großregionsgedanke würde für Innsbruck Sinn machen“, öffnet Garbislander den Blick auf den Ballungsraum im Inntal, das „Landfluchtgebiet“, das auch jenseits der Innsbrucker Stadtgrenzen vor großen Herausforderungen steht: „Die Umlandgemeinden von Innsbruck wachsen ebenso – es drängen nicht alle in die Stadt, wobei Innsbruck einen starken Zuzug bewältigen muss.“

Selbstregulierender Mechanismus

Derzeit leben in Innsbruck  132.500 Einwohner, was 40 Prozent der Tiroler Bevölkerung entspricht. Im Jahr 2050 wird damit gerechnet, dass 44 Prozent der Bevölkerung oder 166.000 Einwohner in Innsbruck leben, für die nicht nur Wohnraum geschaffen, sondern auch alle anderen Daseinsgrundfunktionen geboten werden müssen. Viel wird über diese Hürden berichtet und Stefan Garbislander fordert auch in dem Zusammenhang einen breiteren Blick: „Es gab immer Phasen, in denen die Menschen eher in die Stadt gezogen und dann Phasen, in denen sie wieder aufs Land gezogen sind. Es gibt da auch einen selbstregulierenden Mechanismus, den man nicht aus den Augen lassen darf: Wenn in Innsbruck das Wohnen weiter teurer wird, lassen sich die Menschen eher in den Umlandgemeinden nieder und dann habe ich wieder das Problem der Schlafgemeinden.“

Für Planer mit langfristigem Zeithorizont wirken derartige Zyklen rundum verflixt, doch Wohnen bleibt ein schlagkräftiges Argument. Eines, mit dem beispielsweise die vergleichsweise antizyklische Entwicklung von Kaunerberg erklärt wird. Laut Addendum ist die Gemeinde im Bezirk Landeck im Wachsen begriffen und sticht „lebensfroh“ hervor im von Landflucht geprägten Tiroler Oberland. Die Öffi-Situation ist zwar wenig erheiternd und von einem Nahversorger fehlt jede Spur, doch zählte Kaunerberg Anfang 2018 mit 437 um 84 Einwohner mehr als im Jahr 2003.

Bürgermeister Peter Moritz erklärte die positive Sondersituation seines Ortes mit der flexiblen Kinderbetreuung – die Gemeindeführung hatte sich bewusst gegen die anstehende Schließung des Kindergartens entschieden – und den billigen Baugründen. 15 Euro pro Quadratmeter sind ganz offenkundig ein zugkräftiges Argument. Und der Kindergarten ist ausgelastet.

Starke Kräfte

Die politischen, gesellschaftspolitischen und volkswirtschaftlichen Dimensionen, welche die Wanderbewegung mit sich bringt, sind so komplex wie umfangreich und für „die Politik“ nur sehr schwer steuerbar. Derartige Entwicklungen sind zäh, sie dauern Jahrzehnte. „Der Trend hat starke Kräfte. Die Politik kann nur die Rahmenbedingungen verändern, bestimmen kann sie das nicht. Und es können ja auch wieder andere Bewegungen in Gang kommen“, versucht Stefan Garbislander zu relativieren.

In Deutschland wurde 2018 beispielsweise erstmals nach 20 Jahren festgestellt, dass der Trend der Landflucht gestoppt wurde und die Mehrheit der Deutschen nicht mehr von den Großstädten angezogen wird. „Glokalisierung“ nennen Zukunftsforscher den wachsenden Wunsch, global unterwegs und lokal zu Hause sein zu wollen. Das Schlagwort eignet sich auch für Tirol, wo fieberhaft an der Veränderung der Rahmenbedingungen gearbeitet wird, um die Trendwende zu erreichen.

“Es würde schon viel helfen, in peripheren Regionen das Kleingewerbe leichter möglich zu machen.”
Stefan Garbislander

Bildung, Mobilität, Digitalisierung oder Kinderbetreuung wurden längst als potenzielle Defibrillatoren für den ländlichen Raum erkannt. Die Forderung nach einer Dezentralisierung der Verwaltungseinrichtungen steht zudem seit Jahren im Raum. „Ich verstehe den Ansatz, doch glaube ich nicht, dass das eine Trendwende bringt“, meint dazu Stefan Garbislander und schlägt eine Maßnahme vor, die zwar kleiner klingt, aber wirkungsvoller sein könnte: „Es würde schon viel helfen, in peripheren Regionen das Kleingewerbe leichter möglich zu machen und dafür ausreichend Gründe zur Verfügung zu stellen.“

Bandbreite erweitern

Wenn Tischler, KFZ-Mechaniker oder Bäcker bleiben bzw. sich problembefreit ansiedeln können, erhöht das die Vielfalt einer Region und bewahrt bzw. erweitert die Bandbreite der Beschäftigungsmöglichkeiten. Arbeitsplätze sind schließlich die Pulsgeber für das Leben – überall und auch in der Peripherie.

„Wenn wir keinen Tourismus in den Tälern hätten, wären die Täler leer.”
Mario Gerber

„Wenn wir keinen Tourismus in den Tälern hätten, wären die Täler leer. Das ist schon richtig und es ist wichtig, doch wir brauchen auch die Bevölkerung, die in den Tälern lebt und bei uns arbeitet. Und die Bevölkerung braucht die Attraktivität der Standorte“, skizziert Mario Gerber, Obmann der Fachgruppe Hotellerie und ÖVP-Tourismussprecher im Landtag, den Kreislauf der Tiroler Tourismus-Täler und verweist auf den Budgetlandtag im Dezember 2018, wo die Attraktivierung des ländlichen Raumes ein großes Thema war.

Es ist „rundum politisch“ und es ist – wie Gerber festhält – auf allen Ebenen angekommen. „Landflucht ist eine Strömung, die nicht nur in Tirol stattfindet, doch Tirol ist durch seine geografische Ausprägung dafür prädestiniert“, sagt er und hält fest: „Es gilt, gegenzusteuern. Es werden schon viele Ideen umgesetzt und ich glaube, dass man da auf einem guten Weg ist, doch kannst du keine Schnellschüsse machen. Wichtig ist und bleibt da,  dass alle an einem Strang ziehen.“

diagramm_s26_bevölkerungsveränderung

Blick in die Zukunft: Prognosen des Amts der Tiroler Landesregierung zufolge wird die Bevölkerungszahl in sehr ländlichen Gebieten weiter sinken – in allen anderen Raumtypen nimmt sie dagegen zu. Quelle: TirStat

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