Investitionen aus China: Differenzierung gefragt

Mit der Schließung der Rosenberger-Raststätte in Ampass rückte Tirol in den Fokus einer misslungenen chinesischen Übernahme. In Mutters hingegen floriert das neue Hotel einer chinesischen Familie. „Chinesische Investitionen sind differenziert zu sehen“, ist LR Patrizia Zoller-Frischauf überzeugt.

REPORTAGE

„Geld hat kein Mascherl“, bringt Patrizia Zoller-Frischauf eine vor allem für Investitionen gültige Tatsache auf den Punkt. Die Tiroler Wirtschaftslandesrätin stellt aber auch klar: „Natürlich braucht man auch Investoren aus dem Ausland, doch sollten in erster Linie die Menschen in Tirol oder Österreich davon profitieren. Das muss das Ziel sein.“

Recht spektakulär rückte jüngst ein Fall in den Mittelpunkt, bei dem dieses Ziel wohl verfehlt wurde. Am 9. Jänner 2019 musste die Rosenberger-Raststätte in Ampass nahe Innsbruck zusperren. Gefahr in Verzug lautete der heikle Grund dafür und Christian Lind wurde in dem Zusammenhang damit zitiert, dass die elektrischen Anlagen nicht ausreichend betriebssicher seien und es enorme Investitionen brauchen würde, um den Standort wieder fit zu machen.

Die Autobahnrestaurant-Kette ist pleite und Lind ist Masseverwalter des Unternehmens, zu dem laut eigenen Angaben (Juli 2018) 16 Autobahnraststätten, elf Tankstellen, sechs Tagungszentren, drei Seminarhotels, zwei First-Cityrestaurants und 16 Shops zählen. 2013 hatten zwei chinesische Unternehmer-Familien die Rosenberger-Holding übernommen und der Hinweis des Masseverwalters, dass „enorme Investitionen“ nötig seien, um den Standort Ampass fit zu machen, deutet darauf hin, dass ebendiese Investitionen zuvor nicht getätigt wurden.

Im September 2018 wurde die Rosenberger-Geschäftsführerin in einem Bericht der Salzburger Nachrichten („Chinesische Investoren haben in Österreich Lust auf mehr“) noch damit zitiert, dass „nur gute Erfahrungen mit den Eigentümern“ gemacht wurden, um in weiterer Folge des Berichtes und gleichsam als Gegenstück auf eine chinesische Investition hinzuweisen, die sich zum Fiasko entwickelte.

Mentalitätsunterschiede

Die Skischaukel Gaißau-Hintersee in Salzburg wurde 2014 von der chinesischen J&Y-Holding übernommen, begleitet von der Hoffnung der Gemeinden und Touristiker, dass Liftanlagen und Schneekanonen auf Vordermann gebracht werden. Die Hoffnungen wurden bislang enttäuscht, für den Betrieb notwendige Gelder fließen oft erst im allerletzten Moment und davon negativ Betroffene wurden damit zitiert, dass es an der Kommunikation hapere, „die Chinesen“ anders ticken würden und eine andere Mentalität hätten.

„Man muss sich auf diese andere Mentalität einstellen. Die Wirtschaft bei uns denkt in weiteren Zeitspannen nach vorne, bei den Chinesen hat man das Gefühl, dass nur die nächsten zwei Monate wichtig sind – alles andere wird sich schon ergeben“, stellt Hansjörg Peer fest. Der Bürgermeister von Mutters ist auch Tourismusexperte, war lange Jahre Direktor des Fünf-Sterne-Hotels Europa in Innsbruck und beide „Eigenschaften“ standen in gewisser Weise Pate für eine „chinesische Investition“, bei der das Ziel, von dem Landesrätin Zoller-Frischauf spricht, offenkundig erreicht wurde. Weil Menschen in Tirol davon profitieren.

Investor gesucht

Die Zukunft des über 100 Jahre alten Muttererhofs war auf der Kippe gestanden. „Die Senioren wollten in Pension, die Kinder hatten kein Interesse und der ehemalige Besitzer wollte sich wegen einer Wohnbauwidmung unterhalten“, erinnert sich Peer. Die Vorstellung, dass auf knapp 3.500 Quadratmetern in prächtiger Mutterer Lage ein Wohnbau entsteht, war nicht so prickelnd, „und ich sagte, ich mache mich auf die Suche nach einem Käufer bzw. Investor.“

Die Suche gestaltete sich nicht leicht, doch in Schwaz wurde Peer fündig: „Ich habe die Familie Wu schon gekannt. Sie sind seit 30 Jahren in Tirol, über 20 Jahre österreichische Staatsbürger und die Buben sprechen Unterländer Dialekt vom Feinsten.“ Ende der 1980er-Jahre war die Familie von Shanghai nach Tirol ausgewandert, verwandelte in Schwaz das Gasthaus Grüner Baum in das Chinarestaurant „Mandarin“ und Xun Ou Wu erkannte mit dem von Peer dargestellten Potenzial auch die Chance für seine Familie, ihre Gastronomie- um die Hotelkompetenz zu erweitern.

mei

Positives Beispiel: Mit chinesischen Millionen-Investitionen hat sich der „Muttererhof“ in „das Mei“ verwandelt. Das neue 4-Sterne-Hotel kommt mittlerweile auch bei den Einheimischen sehr gut an. Foto: dasMEI

2013 fiel die Entscheidung, Wu – respektive die Lee Teng GesmbH – kaufte den Muttererhof und begann, den Um- und Neubau zu planen. „Sie hatten ihre Berater mit im Boot, die immer wieder zu Rate gezogen wurden. Die Community der Chinesen in Österreich und Zentraleuropa funktioniert sehr gut“, erzählt Peer, „die Zusammenarbeit
verlief von Anfang an sehr positiv.“

Rund elf Millionen Euro wurden investiert. „Einiges“ wurde aus China nach Österreich transferiert und 2017 wurde schließlich „das Mei“ als Hotel der Vier-Sterne-Kategorie eröffnet. „Das Hotel agiert aufgrund der Nähe zu Innsbruck wie ein Stadthotel. Es hat 365 Tage offen und es werden alle Gästeschichten angesprochen“, sagt Peer. 27 Mitarbeiter sind im Hotel beschäftigt und die anfängliche Skepsis der Einheimischen hat sich Zwischenzeitlich in Wohlgefallen aufgelöst. „Es dauert einfach, bis man den Stallgeruch ablegt“, weiß der Bürgermeister und hält fest: „Die Einheimischen nutzen das Hotel für Feierlichkeiten, Hochzeiten, Taufen, Beerdigungen. Für Mutters ist das toll.“

Tirol nicht im Fokus

Das chinesische Engagement in Mutters wirkt mit Geld aus China und „Austro-Chinesen“ als Verantwortliche vor Ort eher wie ein „Misch-Masch“, der für jene Fernost-Investitionen, die heimischen Gemüter zu erregen vermögen, weniger bis gar nicht repräsentativ ist. Als im vergangenen Frühjahr die Gerüchte umgingen, dass chinesische Investoren den Jenbacher Gasmotorenhersteller (GE Jenbacher) übernehmen könnten, war das anders.

Landespolitiker hielten Ende April 2018 kurz die Luft an, weil sie fürchteten, dass Tiroler Know-how nach Fernost abwandern könnte. „Die chinesischen Firmen kaufen im Ausland Kompetenz ein“, hatte Jonas Puck, Professor an der Wirtschaftsuniversität Wien, kurz zuvor gegenüber der APA festgehalten, als sich die große österreichische Delegation aus Politikern und Wirtschaftsvertretern auf den Weg nach China machte, um Strategie-Gespräche über die künftigen Beziehungen zu führen.

China ist für österreichische Firmen der fünftgrößte Handelspartner, 2017 hatte Österreich beispielsweise Waren im Wert von 3,7 Milliarden Euro nach China geliefert und auch die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking wecken im winterkompetenten Alpenland berechtigte Lust auf mehr. Auf dieser Seite der chinesischen Medaille schillern Absatzhoffnungen im knapp 1,4 Milliarden Einwohner zählenden Reich der Mitte. Die andere Seite weckt eher mulmige Gefühle.

Im März 2018 erst hatte sich der chinesische Investor Fosun den Vorarlberger Wäschekonzern Wolford „geschnappt“. Und seit 2009 der oberösterreichische Luftfahrtzulieferer FACC mehrheitlich „chinesisch“ wurde, waren es immer wieder größere oder kleinere Investments bzw. Übernahmen, die für Schlagzeilen sorgten – bis zuletzt Ende 2018 mit Atomic, die weltmeisterliche Ski-Marke, ein weiteres österreichisches Kaliber in chinesische Hände fiel.

Keine heiße Liebe

Mögen die einzelnen Beispiele auch die Aufmerksamkeit wecken, so bleiben sie doch Einzelfälle. „Chinesische Investoren sind in Tirol kein großes Thema. Ich wurde nur einmal am Rande involviert, als es um einen Hotelkauf im Tiroler Unterland ging. Österreich steht nicht so sehr im Fokus chinesischer Investoren. Deutschland ist davon viel mehr betroffen“, stellt Gregor Leitner, Leiter der Abteilung Außenwirtschaft in der WKT, fest und meint: „So geballt, wie eine Zeit lang russische Investoren gekommen sind, ist das mit China nie gewesen.“

Dass China in punkto Investitionen keine allzu heiße Liebe zu Tirol entwickelt hat, heißt für Leitner jedoch nicht, dass der Riese in Fernost ignoriert werden darf. „Bei einem so großen Player muss man schon hinschauen. China ist zwischenzeitlich die zweitgrößte Wirtschaftsmacht, eine, die das Feld von hinten aufrollt“, so Leitner.

Dass China in europäischen bzw. österreichischen Köpfen derart weit entfernt ist, hat gute Gründe. Wegen des politischen Systems war China über Jahrzehnte abgetaucht und wurde nicht – wie in der Weltgeschichte zuvor – als Weltmacht wahrgenommen. Vor rund 30 Jahren begann mit dem rasenden Aufholprozess die große Veränderung, sodass das Land heute in der Größe wahrgenommen werden muss, die es hat.

„Hochgerechnet stellen die Chinesen 20 Prozent der Weltbevölkerung, wenn sie jetzt auch 20 Prozent der Weltwirtschaft leisten, ist logisch, dass sie nach und nach auch 20 Prozent der Dinge haben werden. Damit hat das natürlich Auswirkungen auf uns – nicht nur auf die großen Firmen und nicht nur im Im- und Export, man wird es über kurz oder lang auch vor Ort viel stärker merken. Das ist ein natürlicher Prozess“, ist Leitner überzeugt.

Weltmarkt-Tumult

Mit dem Erwachen und Erstarken Chinas wurde die Welt größer, die Märkte wurden komplizierter und China zu einem Player, der neue Vorzeichen setzt. Zwar wurde in einer, Mitte Jänner 2019 veröffentlichten Studie festgehalten, dass China im vergangenen Jahr weniger in Europa und den USA investierte, als noch im Jahr 2017, doch kann angesichts der bereits getätigten Investitionen von schwindendem fernöstlichen Einfluss keine Rede sein.

“China will Weltmarktführer in Schlüsselbereichen wie Robotik, künstliche Intelligenz und Maschinenbau werden.”
Landesrätin Patrizia Zoller-Frischauf

Laut einer Berechnung von „The American Enterprise Institute“ und „The Heritage Foundation“ flossen allein im Jahr 2017 fast 100 Milliarden Dollar in Unternehmensübernahmen durch chinesische Käufer in Europa. „In den letzten zehn Jahren hat China das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf verdreifacht, 120 der weltweit umsatzstärksten Unternehmen kommen aus China“, verweist Landesrätin Zoller-Frischauf auf das gigantische Wachstum und hält fest: „China ist längst nicht mehr die Billigwerkbank westlicher Unternehmen. China will Weltmarktführer in Schlüsselbereichen wie Robotik, künstliche Intelligenz und Maschinenbau werden. Das traue ich ihnen auch zu – vor allem, wenn wir uns weiterhin mit Nebensächlichkeiten beschäftigen. Dort werden Produktionshallen ohne jegliche Auflagen auf die grüne Wiese gestellt, bei uns sind die Umweltauflagen so streng und werden immer strenger, als könnten wir damit die Welt retten. In der Zwischenzeit überrollen uns andere Länder.“

EU ist gefordert

Vor diesem Hintergrund fordert die Landesrätin ein starkes Gegengewicht der EU ein, damit Europa ein Produktionsstandort bleiben kann: „So lange die Umweltauflagen und Sozialniveaus nicht ungefähr unser Level haben, müssen Hürden eingeführt werden.“

Ein ähnlicher Tenor liegt dem Papier zugrunde, mit dem der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) Anfang Jänner 2019 aufhorchen ließ. Darin wird darauf hingewiesen, dass die europäische und deutsche Industrie mit dem Modell einer liberalen und sozialen Marktwirtschaft „noch“ in einer starken Position auf dem Weltmarkt sei. Doch China werde immer stärker und die EU müsse aufpassen, bei wichtigen Zukunftstechnologien nicht den Anschluss zu verlieren. Deswegen fordert der BDI die Europäische Union auf, ihre Instrumente nachzuschärfen und China mehr entgegenzusetzen. Es ist wie ein Kampf der Systeme und Landesrätin Zoller-Frischauf weiß: „Ein starkes Europa ist hier die einzige  Lösung.“

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