Servus Plastik: Von Pionieren und harten Nüssen

In beeindruckender Einigkeit wurde zum Abschied vom Alltags-Plastik geblasen. Auch in Tirol soll der Plastikmüllberg schrumpfen. Manches geht leicht, manches schwer. Entscheidend bleibt der Konsument, wie ein Blick in die Branche zeigt.

REPORTAGE

Im Kampf gegen den Plastikmüll geht es Schlag auf Schlag. Auf allen Ebenen machen die Dokumentationen über die rundum bedrohlichen Plastikmüllberge und die teils verheerenden Auswirkungen von Mikroplastik auf Lebewesen Angst – und Beine. Der Tiroler Landtag diskutierte beispielsweise im November 2018 über den Plastikberg und wie er geschrumpft werden kann. Rund 24.000 Tonnen Plastikmüll jährlich fallen allein in Nordtirol an – bis zuletzt war die Tendenz steigend.

Von 30 Millionen Flaschen Wasser, die Jahr für Jahr nach Tirol importiert werden, war in der Sitzung die Rede, ein Pfandsystem á la Deutschland wurde angeschnitten und Einigkeit darüber demonstriert, dass es weiter große Anstrengungen brauche – auf regionaler Ebene genauso, wie von der EU.

Diese machte am 19. Dezember 2018 – noch unter dem Vorsitz Österreichs – Nägel mit Köpfen. Im Mai hatte die EU-Kommission bereits vorgeschlagen, Einmalgeschirr, Strohhalme, Wattestäbchen und andere Wegwerfartikel aus Plastik verbieten und verbannen zu wollen, im Dezember einigten sich die Unterhändler des Europaparlaments und der Mitgliedsstaaten dann auf eine entsprechende Regelung.

Verbot für Einmalprodukte

Auf fossilen Rohstoffen basierende Polymere sind es, denen die Kampfansage gilt. Ab Anfang 2021 sollen etwa Gegenstände verboten werden, für die es bereits Alternativen gibt und auf Einmal-Produkten mit Kunststoffgehalt muss nicht nur auf denselben, sondern auch auf die negativen Umweltauswirkungen hingewiesen werden. Die EU-Kommission geht davon aus, dass mit den Maßnahmen der Ausstoß von Kohlendioxid um 3,4 Millionen Tonnen sinkt und bis 2030 Umweltschäden „im Wert“ von 22 Milliarden Euro vermieden werden. Verbraucher, heißt es, könnten bis zu 6,5 Milliarden Euro sparen.

Österreichs Umweltministerin Elisabeth Köstlinger bezeichnete die Regelung via Twitter als „Meilenstein in unserem Bemühen, Plastikmüll zu reduzieren“ und bereits am 9. Jänner 2019 lud die  Bundesregierung Vertreter von Handelsketten und Branchen zum „Plastik-Gipfel“, um das Verbot zu besprechen. In diesem Rahmen hielt Peter Buchmüller, Obmann der Bundessparte Handel in der WKÖ, fest, dass seit 2014 bereits 112 Millionen Plastiksackerln in Österreich eingespart wurden.

Am 14. Jänner 2019 ließ gleich ein weiterer Hinweis auf die „antipolymeren Ambitionen“ des Handels aufhorchen, als der Handelskonzern Rewe  (Merkur, Billa, Bipa, Adeg) die Suche nach umweltfreundlichen und biologisch abbaubaren Verpackungen für die rund 60 Lebensmittel-Eigenmarken mit einem Start-up-Wettbewerb anheizte. Unter dem Motto „Raus aus Plastik“ läuft bis 28. Februar 2019 ein Ideenwettbewerb, aus dem letztlich auch der Konzern mit praxisorientierten Verpackungsinnovationen als Sieger hervorgehen will.

Harte Nuss: Das SB-Regal

Der Ideenwettbewerb der Rewe-Gruppe zielt punktgenau auf einen wichtigen Alltags-Bereich, an dem die sich Plastik-Vermeidungsstrategen bislang die Zähne ausbeißen. „Für die hochkomplizierten Kunststoff-Materialien, mit denen auch wir unsere SB-Produkte verpacken, gibt es momentan noch keine Alternative“, lenkt Hans Plattner den Blick in die kühle Selbstbedienungs-Theke. Plattner ist geschäftsführender Gesellschafter von Hörtnagl und Hörtnagl ist der Tiroler Marktführer in der Erzeugung und Veredelung von hochwertigen Wurst- und Fleischwaren.

„Wir haben uns lange dagegen gewehrt, aufzuschneiden und zu verpacken, weil wir sehr großen Wert auf die Bedienung legen. Doch das ist ein Kampf, der wahrscheinlich verloren ist“, macht Plattner auf die schon verschwundenen oder im Schwinden begriffenen Bedienungstheken aufmerksam, wo ganze oder halbe Stangen Wurst feilgeboten oder für die Kunden frisch aufgeschnitten werden, und stellt fest: „Wenn uns der Vorwurf trifft, dass wir ja die seien, die die Plastikverpackungen machen, sage ich: Ja wir machen‘s – aber nur, weil ihr es nicht anders kauft. Irgendwie zwingt man uns dazu. Der Konsument entscheidet.“ Das tut er – sowohl beim Einkauf, als auch bei der Entsorgung.

Hochintelligente Materialien

Der Kreislauf, den Plattner anspricht, hat darüber hinaus große, marktgestaltende Kraft und das Tiroler Traditionsunternehmen wäre wohl schlecht beraten, dagegen zu arbeiten und nicht zu „machen“, was gekauft wird. Das Gros der Menge aus dem Haus Hörtnagl geht über die Selbstbedienungs-Theken und mit den einzelnen Verpackungen wird auch ein Versprechen verkauft, das die Kunden einfordern. Plattner: „Die Konsumenten verlangen, dass das Produkt sicher ist und wenn draufsteht, dass es drei Wochen haltbar ist, dann muss es das auch sein. Doch das geht momentan nur mit solch hochintelligenten Materialien, mit denen die umfangreichen Auflagen in punkto Hygiene und Haltbarkeit erfüllt werden können.“

Würstchen in Plastikverpackung

Egal ob Wurst, Fleisch oder Obst – schützendes Plastik spielt in Sachen Sicherheit und Hygiene bei Lebensmitteln eine immens wichtige Rolle. Deshalb gilt es, herkömmliches Plastik durch umweltverträgliches zu ersetzen. Bild: rdnzl – stock.adobe.com

Plastik ist nicht gleich Plastik. Die Oberfolie einer Wurstpackung etwa besteht aus mehreren verschiedenen Schichten. Eine Schicht ist zuständig für die Sauerstoffbarriere, eine weitere dient als Lichtbarriere, die nächste ist dafür verantwortlich, dass kein Feuchtigkeitsaustausch passiert – Produktsicherheit und Haltbarkeit von Lebensmitteln haben die Plastik-Forscher zu Höchstleistungen animiert. Nun sind eben diese Höchstleistungen gefragt, wenn es darum geht, herkömmliches Plastik zu ersetzen. „Die ganzen Verpackungsmittelhersteller arbeiten massiv daran, etwas Umweltverträglicheres zu finden. Wir sind stark daran interessiert und haben auch schon interne Praxisversuche mit potenziellen Alternativen gemacht, doch bis jetzt ist nichts hängen geblieben. Es geht einfach noch nicht. Das ist eine harte Nuss“, stellt Hans Plattner fest.

Kein Kunststoff-Bashing

Die teilweise Unmöglichkeit, Kunststoffverpackungen alternativ zu ersetzen, zeigt auch, wie undenkbar eine Welt ohne diesen Werkstoff geworden ist. Bevor das Prinzip der Makromoleküle durch den deutschen Chemiker und Nobelpreisträger Hermann Staudinger 1922 grundlegend geknackt und die Massenproduktion möglich wurde, hatte es zahlreiche Experimente und auch Zufälle gegeben.

So wird etwa behauptet, dass der Amerikaner Charles Goodyear den verformbaren Kautschuk im Jahr 1839 durch ein Ungeschick (er-)fand und auch die Geschichte des Augsburger Benediktinerpaters Wolfgang Seidel zählt zur langen Entdeckungsgeschichte des Werkstoffs. 1531 hatte der Pater herausgefunden, dass aus Magerkäse Kasein hergestellt werden kann, das unter  Hitze formbar ist und erkaltet „hart wie Knochen“ wird. Knapp 500 Jahre später wurde mit Kunststoff eine Revolution eingeleitet, die nun ein Stück weit zurückgenommen werden soll, wobei ein allgemeines Verteufeln des Werkstoffes fehl am Platz ist.

„Die Wirtschaft sieht Verbote von Verpackungen und Tragetaschen kritisch. Ein Bashing von Kunststoffverpackungen ist nicht angebracht“, machte etwa WKÖ-Handelsobmann Peter Buchmüller noch vor dem bereits erwähnten „Plastik-Gipfel“ darauf aufmerksam, dass Kunststoffe ideale Werkstoffe zur Gewichtsminimierung von Fahrzeugen oder bei Komponenten von Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energie seien und hielt in dem Zusammenhang fest: „Verpackungen müssen viele Anforderungen erfüllen: Besonders wichtig ist der Schutz der Ware vor Beschädigungen beim Transport und vor Verderb. Adäquate Verpackungen verhindern, dass Produkte – insbesondere Lebensmittel – zu Abfall werden. Wer bei der Verpackung am falschen Platz spart, riskiert große Ressourcenvergeudungen.“

100 Prozent abbaubar

Adäquate Verpackungen sind die harten Nüsse und darauf, sie zu knacken, hat sich das Schwazer Unternehmen Naturabiomat spezialisiert. 1996 unter dem Namen „Pro-Tech“ gegründet, widmet sich das auch an Standorten in Deutschland und Norwegen tätige Unternehmen den komplexen Herausforderungen der Plastik-Ersatzstoffe und gilt als Pionier in der Branche genauso wie als absoluter Marktführer für Bioverpackung in Österreich. „Mit höchstem Engagement widmen wir uns der Verfeinerung und Optimierung von Materialien sowie der Ausweitung der Materialeigenschaften und Einsatzbereiche. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse setzen wir umgehend in neue Produkte um“, hält Naturabiomat-Geschäftsführer Gerhard Margreiter fest.

Zu 100 Prozent biologisch abbaubar und kompostierbar müssen die cleveren Bio-Materialien sein – zertifiziert gemäß EN 13432. Das ist gewissermaßen die Zauberzahl, die „gutes“ Plastik von „schlechtem“ unterscheidet und die auch die Mitarbeiter von Naturabiomat auf Trab hält. Sowohl die große Rewe-Gruppe als auch das nicht minder große Handelsunternehmen Spar zählten von Beginn an zu den wichtigsten Kunden der findigen Tiroler Firma.

Mehrwegtasche ist umweltbewussteste Wahl

Wer der Meinung ist, dass Plastik erst seit kurzer Zeit der Kampf angesagt wurde, irrt. „Spar hat bereits vor rund 30 Jahren Mehrweg-Sackerl angeboten und diese auch aktiv beworben. 1990 haben wir unsere Kunden mit Plakaten im Markt informiert, dass die selbst mitgebrachte Einkaufstasche die umweltbewussteste Wahl ist“, sagt Lukas Wiesmüller, Leiter Nachhaltigkeit der Spar Warenhandels-AG, und schließt den Kreis zur Gegenwart: „Seither forcieren wir immer wieder Mehrweg-Taschen und haben zuletzt eine biobasierte und biologisch abbaubare Mehrweg-Tasche eingeführt sowie das Wiederverwendbar-Sackerl – ein Mehrweg-Netz für den Obst- und Gemüseeinkauf.“

Wo immer es technisch möglich ist, werden bei Spar biobasierte Verpackungsmaterialien eingesetzt. 300 Tonnen Plastik wurden beispielsweise in den letzten zehn Jahren allein durch den Abschied von den Plastikverpackungen für die Bio-Bananen des Hauses eingespart, 23 Tonnen seit Ende 2017 die Sandwiches (Spar enjoy) in einer Papierverpackung mit Sichtfenster verkauft werden.

Dort, wo die Umstellung von Plastik auf umweltschonende Materialien relativ einfach funktioniert, summiert sich das Einsparpotenzial in Windeseile. Ob in den Hörtnagl-Geschäften, bei Spar oder beim Tiroler Nahversorger-Unternehmen MPreis werden die klassischen Plastik-Sackerln immer seltener. „Mit unseren Tragetaschen aus Stoff, Papier und sogar Mais kann jeder seinen Beitrag zum Umweltschutz leisten“, heißt es bei MPreis. Nicht nur an der Kasse zählen umweltfreundliche Tragehilfen zwischenzeitlich zum gewohnten Bild. Erst im Oktober 2018 hat MPreis den „Sackerl-Test“ von Greenpeace gewonnen, in dessen Rahmen überprüft wurde, wie Supermärkte den Verbrauch von Wegwerfsackerln verringern.

790 Millionen Plasticksackerln werden in Österreich jährlich ausgegeben, wobei die Benutzung der leichten Einwegbeutel, in die Obst und Gemüse verpackt werden, durchschnittlich 25 Minuten beträgt. Die smarten Alternativen dazu heißen beim Tiroler Familienunternehmen „Smart Bags“. Diese wiederverwendbaren Beutel, deren Netzmaterial das frische Obst und Gemüse atmen lässt, sollen die Gratis-Sackerln bei MPreis bald ganz ersetzen. Und damit einen weiteren Beitrag zur Schrumpfung des Tiroler Plastikmüllbergs leisten.

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Mehrweg statt Einweg: Die großen Lebensmittelhändler Spar und MPreis leisten unter anderem mit wiederverwendbaren Obst- und Gemüsebeuteln einen Beitrag zur Schrumpfung des Plastikmüllbergs. Foto: MPreis

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