Glettler: “Kleine und mittelständische Betriebe fördern”

Im Interview nimmt der Bischof der Diözese Innsbruck Stellung zum Tiroler Unternehmertum, zum Götzen Geld und sagt: „Kleine und mittelständige Betriebe zu fördern, ist in jedem Fall ein politischer Grundauftrag.“

INTERVIEW

wirtschaft.tirol: Sie haben VertreterInnen der Wirtschaft zu einem Business-Brunch geladen. Dabei stellten Sie die Frage, ob Evangelium und Wirtschaft bzw. ob die Prinzipien der christlichen Religion und der Arbeitswelt vereinbar sind. Sind sie das?

Bischof Hermann Glettler: Das glaube ich schon. Es gibt das berühmte Diktum, dass man mit der Bergpredigt keinen Staat und natürlich auch keine Wirtschaft machen kann – aber wenn die darin vermittelte Haltung gänzlich fehlt, wird es ebenso problematisch. In der Heiligen Schrift kommt grundsätzlich eine Wertschätzung des realen Lebens mit seiner beglückenden Vielfalt und Abgründigkeit zum Ausdruck. Wer meint, dass in der Bibel nur fromme Sprüche stünden, irrt sich gewaltig. Jesus selbst war in den Dörfern und Städten unterwegs, hat Vertreter unterschiedlichster Berufe getroffen und angesprochen – unter ihnen auch Kaufleute, Händler und Steuerbeamte. Er hat die vielen Arbeitswelten und Lebenssituationen von Menschen sehr ernst genommen. Seine Predigten und Gleichnisse bieten ganz feine Beobachtungen. Grundsätzlich gibt es in der jüdisch-christlichen Tradition keine prinzipielle Feindschaft zwischen einer spirituellen Welt und der Welt der alltäglichen Belange. Gott hat alles gut geschaffen und uns Menschen den Auftrag gegeben, mit Geist, Hausverstand und der nötigen Sensibilität diese eine Welt mitzugestalten. Von Ausbeuten ist keine Rede.

Anfang Oktober 2018 stellten Sie jedoch in der Raiffeisen Landesbank Tirol fest, dass der Götze Geld das größte Problem unserer Zeit sei. Ist eine Bank ein bizarrer Platz für eine solche Feststellung oder der beste?

Sagen wir, es ist ein sensibilisierter Platz. Und ich habe diese Aussage nicht in einer Bank, sondern bei einer Enquete der RLB Tirol zum Thema „Kriterien für ein ethisch verantwortbares Investment“ gemacht. Dass wir nicht mehr Tauschgeschäfte mit Waren betreiben, sondern eine Geldwährung haben, bietet unendlich viele Vorteile. Man kann durchaus sagen, dass das Geld der wichtigste Motor für den ökonomischen Lebensfluss ist. Trotzdem ist der Stellenwert des Geldes heute übertrieben. Geld sollte ein Mittel zum Zweck sein. Wenn jedoch Geldvermehrung das absolute Ziel allen Wirtschaftens wird, dann ist Geld nicht mehr Mittel, sondern der verabsolutierte Zweck. Der Letztzweck des Lebens, das Woher und letztgültige Woraufhin des Lebens, ist eine schöne Umschreibung für Gott. Worin suchen wir unser eigentliches Glück und woher nehmen wir den Sinn? Wenn diese Fragen mit Geld beantwortet werden, dann haben wir genau diesen Götzen. Der Tanz ums goldene Kalb ist das biblische Bild dafür. Es geht leider so schnell, dass der Mensch seine Seele verkauft.

Wie kann diese doch starke Tendenz geändert werden, wo ist da Ihrer Meinung nach der Hebel?

Der Hebel liegt sicher nicht in einer Verteufelung des Wirtschaftens. Das wäre total kontraproduktiv und dieser Zugang entspricht mir gar nicht. Eine Dämonisierung dieses wichtigen Feldes unseres Lebens kann es nicht sein. Es kann auch kein gleichgültiges Laissez-faire sein in dem neoliberalen Sinn, dass der Markt schon alles regeln wird. Das glaube ich nicht mehr. Der frei galoppierende Markt kann im Gespann mit einer zügellosen globalen Finanzwirtschaft ganze Volkswirtschaften vernichten. Millionen von Menschen werden da in die Armut getrieben. Das zeigt sich auch in einigen afrikanischen Ländern, wo das Bruttonationalprodukt steigt – es ist aber ein ganz kleiner Prozentsatz von Leuten, die davon profitieren und die große Masse verarmt immer mehr. Die an Bodenschätzen und Ressourcen reichsten Länder Afrikas sind zugleich die am stärksten verarmten. Was ist das für eine Logik? Das ist eine pervertierte Entwicklung.

"Der Hebel liegt sicher nicht in einer Verteufelung des Wirtschaftens. Eine Dämonisierung dieses wichtigen Feldes unseres Lebens kann es nicht sein." Foto: Diözese Innsbruck

“Der Hebel liegt sicher nicht in einer Verteufelung des Wirtschaftens. Eine Dämonisierung dieses wichtigen Feldes unseres Lebens kann es nicht sein.” Foto: Diözese Innsbruck

Wie kann das umgedreht werden?

Ich glaube mit einer Korrektur von Haltungen und Wertvorstellungen bei allen Beteiligten und bei uns selbst. Man muss sich fragen, mit welcher Haltung wir Wirtschaft betreiben und was die Zielvorstellung von einem guten Leben ist. Ist das Ziel – sorry, ich wiederhole mich – nur Gewinn und Geldmaximierung, dann bleibt man in einer Unkultur der Gier gefangen. Wenn sich das Wirtschaften aber am Gemeinwohl orientiert, sodass möglichst vielen Menschen eine Möglichkeit zur Arbeit geboten wird und auch der Ertrag von Produktionsmöglichkeiten und Kapital möglichst fair verteilt wird, dann wird’s zum Segen. Es muss also beim agierenden Subjekt, das heißt bei uns allen, die wir in unserer üblichen Wohlstandskultur involviert sind, angesetzt werden.

Braucht es dazu mehr Regulierungen?

Ich bin da vorsichtig. Durch ein Übermaß an Regulierungen, Vorschriften und Gesetzen kann Wirtschaften und unternehmerisches Tun auch ad absurdum geführt bzw. erstickt werden. Über Anreiz und Attraktivität sollte Lenkung passieren – eine sehr idealistische Vorstellung, zugegeben. Aber es wäre doch schön, wenn es durch regionales, österreichisches, internationales Wirtschaften möglich wird, mehr Menschen einen Zugang zu guten Lebensbedingungen zu schaffen. Konterkariert wird dies sicher, wenn die internationale Finanzwirtschaft ihre unfassbaren Blasen entwickelt und mit der Realwirtschaft der einzelnen Staaten eigentlich nichts mehr zu tun hat.

Trotz der zahlreichen Zeichen von Gier spielt Nachhaltigkeit und Corporate Social Responsibility in Unternehmen eine immer größere Rolle und unter dem Schlagwort Green Finance hält diese Grundhaltung Einzug in die Finanzwelt. Haben sich da auf Umwegen christliche Tugenden in die Wirtschaft geschlichen?

Ja, so könnte man das sehen. Zum Überleben der Gesellschaft gab es ja immer auch einen Sinn für das größere Wir, Solidarität also. Seit dem 19. Jahrhundert hat sich eine katholische Soziallehre herausgebildet, die sich mit ihren Grundprinzipien von Personalität, Subsidiarität und Solidarität nicht verstecken muss. Und es ist mehr als erfreulich, dass viele Tiroler Wirtschaftstreibende, deren hoher innovativer Ansatz mich total beeindruckt, die UN-Entwicklungsziele bereits zu ihren Betriebszielen gemacht haben. Sie sagen, sie möchten ökologisch verantwortlich, sozial verträglich und wirtschaftlich vernünftig agieren.

"Zum Überleben der Gesellschaft gab es ja immer auch einen Sinn für das größere Wir, Solidarität also. Und es ist mehr als erfreulich, dass viele Tiroler Wirtschaftstreibende, deren hoher innovativer Ansatz mich total beeindruckt, die UN-Entwicklungsziele bereits zu ihren Betriebszielen gemacht haben". Foto: Diözese Innsbruck

“Zum Überleben der Gesellschaft gab es ja immer auch einen Sinn für das größere Wir, Solidarität also. Und es ist mehr als erfreulich, dass viele Tiroler Wirtschaftstreibende, deren hoher innovativer Ansatz mich total beeindruckt, die UN-Entwicklungsziele bereits zu ihren Betriebszielen gemacht haben.” Foto: Diözese Innsbruck

Die Tiroler Wirtschaft wird von Familienunternehmen geprägt. Welche Verantwortung tragen diese Betriebe im sozialen Gefüge respektive für das Gemeinwohl?

Ich konnte schon einige Tiroler Familienbetriebe besuchen und bin in hohem Maß begeistert. In einem Familienbetrieb fühlt man die Tradition – geteilte Sorge, geteilter Ertrag und Erfolg. Familienbetriebe sind ein großer Segen für unser Land, auch wenn sich die jüngere Generation heute nicht vorbehaltslos im elterlichen Betrieb verpflichten lässt. Kleine und mittelständige Betriebe zu fördern, ist in jedem Fall ein politischer Grundauftrag. Wenn also möglich, nicht Großkonzerne füttern, sondern den Möglichkeiten und den begrenzten Ressourcen eines Landes angepasste, kleinstrukturierte Wirtschaft stärken! Vielleicht rede ich da einer gewissen Idylle das Wort, doch die großen Konzerne werden in ihrem weltweiten Agieren immer unempfindlicher. Und die Rechnung zahlen immer die ohnehin schon Armen.

Gibt es Ihrer Meinung nach eine Grenze, ab der es sehr schwer wird, die Verantwortung zu leben, von der Sie sprechen?

Da gibt es sicher Erfahrungen, ab welcher Unternehmensgröße das Gefühl für den Einzelnen und die Wertschätzung des Einzelnen nicht mehr so gegeben sein kann. Ich war vor Kurzem in einen Betrieb mit 800 Mitarbeitern – da hatte ich den Eindruck, dass es noch eine Wahrnehmung der persönlichen Leistung und Fähigkeiten gibt, die die Leute dort einbringen.

Regionalität ist ein wichtiger Ast dieses umtriebigen Baumes. Was verbinden Sie mit diesem Wort?

Regionalität ist der Versuch, einer globalisierten Wirtschaft ein Eigenprofil entgegen zu setzen, das aber nicht in einem zu kleinen Format verkümmert. Mit Region meint man eine geografische Überschaubarkeit, eine speziell ausgeprägte Kultur und meist auch ganz spezifische Produkte, die dort erzeugt werden. Es ist der Versuch, ein Wir-Gefühl aufzubauen. Dass der Lebensraum gleichzeitig Wirtschafts- und Konsumraum ist, ist die Stärke der Regionen. Regionalität ist auch grenzüberschreitend sehr wichtig – wenn wir als Beispiel unsere Alpenregion nehmen. Das ist ganz konkretes, gelebtes Grenzüberschreiten und trotzdem Identität schaffen.

Wie wichtig ist ein funktionierendes Unternehmertum für eine sozial stabile Gesellschaft?

Absolut wichtig. Was wäre der Tag der Arbeit, wenn es keine Arbeitgeber gäbe? So lautete, glaube ich, der überzeugende Spruch der Wirtschaftskammer zum 1. Mai. Menschen, die ihre Phantasie, Intelligenz, Kompetenz, Energie und ihr Kapital einsetzen, um etwas zu unternehmen, etwas zu gestalten und damit auch anderen die Möglichkeit geben, Arbeit zu finden, kann man nicht genug wertschätzen. Ich schätze auch Firmeninhaber, die bei einer gewissen Betriebsgröße Stopp sagen und nicht weiter ausbauen. Dieses Maßhalten ist eine Tugend, es ist außerdem risikoärmer als ein Investieren auf Teufel komm raus.

Eine aktuelle politische Diskussion dreht sich um die Abschiebung von Asylwerbern, die eine Lehre begonnen oder bereits beendet haben. Wie geht es Ihnen, wenn Sie solche Nachrichten lesen oder hören?

Mir geht es sehr schlecht damit. Ich weiß aus fast unmittelbarer Erfahrung, wie viel Zukunftshoffnung junge Menschen hineinlegen, wenn sie eine Lehre beginnen. Mit einem halbwegs guten Lehrplatz blühen junge Menschen auf, werden verlässlich und entfalten ihre Talente. Wenn sie dann plötzlich aus dieser Spur gerissen werden, ist das für sie wie ein Schock. Man müsste sie zumindest die Lehre fertig machen lassen, damit sie die erworbene Kompetenz mitnehmen und in ihren Herkunftsländern damit etwas anfangen können. Da es in einigen Lehrberufen ohnehin einen eklatanten Mangel an Lehrlingen gibt, ist es auch volkswirtschaftlich unklug, die vorhandenen jungen Leute abzuschieben. In Österreich gibt es zur Zeit 25.000 offene Lehrstellen. Nicht umsonst finden Vertreter der Wirtschaftskammer, der Industriellenvereinigung und anderer Einrichtungen sehr deutliche Worte gegenüber dem sturen Vorgehen der Regierung.

Viele Jahre ist die Welt immer größer geworden, seit ein paar Jahren wachsen die Grenzen wieder und die Welt wird enger – auch in den Köpfen. Was ist angesichts dessen die große Herausforderung für Sie?

Die größte Herausforderung ist es, die Menschen innerlich aufzubauen, das heißt, ihnen Nahrung für die Seele zu geben. Identitätsverlust ist das eigentliche Problem der Spätmoderne. Wer bin ich und wo gehöre ich hin? Es besteht die Gefahr, dass Menschen ihre Identität nur durch eine aggressive Abgrenzung von „den Anderen“ finden. Menschen jedoch, die ein soziales Standing haben, ein Selbstwertgefühl und für sich persönlich einen positiven Sinn gefunden haben, sind auch in der Lage, ihren Identitätsraum zu weiten. Doch jene, die permanent innerlich verunsichert und leer sind, neigen dazu, jede Anforderung von außen – das kann schon der Nachbar und muss gar nicht der afghanische Flüchtling sein – als Bedrohung zu empfinden. Wir brauchen heute mehr denn je eine gute Balance zwischen einer Wertschätzung von Heimat – der Begriff wurde ja fast immer politisch überstrapaziert – und einem Interesse über den Tellerrand hinaus in Richtung einer globalen Verantwortung. Weder das eine noch das andere dürfen wir aufgeben. Dort, wo ich zu Hause bin, habe ich Verantwortung für das unmittelbare Umfeld – und diese ist eingeschrieben in einen größeren Horizont. In einem abschließenden Bild gesprochen: Im Inntal sollte der Blick frei sein auf’s Mittelmeer.

"Wir brauchen heute mehr denn je eine gute Balance zwischen einer Wertschätzung von Heimat und einem Interesse über den Tellerrand hinaus in Richtung einer globalen Verantwortung" Foto: Diözese InnsbruckFoto: Diözese Innsbruck

“Wir brauchen heute mehr denn je eine gute Balance zwischen einer Wertschätzung von Heimat und einem Interesse über den Tellerrand hinaus in Richtung einer globalen Verantwortung.” Foto: Diözese Innsbruck

Diesen Post teilen
X

Ihre Anmeldung für aktuelle Tiroler Wirtschaftsnews – Fast geschafft!

Bitte überprüfen Sie Ihren E-Mail-Eingang. Sie erhalten in Kürze unter der angegebenen E-Mail-Adresse eine Nachricht mit einem Bestätigungslink.
Ein Klick auf den Bestätigungslink schließt die Anmeldung ab.

Sehen Sie gegebenenfalls unter „Werbung“ oder „Spamverdacht“ nach, sollten Sie die E-Mail nicht in Ihrem normalen Posteingang finden.

Jetzt Newsletter abonnieren und regelmäßig personalisierte Tiroler Wirtschaftsnews erhalten!
(Ihre Daten werden vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben)

Bitte warten, Sie werden angemeldet!
Bitte füllen Sie alle Felder aus!