Essen per Lieferservice: Trend mit Tücken

Der Zustelldienst Mjam ist seit kurzem in Innsbruck tätig, auch bei McDelivery ist es wohl nur mehr eine Frage der Zeit. Das Geschäft mit den Lieferdiensten boomt, doch Gewinne zu erwirtschaften ist nicht leicht.

REPORTAGE

Diese Werbung ist eine echte Geschmacksfrage. Mit Fotos von Autounfällen, die tatsächlich vor Restaurants der Kette passierten, wirbt der ewige McDonalds Rivale Burger King seit kurzem in Deutschland für seinen Lieferservice. „Mit uns fährst du besser“ wird den Kunden versprochen und die Schnellrestaurantkette begründet ihre eigenartige Kampagne damit, dass Hunger und Durst zu mangelnder Aufmerksamkeit, Ablenkung und Verkehrsunfällen führen.

Mit an die Wohnungstür geliefertem Fastfood aus dem Hause Burger King, kann dieser mutmaßlichen Gefahr in Tirol derzeit nicht begegnet werden, doch es ist gut möglich, dass McDonalds diese Nische in absehbarer Zeit besetzt. „McDelivery wird sicher auch nach Innsbruck kommen“, ist Gerald Windisch, E-mobiler Gastronom (Pizza Call) mit großer „Liefererfahrung“ überzeugt. Nach Wien, Niederösterreich, Graz und Linz liegt es offensichtlich auf der Hand, dass die Kette ihren Lieferservice in den Westen ausdehnen wird.

Es tut sich was

Die Online-Bestellplattform „Mjam“ ist Partner der umtriebigen US-Kette in Österreich. In Innsbruck kann über „Mjam“ seit 2010 Essen geordert werden und seit kurzem bietet die Plattform hier auch einen Zustelldienst per Fahrrad an. 20 radelnde Kuriere sollen sich um die Zustellung der in der Tiroler Landeshauptstadt online georderten Speisen kümmern und die davon überzeugten Gastronomen insofern entlasten, als dass sie sich nicht mehr selbst um die Zustellung kümmern müssen. Gegen Bezahlung versteht sich.

Der Innsbrucker Fahrradkurierdienst „hellomeal“ ist vor Jahren mit seinen strampelnden Diensten gescheitert. Dieses Terrain ist vor allem dann tückisch, wenn alpine Kälte dem Essen den Spaß raubt und wenn die Speisen kein unkoordiniertes Rütteln vertragen.

Eine Pizza sieht nicht mehr g‘schmackig aus, konzentriert sich der Belag durch schiefes Halten des Lieferrucksackes traurig auf einer Seite des sehnsüchtig erwarteten Runds. Das wird nicht verziehen. „Das darf auch nicht sein. Ich glaube, mit dem Fahrradservice von ’Mjam’ wird es zu einem Ausleseprozess kommen, auch weil die Auslieferung mit dem Fahrrad flächenmäßig beschränkt ist. Es tut sich jedenfalls sehr viel auf diesem Gebiet“, ortet Gerald Windisch Bewegung in einem Bereich, in dem er sich ziemlich gut auskennt.

Kein Wunder, arbeitet Windisch doch seit fast sieben Jahren daran, das Liefern von Pizzen zu perfektionieren und diesen Markt mit seinen E-Mopeds auch ein Stück weit zu revolutionieren. Dass er die Entwicklung dieser speziellen Form des „Essens auf Rädern“ aufmerksam beobachtet, versteht sich von selbst: „Es hat definitiv zugenommen, doch es nimmt noch nicht überhand.“

Auf der Plattform mjam.at bieten in Innsbruck derzeit 51 Restaurants, auf lieferservice.at 44 Restaurants ihre Küchendienste an. Beide Plattformen gehören zu echten Branchenriesen – „Lieferservice“ zur niederländischen Takeaway-Gruppe und „Mjam“ zum seit 2017 börsennotierten deutschen Tech-Startup „Delivery-Hero“.

David und Gerald Windisch

Vorreiter in Sachen Pizza: David und Gerald Windisch auf den Mopeds von Pizza Call. Seit über sieben Jahren arbeitet Gerald Windisch daran, das Liefern von Pizza zu perfektionieren. Foto: www.blitzkneisser.com

Bestellen und gemütlich zu Hause essen

Es gibt selbstverständlich auch Gastronomiebetriebe, die ihre Speisen selbst und ohne Plattform anbieten – doch für alle gilt: Pizza, Pasta, Burger, Sushi, Döner, Österreichisches, Indisches, Chinesisches – mit ein paar Klicks am Computer oder einem kurzen Telefonat ist das Essen bestellt und das boomende Geschäft trifft einen Nerv unserer Zeit. Mitte November 2018 wurde in Deutschland eine breit angelegte Umfrage zu den Ess- und Liefergewohnheiten veröffentlicht, laut der Zeitmangel der ausschlaggebende Grund dafür ist, sich Essen nach Hause liefern zu lassen. Je mehr Kinder im Haushalt sind, umso eher wird auswärts bestellt und zu Hause gegessen. Und ist es nicht der Zeitmangel, der zum Bestellen führt, dann ist es die Gemütlichkeit oder die Lust auf einen anderen Geschmack.

Dem Kritikpunkt, Bestelldienste würden einen Beitrag zum schleichenden Untergang der Gasthauskultur leisten, kann Windisch nichts abgewinnen: „Die Leute bestellen nach Hause, weil sie keine Lust haben, zu kochen und nicht, weil sie keine Lust haben, ins Gasthaus zu gehen. Die Gasthauskultur ist ja eine ganz andere.“

Auf beiden Hochzeiten zu tanzen – im eigenen Restaurant und bei den Kunden zu Hause – ist für Gastronomen alles andere als einfach. Viele versuchen es, und hören dann auf, weil es sich nicht rechnet. „Es war kein Renner“, sagt etwa der Chef eines Gasthauses in Kals am Großglockner, das für kurze Zeit einen Lieferdienst angeboten hat.

Der Kunde ist König

Erst wenn mit dem Lieferservice mehr verdient wird als das zusätzliche Personal und die notwendigen Betriebsmittel kosten, steigt damit auch der Umsatz. Selbst wenn er zu Hause konsumiert, ist der Kunde König und seine Bereitschaft, eine späte Lieferung oder erkaltetes Essen zu tolerieren ist so klein, wie der Hunger groß. „Man muss das gut machen, denn der Kunde ist gnadenlos“, stellt der Pizzacall-Chef fest, „das muss man wirklich konzentriert betreiben und einen roten Faden haben, den man auch durchzieht.“

Mit über 2.400 Bewertungen zwischen 4 und 4,5 Sternen auf lieferservice.at, hat Windisch’s Pizzabäckerei die mit Abstand meisten positiven Kundenklicks auf der Innsbruck-Plattform. Drei Pizzaköche, sieben Mitarbeiter im Fahrerteam und zwei im Callcenter bilden das Team, das dafür nötig ist. Sein Service war zwar nie als „Nebenher“ gedacht, doch zeigt die Mannschaftsstärke im Wissen um die Personalkosten auch, welcher Aufwand nötig ist, um beim Online-Essen langfristig erfolgreich zu sein.

Jausenpeda-Mobil

Jausendienst am Vormittag: Mit dem Jausenpeda-Mobil legte Peter Recheis 2015 los. Nächstes Jahr wird “ausgebaut”. Foto: Jausenpeda.

Ein roter Faden ist das A&O

Höchst ambitioniert hatten 2016 etwa drei Studenten in Innsbruck die „Bruncheria“ gegründet und Frühstückslieferungen am Wochenende angeboten. Die Homepage gibt es zwar noch, doch Frühstück gibt es keines mehr. Auf die Morgenstunden ist auch Peter Recheis konzentriert, der sich unter dem Namen „Jausenpeda“ seit dreieinhalb Jahren darum kümmert, dass seine Kunden am Vormittag mit Jausenschmankerln versorgt werden.

Auf seiner Homepage hatte er die Möglichkeit geschaffen, dass die Kunden ihr Semmerl digital selbst belegen konnten und er es dann real liefert. „Das ist aus dem Ruder gelaufen, das habe ich nicht mehr geschafft“, sagt er. Früh genug hat er das erkannt, die Reißleine gezogen, die Homepage vorerst deaktiviert und sich auf das konzentriert, was wirklich gut läuft. „Ich habe meine fixen Kunden, meine fixen Werkstätten, die ich täglich beliefere“, erzählt Recheis, „nächstes Jahr baue ich das weiter aus und wir werden sehen, wie es läuft.“

Ich habe meine fixen Kunden, meine fixen Werkstätten, die ich täglich beliefere.
Peter Recheis

Der eigenartige Lebensrhythmus, den sein Beruf mit sich bringt, nimmt er gerne in Kauf. Um zwei Uhr früh steht er auf, um eine halbe Stunde später mit den Vorbereitungen zu beginnen. Zu dieser nachtschlafenden Zeit ist Innsbrucks traditionsreichster mobiler Hungerstiller noch mit deftigeren Speisen unterwegs.

Seit über 35 Jahren bietet die „Kaiserstube“ den Nachtschwärmern die Möglichkeit, den Bärenhunger, der sich bei längerem Ausgehen schon mal entwickeln kann, zu stillen. Bis 3:30 Uhr wird geliefert, die „Gassenkarte“ des traditionsreichen Restaurants ist umfangreich und der Service selbst längst legendär. Die Kaiserstube hat perfektioniert, was Windisch als A&O eines erfolgreichen Lieferdienstes bezeichnet. Einen roten Faden haben, den man durchzieht. Konsequent.

Bild oben: Vorreiter in Sachen Pizza: David (l.) und Gerald Windisch auf den E-Mopeds von Pizza Call. Seit über sieben Jahren arbeitet Gerald Windisch daran, das Liefern von Pizzen zu perfektionieren. 

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