„Gut sind Entscheidungen nur, wenn sie für alle gut sind“

Der scheidende WK-Präsident Jürgen Bodenseer erklärt, warum politisch akuter Handlungsbedarf besteht, wo die größten Herausforderungen für die Betriebe liegen, welche Lösungen unser Land weiterbringen und warum Ethik und Wirtschaft kein Gegensatz sind.

Vierzehn Jahre lang stand Jürgen Bodenseer an der Spitze der Tiroler WK und entwickelte die Unternehmerkammer zu einem modernen Dienstleister. Nächste Woche erfolgt die „Betriebsübergabe“ an Christoph Walser.

INTERVIEW

wirtschaft.tirol: Der Wirtschaftsmotor brummt auf Hochtouren, wir stehen wahrscheinlich am Gipfel der Konjunkturkurve. Was ist seitens der Bundespolitik in dieser Situation zu tun?

Jürgen Bodenseer: Dasselbe, das jeder Private oder Unternehmer tun sollte: vorsorgen für schlechtere Zeiten. Das bedeutet: Reformen rasch durchziehen und sein Budget in Ordnung bringen. Bei der Budgetdisziplin ist Tirol, das nun im achten Jahr in Folge ausgeglichen bilanziert, ein absolutes Vorbild für den Bund. Zum Glück geht die Bundesregierung jetzt auch in diese Richtung, nur muss es jetzt schnell gehen, weil in Europa Instabilität, Nationalismen und Klassenkampf drohen. Es ist gut, dass in Europa auch heikle Themen angesprochen werden – denn sich verschweigen ist ein schlimmer Luxus.

Bleiben wir beim Stichwort Klassenkampf. Die Begriffe Ethik und Wirtschaft werden oft als Gegensatzpaar gebraucht. Aus Ihrer Sicht zu Recht?

Ethik wird der Wirtschaft oft abgesprochen und anderen gesellschaftlichen Bereichen zugeordnet. Das ist falsch. Ein Unternehmer kann nur auf Dauer erfolgreich sein, wenn er in seinem Betrieb Verantwortung, Nachhaltigkeit und Fairness lebt, im Team mit seinen Mitarbeitern. Die kleinste wirtschaftliche Einheit ist der Mensch – das wissen erfolgreiche Unternehmer.

Und der ständige Vorwurf der sozialen Kälte an die Wirtschaft?

Es tut mir in der Seele weh, wenn Unternehmern zu Unrecht soziale Kälte vorgeworfen wird. Gut sind Entscheidungen nur, wenn sie für alle gut sind. Das Engagement vieler Betriebe beim Sponsoring von Vereinen oder bei der Einrichtung von Kinderbetreuungen zeigt, dass die Realität eine völlig andere ist.

Wo liegen die drei größten Herausforderungen für die Betriebe?

Erstens: genügend Arbeitskräfte auf allen Ebenen zur Verfügung zu haben. Zweitens: die Digitalisierung zu bewältigen – dazu gehört auch, von globalen Internetriesen nicht in die Knie gezwungen zu werden. Drittens: Bürokratie, Überregulierungen, Subventionswirrwarr und das viel zu komplexe Steuersystem auf den eigentlichen Kern zu reduzieren.

Was bleibt Ihnen aus Ihrer Präsidentschaft in der Tiroler Wirtschaftskammer als besonders gelungen in Erinnerung?

Besonders stolz bin ich auf die Öffnung der WK zur Innenstadt durch den Neubau in der Wilhelm-Greil-Straße. Der Bildungscampus am WIFI bringt eine völlig neue Atmosphäre des Lernens. Und das Service für die Betriebe wurde massiv ausgebaut. Die Kammer versteht sich als moderner Dienstleister – die guten Noten von Mitgliedern, die das Angebot der WK nutzen, bestätigen diesen Anspruch.

Was war der gemeinsame Nenner hinter diesen Neuerungen?

Die Wirtschaftskammer muss sich ständig an die Marktsituation anpassen. Das Wichtigste ist die konsequente Ausrichtung am Mitgliedernutzen. Ein Beispiel dafür ist das stark erweiterte Angebot für Ein-Personen-Unternehmen – dieses spiegelt die Realität in der Wirtschaft wider. Das Thema Fachkräftemangel ist bei den Betrieben akut – daher bieten wir den Betrieben viel Unterstützung in diesem Bereich.

Haben Unternehmer überhaupt Zeit, sich für gemeinsame Interessen einzusetzen?

Die vielen ehrenamtlichen Funktionäre in allen Fachgruppen zeigen: Ja, es gibt viele Unternehmer, die über das eigene Betriebsgelände hinausdenken. Und wenn es darauf ankommt, gehen Unternehmer auch auf die Straße. Mir ist die große Demo der Touristiker noch gut in Erinnerung, die dazu beigetragen hat, dass die Bundesregierung wieder den normalen Mehrwertsteuer-Satz von zehn Prozent eingeführt hat.

Welche Herausforderungen warten auf die Kammer in den nächsten Jahren?

Immer so nah als möglich an den Bedürfnissen der Mitglieder zu bleiben. Das betrifft auch die Struktur der Kammer. Die starre Einteilung in Sparten und Fachgruppen ist durch die Marktsituation teilweise überholt. Es gilt zu denken wie am Markt selbst. Im Bau zum Beispiel wollen Kunden sich nicht mit einzelnen Gewerken herumplagen, sondern suchen Angebote, die alles in einer Hand bündeln. Die WK sollte diese Realität in Form von Clustern abbilden – die alle Branchen umfassen, welche auch am Markt gemeinsam auftreten. Das reicht im Beispiel Bau von der Bauindustrie über Bau- und Baunebengewerbe bis hin zu technischen Büros.

Was ist in bewegten Zeiten wie diesen für Politik und Interessenvertretungen am wichtigsten?

Aus der Schwarz-Weiß-Spirale herauszukommen. Es gibt kein Entweder-Oder mehr, die moderne Arbeitswelt verlangt neue, klare Antworten. Und Politiker sollten nie vergessen: Politik ist Dienstleistung am Bürger. Politiker müssen genau zuhören und dann mutig und schnell entscheiden. Diese Einstellung gilt auch für die Sozialpartnerschaft – die ehrlichen Dialog und Teamgeist braucht. Streiken und aufeinander einhacken, wie zurzeit Thema, ist keine Erfolgsstrategie.

Betrifft das auch die aktuell heiß diskutierte Arbeitszeitflexibilisierung?

Ja, die ist sogar ein sehr gutes Beispiel für dieses Schwarz-Weiß-Denken. Neue Anforderungen erfordern einen neuen Rahmen bei den Arbeitszeiten. Der Widerstand der Arbeitnehmer-Vertreter ist unangebracht, denn es nützt auch den Mitarbeitern, wenn ihr Betrieb im harten Wettbewerb gestärkt wird.

Die Arbeiterkammer verweist aber auf Negativ-Beispiele …

Schwarze Schafe, die sich nicht an die Regeln halten, gehören bestraft, das sehe ich nicht anders als AK und Gewerkschaften. Aber es macht überhaupt keinen Sinn, einzelne Verfehlungen vor den Vorhang zu zerren und so zu tun, als ob es in allen Tiroler Betrieben so zugehen würde. Das stimmt nicht und macht eine vernünftige Diskussion unmöglich. Auch manche Betriebe haben umgekehrt mit einzelnen unzuverlässigen Mitarbeitern Probleme – wir denken gar nicht daran, jeden dieser Einzelfälle medial aufzublasen, weil das unfair wäre und letztlich nichts bringt.

Politische Entscheidungen dauern oft sehr lange. Das wird häufig damit erklärt, dass zu wenige Grundlagen für eine Entscheidung da sind. Was halten Sie von dieser Argumentation?

Es braucht nicht immer neue Studien, neue Kampagnen, neue Untersuchungen – die WK hat viele Vorschläge fix fertig ausgearbeitet bereit. Man muss es nur beherzt angehen. Unser Lösungsprogramm für die Landespolitik zeigt nicht nur Probleme auf, sondern enthält ganz konkrete Antworten.

Und auf Bundesebene?

Da ist es nicht anders. Das aktuelle WKO-Arbeitsprogramm ist zu Recht zu einem hohen Prozentsatz in den Koalitionspakt eingeflossen, weil es sachlich fundierte Vorschläge enthält. Das betrifft in hohem Maße auch die Lehre.

Sie meinen die Offensive der Bundesregierung in der Lehrlingsausbildung?

Genau. Es ist höchste Zeit, dass das Erfolgsmodell auch politisch starken Rückenwind bekommt. Die Gleichstellung der Meisterausbildung mit dem Bachelor ist ein wichtiges Signal. WIFI, Bildungsconsulting und Bildungsabteilung der WK Tirol sind Vorreiter bei der Weiterentwicklung der Lehre.

Was wünschen Sie Ihrem Nachfolger Christoph Walser?

Dass er ebenso viel Freude am Gestalten guter Bedingungen für die Unternehmerschaft hat wie ich. Und dass er das Potenzial des engagierten Teams an Funktionären und der tollen, dynamischen Mitarbeiter in der Tiroler Wirtschaftskammer optimal nutzt. Mit diesem Power-Team lässt sich das Beste für die heimische Wirtschaft erreichen.

Was wünschen Sie den Tirolerinnen und Tirolern?

Da fallen mir einige Dinge ein: miteinander ohne Handy zu reden; auch ohne Kamera oder Selfie zu lachen; Fröhlichkeit ohne Alkohol; nicht denselben Fehler immer wieder zu machen; anderen Menschen deren Erfolg nicht übel zu nehmen; und sich nicht vor Veränderungen zu fürchten.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Persönlich – gesund, jung und voll Tatendrang zu bleiben. Und für die Tiroler Unternehmen, egal ob groß oder ganz klein, die Wertschätzung, die sie verdienen. Und damit verbunden: die Rahmenbedingungen, die wirklich Lust auf Leistung machen.

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