Effektreiches Vorbild in Sachen Kinderbetreuung

Mit der Kinderkrippe, die im November 2018 im Innsbrucker WK-Haus eröffnet wird, geht die Tiroler Wirtschaftskammer nicht nur mit gutem Beispiel voran, sondern befeuert auch den gesamtwirtschaftlichen Effekt, der nachweislich in der Kinderbetreuung steckt.

Während die ministerielle Ankündigung, bei der Aufwandsentschädigung für Kinderbetreuungseinrichtungen in den Ländern den Sparstift ansetzen zu wollen, entsprechend hitzige politische Diskussionen nach sich zog, setzte die Tiroler Wirtschaftskammer ein Zeichen. Wohltuend konkret ist es angesichts der Betreuungs-Wirren und es hat durchaus die Kraft, als Vorbild zu dienen. Im November 2018 kann die Kinderkrippe der Tiroler Wirtschaftskammer loslegen. Mit zwei Gruppen zu je zwölf Kindern. Bestens betreut durch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Innsbrucker Sozialen Dienste GmbH (ISD), die Betreiberin der Kinderkrippe ist.

„Wir fordern nicht nur mehr Betreuungsplätze, sondern wir gehen mit gutem Beispiel voran“, sagt dazu WK Tirol-Präsident Jürgen Bodenseer und ergänzt: „Ich bin froh, dass meine Idee in die Tat umgesetzt wird und wir unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und zudem auch jungen Unternehmer- oder Funktionärsfamilien qualitativ hochwertige Betreuungsplätze in den Räumen der Wirtschaftskammer anbieten können.“

Nachhaltige Wirkung

Mit den zusätzlichen Betreuungsplätzen für unter dreijährige Kinder befeuert die WK Tirol den gesamtwirtschaftlichen Effekt, der in der Kinderbetreuung steckt. Landesrätin Beate Palfrader hatte im Zusammenhang mit der WK-Kinderkrippe auf ebendiesen positiven Effekt „auf die Wirtschaft und zahlreiche weitere Lebensbereiche“ aufmerksam gemacht. Martina Entner, Vorsitzende von Frau in der Wirtschaft Tirol, wird ein wenig konkreter, indem sie auf die stark angestiegene Zahl der erwerbstätigen Frauen hinweist – Frauen, die der Arbeitsmarkt nicht verlieren darf (siehe Interview „Angebot schafft Nachfrage“ weiter unten).

Eine Studie des Österreichischen Institutes für Familienforschung (Universität Wien) lieferte im Mai 2018 schließlich handfeste Zahlen über den Effekt des Ausbaus der Kinderbetreuungsplätze. Für diese „Kosten-Nutzen-Analyse der Elementarbildungsausgaben in Österreich“ wurde der Zeitraum 2005 bis 2016 unter die Lupe genommen. Vor dem Hintergrund neuerlich entfachter Auseinandersetzungen zu den öffentlichen Geldern, die in die Kinderbetreuung fließen, erstaunt die Tatsache, dass sich die Kosten, die dem Staat durch die Förderung der Betreuungseinrichtungen seit 2006 entstanden sind, längst amortisiert haben. Waren die Jahre bis 2014 von Investitionen geprägt, so hat sich etwa das Blatt der Kosten und Rückflüsse im Jahr 2015 gewendet. „Nach diesen Berechnungen haben sich die Mehrkosten für Elementarbildung aus Sicht der öffentlichen Hand ab 2015 über die Besteuerung der zusätzlich generierten Wertschöpfung selbst finanziert“, heißt es dazu in der Studie. 2015 wurde demnach der Break Even der Elementarbildungsinvestitionen erreicht.

1,34 Milliarden schwer

Die Gesamtwertschöpfung lag sogar über den staatlichen Kosten. In der Studie heißt es dazu: „Rechnet man die zusätzlichen Volumina sämtlicher fiskalen und parafiskalen Abgabenpositionen zusammen, so ist ersichtlich, dass bis 2016 über 1,34 Milliarden Euro an Mehreinnahmen lukriert werden konnten.“ Weil es den Eltern möglich war, arbeiten zu gehen, sind die Steuereinnahmen genauso wie die Einnahmen der Sozialversicherungen gestiegen. Logisch eigentlich, doch die Zahlen sind beeindruckend. Der 1,34 Milliarden schwere Effekt, der direkt auf den Ausbau des Elementarbildungsangebotes zurück zu führen ist, ergibt sich aus Konsumsteuern (€ 244,1 Mio.), Unternehmenssteuern (€ 32,1 Mio.), Lohnsteuern (€ 135,7 Mio.), SV-Beiträgen (€ 773,4 Mio.) und Lohnnebenkosten (€ 157,4 Mio.). Die öffentlichen Ausgaben einzig von der Kostenseite her zu betrachten, greift angesichts dessen viel zu kurz, wobei weitere Effekte, wie die Auswirkung der frühkindlichen Bildung auf den späteren Erfolg der Kinder, noch gar nicht einberechnet wurden. „Die Investition in frühkindliche Bildung stärkt den späteren Erfolg in der Schulkarriere sowie die beruflichen Entwicklungschancen und die gesellschaftliche Teilhabe im Erwachsenenleben“, so die Studienautoren. Flächendeckende, ganzjährige, ganztägige und flexible Kinderbetreuung lohnt sich. Für die Kinder, die Familien, die Wirtschaft, die Zukunft – und nicht zuletzt den Staatshaushalt.

» Mehr dazu: Plätze sichern für die neue Kinderkrippe

Interview: “Angebot schafft Nachfrage”

Martina Entner, Vorsitzende von Frau in der Wirtschaft Tirol, weiß um die positiven Effekte einer optimalen Kinderbetreuung.

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Hürden, die auf dem Weg zur ganztägigen, ganzjährigen und flexiblen Kinderbetreuung genommen werden müssen?

Martina Entner: Es ist ein klares Bekenntnis der Gemeinden erforderlich. Jede Gemeinde muss wirklich willig sein, ganztägige, ganzjährige sowie flexible Kinderbetreuung zur Verfügung zu stellen und auch anfänglich kleinere Gruppen zu unterstützen. Angebot schafft Nachfrage! Weiters braucht es flächendeckende Kinderbetreuung ab dem 1. Lebensjahr. Das einkommensabhängige Kinderbetreuungsgeld, dessen Bezugsdauer auf ein Jahr befristet ist, ist eine beliebte Variante. Zahlreiche Frauen wollen auch nach einem Jahr wieder einsteigen, aber viele Krippen nehmen die Kinder erst mit 1,5 Jahren. Die öffentliche Hand fördert mit dieser angebotenen Variante zwar den schnellen Wiedereinstieg, sie muss dann aber auch konsequent sein und es durch ein entsprechendes Kinderbetreuungsangebot auch ermöglichen.

Wie kann es gelingen, dass die Folgen, die sich aus der noch nicht optimalen Kinderbetreuungssituation für die Tiroler Familien ergeben, in der ganzen Tragweite wahrgenommen werden?

Entner: Etwa, indem die Tatsache, dass österreichweit Fachkräfte gesucht werden, durch diese Brille betrachtet wird. Zwei Millionen Frauen sind – so die Zahlen der Statistik Austria für das Jahr 2017 – in Österreich erwerbstätig. Gegenüber 1994 (1,57 Millionen Frauen) bedeutet das eine Steigerung von 27 Prozent. Wenn diese Frauen vom Arbeitsmarkt verschwinden, bekommen die Unternehmen ein Problem. Sie brauchen diese Frauen, die jedoch nur in die Unternehmen zurückkommen und flexibel agieren können, wenn es eine optimale Kinderbetreuung gibt. Und optimal heißt: ganztägig, ganzjährig und flexibel!

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