Strom-Engpass befeuert Handlungsbedarf

Ab 2030 droht Österreich der Strom-Engpass. Diese alarmierende Feststellung des Regulators E-Control erweitert das Thema Energiewende endgültig um die schwerwiegende Facette der Versorgungssicherheit und gibt den Kraftwerks-Ausbauplänen Stoff. „Wir müssen handeln – und zwar heute“, weiß WK-Vizepräsident Manfred Pletzer.

Im Dunkeln ist‘s gut munkeln, heißt es so schön. Die beste Voraussetzung für den Austausch von Geheimnissen ist möglicherweise die einzige positive Folge, wenn das Licht ausgeht. Für jene jedenfalls, die Geheimnisse austauschen wollen und das im Hellen nicht sollen. Alle anderen sind im Falle eines Stromausfalles eher dazu verdammt, unbeholfen im Dunkeln zu tappen und sich zu fürchten. Es reicht der kleine Gang durch eine Wohnung, ein Bürohaus, eine Werkstätte, eine Straße oder ein Unternehmen, um die Folgen eines Stromausfalles in Windeseile nachvollziehen zu können.

Tirol mit besten Voraussetzungen

Computer, Radio, Staubsauger, Kühlschrank, Schleifmaschine, Fertigungsstraße, Verkehrsampel, E-Auto, Garagentor, et cetera, et cetera. Arbeits- wie Alltagsleben sind nahezu vollständig mit elektrisch betriebenen Geräten durchdrungen. Diese Entwicklung reißt nicht ab. Im Gegenteil. „Ich gehe davon aus, dass der Verbrauch von Strom steigen wird – egal, ob durch die Umstellung zu Strom als Energieträger für die Mobilität oder die Raumwärme oder anderes. Die Bedeutung der Energiequelle Strom wird definitiv steigen“, weiß Manfred Pletzer. Der Vizepräsident der WK Tirol ist auch Aufsichtsratsmitglied der TIWAG, deren Erzeugungspotenzial eine Antwort auf den steigenden Bedarf ist. „Tirol hat meines Erachtens eine der besten Voraussetzungen, um einen positiven Beitrag zur Versorgungssicherheit zu leisten, indem die Kraftwerkskapazitäten ausgebaut werden. Wir müssen das heute angehen. Nur dann werden wir in der Lage sein, dies in zehn bis 20 Jahren realisiert zu haben“, so Pletzer.

Die drängende Dramatik seiner Worte hat gute Gründe. Mitte Mai 2018 hat der unabhängige Regulator E-Control vor einem Stromengpass ab dem Jahr 2030 gewarnt und damit ein alarmierendes Zeichen gesetzt. Für eine Energie-Zukunft, die ungewiss ist und eine Versorgungssicherheit, die wackelt. „Mehr und mehr verlassen wir uns auf unplanbare Stromerzeugungsressourcen. Wir gehen davon aus, dass unsere Speicher in Österreich, Importmöglichkeiten und thermische Kraftwerke schon ausreichen werden, eine allfällige Dunkelflaute zu überstehen“, sagt Andreas Eigenbauer, Vorstand der E-Control, und stellt richtig: „Wir haben aber gesehen, dass dies heute nur eingeschränkt der Fall, jedenfalls langfristig nicht gesichert ist.“

Die Gratwanderung

Viele Faktoren tragen dazu bei, dass Eigenbauer den mahnenden Zeigefinger erhebt und der Thematik die notwendige Spannung verleiht. Die Dunkelflaute etwa, von der Eigenbauer spricht,
beschreibt eine wind- und sonnenlose Zeit, in der weder die Windkraftanlagen im Norden noch die zahlreichen Photovoltaikanlagen überall in Deutschland die Netze mit ausreichend Strom versorgen. Da diese Quellen erneuerbarer Energie in Deutschland bereits über 35 Prozent des Strombedarfs zu decken vermögen, ist relativ leicht auszumalen, welche Auswirkung es hat, wenn schlechtes Wetter herrscht, kein Wind weht und der Bedarf sich davon nicht beeindrucken lässt. Dann wird es eng. Und es wird gefährlich.

Deutschland ist einer der wichtigsten Energie- Player Europas und einer der entscheidenden Stromund Netzpartner Tirols wie Österreichs. Ein höchst kniffliges Spinnennetz hält den Kontinent zusammen und Strom- wie Netzbetreiber zunehmend in Atem. Die Spannung in diesem Netz zu halten wurde im Zuge der Energiewende und der zunehmend dezentralen, unberechenbaren Energiequellen zu einer grenzüberschreitenden High-Tech-Gratwanderung. Ende Jänner 2017 war es beispielsweise nur mit äußerster Kraftanstrengung gelungen, ein Blackout – also einen flächendeckenden und länger andauernden Stromausfall – in Deutschland und aufgrund der engen Vernetzung eben wohl auch in weiteren Teilen Europas zu vermeiden. Der Monat war kalt und flau und am 24. kam es fast zum Gau. Die erneuerbaren Energie-Anlagen konnten nicht einmal fünf Prozent des deutschen Energiebedarfes decken, der ungeachtet aller Netznot mehr als 80 Gigawatt betrug. Weil Frankreich ebenso Probleme hatte und einen Stromausfall nur vermeiden konnte, indem die Inspektion mehrerer Atommeiler verschoben wurde, war der Import großer Energiemengen keine Option. Deutschland war gezwungen, in jedem noch so kleinen Reservekraftwerk Vollgas zu geben, um einen Blackout zu vermeiden, dessen katastrophale Auswirkungen für ein einfaches, Strom als Selbstverständlichkeit aus der Steckdose beziehendes Gemüt kaum auszumalen sind.

Der Jänner 2017 war auch für Österreich eine Art Lackmustest. Trotz massiven Einsatzes aller kalorischer Kapazitäten musste Österreich bis zu einem Drittel des Energiebedarfes importieren. Weil Strom auch in anderen Ländern zunehmend knapp wird,
hat diese Import-Strategie allerdings keine rosige Zukunft.

Die Herausforderung

Bis 2030 wird der Stromverbrauch in Österreich um acht Prozent steigen. Da schon jetzt die heimische Erzeugung dem Bedarf hinterher hinkt und im Winter systematische Unterdeckungen gegeben sind, folgert die E-Control, dass mehr Strom aus heimischer Erzeugung notwendig wird. „Wichtig wird sein, möglichst bald einen Diskussionsprozess für einen allgemein akzeptierten Versorgungsstandard zu starten. Versorgungssicherheit wird in Zukunft nicht mehr ohne weiteres garantiert sein. Es ist Zeit, hier Zielvorgaben zu definieren und zu verankern“, blickt Eigenbauer voraus und mahnt zur Eile.

Denn das Jahr 2030 ist nicht nur jenes, wo der Strom knapp wird, sondern auch jenes, in dem der gesamte Strom Österreichs aus erneuerbaren Energiequellen stammen soll, was – laut Leonhard Schitter, Präsident von Österreichs Energie – Investitionen von 50 Milliarden Euro in Wasserkraft, Photovoltaik und Wind notwenig mache. Tirol hat sich zusätzlich vorgenommen, bis 2050 energieautonom zu sein, wobei die angestrebte Autonomie nicht mit Autarkie in dem Sinn verwechselt werden darf, dass Tirol sich vom Rest der Welt abkoppeln und jederzeit selbst versorgen kann. Die Tiroler Energieautonomie zielt vielmehr darauf ab, dass sich die Rechnung unterm Strich ausgeht und der Spitzenstrom aus der Wasserkraft sich mit der Grundlastenergie, die aus Deutschland oder sonst woher bezogen wird, die Waage hält.

„Um diese Ziele zu erreichen, muss jetzt gehandelt werden. Es geht darum, von Öl und Gas wegzukommen, das ist politisch Gott sei Dank nicht mehr diskutierbar. Die Frage ist, wie schaffen wir das am besten“, sagt Manfred Pletzer und weiß: „Es ist wichtig, dafür zu sensibilisieren. Wir brauchen alles, was erneuerbar ist, und müssen es unterstützen.“

Potenziale dringend nutzen

Das von so wenig CO2 wie möglich geprägte Bild setzt sich aus zahlreichen Mosaiksteinen zusammen. Durch digitale Stromzähler smart gewordene Verbraucher zählen genauso dazu wie die so genannten Prosumer, die selbst Strom erzeugen und damit auch zur Netzstabilität beitragen. „Im Zweifel dürfen wir ruhig auch Fehler machen. Es kann durchaus sein, dass wir jetzt auf E-Mobilität mit Litium-Ionen-Batterien setzen und in zehn Jahren feststellen, dass das nicht das beste war. Wir können aber nicht bis zum Nimmerleinstag darauf warten, dass die Wasserstofftechnologie kommt“, regt Pletzer aktive Flexibilität in jede Richtung an. Er kann auch der Idee von PV-Anlagen auf allen Tiroler Dächern viel abgewinnen: „Doch selbst wenn wir das zustande bringen, werden wir das Strombedarfsproblem nicht lösen.“ Zielgerichtet zur Lösung dieses Problems kann nur mit dem Ausbau jener erneuerbaren Energiebringer beigetragen werden, deren Leistung nicht in Megawatt sondern in Gigawattstunden gemessen wird. „Im Ausbau der Wasserkraft liegt sehr viel Potenzial – Geschäftspotenzial wie Innovationspotenzial – und das sollte man dringend nutzen. Entsprechende Kraftwerkskapazitäten zu errichten, halte ich definitiv für geboten. Nur damit können wir die Ziele erreichen, deren Kern die erneuerbare Energie ist“, sagt Pletzer und regt – wie E-Control- Vorstand Eigenbauer – einen Diskussionsprozess an. Möglichst rasch. Weil der Strombedarf steigt, der Stromengpass naht und Tirol die Bedrohung in eine Chance ummünzen kann.

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