Marshallplan half Tiroler Unternehmen auf die Beine

Vor 80 Jahren startete der Marshallplan, um Europa nach dem Krieg wirtschaftlich zu unterstützen. Vielfach zu wenig bekannt: Tirol erhielt dadurch besonders viele Impulse.

Von 1948 bis 1952 erhielten 16 europäische Länder insgesamt 14 Milliarden US-Dollar für den Wiederaufbau nach dem Krieg aus dem Marshallplan, offiziell European Recovery Program (kurz ERP) genannt. Dieses ambitionierte Wirtschaftswiederaufbauprogramm der USA, benannt nach seinem Erfinder, US-General George C. Marshall, half auf mehrfache Weise. Die meisten Mittel flossen in Form direkter Zuschüsse mit der Auflage, davon Waren aus den USA zu kaufen, ein kleinerer Teil floss als Kredit.

Österreich erhielt als einziger Staat, der (teilweise) von sowjetischen Truppen besetzt war, Marshallplan-Hilfe. Österreich erhielt die Mittel als Geschenk in Form von Sachgütern, vor allem Mehl, Saatgut, Fett. Im Gegenzug musste Österreich den Schilling stabilisieren und den Staatshaushalt möglichst ausgeglichen halten. Die erhaltenen Waren mussten zum Inlandspreis verkauft werden. Die Einnahmen daraus flossen auf ein Counterpart-Konto, aus dem Wiederaufbauprojekte unterstützt und finanziert wurden.

1962 übergab die US-Regierung dieses Konto mit einem Guthaben von 11,2 Milliarden Schilling an Österreich. Daraus wurde der „ERP-Fonds“ gespeist, der seit 2002 von der Austria Wirtschaftsservice Gesellschaft (aws), der Förder- und Finanzierungsbank der Republik Österreich, verwaltet wird. Der ERP-Fonds vergibt jährlich 500 bis 600 Millionen Euro an zinsgünstigen Krediten an die österreichische Wirtschaft, bis heute eine hilfreiche Unterstützung aus dem Marshallplan.

Rund 960 Mio. Dollar für Österreich

Seine größte Bedeutung hatte der Marshallplan aber in den Jahren unmittelbar nach 1948. Er half Österreich in überdurchschnittlichem Ausmaß. Die USA sahen den Wiederaufbau Österreichs als teilweise sowjetisch besetztes Land, als Staat am Rande der östlichen Einflusszone, als besonders wichtig an. Und Österreich schaffte es geschickt, sich als besonders unterstützenswerter „Sonderfall“ zu verkaufen. Nach Österreich flossen bis 1952 rund 960 Millionen Dollar.

Besonders hohe Marshallplan-Hilfen kamen den drei westlichen Bundesländern – Vorarlberg, Salzburg und Tirol – zugute. Das Ziel war, den Tourismus aufzubauen und zur bis dahin vorherrschenden touristischen Sommersaison auch die Wintersaison touristisch zu nützen. So flossen hohe Marshallplan-Gelder in den Aufbau der Lift- und Seilbahnwirtschaft, berichtete Hans Petschar, Direktor des Bildarchivs und der Grafiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek, unlängst bei der Eröffnung der Wanderausstellung „70 Jahre Marshallplan“ im Foyer der Wirtschaftskammer Innsbruck.

Hans Petschar

Hans Petschar, Direktor des Bildarchivs und der Grafiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek. Foto: Riedler

„Überlebensnotwendige Unterstützung“

Petschar verwaltet einen Schatz von 20.000 Fotos aus den Jahren 1948 bis 1953, die vor allem von US-Verantwortlichen über Projekte des Marshallplans geschossen wurden. Er hat mit Günter Bischof ein Buch („Der Marshallplan“) geschrieben: „Der Untertitel lautet: ,Die Rettung Europas und der Wiederaufbau Österreichs‘. Das klingt ein bisschen hochtrabend, aber es war tatsächlich so. Man muss sich die Situation in Österreich in den Jahren 1946 bis 1948 vor Augen führen. Es herrschte wirtschaftliche Not und Kalter Krieg, das können sich die wenigsten heute vorstellen. Es waren die schlimmsten Jahre, es waren Hungerjahre. Ohne Hilfe der USA wäre Österreich kaum überlebensfähig gewesen.“

So aber wurde der Wiederaufbau eingeleitet: „Wenn man in den späten 1950er-Jahren von einem österreichischen Wirtschaftswunder sprach, so ist das vor allem auf diese massive amerikanische Wirtschaftshilfe zurückzuführen, die den Nachkriegswohlstand und den höheren Lebensstandard des Landes mitauslösten“, sagt Petschar.

Wintertourismus-Infrastruktur

Tirol profitierte kräftig vom Marshallplan: Ein Schwerpunkt war der Wiederaufbau in kritischen Sektoren der Grundstoffwirtschaft (Stahl, Eisen und Metalle, Elektrizität, Bergbau). Entsprechend flossen Marshallplan-Hilfen an die TRM Röhrenwerke in Hall, an die Jenbacher Werke in Jenbach, an die Perlmooser Zementfabrik in Kirchbichl und an das Umspannwerk in Lienz.

Das Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo forderte damals, auch Konsumgütererzeuger zu unterstützen, was aber abgelehnt wurde und auch viele enttäuschte Tiroler Unternehmen nicht zum Zug kommen ließ.
Dafür flossen viele Gelder in den Aufbau der Wintertourismus-Infrastruktur: „Man kann davon ausgehen, wenn in den Jahren 1948 bis 1953 ein Hotel saniert wurde, dann geschah das mit 99-prozentiger Wahrscheinlichkeit mit Hilfe von Marshallplan-Geldern“, so Petschar.

Die ERP-Unterstützung für touristische Projekte kam etwa dem Hotel Astoria in Seefeld und dem Hotel Innsbruck zugute oder dem Ausbau des Hahnenkamm-Skigebiets in Kitzbühel, berichtet Petschar. Unterstützt wurde aber auch die Arlbergstraße und die Verbindung Lech-Warth auf Vorarlberger Seite.

Positive Impulse durch Marshallplan

Warum war die Marshallplan-Hilfe in Tirol und in Österreich erfolgreich? Warum könnte sie also heute nicht einfach in vielen wirtschaftlich gebeutelten Gegenden der Welt ebenfalls eingesetzt werden? „Die Antwort ist: Es gab damals so gut wie keine Korruption“, meint Petschar. Zudem: Die Strukturen waren vielfach da, sie mussten oft nur erneuert werden.“

Der Plan finanzierte auch die Ausbildung von Tirolern in den USA. Der Marshallplan war auch ein Instrument für die USA, um US-Waren abzusetzen, war also eine Wirtschaftsförderung für US-Betriebe: Aber genau das war die geniale Leistung, humanitäre Aspekte mit wirtschaftlichen zu verbinden“, erklärt Petschar. Der Marshallplan habe den Wiederaufbau ermöglicht, habe freilich aber auch die damalige Aufteilung der Welt in Ost und West besiegelt.

Die positiven Impulse des Marshallplans dauern indes an: Heute vergibt der ERP-Fonds Mittel auch an Unternehmen aus den Bereichen Handel und Dienstleistung. „Und vielfach steigen Banken in eine Unternehmensfinanzierung erst dann ein, wenn der ERP-Fonds das Projekt als positiv eingestuft hat“, sagt Petschar: „Wir können uns bei den USA bedanken.“

180329-TW-marshallplan7

Nathanael M. Lynn, Kulturattaché an der US-Botschaft in Wien.

Marshallplan in Zahlen
Diesen Post teilen
X

Ihre Anmeldung für aktuelle Tiroler Wirtschaftsnews – Fast geschafft!

Bitte überprüfen Sie Ihren E-Mail-Eingang. Sie erhalten in Kürze unter der angegebenen E-Mail-Adresse eine Nachricht mit einem Bestätigungslink.
Ein Klick auf den Bestätigungslink schließt die Anmeldung ab.

Sehen Sie gegebenenfalls unter „Werbung“ oder „Spamverdacht“ nach, sollten Sie die E-Mail nicht in Ihrem normalen Posteingang finden.

Jetzt Newsletter abonnieren und regelmäßig personalisierte Tiroler Wirtschaftsnews erhalten!
(Ihre Daten werden vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben)

Bitte warten, Sie werden angemeldet!
Bitte füllen Sie alle Felder aus!