Wachstumsbremse: Wege aus dem Fachkräftemangel

Die Konjunktur boomt – doch geeignetes Personal zu finden gleicht der sprichwörtlichen Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Doch es gibt Möglichkeiten gegenzusteuern.

Der Fachkräftemangel geht quer über alle Branchen und ist eine ernste Herausforderung für die Betriebe und eine Wachstumsbremse für die Wirtschaft. Das zeigt auch das letzte Top-Tirol-Konjunkturbarometer der Tiroler Wirtschaftskammer: Doppelt so viele Betriebe (36 Prozent) wollen ihren Beschäftigtenstand erhöhen, nur 19 Prozent verringern. “Es muss an allen “Rädchen” gleichzeitig gedreht werden: sowohl bei den Anreizen als auch bei Aus- und Weiterbildung”, so Bodenseer.

Ein wichtiger Ansatzpunkt liegt für den Präsidenten in der überregionalen Arbeitsvermittlung und der Regionalisierung von Mangelberufslisten. Beim Thema Zumutbarkeitsbestimmungen setzt Bodenseer auf Anreize statt Zwang: “Es ist einen Versuch wert, Personen bei einem Standortwechsel mit einer Art “Umzugsprämie” zu unterstützen – entweder in Form von Förderungen oder mit steuerlichen Erleichterungen. Wichtig ist für Bodenseer auch die Vermeidung von “Inaktivitätsfallen” – mit anderen Worten: Es muss sich lohnen, eine Arbeit aufzunehmen. Auch muss die Vereitlung einer Arbeitsvermittlung konsequenter als bisher sanktioniert werden.

Der Präsident sieht weiters Potenzial beim Arbeiten für Asylwerber: Nach einem halben Jahr Verfahrensdauer sollte eine Beschäftigung zumindest in Form von Praktika oder Teilzeitarbeit in Betrieben (nicht nur wie derzeit gemeinnützig) möglich sein. “Das ist nicht nur für die Wirtschaft, sondern auch für die Integration der Betreffenden wichtig”, so Bodenseer.

Flexibilisierung der Arbeitszeiten

Indirekt haben auch die Arbeitszeiten mit dem Arbeitskräftemangel zu tun – weil oftmals nicht dann gearbeitet werden darf, wenn die Nachfrage da ist. “Die Flexibilisierung der Arbeitszeiten ist dringend nötig – und definitiv ein Vorteil für Betriebe UND Mitarbeiter”, so Bodenseer, der diese Forderung auch in der aktuellen AK-Studie des Forba-Instituts zu den Arbeitszeiten bestätigt sieht.

Für Vizepräsident Martin Felder liegt einer der wichtigsten Ansatzpunkte in der Aus- und Weiterbildung: “In Tirol sind sowohl die Platz- als auch die Personalressourcen äußerst begrenzt. Wir können uns nur über Höherqualifizierung und Qualität weiterentwickeln”, so Felder. Den Handlungsbedarf belegt das Top Tirol Konjunkturbarometer (Sommer 2017): 51 Prozent der Unternehmen gaben an, dass sich das Qualifikationsniveau der Arbeitskräfte in den letzten fünf Jahren verschlechtert hat; nur sechs Prozent sahen eine Verbesserung. “Das muss nicht heißen, dass die Arbeitskräfte schlechter ausgebildet sind – aber das Anforderungsprofil vieler Berufe ist in den letzten Jahren enorm gestiegen. Dem können wir nur mit lebenslanger Aus- und Weiterbildung entgegensteuern”, so der WK-Vizepräsident und WIFI-Beiratsvorsitzende.

Martin Felder sieht in der kommenden Einrichtung der Bildungsdirektionen eine Herausforderung und eine große Chance und bietet die Mitwirkung seitens der Wirtschaftskammer an: “Das Bildungsconsulting der WK kann die Direktoren durch Coaching in den Bereichen Management und Führung unterstützen sowie den Zugang zur Wirtschaft bereit stellen.”

Erfolgsmodell Lehre

Ein wichtiger Schlüssel liegt für Felder in der dualen Ausbildung. Die Anstrengungen der vergangenen Jahre, das Image zu verbessern, greifen nun – erstmals seit Jahren gibt es heuer eine Trendumkehr und wieder mehr neue Lehrlinge. Felder fordert, dass die Attraktivität weiter verbessert wird – etwa mittels Anerkennung der Meisterprüfung auf gleichwertiger Stufe eines Bachelors (Nationaler Qualifikationsrahmen Stufe 6), wie dies in anderen Ländern bereits Realität ist.

Die dringendsten Hausaufgaben der Politik im Bereich Bildung liegen für Felder in der Fachkräfte-Förderung. Dazu gehört die Einführung von “Berufsorientierung und Wirtschaftspraxis” als verpflichtendes Schulfach (“Übung”) in der dritten und vierten Klasse Sekundarstufe 1 im Ausmaß von zumindest jeweils 1 Wochenstunde. “Die derzeitige Form als integratives Schulfach ist nicht ausreichend. Wenn wir durch eine verbesserte Berufsorientierung verhindern, dass Personen zwei oder drei Anläufe für ihren Berufsweg brauchen, erspart das volkswirtschaftlich hohe Kosten und ist auch für den Einzelnen viel befriedigender”, so Felder.

Bodenseer und Felder schließen mit folgendem Fazit: Es gibt nicht “das Rezept” gegen den Fachkräftemangel. Aber es gibt – wie geschildert – viele Hebel, an denen angesetzt werden kann. In Summe ergeben diese eine spürbare Verbesserung der Situation.

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