Bildung in Zeiten der Digitalisierung

Konrad Paul Liessmann diskutierte in der Tiroler Wirtschaftskammer über Bildungsreformen, Bildung an sich, den Wert von Lesen und Schreiben und die Grenzen der Nützlichkeit digitaler Technologie im Unterricht.

Wenn sich Besuchermassen in eine Veranstaltungsräumlichkeit drängen, ist entweder das Thema bzw. der Gast interessant – oder beides, wie in diesem Fall. Konrad Paul Liessmann, einer der bekanntesten kritischen Köpfe zum Thema Bildung, rüttelt auf und provoziert. Deswegen war der Experte zu Gast bei Let’s talk Future, organisiert von der Fachgruppe Unternehmensberater und IT der Tiroler Wirtschaftskammer und der Wagner’schen.

Über Ziffernnoten und Kompetenzen

Der Moderator, UBIT-Obmann Christoph Holz, wählte zum Einstieg die neuesten Bildungsmaßnahmen der österreichischen Bundesregierung, die Wiedereinführung der Ziffernnoten in den Volksschulen sowie die Einführung der Bildungspflicht. Für den Philosophen stand die Nützlichkeit der Leistungsbewertung mittels Zahlen außer Zweifel. Die verbale Beurteilung sei oft eine “Geheimsprache”, die erst interpretiert werden müsse. Für das Kind sei das Gemeinte oft nicht klar, Ziffern dagegen wären eindeutiger. Bei der Bildungspflicht hingegen sei der Name unglücklich gewählt worden. Es wäre besser gewesen, die Maßnahme “Pflicht zu Kulturtechniken” zu nennen. Liessmann betonte im Zuge dessen den Unterschied zwischen Bildung und Ausbildung. “Ausbilden können uns andere, bilden nur wir selbst”, so seine Feststellung.

Auch auf die Problematik der Kompetenz ging Liessmann ein. “Der Kompetenzbegriff hat den Nachteil, dass dieser gleichzeitig zu weit und zu eng ist”, so der Philosoph. Denn einerseits sei eben einfach alles, was ein Mensch kann, Kompetenz. Kompetenz würde daher der Bildung nicht gerecht, denn im Leben lerne man viele andere Dinge – beispielsweise ästhetisches Empfinden oder auch Kreativität. “Der Motor unseres Fortschrittes”, so Liessmann weiter, “ist das Schaffen von Problemen. Das Interessante ist ja, ein Problem in einer Situation zu erkennen, das zuvor niemand als problematisch erachtet hat”. Lesen und Schreiben wären dabei die Kulturtechniken, die den Erwerb von Bildung erst ermöglichten.

Der Wert von Lesen und Schreiben

Beim Stichwort Lesen und Schreiben schilderte der UBIT- Fachgruppenobmann, wie sein Sohn gerne Siri, Apples Telefonassistentin, verwende. Deswegen fragte er sich, welche Auswirkungen es habe, nicht mehr schreiben zu müssen. “Seriös gesagt: eigentlich gibt es, theoretisch gesehen, keinen Grund, Lesen oder Schreiben heute lernen zu müssen”, so Liessmann. Denn neben Siri, die diktierte Texte auch niederschreiben könne, gäbe es auch Vorlesesoftware. Der Wert von Lesen und Schreiben liege aber darin, dass man durch sie auch andere Fähigkeiten mit trainiere – wie beispielsweise die Artikulationsfähigkeit. Außerdem nehme man durch das Lesen Texte auch besser war als rein durch Zuhören.

Sprachklassen – in Ordnung

Auch sprach sich Liessmann für die geplanten Sprachklassen aus. “Die Debatte darüber ist seltsam. Denn was macht man, wenn man in ein fremdes Land geht, um sich dort verständigen zu können? Man besucht Sprachkurse!”, so der Experte. Es sei eine “Utopie, Kinder einfach in Klassen zu setzen, in der Hoffnung, dass sie die Sprache von selbst lernen.” Auch der Vorwurf der Ghettoisierung gehe zu weit: zum einen sei der Begriff problematisch, zum anderen würden die Kinder ja nicht durchgehend voneinander getrennt werden.

Die Ambivalenz der Digitalisierung

Technik würde einerseits Menschen von Verpflichtungen entheben und Individuen miteinander verbinden, andererseits könne aber durch die Digitalisierung die Masse kontrolliert werden – als Beispiel verwies er auf das Sozialkonto in China. Somit sei die Vorstellung, dass technischer und sozialer Fortschritt Hand in Hand gingen, nicht haltbar. “Die Renationalisierung wird beispielsweise von der Flutung der Gesellschaft durch technologische Geräte begleitet”, stellte er fest. Möglicherweise problematisch sei auch der geplante Bildungskompass, befürchtete Liessmann. Eine Maßnahme mit guten Hintergrundgedanken “kann dazu verwendet werden, Menschen abzustempeln. Man schleppt den Ballast der Vergangenheit mit und ist daher dem Einzelnen nicht zumutbar.”

Zum Schluss skizzierte der Bildungsexperte grob seine Vorstellungen für das Bildungs- und Ausbildungssystem der Zukunft. Eine gute Balance zwischen Theorie und Praxis sei weiterhin wichtig. Auch solle moderne Technologie im Unterricht eingesetzt werden, stellte er klar, aber nur dort, wo es sinnvoll sei. Unter anderem biete sich Biologieunterricht dafür an. Der Aspekt also, Bildung und Ausbildung sinnvoll zu ergänzen, bliebe auch in Zukunft wichtig.

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