Tirol unter Strom: Neue Wege zur Energieautonomie

Es sind echt heiße Zeiten. Für all jene jedenfalls, die nicht nur erwarten, dass der Strom eben aus der Steckdose fließt – egal woher, egal wohin. Die Welt der Energieversorger ändert sich im Schatten der dezentralen Ökostromerzeugungen dramatisch.

Jene der Netzbetreiber ist eben wegen der neuen Quellen so angespannt wie nie, Verbraucher mit Öko-Gewissen kommen nicht umhin, ihr Energie-Leben umzustellen und die Klimaziele geben einen Takt vor, der auch die Gesetzgeber dazu treibt, möglichst sinnvolle Rahmen zu setzen.

„Dass die Errichtung von Gemeinschaftsanlagen für Wohnanlagen oder gewerbliche Betriebe möglich ist, ist sehr positiv. Das war ein interessanter gesetzlicher Schritt, der lange von der Wirtschaftskammer und anderen gefordert wurde“, geht Richard Stöckl, Leiter des Innovations- und Technologieservice der WK Tirol, gleich in medias res. Stöckl spricht die relativ neue Möglichkeit an, Photovoltaik-Anlagen für ganze Gebäude zu installieren, deren Bewohner oder Gewerbetreibende den damit gewonnenen Strom gemeinschaftlich nutzen. „Das macht Sinn. Der Trend geht ganz klar in Richtung Eigenstromerzeugung, damit die Netze nicht überlastet werden“, lenkt Stöckl den Blick auf die wohl wichtigste Trendwende in der Strom-Welt an.

Als die ersten Ökostromanlagen gebaut und vom Staat mittels hoher Einspeistarife nicht unerheblich gefördert wurden, lautete das logische Ziel der Betreiber, möglichst viel Strom zu erzeugen. „Diese Anlagen haben teilweise 90 bis 95 Prozent des erzeugten Stroms in die Netze eingespeist. Jetzt findet eine Umkehr statt. 80, 90 bis 95 Prozent des Stroms sollten selbst verbraucht werden“, so Stöckl.

Billiger Strom führt zu nervösen Zuckungen

Die Umkehr, von welcher der Energieexperte der WK Tirol spricht, geht nicht ohne Schmerzen über die Bühne. Anfang September erst machten die Besitzer von Holzkraftwerken auf ihre Bredouille aufmerksam. Ihnen waren hohe Einspeistarife für den Strom garantiert worden, ohne die sich das Betreiben der Anlagen nicht rechnet. Viel ist seit dem großen Hackschnitzel-Hype passiert. Holz wurde teurer, Strom wurde billiger und die Frage, wie lange noch zwischen zehn und 14,8 Cent pro Kilowattstunde „Holzstrom“ bezahlt wird, wo der reguläre Strompreis ohne Steuern und Aufschläge zwischen drei und acht Cent pro Kilowattstunde liegt, führt aus nachvollziebaren Gründen zu nervösen Zuckungen. Der Preisanteil für die pure Energie beträgt – laut E-Control – 31,5 Prozent, 27,3 Prozent des Strompreises verschlingt das Netz und 41,2 Prozent der Staat mit Steuer und Abgaben.

Nicht nur im Zusammenhang mit den überdimensionierten Anlagen aus den Anfängen der Ökostromförderungen ist guter Rat teuer. „Es stellt sich grundsätzlich die Frage, welche weiteren Schritte gesetzt werden“, weiß Gerald Prinz. Als Landes- und Bundesinnungsmeister für Elektro-, Gebäude-, Alarm- und Kommunikationstechnik ist Prinz in die Verhandlungen zur Energiezukunft involviert und war beispielsweise federführend beteiligt, als sich die wichtigsten EU-Vertreter der Energie-Branchen Mitte August 2017 zu Verhandlungen in Wien trafen, um die großen Schritte bis 2050 zu besprechen.

Zankapfel Überling

Wichtiger Punkt auf der Agenda war der so genannte Überling, jener Strom also, der von den übers Land verstreuten Ökostromanlagen respektive deren Betreibern in das Netz eingespeist wird und in den vergangenen Jahren zunehmend zum Zankapfel wurde. „Die Energieversorgungsunternehmen hatten die Forderung gestellt, dass die Energie nicht mehr eingespeist werden darf. Es ist mir aber gelungen, ihre Vertreter zu überzeugen, dass ein Einspeiseverbot des Überlings nicht sinnvoll ist und nix bringt“, berichtet Prinz und weiß: „Über die Frage des Geld-Verdienens, wenn eingespeist wird, werden wir uns noch lange streiten.“

Der Hintergrund für die ablehnende Haltung der EVU’s gegenüber dem Strom der Privaten ist denkbar einfach. Jede Kilowattstunde, die jenseits der großen Anlagen erzeugt wird, bedeutet eine Kilowattstunde weniger, die von den EVU’s verkauft wird. „Dass sie nicht dafür zahlen wollen, ist verständlich. Hinzu kommt, dass mit der Einspeisung die Netze belastet werden und die kosten in Österreich rund acht Milliarden Euro“, sagt Prinz. Der steigende Eigenanteil und die Überlastung der Netze sind wiederum der Hintergrund dafür, dass immer öfter über eine Energie-Flatrate diskutiert wird, mit der Netz und Strom pauschal bezahlt werden. Die Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) hatte vergangenes Jahr eine Studie veröffentlicht, deren Grundlage eine Befragung von 160 heimischen Energieanbietern und Unternehmen aus der energieintensiven Industrie gewesen war. Damals hatte ein Drittel der Befragten angegeben, bereits bis 2020 mit der Einführung von Pauschaltarifen zu rechnen.

Neue Spezies „Prosumer“

Offenkundig bleibt in der Energie-Welt kein Stein auf dem anderen. Und es ist eine neue „Spezies“, welche die Veränderungen anstößt: Die so genannten Prosumer, also Mischwesen aus Produzenten und Konsumenten. Damit sind jene Menschen gemeint, die keine puren Abnehmer mehr sind, sondern im Sog der Energiewende etwa eine Photovoltaikanlage installierten und weniger bis gar keinen Strom aus den öffentlichen Netzen beziehen. Die Zahl der Prosumer steigt und sie sind im Zusammenhang mit der Energiewende das Zielpublikum für den neuen Förderzugang. „Wenn bis zu 95 Prozent des selbst hergestellten Stroms auch selbst verbraucht werden, stellt sich die Problematik des Überlings nicht, dann muss der Strom nicht verbettelt werden“, weiß WK-Experte Stöckl. Den Eigenverbrauch zu errechnen bzw. von einem Fachmann errechnen zu lassen, ist deswegen die erste Hausaufgabe für jeden, der eine PV-Anlage errichten will. „Wenn die Anlage warum auch immer zu groß geraten ist, muss ich technische Möglichkeiten finden, diesen Überschuss möglichst kostengünstig zu nutzen“, verweist Stöckl auf Speichermöglichkeiten in Form von Warmwasser oder Batterien. Richtig dimensioniert sind PV-Anlagen zwar keine Gelddruckmaschinen, wohl aber sinnvolle Investitionen, die sich mittel- bis langfristig rechnen.

Gerald Prinz denkt noch weiter und regt den Gesetzgeber an: „Wichtig ist die Versorgungssicherheit. Wenn ich meinem Nachbarn neben, ober oder unter mir meinen Überling liefern dürfte – das kann man auch von Haus zu Haus oder von Gemeinde zu Gemeinde spinnen – dann hätten wir in Österreich eine Versorgungssicherheit, wie sie keiner in ganz Europa hat.“ Heiße Zeiten sind es – echt.

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