Digitalisierung: Nutzen aus Daten für alle

Dirk Helbing, führender Komplexitätsforscher, gibt Einblicke hinter die Kulissen der digitalen Entwicklung und zählt einige positive Ansätze auf, die Mut machen.

Er ist Mitautor des Digital-Manifests – eine Strategie für das digitale Zeitalter: Der Komplexitätsforscher Dirk Helbing, gelernter Physiker und Soziologe warnt vor dem Ende der Demokratie und macht zugleich Mut, mit Ideen für eine Demokratie 2.0, in der die informelle Selbstbestimmung dazu führen kann, dass Big Data und künstliche Intelligenz nicht manipulativ wirken, sondern den Schlüssel zu wichtigen Innovationen darstellen.

Die Fachgruppe UBIT lud Prof. Dirk Helbing zu “Let’s talk future”. In der Veranstaltungsreihe sollen das Wissen der Vordenker und die Tends in der Digitalisierung einem breiten Kreis von Interessierten in Tirol zugänglich gemacht werden.

Werden wir ferngesteuert?

Ohne, dass es uns oft bewusst ist, werden ununterbrochen mehr Daten über jeden von uns produziert, als verarbeitbar sind. Die großen Player (Google, Facebook…) sowie die Politik sind mit dem Wissen aus dieser Datenmenge Jahre voraus, schaffen aber eine Topdown- Kontrolle nicht mehr. Zugleich schwindet das Vertrauen der Gesellschaft in die leitenden Mächte mehr und mehr, denn existenzielle Probleme wie Krieg, Klimawandel, Terrorismus konnten nicht gelöst werden. Das sagt Dirk Helbing, anerkannter Komplexitätsforscher, und: „Wir brauchen ein nachhaltiges Wirtschaftssystem. Der sozioökonomische Rahmen muss angepasst werden um die Errungenschaften der Gesellschaft, wie Demokratie und Menschenwürde in Zusammenhang mit der Datensammlung von jedem Einzelnen, nicht in Gefahr zu bringen. Wir leben in einer Aufmerksamkeitsökonomie“, macht Helbing deutlich, denn auf Basis von Nutzerdaten wird unsere Aufmerksamkeit gesteuert, von der Politik, im Bildungsbereich und beim Konsum.

Europa braucht kombinatorisches Wachstum. Gesetzliche Überregulierung wird der Vergangenheit angehören.

Dirk Helbing

Paradigmenwechsel: jetzt

Helbing vertritt die These, dass es an uns liegt, die sogenannten „Warrooms“, wie er die Schaltzentralen der Mächtigen nennt, in „Peacerooms“ zu verwandeln. Dazu brauchen wir einen neuen Ansatz: „Alle sollen Nutzen aus den gesammelten Daten ziehen und Zugriff darauf haben. „Es braucht nicht nur eine große digitale Transformation, sondern begleitend auch eine gesellschaftliche und wirtschaftliche, in der Dezentralisierung eine bedeutende Rolle spielen und Diversität der Gewinner sein wird“, schickt Helbing voraus. Dieser Ansatz schafft den Rahmen für eine kollaborative Intelligenz und lässt viel Freiheit für Kreativität. Die Kombination von mehreren Lösungen führt uns zu einem neuen Wachstumsgesetz, dem „kombinatorischen Wachstum“, wie Helbing es nennt.

Mit Open Source kann eine Sharing Economy entstehen, in der auf die Selbstorganisation jedes Einzelnen gebaut wird, unterstützt von digitalen Assistenten, die uns helfen, mit der Komplexität der Datenberge umzugehen und Chancen zu nutzen. Dazu müssten die gesammelten Daten nach etwa zwei Jahren geöffnet und für jeden zugänglich gemacht werden. Das würde einen gewaltigen Innovationsschub bewirken und die gesetzliche Überregulierung würde der Vergangenheit angehören. Voraussetzung für den innovativen Dateneinsatz wäre eine in der Verfassung festgelegte Wertebasis. „Es geht darum, dass wir uns gegenseitig nicht weh tun“, deutet Helbing auf eine bessere Gesellschaft hin, in der wir leben könnten, wenn wir es schaffen, die derzeit herrschende Informations-Asymmetrie auszugleichen. Ein Beispiel aus der Natur: Der Regenwald wirft nach einiger Zeit Blätter ab, die den Humus für weiteres Wachstum bilden. „Diesen ’digitalen Humus’ müssen wir uns zu Nutze machen, um einen neuen Wirtschafts-, Ökonomie- und Finanzkreislauf entstehen zu lassen.“ In den Thesen von Dirk Helbing finden Städte-Olympiaden statt, um die besten Lösungen untereinander zu finden. Eine Investmentprämie – ähnlich wie Gutscheine – für Innovation, Technologie, Umweltprojekte oder soziales Engagement wird verteilt, um Chancengleichheit für alle Ideen zu gewähren. Die große Transformation ist eine Herausforderungen, aber eine mit großen Chancen.

Dirk Helbing (l.) folgte der Einladung von FG-Obmann Christoph Holz zur Diskussionsveranstaltung mit IT-Experten in der Tiroler WK. Foto: WKT

Dirk Helbing (l.) und der Obmann der Fachgruppe UBIT in der Tiroler Wirtschaftskammer, Christoph Holz. Foto: WKT

 


Dirk Helbing ist seit 2007 Professor für Computational Social Science am Department für Geistes-, Sozial- und Politikwissenschaften sowie Mitglied des Informatikdepartments der ETH Zürich. Seit Juni 2015 ist er assoziierter Professor an der Fakultät für Technik, Politik und Management an der Technischen Universität Delft, wo er die Doktorandenschule “Engineering Social Technologies for a Responsible Digital Future” leitet.

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