Wie wir menschenzentrierte Strategien für die Zukunft finden

Design Thinking und Szenarien-Entwicklung – zwei vielversprechende Denkschulen, um Neues zu schaffen. Doch wie passen Sie zusammen?

Gespräche über die Zukunft sind oft vereinfacht oder fußen auf popularisierten Visionen. Gleichzeitig aber verlangen Unsicherheiten in Wirtschaft und Politik stärker denn je nach einer belastbaren Orientierungshilfe für zukünftige Entwicklungen. Die herkömmliche Antwort sind schnellere Produktentwicklungsprozesse, von denen man sich eine höhere Innovations- und damit Anpassungsfähigkeit verspricht. Reicht es aber aus, das Gleiche nur schneller zu machen?

Wenn wir „Neues“ gestalten möchten, müssen wir auch neue Pfade nehmen und nicht nur schneller auf alten Pfaden gehen. Vermeintlich neue Ansätze sorgen für einen Methoden-Dschungel, indem die Navigation mindestens so schwierig wird, wie daraus eine Prognose für die Zukunft abzuleiten. Zwei führende Methoden sind die Szenarien Entwicklung und das Design Thinking, doch wie passen sie zusammen? Und welche Potenziale liegen im Verknüpfen der einzelnen Denkschulen? Ein Orientierungsversuch.

Vermitteln diverse Zukunftspfade eine Sicherheit bei Entscheidungen?

Die Szenarien-Entwicklung ist eine der meist angewendeten Methoden der Zukunftsforschung. Von der militärischen Planungstechnik inspiriert werden Szenarien, d. h. mögliche Zukunft, ausgearbeitet, die auf überwiegend plausiblen Entwicklungslinien aufbauen. Einem explorativen Ansatz folgend werden systematisch Einflussfaktoren identifiziert und von Experten bewertet. Die entstehende Diversität durch die unterschiedlichen Zukünfte wird im Diskurs verhandelt. Dass eine verantwortungsvolle, strategische Zukunftsprognose durch die aktuelle Unsicherheit wichtiger wird, leuchtet ein. Doch jede Form von zukünftigen Veränderungen betreffen Menschen und ihr Verhalten. Sind es nicht Menschen, die durch ihr Handeln die Zukunft gestalten? Wie können die oben genannten Szenarien jetzt um die Fokussierung auf den Menschen – einen sogenannten human-centered Ansatz – ergänzt werden? Denn wir brauchen beides: einmal den Blick über den Tellerrand, um die Veränderung von Einflussfaktoren frühzeitig zu kennen und diese auf mögliche Auswirkungen hin zu überprüfen. Und zweitens müssen wir eine Idee haben, was unsere zukünftigen Nutzer bewegt, erfreut und verärgert, um bedürfnisorientierte Produkte und Services zu entwickeln.

Ist es ausreichend, diese Erkenntnisse innerhalb der Zukunftsforschung zu entwickeln und an die Organisation zu übergeben? Welche Rolle spielen Endnutzer außerhalb der Organisation und Mitarbeiter innerhalb der Organisation für Zukunftspfade? Welchen Beitrag kann das Design als Ansatz und in seinen Arbeitsweisen als Brücke leisten?

Wie verändern Arbeitsweisen des Designs die Strategie einer Organisation?

Gegenwärtig findet eine Revolution der Art und Weise, wie strategische Zukunftsentwürfe in Großorganisationen erarbeitet werden, statt. Design Thinking everywhere. Dieser Ansatz zum Lösen von Problemen und zur Entwicklung neuer Ideen wird aus einer radikalen Bedürfnisperspektive, meist der Endnutzer eines Produkts oder Services, gestaltet. Durch den Hype des Design Thinkings erhalten Arbeitsweisen und Ansätze der Entwurfsentwicklung von Designern Einzug in die Strategiearbeit zur Gestaltung von Zukunftsfähigkeit in Organisationen und verändern die Rolle von Zukunftsforschung. Von Temporalität, Kollaboration und Visualisierung geprägte Ad-hoc-Darstellungen, partizipativer Dialog und Iteration ergänzen oder ersetzen sogar die traditionelle, langfristige Erarbeitung von Einflussfaktoren und Szenario-Prozessen. Organisationen beginnen das kollektive Wissen, das durch das Entwerfen von Artefakten wie beispielweise Papier-Prototypen, Flipcharts mit visuellen Zeichnungen und Codes tangible entsteht, anzuzapfen. Sie ermöglichen, Menschen dabei sachorientiert zu interagieren und kulturelle, hierarchische und fachspezifische Kommunikationshürden in Sinne einer wirklich konsumentennahen Innovation zu nivellieren.

Wo Szenario Planung und Design Thinking zunächst konträr wirkt, so fußt es doch auf den gleichen Grundannahmen: Das Design und die Szenarien Entwicklung entwickeln fiktive Möglichkeitsräume, die sich bei dem einen qualitativ und bei dem anderen eher quantitativ ausdrücken lassen. Außerdem gibt es ein gemeinsames Ziel: das beste, zielführendste Produkt, Service oder System zur Fragestellung zu entwickeln und damit innovationsfördernd und zukunftsweisend
zu agieren.

Synergien durch Kombinatorik? Miteinander statt nacheinander.

Das Design gestaltet menschzentriert und integriert Bedürfnisse, Umstände und Verhaltensweisen. Die Zukunftsforschung schaut weit über die Gegenwart hinaus, entwickelt Bilder der Zukunft, um zeitnahe aber prägende Entscheidungen zu unterstützen. Durch den Einsatz von Design ist es möglich entwickelte Szenarien verständlicher zu gestalten.

Das Design gestaltet menschenzentriert und integriert Bedürfnisse, Umstande und Verhaltensweisen.

Denn das Design verfügt über eine visuelle und haptische Umsetzungsstärke zum Erschaffen der Zukunft, Visualisierung zur Stärkung des Konzepts, der Vorstellungskraft und zum weiteren Überprüfen und Verbessern. Visualisierungen hauchen der Zukunft leben ein. Zukunftsforscher und Designer sind beide Wissensträger zwischen Außen- und Innenwelt in einer Organisation und können so von einer Zusammenarbeit profitieren. Oftmals sind aber die Abteilungen in Großorganisationen bisher wenig verknüpft, sondern arbeiten „nacheinander“. Szenarien werden entwickelt und im Nachgang durch Personal, Storytelling und Kurzfilme kommuniziert. Sind das schon die erhofften neuen Pfade? Es lohnt sich noch einen Schritt weiterzugehen, um bereits im Entstehungsprozess die Denk- und Arbeitsweisen zu verknüpfen. Das Erstellen von einfachen Prototypen aus Pappe kann bereits in die Entwicklung von Szenarien integriert werden, und berücksichtigt frühzeitig das menschenzentrierte Denken von Mitarbeitern, Bürgern oder weiteren Stakeholdern. Zudem bieten Szenarien dem Design Erkenntnisse über das Umfeld, seine anzunehmenden Veränderungen und die Perspektiven unterschiedlicher Stakeholder. Denn egal, wie wir die Zukunft gestalten – es sind immer Menschen – die wir adressieren. Dies klingt simpel, doch das menschliche Verhalten ist hoch komplex und fügt ein weiteres Level an Unsicherheit hinzu. Innerhalb von Organisationen treffen nicht nur Menschen unterschiedlicher Denkschulen, favorisierter methodischen Ansätzen und Arbeitsweisen aufeinander, sie sind ebenso alle auf der Suche nach der Zukunft und streben danach, Möglichkeitsräume zu erkunden. Diese Neugier unterstützt sie bei der Überwindung bisheriger Gewohnheiten. Technologische Innovationen können nur dann erfolgreich werden, wenn die Menschen motiviert, oder gar begeistert in ihrem Umgang mit ihnen sind. Und dafür müssen wir sie ins Zentrum zukünftiger Entwicklungen stellen und die intersektoralen Prognosen als deskriptive Form der Fiktion verstehen.

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