Holzbau Tirol: Überregulierung hemmt Innovation

Das globale Wettrennen um das höchste Hochhaus aus Holz beweist die enormen urbanen Chancen für den Holzbau. Ein übereifriges Regelwerk erschwert jedoch das Durchstarten und behindert Innovationen.

Es ist eine echte Entfesselung, die hier passiert. Eine Entfesselung, die erst durch neue Materialien, Innovationen und Visionen „in Sachen Holz“ möglich wurde. Seit Oktober 2016 wird in Wien am höchsten Holz-Hybridgebäude (75 Prozent Holzbauanteil) der Welt gebaut. Das „HoHo Wien“, welches im Stadtentwicklungsgebiet Seestadt Aspern wächst, wird mit seinen 24 Geschossen 84 Meter hoch sein, voraussichtlich schon Ende 2018 bezogen werden und jedenfalls neugierige Blicke auf sich ziehen. Von Experten der globalen Baubranche genauso, wie von Menschen, die der Meinung waren, das unvergleichliche Holz-Raumklima sei nur in urigen Berghütten oder Einfamilienhäusern erlebbar.

Höhenflüge in Holz

84 Meter sind ein schönes Argument. Einerseits für die Chancen, die Holzbau im urbanen Umfeld hat und andererseits für den Superlativ, den es gegen das „Terrace House“ in Vancouver zu verteidigen gilt. In der kanadischen Stadt wurde im Frühjahr 2017 um Baugenehmigung des Holz-Wohngebäudes ersucht, das 71 Meter hoch werden und 19 Geschosse „unterbringen“ soll. Selbst wenn hier und da „in Übersee“ behauptet wird, das Terrace House werde die höchste Holz-Hybrid-Konstruktion der Welt, darf aus österreichischer Sicht Nachsicht geübt werden, ist der Kampf um den Rekord doch nur ein olympischer Beweis für die Höhenflüge, zu denen der Holzbau fähig ist.

Neue Materialien

„Anfang der 1980er Jahre war ich in Vancouver und habe Baustellen gesehen, wo sie vier bis fünfgeschossig in Holz gebaut haben“, blickt Karl Schafferer, Geschäftsführer von Schafferer Holzbau und Vorstandsvorsitzender von proHolz Tirol, zurück. Schafferer kann sich gut an diesen Whow-Moment erinnern, wurde das in jungen Jahren erlebte doch zur Inspiration für die Entwicklung des Naviser Familienunternehmens: „Wir hatten schon damals das weitaus bessere Knowhow und die größere Palette an Holzwerkstoffen. Der Moment war sicher des Ansporn, das bei uns umzusetzen.“

Seine Überzeugung fruchtete Schritt für Schritt bzw. Holzhaus für Holzhaus – doch der richtig große Durchbruch dafür, Holz bei allen Bau-Herausforderungen zu verwenden, kam mit den neuen Materialien. Brettsperrholz etwa wurde für die Branche zum Schlüssel, der dem Baustoff Holz die Türen zu komplexen Industrie- oder Gewerbebauten genauso öffnete, wie zu mehrgeschossigen Büro- oder Wohnbauanlagen und nicht zuletzt in die Städte.

Was angesichts der technischen Möglichkeiten und der in vielfacher Hinsicht schlagenden Vorteile des in bester Manier nachhaltigen Bau- und Lebensstoffes Holz verwundert, ist die Tatsache, dass Holzbau etwa im wachsenden Innsbruck zwar fein aber dennoch nicht in einer Art mitwächst, die von einer Alpenmetropole erwartet werden könnte. Mit der weltweit führenden Tiroler Holzindustrie scheint das urbane Herz des Holzlandes Tirol geradezu prädestiniert zu sein, sich als Vorreiterin für den mehrgeschossigen Holzbau einen Namen zu machen. „In Innsbruck würde das super reinpassen“, ist auch Karl Schafferer überzeugt und weiß: „Es wird nicht verhindert, aber es wird erschwert. Vieles ist nur mit Ausnahmegenehmigungen oder Spezialverfahren möglich. Das tut sich kaum ein Bauherr an.“

Bedenkenträger & Paragrafenreiter

Als die neuen Holzbau-Materialien begannen, Fuß zu fassen und bislang Unmögliches zu schaffen, wurden auch die Ziegel- und Beton-Lobbyisten sowie die bürokratischen Bedenkenträger aktiv. „Die Behörde musste auf die neuen Produkte reagieren. Sie hat aber zu viel gemacht und hätte mehr Verantwortung bei den Unternehmen lassen sollen“, so Schafferer. Hinter der Forderung, die Eigenverantwortung (wieder) zu beleben, steckt eine große gesellschaftliche Entwicklungsfrage, deren gegenteilige Ausläufer sich eben auch in kleineren Branchen niederschlagen. „Die Normierungen und Zertifizierungen und Vorschriften bremsen innovative Holzbau-Betriebe stark ein. Das Ziel der EU, einheitliche Normen zu bekommen, kommt erschwerend hinzu, weil wir ja einen ganz anderen Standard haben, als andere Mitgliedsländer“, sagt Karl Schafferer.

Bürokratische Keule

Mit all den neuen Holzprodukten und neuen Arten des Produzierens, müssten sich versuchsfreudige Unternehmen eigentlich im Schlaraffenland fühlen. Gäbe es die bürokratische Keule nicht, die machbare Dinge von vorne herein als nicht machbar klassifiziert. „Die Vorschriften und Auflagen passen nicht in eine freie Wirtschaft. Wenn ich heute die Standhaftigkeit oder das Brandverhalten durch einen unabhängigen Experten nachweisen kann, sollte das erledigt sein. Es gehören Regeln her, aber es darf nicht alles reglementiert werden“, so der Experte.

Paragrafenreiter sind stets langsamer als visionäre Vorreiter und doch bestimmen sie das Tempo. Etwa, wenn es – wie in Innsbruck – heißt, dass kein Haus mit mehr als sechs Stockwerken gebaut werden darf. Dafür gibt es keinen Grund, wohl aber ist es ein Hindernis, selbst wenn Ausnahmen möglich sind.

Neuerfindung in Holz

Weltweit werden die Städte gerade neu „in Holz“ erfunden. Im Londoner Bezirk Hackney kann ein 10-geschossiger Bau bewundert werden, in dem heuer noch 123 Wohnungen bezogen werden sollen, in Mailand (Via Cenni) wurden schon 2013 vier 9-Geschosser mit Wohnungen fertig gestellt und in Wien wird mit dem HoHo ein neues (Wahr-)Zeichen gesetzt. Auch Innsbruck, wo im Rahmen einer Studie des Instituts für Holztechnologie und Nachwachsende Rohstoffe der BOKU 2015 eine niedrigere Holzbauquote im Vergleich zum gesamten Tiroler Raum festgestellt wurde, könnte Zeichen setzen. „Durch schnelleres, umweltfreundlicheres und energieeffizienteres Bauen würden aktiv Beiträge zu bestehenden Umweltfragen, wie beispielsweise CO2-Emissionen, Lärmbelästigung durch langwierige Baustellen, etc. geleistet werden“, weiß Schafferer.

HoHo Wien

Das „HoHo Wien“ wird mit seinen 24 Geschossen 84 Meter hoch sein, voraussichtlich schon Ende 2018
bezogen werden und viele neugierige Blicke auf sich ziehen. Foto: HoHo Wien/ Kerbler Holding GmbH, Schafferer Holzbau

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