Mobiler Wandel: Tirol zu klein für große Ideen

Immer öfter wird das Ende der individuellen Mobilität vorher gesagt. Für den großen Wandel fehlt in Tirol jedoch die kritische Masse. Innsbruck ist diesbezüglich an der Kippe. Die automobile Gratwanderung wirkt mehr lebensfeindlich als umweltfreundlich.

„Es hat sich in den letzten Jahren viel verändert“, weiß Barbara Eigenstiller, „erstens, dass Leute in der Stadt weniger den Führerschein machen – weil sie das Auto nicht brauchen, eh zu viel Stau ist und die Parkplatzsituation teils unmöglich oder zu teuer ist – und zweitens, dass sich die Führerscheinprüfung auf später verlagert.“

Die Zeiten, in denen die rosarote Fahrerlaubnis nicht früh genug erworben werden konnte und ohne Führerschein gar nichts ging, sind in Innsbruck vorbei. „Es ist schon noch so, dass nach der Matura die jungen Menschen herein strömen, aber es herrscht nicht mehr der Stress. Oft machen sie den Führerschein erst später, wenn sie ihn für die Arbeit brauchen und auffallend ist auch, dass sie für die Ausbildung selbst teilweise viel länger brauchen. Was früher in zwei Wochen passierte, dauert jetzt oft von zwei Monaten aufwärts“, sagt sie und stellt zum auch hier entscheidenden Detail fest: „Am Land ist das anders. Die brauchen ein Fahrzeug. Dort wird ein Rückgang sicher nicht groß erkennbar sein und Parkplatzsuche ist dort ein Fremdwort.“

Parkuhr tickt, Strafe droht

Seit sie selbst „auf’s Land“ gezogen ist, weiß die Fahrschul-Chefin diesen Umstand zu schätzen. „Ich habe vorher in Wilten gewohnt. Vor vielen Jahren habe ich dort meine Wohnung umgebaut und in den zwei Monaten so um die 600 Euro an Parkstrafen gezahlt. Das war ein Irrsinn.“ Wer in Innsbrucker Zonen lebt, in denen eine Parkzeit von eineinhalb Stunden die höchste ist, kann Menschen, die mit dem Auto anreisen, nicht mehr guten Gewissens einladen. Die Parkuhr tickt, die Strafe droht und gang- oder fahrbare Alternative gibt es vielfach keine – Ausnahmeregelungen für Ausnahmesituationen ebenso nicht. Das in der Landeshauptstadt verfolgte Ziel, individuelle Mobilität abseits von Fahrrädern oder Schusters Rappen so gut es geht zu erschweren, wirkt tief in den ganz normalen Alltag der Einwohner, Pendler, Studenten und Besucher.

Angriff auf Lebensqualität

„Ich muss die Infrastruktur bereit stellen mit toller Taktung und gestiegener Convenience. In Innsbruck selbst funktioniert das schon, doch lebt die Stadt stark vom Austausch mit dem Umfeld und das hat zu wenig kritische Masse“, filetiert Dieter Unterberger das Konzept, „es ist in Ordnung, Verkehr zu kanalisieren, wichtig, den öffentlichen Verkehr auszubauen, das ganze umweltfreundlich zu gestalten und sich Gedanken zu machen. Doch irgendwann ist der Punkt erreicht, wo die Bevölkerung nicht noch mehr kollektiviert und gezwungen werden kann. Dann wird es zur Schikane. Ich muss erkennen, wo die Grenzen sind.“

Wurde die Landeshauptstadt an sich offenkundig zu unabhängig vom Umfeld und zu groß gedacht, so ist wohl auch die Grundeinstellung zum Auto selbst nicht der Realität entsprechend. „Das Auto wird als das absolut Böse manifestiert, dabei hat es nur sehr selten mit Protzgehabe oder Spaß zu tun. Im großen Kontext ist das Auto ein Arbeitsgerät und dazu da, von A nach B zu kommen. Schließe ich die Autos aus, dann schließe ich die Menschen aus“, sagt Unterberger.

Die Kampfansage an die individuelle Mobilität bedeutet – wenn die kritische Masse für echt gute öffentliche Anbindungen ins nähere und weitere Umfeld fehlt – letztendlich einen Angriff auf die Lebensqualität und Dieter Unterberger regt an, die Konsequenzen zu bedenken: „Wenn ich in Berlin neben einer U-Bahnstation wohne, ist das der Inbegriff der Mobilität. Da bin ich zufrieden und brauche keine individuelle Mobilität mehr. Wenn ich sie der Tiroler Bevölkerung aber immer mehr erschwere, wird das zu Unzufriedenheit führen.“

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