Alpenforscher Bätzing: “Osttirol hat Potenzial zur Modellregion”

Werner Bätzing, emeritierter Professor für Kulturgeografie der Universität Erlangen-Nürnberg, ist einer der profundesten Kenner des gesamten Alpenraums, hat er doch mehr als 6.000 Gemeinden von Wien bis Nizza akribisch untersucht.

„Die Alpen sind ein junges Hochgebirge mit hohem Ödlandanteil. Erst der Mensch hat aus der Natur- jene Kulturlandschaft geschaffen, die unser Alpenbild prägt. Seit dem Beginn der Industrialisierung und der damit verbundenen Verkehrserschließung lässt sich in den tiefen Becken- und Tallagen eine zunehmende Verstädterung beobachten, während der eigentliche Gebirgsraum flächenhaft als Lebens- und Wirtschaftsraum entwertet und – von punktförmigen, meist touristisch aufgewerteten Standorten abgesehen – entsiedelt wird“, erläuterte der Werner Bätzing.

Weil in den Ballungs- und gleichzeitig Wirtschaftszentren Umweltschutz praktisch nicht mehr möglich sei, verlagere man ihn in die für die Wirtschaft entbehrlich gewordenen Gebirgsregionen, wo große Schutzgebiete eingerichtet wurden. Allerdings: „Die Aufgabe von Almen und Berglandwirtschaft führt rasch zur Verwaldung bzw. Verbuschung. Die Landschaft, die geprägt ist von der Arbeit der Vorfahren und deshalb als „Heimat“ wahrgenommen wird, verliert die Artenvielfalt, wird monoton und damit unattraktiv. Zudem büßt sie ihre ökologische Stabilität ein“, veranschaulichte der Alpenforscher die aktuelle Problemlage und setzte sich mit dem Naturschutzgedanken kritisch auseinander: „Die Natur vor dem Menschen zu schützen, ist der falsche Ansatz, vielmehr muss man die Natur mit den Menschen schützen“.

Bätzing über Osttirol als Alpen-Modellregion

Wo steht Osttirol? „Die ausgeprägte inneralpine Lage abseits der Hauptverkehrsachsen ist in einer globalisierten Welt auf den ersten Blick nachteilig. Allerdings kann man diesen „Distanzschutz“ auch als große Chance für eine eigenständige Entwicklung begreifen“, so Bätzing. Der Bezirk habe – eine kluge Nutzung vorausgesetzt – sogar das Potenzial einer Modellregion für den Alpenraum, da der leichte Bevölkerungsrückgang in sechs der 33 Gemeinden zumindest kurzfristig nicht die Gefahr der Entsiedelung in sich berge und weder Verstädterung noch Massentourismus drohen würden.

Bätzing ist ein Verfechter einer ausgewogenen „Doppelnutzung“ der vorhandenen Ressourcen einerseits in traditioneller Weise durch die ansässige Bevölkerung, andererseits aber auch durch „außeralpine Akteure“ wie Industrie, Energiewirtschaft, Tourismus und Verkehr. Es gelte auch, dem Trend zur Zentralisierung von öffentlichen und privaten Dienstleistungen entgegenzuwirken. In diesem Zusammenhang begrüßt er ausdrücklich Initiativen wie etwa die Mechatronik-Universität in Lienz als Beispiel für den Ausbau dezentraler Bildungsangebote oder etwa die Breitbandinitiative, welche hilft, die Enge des lokalen Marktes aufzubrechen.

Gleichberechtigte Partnerschaft

Was braucht es also, damit Osttirol ein „Ort guten Lebens“ bleibt: Die positive Außensicht auf den Bezirk als charakteristische Alpenregion, weder verstädtert noch entsiedelt und schon gar nicht für den Tourismus umgebaut, tauge durchaus als Alleinstellungsmerkmal. In der Besinnung auf diese Stärken könne das als schwach beurteilte Selbstbewusstsein der Einheimischen gestärkt werden.

„Zur Aufwertung der dezentralen Ressourcen bedarf es aber auch einer gleichberechtigten Partnerschaft des wirtschaftsstarken Lienzer Talbodens mit den Gemeinden der latent entsiedlungsgefährdeten Seitentäler, der Stärkung der kulturellen Identität und eines engen Kontaktes mit den abgewanderten Osttirolern. Diese sind nicht zuletzt der kulturellen Enge und sozialen Kontrolle entflohen, identifizieren sich aber weiterhin mit ihrer Herkunftsregion und sind vielfach auch bereit, ihre auswärts erworbenen Potenziale „anzapfen“ zu lassen“, meint Bätzing.

Schlüsselfaktor dafür, dass Osttirol ein Ort guten Lebens bleibt, sei aber die „kulturelle Lebendigkeit“ der Osttiroler Bevölkerung: Verantwortung für den eigenen Lebensraum übernehmen, aktiv sein und Innovationen zulassen.

Prof. Werner Bätzing in der Lienzer RGO-Arena mit der Moderatorin des Abends Karin Stangl (l.), RMO-Obmann-Stv. Elisabeth Greiderer und RMO-Geschäftsführer Michael Hohenwarter.

Prof. Werner Bätzing in der Lienzer RGO-Arena mit der Moderatorin des Abends Karin Stangl (l.), RMO-Obmann-Stv. Elisabeth Greiderer und RMO-Geschäftsführer Michael Hohenwarter. Foto: RMO/Ch. Schwarz

 

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