Naturschutz Osttirol: Pilot-Region statt Entleerungsraum

Die neuerliche Natura 2000-Diskussion macht diesen Spannungsbogen wieder existent, doch Osttirol spricht sich gegen Naturschutz-Szenarien aus, die die Zukunftsfähigkeit der Region hemmen und die Abwanderung von jungen Menschen beschleunigt. „Wir möchten Osttirol zu einer Pilotregion für den alpinen Raum entwickeln“, sagt WK-Bezirksstellenleiter Reinhard Lobenwein.

Das Unverständnis gegenüber der von der EU in den Raum gestellten Ausweisung zusätzlicher Natura 2000-Gebiete ist in Osttirol größer als anderswo. Und das hat Gründe. Bereits ein Drittel der Fläche Osttirols ist unter Naturschutz gestellt und die Erinnerungen an die zähen Vorarbeiten, die im vor zwei Jahren von der Tiroler Landesregierung abgesegneten Natura 2000-Ausweisungsvorschlag mündeten, sind noch sehr lebendig. „Es hat in Osttirol 25 Jahre lang Diskussionen um Großkraftwerke gegeben, dann rund sieben Jahre lang die Natura 2000-Diskussion. Wir lassen uns nicht so schnell unterkriegen“, stellt Reinhard Lobenwein, Leiter der WK-Bezirksstelle in Lienz, fest.

Auch abseits der schon erledigten oder eben der neuerlich in Gang gesetzten Diskussion über Schutzbereiche für die „Deutsche Tamariske“, sind die Osttiroler Unternehmer einiges gewohnt. „Sie haben gelernt, mit manchmal nicht optimalen Rahmenbedingungen zu leben und sie sind auch sehr einfallsreich, um erfolgreich zu sein. Doch stellt sich die Frage, ob solche Szenarien dazu angetan sind, ungebremst innovativ zu sein“, so Lobenwein.

Langfristige Wirkung des Naturschutzes

Die jüngste Nachricht aus Brüssel sorgte für Unverständnis im Einzugsgebiet der Isel. Kein Wunder, sollten aus Sicht der EU doch Kalserbach, Tauernbach und Schwarzach allesamt unter Schutz gestellt werden, was die Pläne der Osttiroler gehörig über den Haufen wirft. Doch, das oder der damit einhergehende bürokratische Mehraufwand ist es nicht allein, was den Bezirk angesichts der potenziellen Neuauflage der Auseinandersetzungen trifft. „Ich glaube, Meldungen wie diese wirken längerfristiger, als man glaubt“, betrachtet Lobenwein gleichsam die „soft facts“, die sich daraus ergeben.

Gerade erst, am 1. Juli 2016, ist das Sonderförderprogramm für die Natura 2000-Region Isel angelaufen. Das Programm sieht vor, dass in zehn Jahren zehn Millionen Euro für Maßnahmen ausgeschüttet werden, die zur weiteren wirtschaftlichen Entwicklung der Natura 2000-Region beitragen. Lobenwein: „Die Rahmenbedingungen der Landesregierung sind vernünftig gelegt worden und darauf aufbauend überlegen sich Betriebe zu investieren und zu expandieren. Da können Meldungen wie diese kontraproduktiv wirken, weil man sich’s vielleicht doch noch einmal überlegt und wartet.“

Osttirol nicht unter Glassturz stellen

Planungs- und Rechtssicherheiten sind für jegliche wirtschaftliche Entscheidungen notwendige Rahmen. Was der Bezirksstellenleiter anspricht, reicht aber darüber hinaus: „Es ist uns bewusst, dass es bestimmte Grenzen gibt, aber es darf nicht so sein, dass wegen des Naturschutzes die gesamte Region Osttirol unter einen Glassturz gestellt wird und praktisch jegliche Form von Wirtschaften erschwert oder unmöglich gemacht wird. Wenn gegen den Willen der Menschen in Osttirol Naturschutzgebiete ausgewiesen werden und das in einem Maß, wo die Menschen sich nicht mehr wohl fühlen, dann kippt das Modell.“

Die Botschaft, die an junge Menschen in Osttirol gerichtet wird, ist nicht dazu angetan zu bleiben bzw. wieder zurückzukehren. Diese „Dinge“ spielen sich nicht an Verhandlungstischen ab, sondern auf Gefühlsebenen, die das Selbstbewusstsein einer Region in allen Facetten wahrzunehmen verstehen. Das Selbstbewusstsein Osttirols zu stärken aber ist es, was laut Lobenwein angestrebt werden muss.

Osttirol wird Pilotregion für alpinen Raum

„Die Mischung zwischen Schutz, Leben und Wirtschaften ist die Herausforderung in einer alpinen Region. Wenn die Arbeitsplätze in der Wirtschaft und Landwirtschaft nicht erhalten und geschaffen werden, droht eine Region zum Entleerungsraum zu werden. Das ist nicht unser Wille. Unsere Idee ist, dass Osttirol eine eigenständige Pilotregion für den alpinen Raum wird und dass es uns durch kreatives Handeln gelingt, den Menschen auch in den Tälern eine Lebensgrundlage zu erhalten bzw. zu schaffen.“

Das ist das Ziel. „Ich stelle nicht in Frage, dass alpine Flüsse mit Ufergehölzen schützenswert sind, wundere mich aber über diese Fokussierung, da längst erwiesen ist, dass dort, wo traditionelle Nutzungen der Natur eingeschränkt oder gar aufgegeben werden, die Artenvielfalt und das sensible ökologische Gleichgewicht verloren gehen“, stellt Michael Aichner, Obmann der Bezirksstelle Lienz, dazu fest und meint: „Man soll die Natur nicht vor den Menschen schützen, sondern mit den Menschen – in dem Sinn, dass ein umweltverträgliches, nachhaltiges Wirtschaften nicht behindert, sondern gefördert wird.“

» Mehr Informationen:

Vordenken für Osttirol – Visionen sind die Leitbilder der Gegenwart und sie verändern die Zukunft

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