Total vernetzt: Hollu und die digitale Transformation

Industrie 4.0, digitale Transformation & Co. halten die Industrie auf Trab. In der Werkstätte Wattens präsentierte hollu-Geschäftsführer Simon Meinschad die ausgeklügelte Digitalisierungsstrategie seines Unternehmens und erntete dafür viel Applaus.

REPORTAGE

„Mich zu verblüffen ist nicht einfach. Er hat’s geschafft, als er mir seine Digitalisierungsstrategie aufgezeigt hat – in einer klaren, durch’s ganze Unternehmen durchgängigen Struktur“, weckte Prof. Wilfried Sihn, Geschäftsführer der Fraunhofer Austria Research GmbH, Neugier und Spannung, als er im Rahmen des ersten Kaminabends im Fraunhofer-Innovationszentrum in der Werkstätte Wattens den ersten Vortragenden ankündigte.

Die digitale Transformation der Industrie steht im Mittelpunkt des im September 2016 eröffneten dritten Fraunhofer-Standortes in Österreich, gemeinsam mit Unternehmen und Forschungspartnern praxistaugliche Lösungen zu erarbeiten, ist Auftrag wie Ziel der Wissenschaftler und mit dem verbalen Ritterschlag war Simon Meinschad, Geschäftsführer der hollu Systemhygiene GmbH, angekündigt worden. Gleich zu Beginn fasste der einen Zustand in Worte, der wohl nicht wenigen Unternehmern angesichts der in Lichtgeschwindigkeit gewachsenen Herausforderungen durch die neuen digitalen Welten bekannt ist: „Die Ausgangssituation hat mich narrisch gemacht.“

Digitale Transformation von Arbeit und Leben

Meinschad erinnerte sich etwa an einen Vortrag auf Malta, wo die Frage, ob man die digitale Transformation nicht aufhalten und eine Gegenstrategie entwickeln könne, gestellt worden war. Die Antwort ist so klar, wie kaum etwas, das mit dieser Zukunft zu tun und auch schon den Begriff Industrie 4.0 überholt hat. „Ich war einer der Prediger von Industrie 4.0, doch halte ich den Begriff heute für irreführend“, so Wilfried Sihn, „es geht nicht nur um Industrie. Aussagekräftiger wäre der Ausdruck Digitalisierung von Arbeit und Leben. Digitalisierung ist überall und wir müssen entsprechend agieren.“

Das haben Simon Meinschad und seine Mitarbeiter getan, als sie daran gingen, die Möglichkeiten und Chancen, welche die Digitalisierung bietet, für das Hygieneunternehmen Schritt für Schritt zu übersetzen. „Auch in unserer Branche bleibt kein Stein auf dem anderen. Mir hatte das Bild gefehlt, was das für uns bedeutet. Wir haben das Bild entworfen, um darzustellen, was die digitale Transformation bis 2025 für uns bedeutet“, so Meinschad. Dass ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als Meinschad ansetzte, den digitalen Weg zu skizzieren, ein Handy im Raum kurz die Melodie von James Bond spielte, verlieh der digitalen Dramaturgie eine besondere Würze.

Digitalisierungsstrategie mit Verantwortung

Die CSR (Corporate Social Responsibility) hatte sich dabei schnell als Metaebene bzw. eine Art Richtungsweiser für die Digitalisierungsstrategie herauskristallisiert. Die sozial-ökologische Verantwortung ist eine essenzielle Säule des 1905 gegründeten Familienunternehmens. „Wir nehmen das Thema sehr ernst. Bei allem was wir tun sind der Mitarbeiter, der Kunde, der Mensch und die Umwelt wichtig“, so Meinschad.

Vor dem Hintergrund war und ist der Umgang mit den Ängsten der Mitarbeiter, die aufgrund der fortschreitenden Automatisierung um ihren Job bangen, ein Thema, dem im Zuge der Arbeit an der neuen Digitalisierungsstrategie viel Wert beigemessen wurde: „Wir haben das schon mit allen betroffenen Mitarbeitern durchgesprochen.“ Ausbildungs- und Umschulungspläne sind die Antwort, der Elektriker, der eine Mechatroniker-Ausbildung macht, nur ein Beispiel. „Wir haben ganz viele Aktivitäten eingeleitet und werden am Ende mehr Mitarbeiter haben, entsprechendes Wachstum vorausgesetzt“, betonte Meinschad.

Daten sind das Öl der Zukunft

Dem angestrebten Wachstum liegt der Plan zugrunde, den hollu-Kunden weiter individuelle Hygienelösungen bzw. Komplettlösungen zu bieten und dabei alles zu vernetzen, was man nur vernetzen kann. Daten sind der Schlüssel. „Es gibt einen Herren, der immer wieder sagt, dass Daten das Öl der Zukunft sind. Das kann ich nur bestätigen, nur wusste ich nicht, was wir mit den Daten, die wir so plötzlich generieren, anfangen sollen“, berichtete der Geschäftsführer.

Das Herz dieser Daten wurde hollu-Mastercockpit genannt und es wurde eine IT-Strategy-Map entwickelt, um es zu realisieren. In einem Dreijahresplan ist die Zeitachse definiert. Dort sind alle einzelnen Schritte festgehalten. Einige wurden schon umgesetzt und Simon Meinschad weiß: „IT ist kein Hilfsmittel, sondern eine Waffe, um sich abheben zu können und schneller zu sein.“

Das digitalisierte Unternehmen

Die digitale Transformation und ihre neuen Möglichkeiten werden das Unternehmen auf jeder Ebene „umkrempeln“. Seit vielen Jahren wird beispielsweise über das papierlose Büro diskutiert, sodass der Ausdruck schon fast ein Gähnen auslöst. Mit Leben wird er gefüllt, wenn Meinschad ausführt, was das für hollu in Zukunft heißt: „Maschinen oder Dosieranlagen werden in Zukunft die Bestellungen auslösen. Eine Bestellanforderung wird an den Kunden geschickt, dort bestätigt, die Ware wird geliefert, es wird faktoriert und das Programm ordnet eine Zahlung dem richtigen Kundenkonto zu.“ Der gesamte Kreislauf passiert ohne einen Drucker betätigen zu müssen. Die Rechnung wird digital zugestellt, die erste Mahnung auch. „Dann kommt der Punkt, wo wir viel mehr in den Kontakt investieren werden, als andere Firmen das machen“, so Meinschad. Ist es Zeit für die zweite Mahnung, wird ein Mitarbeiter mit dem Kunden telefonieren.

Der Kundenkontakt soll im Zusammenhang mit sensiblen Themen intensiviert werden und: „Wir werden mehr Beratungen anbieten, in Konzepte gehen und diese Konzepte über längere Zeiträume begleiten. Dienstleistung wird im digitalen Zeitalter viel, viel wichtiger. Wir haben 160 Mitarbeiter im Vertrieb. Die werden wir auch weiterhin haben, nur werden sie nicht mehr Bestellungen aufnehmen, sondern ganz andere Dinge machen.“

Neue Produkte, rasende Entwicklung

Die F&E-Abteilung wird sich in eine Data Science-Abteilung verwandeln, wo „Daniel Düsentriebs“ des Unternehmens auf Grundlage der Daten neue Produkte entwickeln und dabei eng mit den Kunden zusammenarbeiten. Mit der sich nicht minder rasend weiter entwickelnden Technik eröffnen sich zudem Möglichkeiten, von denen das mittelständische Unternehmen bislang nur träumen konnte. „Die Digitalisierung und Automatisierung ist da wie Ostern und Weihnachten zugleich, weil sich so viele Chancen auftun. Was die Preise betrifft sind wir plötzlich mit den ganz großen Weltkonzernen wettbewerbsfähig“, skizzierte Meinschad die schönen Seiten dieser neuen digitalen Welt, in der die Notwendigkeit großer Lagerflächen oder Lagerbestände der Vergangenheit angehören.

Ganz Österreich soll künftig von Zirl aus kommissioniert und die bestehenden Niederlassungen umfunktioniert werden – in Shops, wo der Kontakt zu den Kunden gepflegt und die Abholung 24 Stunden täglich an sieben Tagen möglich sein wird. Meinschad: „Überall werden wir Ausbildungszentren haben. Bei hollu kann man künftig beispielsweise den Gebäudereinigungsmeisterkurs machen. Ab April bieten wir 30 Kundenausbildungen an. Man kann viel machen und sich von Großhändlern, die online sehr stark sind, abheben. Das ist die digitale Strategie, die wir verfolgen.“

Volle Vernetzung

Die digitale Vernetzung aller Mitarbeiter und Fachleute untereinander sowie mit den Kunden eröffnen für das Unternehmen ein Geschäftsmodell, das in Richtung Softwareanbieter geht. Lizenzmodelle werden angeboten, Reinigungskräfte von Beginn an mit den richtigen Geräten und Mitteln auf Tour geschickt, Wasch- oder Geschirrspülmaschinen derart ausgerüstet, dass Sensoren melden, wenn Probleme auftreten und der Staubsauger ersetzt wird, noch bevor der Kunde bemerkt, dass der Motor schwächelt oder der Sack voll ist.

„Da bekommt man schon Lust auf mehr“, verwies Meinschad auf eine clevere Waschmaschine des Hauses, die mit einer Dosieranlage ausgestattet ist und die Microsoft schon als best practice Beispiel für „das Internet der Dinge“ ins Auge gefasst hat. „Die digitale Transformation kein Science Fiction mehr“, hielt Meinschad noch fest, bevor der Applaus in der Werkstätte Wattens die eingangs erwähnten Worte Wilfried Sihns bestätigte. Verblüffend.

» Weiterführende Informationen:

Frauenhofer Institut
Firma Hollu
Werkstätte Wattens

Bild oben: Schauplatz Werkstätte Wattens, Stichwort Digitalisierung. Simon Meinschad (l.) und Wilfried Sihn (r.): „Das hat mich narrisch gemacht.“

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