Krise in Tourismusberufen: Den Teufelskreis durchbrechen

Freizeit ist ein Knackpunkt im Kampf um Mitarbeiter in Tourismusbetrieben. “Jedes zweite Wochenende frei und Steuererleichterungen für Wochenendarbeiter“, schlägt Andrea Mayer, Chefin des Hotel Alpenrose in Lermoos vor.

„Politiker müssen Respekt vor der ganzen Berufsgruppe lernen“, ist Andrea Mayer überzeugt. Auf simple aber wirkungsvolle Art fordert die Geschäftsführerin des Hotel Alpenrose in Lermoos Entscheidungsträger auf, sich Gedanken zu machen: „Sie gehen gerne essen und fahren auch gerne in den Urlaub. Da sollen sie sich mal überlegen, wer ihnen das Zimmer aufräumt, wer putzt, wer etwas Schönes kocht. Da wollen sie auch alles picobello haben.“

"Es gibt in diesem Winter schon einige Hotels, die nur noch Zimmer mit Frühstück anbieten, weil sie keine Küchenmannschaft mehr haben. Das ist arg", sagt Andrea Mayer, Wirtin vom Hotel Alpenrose in Lermoos.

“Es gibt in diesem Winter schon einige Hotels, die nur noch Zimmer mit Frühstück anbieten, weil sie keine Küchenmannschaft mehr haben. Das ist arg”, sagt Andrea Mayer, Wirtin vom Hotel Alpenrose in Lermoos.

Von picobello kann im Zusammenhang mit den Rahmenbedingungen für Gäste empfangende Unternehmen und deren Mitarbeiter nicht gesprochen werden. Gar nicht. Die Tourismusbranche steckt in einem Teufelskreis. So dünnt der zuletzt allseits betonte Mangel an Köchen die Küchen zunehmend aus. „Es gibt in diesem Winter schon einige Hotels, die nur noch Zimmer mit Frühstück anbieten, weil sie keine Küchenmannschaft mehr haben. Das ist arg. Das sind die Anfänge. Wenn nichts getan wird, geht es rasant schnell abwärts“, sagt Andrea Mayer.

Markanter Mangel an Köchen

Auch Top-Häuser tun sich zunehmend schwer, Mitarbeiter zu finden. In der Alpenrose, einem über die Jahre zigfach ausgezeichneten und in Sachen Kinderhotel Trends setzenden Ganzjahresbetrieb, fehlen aktuell vier Mitarbeiter in der Küche und zwei im Service. „Heuer ist es markant“, sagt Mayer, deren Blick in die nahe Zukunft wenig Erfreuliches zeigt: „Es kann schon sein, dass der Tourismus in den nächsten 10 Jahren in ein ziemliches Loch reinschlittert und viel Ansehen verliert. Das wäre für Tirol und Österreich sehr schade.“ Leere Küchen führen gleichsam automatisch hin zu mehr Selbstbedienung und mehr Convenience-Produkten, weswegen mit der Qualität gezwungenermaßen auch das gastronomische Ansehen leiden muss.

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Die giftige Mischung aus jahrzehntelangem Tourismus-Bashing, schwer administrierbaren Arbeitszeitregeln und einer fesselnden Steuerbelastung sind als starke Treiber des touristischen Teufelskreises längst identifiziert worden. Was als entscheidender Parameter hinzu kommt und die Mangelsituation verschärft, ist der wachsende Stellenwert der Freizeit. „Verdienen ist schon auch wichtig, aber die Freizeit ist mit Abstand das Wichtigste“, filtert Hotelchefin Mayer ihre Erfahrungen aus den Bewerbungsgesprächen der letzten Jahre heraus, in denen die Freizeit schleichend zu einer, wenn nicht der entscheidenden Frage bei der Berufswahl wurde.

„Heilige“ Freizeit

Wer im Tourismus beschäftigt ist – das war immer schon so – muss auch am Wochenende arbeiten, an jenen Tagen eben, die im Allgemeinen gerne der „heiligen“ Freizeit gewidmet werden. Dazu stellte Sepp Schellhorn, Gastronom und Neos-Nationalrat, Ende November 2016 in einem KURIER-Interview fest: „Die Gesellschaft macht das (Arbeiten am Wochenende – Anm.) schon insofern unattraktiv, weil es schon am Montag in der Früh im Radio heißt: Nur noch vier Tage und dann ist endlich Wochenende.“ Dass es durchaus Vorteile und Reize hat, Freizeit während der Woche genießen zu können, dringt da kaum durch.

Hinzu kommt, dass die Überhöhung der Freizeit vermehrt Hand in Hand mit einer schwindenden Leidenschaft für berufliche Herausforderungen einher geht. Andrea Mayer: „Mit einer Berufsausbildung in der Gastronomie oder im Tourismus steht einem im wahrsten Sinn des Wortes die Welt offen. Doch, die Leute sind nicht mehr so wissenshungrig. Ja, den Wissenshunger gibt es in der Form nicht mehr.“

Bedürfnisse berücksichtigen

Der bayerische Soziologe Walter L. Bühl hatte in den 1980er Jahren, als schon darüber diskutiert wurde, dass wir uns weg von der Arbeitsgesellschaft hin zur Freizeitgesellschaft bewegen, festgehalten: „Diese Diskussion verläuft sehr auf ideologischer Ebene und ist müßig, denn eine Gesellschaft ohne Leistungsanstrengung und Fortbildung würde sich selbst zerstören.“ Diesen drei Jahrzehnte alten  Gedanken vor dem Hintergrund der jüngeren Entwicklungen hin zur aktuell pubertierenden „Generation Chill“ weiter zu spinnen, weckt zu leicht einen trüben Weltuntergangs-Sog, der nicht nur Jobs im Tourismus zu verschlucken droht. Gegensteuern lautet das Motto. Aber wie?

„Wichtig wäre ein Umdenken in der Politik und natürlich auch bei vielen Familien, die ihren Kindern abraten, eine Lehre in einem Hotel zu machen“, sagt Andrea Mayer, für die es das Gebot der Stunde ist, die Wünsche der Menschen und deren Bedürfnis nach Freizeit nicht zu verteufeln sondern vielmehr zu berücksichtigen.

„Auch wir haben andere Wünsche als unsere Eltern“, sagt sie und regt an: „Ich könnte mir vorstellen, dass Menschen, die am Wochenende arbeiten – und dazu zählen neben den Tourismusmitarbeitern auch Angestellte im Sozialbereich, in Krankenhäusern, etc. – weniger Lohnabgaben vom Bruttolohn abgezogen wird. Wenn man in der Zeit weniger Steuern zahlt und am Ende des Monats mehr bleibt, ist das ein finanzieller Anreiz. Und wenn die Mitarbeiter nur jedes zweite Wochenende arbeiten müssten, könnte auch das Freizeitthema gelöst werden.“

Unternehmer am Limit

Staat und Dienstgeber seien, so Mayer, gefordert, sich an die Verhältnisse anzupassen: „Die Arbeitgeber sind am Limit. Sie arbeiten selber oft 16 Stunden sieben Tage die Woche, weil es anders nicht geht, zu wenig Leute da sind oder die Lohnkosten zu hoch. Leidtragende sind die kleinen Betriebe und die Dienstnehmer. Das ist das Gemeine an der ganzen Geschichte.“

In den 1980er Jahren, als die Umweltbewegung sich formierte, gab es diesen von Birkenstock-Trägern bis zum Abwinken zitierten Spruch, der in einer Abwandlung die Situation wie den Handlungsbedarf im Tourismusland recht trefflich beschreibt: „Erst wenn die letzte Küche geschlossen, der letzte Kellner verschwunden und die letzte Bar verwaist ist, werdet ihr merken, dass man Steuergeld nicht essen kann.“ Und dass ein Urlaub mit Wurstsemmel und Dosenbier weder erstrebt noch vermarktet werden kann.

 

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