Breitband Tirol: Wettlauf mit den Datenmassen

In weltweiten Breitbandvergleichen hinkt Österreich weiter hinterher. „Es passiert einiges, doch was jahrelang verschlafen wurde, kann nicht von heute auf morgen aufgeholt werden“, weiß Herbert Frech.

Es ist ein bisschen verflixt. Und in gewisser Weise zeigt es ein neues Stadt-Land-Gefälle. Ein digitales. Wer in Innsbruck den dringlichen Wunsch nach einer rasend schnellen Internetverbindung verspürt, ist in Windeseile mit Downloadraten versorgt, die Gleichgesinnte in ländlichen Regionen Tirols erblassen lassen. Noch jedenfalls. Während der urbane Surfer – ob privat oder kommerziell – mit ein paar Mausklicks oder einem Anruf beim Telekommunikationsanbieter seine Downloadgeschwindigkeit „mit links“ auf bis zu 250 Mbps erhöhen kann, gibt es Ecken im Land, wo 8 Mbps das Allerhöchste der Gefühle sind und schnelles Datenladen nur ein Traum. „Innsbruck ist extrem gut mit Glasfaser und Leerrohren versorgt. Wenn da der nächste Technologiesprung kommt, bin ich schnell auf einem Gigabit oben. In ländlichen Bereichen sieht es anders aus“, sagt Herbert Frech, Sprecher der Telekommunikations- und Rundfunkunternehmen in der WK Tirol.

Milchmädchenrechnung

Zwar zeigt ein Blick auf den zuletzt im Dezember 2016 aktualisierten „Breitbandatlas Österreich“ dass die Versorgung der Tiroler Unternehmen und Haushalte mit schnellem Internet voranschreitet, doch konzentrieren sich die satt orange gekennzeichneten Bereiche, mit denen auf dem Atlas des Verkehrsministeriums  Downloadgeschwindigkeiten von 30 bis 100 Mbps und mehr markiert werden, auf die Ortszentren und Ballungsräume. „Viele Dörfer sind relativ weitläufig. Da sind 30 Mbps im Umkreis von einem Kilometer rund um den Ortskern möglich. Darüber hinaus vielfach noch nicht“, weiß Frech, der angesichts mancher weißer Flecken in peripheren Siedlungslagen anmerkt: „Gewisse Unterschiede wird es immer geben. Es ist eine Milchmädchenrechnung: 50 Haushalte mit Breitbandanschluss zu versorgen, der durchschnittlich 30 Euro pro Monat kostet, rechnet sich nicht.“

Dass Telekommunikationsunternehmen nur in die Infrastruktur investieren, wenn eine reelle Chance besteht, dass sich die Investitionen lohnen, ist weder ein Geheimnis noch anrüchig. Darum sind Land und Bund gefordert, die Infrastruktur dort zu fördern, wo die private Versorgung nicht ausreichend ist. Das tun sie auch, seit die WK aufgrund des zunehmend spürbar und durch Unternehmerklagen unüberhörbar gewordenen Breitbandmangels vor rund vier Jahren eine Art Aktion scharf startete und den Breitbandausbau massiv einforderte.

Breitband-Masterplan

Das Land Tirol ist rasch auf den Zug aufgesprungen und fördert im Rahmen des „Breitband-Masterplans für Tirol“ Projekte, mit denen eine Ausweitung der digitalen Kluft verhindert werden soll. In Osttirol läuft beispielsweise ein großes Landesförderprojekt, um die Gemeinden mit flotten Anbindungen zu versorgen, im Zuge von Straßenbauarbeiten werden Leerrohre mitverlegt, die Tiwag stellt – womit Tirol gegenüber anderen Bundesländern punktet – den Gemeinden knapp 1.200 Kilometer Glasfasernetz zur Verfügung, die Versorgung der touristischen Hot-Spots steht längst auf der Prioritätenliste und an vielen Ecken wird versucht, den topografischen Nachteilen des Landes ein Schnippchen zu schlagen. Der Bund wiederum fördert den Breitbandausbau im Rahmen der „Digitalen Agenda“ mit der so genannten „Breitbandmilliarde“.

Ende Dezember 2016 zog das Ministerium vorläufige Bilanz und hielt fest, dass von dem Breitbandkuchen des Bundes rund 101.000 Tiroler profitieren werden, weil 196 Tiroler Gemeinden 38,6 Millionen Euro zugesagt wurden. „Beim Land können die Bedarfsträger – also in erster Linie die Gemeinden – den Takt vorgeben. Beim Bund gibt der Bund den Takt an“, hält Frech zu den unterschiedlichen Vergabemodi der „öffentlichen Hände“ fest. Das Land verfährt dabei unkompliziert, der Bund nicht ganz unkritisiert. So hatten Vizekanzler Reinhold Mitterlehner und Wirtschaftsstaatssekretär Harald Mahrer Ende 2016 erst moniert, dass die Mittelvergabe nicht flexibel genug passiere und die Verbreitung schneller Datenverbindungen in ganz Österreich zu langsam voran gehe. Zu langsam, um mit führenden Ländern wie Schweden mithalten zu können.

Lahme Internetente

Digital-Economy-and-Society-Index-Punktevergabe-von-1-bis-10_chartbuilder-692x1016 (002)Diesbezügliche Vergleiche lassen Österreich oft als „lahme Internetente“ watscheln. Im Rahmen des jüngsten Weltwirtschaftsforums in Davos wurde eine Studie veröffentlicht, laut der Schweden eine durchschnittliche Downloadgeschwindigkeit von 19,7 Mbps bietet – was angesichts der Größe und topografischen Komplexität auch dieses Landes doch eindrücklich scheint. Österreich landet in dieser Studie mit durchschnittlich 12,7 Mbps auf Rang 29. Der Digital Economy and Society Index (DESI), mit dem der Digitalisierungsgrad der EU-Länder (plus Norwegen) eruiert wird, verwies Österreich Mitte 2016 auf Rang 13. Und das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) machte im November 2016 darauf aufmerksam, dass Österreich im Bezug auf die Telekom-Investitionen nicht nur nachhinkt, sondern im Vergleich mit weiteren 20 Industrienationen gar das Schlusslicht bildet. Weil die Infrastruktur das Rückgrat der Digitalisierung bildet und laut Studien einen deutlich positiven Einfluss auf den Wohlstand eines Landes hat, hielten die Wifo-Autoren fest: „Ein Rückstand hier ist also gleichbedeutend mit einer Wachstumsbremse.“

Fluch des Mittelmaßes

Längst ist es so, dass schnelles Breitband nicht einmal mehr als Standortvorteil bezeichnet werden darf, weil „man“ es haben muss und diese Versorgung ebenso zum Selbstverständnis von Unternehmen zählt, wie Kanal, Wasser oder Strom. Österreichs am Liebsten zitierter Wirtschaftsforscher Karl Aiginger ist überzeugt, dass das Land auch bei der Digitalisierung am „Fluch des gehobenen Mittelmaßes“ leidet und angesichts dessen, dass der Anteil schneller Breitbandverbindungen (über 30 Mbps) so gering ist, ist eben auch die Nutzung datenintensiver Dienste nicht alltäglich.

Ein Trauerspiel? „Als Schlusslicht würde ich Österreich nicht sehen, doch ist das Land von einem Spitzenplatz Anfang der 2000er-Jahre auf einen Mittelfeldplatz zurück gerückt. Es passiert einiges, doch was jahrelang verschlafen wurde, kann nicht von heute auf morgen aufgeholt werden“, sagt Herbert Frech, der rundum ein stark gewachsenes Bewusstsein ortet. Der Tiroler Telekommunikationsexperte nimmt die Rankings zwar im Sinne einer permanenten Handlungsaufforderung ernst, relativiert sie aber ein wenig: „Bei den Vergleichen ist immer die Frage, was als Breitband zählt und es ist die Frage, ob die Mobilkommunikation dazugenommen wird.“ Es ist noch nicht lange her, das galten 2 Mbps als Breitband. Möglicherweise damals, als Österreich zu den Besten zählte. Heute sprechen manche davon, dass „echtes“ Breitband bei 100 Mbps beginnt, 30 Mbps sind, so Frech, realistischer.

Verflixte Physik

Der von ihm erwähnte Mobilfunk trägt nicht unwesentlich dazu bei, dass Surfer in entlegeneren Lagen, in denen ein „fiber to home“-Ausbau aus wirtschaftlichen Gründen undenkbar scheint, nicht verzweifeln müssen. Der LTE-Ausbau schreitet auch in Tirol voran, mit 5G ist die nächste Generation in den Startlöchern und verheißt mobile Bandbreiten im Terabit-Bereich. Zumindest in der Laborsituation ist es englischen Ingenieuren an der University of Surrey gelungen, die wahrlich gigantische Bandbreite von einem Terabit pro Sekunde zu erreichen. Doch noch ist es die Physik des Mobilfunks, einem shared medium, die Grenzen setzt. Je mehr Kunden auf einem Sender sind, desto weniger Bandbreite bleibt dem einzelnen. Beim Festnetz hat der Kunde die Bandbreite ganz für sich allein. Frech: „Deswegen ist Mobil eine Ergänzung, aber kein Ersatz. Teilweise kann damit Abhilfe geschaffen werden, doch muss zum Sender auch mit Glas gefahren werden.“ Buddeln, Rohre verlegen oder die vorhandenen mit Glasfaserkabeln zu füllen, bleibt nie erspart.

Der digitale Dornröschenschlaf, den sich das Land zwischen 2000 und 2010 gönnte, führt zwingend zu Schlaflosigkeit bei der Aufholjagd. Die Datenmengen wachsen exponentiell und noch kann niemand sagen, welche Voraussetzungen nötig sind, um jene Bit-Berge zu bewältigen, die durch Industrie 4.0, das Internet der Dinge, selbstfahrende Autos et cetera entstehen. Und welche Bandbreiten benötigen die Tiroler Unternehmen? „Das ist die berühmte 11er-Frage. Es wurden Umfragen unter Firmen gemacht, mit der Frage, was sie in fünf Jahren brauchen. Diese Umfragen sind meiner Meinung nach nicht zielführend, weil das keiner sagen kann und niemand weiß, welche Anwendungen es in fünf Jahren geben wird“, so Frech. Es ist bizarr: Genau dort, wo es am schwierigsten ist, voraus zu denken, muss klug vorausgedacht werden. Denn zumindest so viel ist sicher: Es wird mehr, es wird schneller und den Langsamen beißen die Hunde.

Die Anfänge des Internets

 

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