Digitale Revolution oder Digitale Evolution?

Große Produktivitätsschübe und einen spürbaren Wohlstandszuwachs soll sie auslösen, die digitale Revolution. Auf der anderen Seite wird der Verlust von vielen Arbeitsplätzen befürchtet. Dr. Jörg Lichter vom “Handelsblatt” erklärt, warum die Furcht teilweise unbegründet ist.

Die digitale Revolution ist das beherrschende Thema der wirtschaftspolitischen Diskussion. Man erwartet große Produktivitätsschübe, erhofft sich einen spürbaren Wohlstandszuwachs – und befürchtet den Verlust von Arbeitsplätzen aufgrund der rasanten Geschwindigkeit des arbeitssparenden technischen Fortschritts.

Doch aus Sicht des Autors wird das Entwicklungstempo systematisch überschätzt und Befürchtungen hinsichtlich der Flexibilität des Arbeitsmarktes  sind teilweise unbegründet. Am Beispiel der Diskussion um eine „Neue Ökonomie“ und Technologien wie Roboter oder 3-D-Drucker kann gezeigt werden, dass kein Kernelement der proklamierten digitalen Revolution wirklich neu ist. Wir stehen nicht am Beginn eines tiefgreifenden digitalen Wandels, wir befinden uns bereits mitten im Transformationsprozess, der langsamer verläuft als vielfach angenommen.

Der technische Fortschritt hatte im Saldo immer positive Beschäftigungseffekte

Diverse Studien versuchen, das Ausmaß der Arbeitsplatzverluste infolge der digitalen Transformation abzuschätzen. Düstere Prognosen sagen voraus, dass der technologische Fortschritt nicht zu unterschätzende soziale Kosten hat, denn er werde in nie gekanntem Maße menschliche Arbeitskraft ersetzen und die Arbeitslosigkeit dramatisch erhöhen.

Doch die Autoren solcher Studien liefern für diese Arbeitsmarktthesen keine empirische oder historische Evidenz. Im Gegenteil: Es wird berichtet, dass der technische Fortschritt in den letzten 200 Jahren im Saldo positive Beschäftigungseffekte hatte. Auch der Durchbruch von Computer und Automation ging nicht mit einem Abbau von Arbeitsplätzen einher, sondern führte zu einem Beschäftigungsaufbau.

Industrie 4.0 wird Arbeitsplätze sichern

In der deutschen und österreichischen Diskussion wird die digitale Revolution vor allem unter der Chiffre der Industrie 4.0 geführt. Industrie 4.0 ist durch intelligente Vernetzung von Produkten, Maschinen und Werkstoffen in der Industrie definiert und konzentriert sich damit stark auf die Produktionssphäre. Auch in der Industrie dürfte in der Zukunft der Einsatz von vernetzten Robotern in Summe mehr Arbeitsplätze sichern als ein Verzicht darauf. Die Länder mit der höchsten Roboterdichte haben auch die größten Beschäftigungsanteile der Industrie unter den entwickelten Volkswirtschaften.

Messbare Produktivitäts- und Arbeitsmarkteffekte von Robotern gering

Die 4,7 Mio. weltweit verkauften Serviceroboter im Jahr 2014 sind fast ausschließlich Geräte für den persönlichen und häuslichen Bedarf. 3,3 Mio. sind Staubsauger, Rasenmäher oder Fensterreiniger, rund 1,3 Mio. gehören zum Bereich Spiele und Unterhaltung. Die in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung messbaren Produktivitäts- und Arbeitsmarkteffekte sind daher gering. Die innovativen Hausroboter führen zu Zeitgewinnen, erhöhen die Bequemlichkeit und damit die individuelle Wohlfahrt der Nutzer. Sie sorgen nur dann für eine Zunahme der gesamtwirtschaftlichen Produktivität und Leistung, wenn die bisher für Hausarbeiten aufgewendete Arbeitszeit produktiv genutzt würde.

Eine größere ökonomische Bedeutung haben die gewerblich genutzten Serviceroboter. Deren Absatzzahl stieg 2014 gegenüber dem Vorjahr immerhin um 11,5 Prozent auf 24.200. Der seit 1998 gezählte weltweite Bestand erhöhte sich damit auf 172.000. Aufgrund der geringen Zahl dürften die Produktivitäts- und Arbeitsmarkteffekte der Serviceroboter (noch) bescheiden sein.

Wohlstandszuwachs braucht steigende Arbeitsproduktivität

Die Wirtschaftsgeschichte zeigt, dass einem Arbeitsplatzabbau regelmäßig ein kompensierender oder gar überkompensierender Beschäftigungsaufbau in neuen, bislang nicht erkannten Geschäfts- und Berufsfeldern gegenüber steht. Der technische Fortschritt hat seit der Erfindung der Dampfmaschine in der Summe mehr Arbeitsplätze geschaffen als zerstört. Ein Bevölkerungsanstieg bei gleichzeitigem Wohlstandszuwachs wäre ohne die Industrielle Revolution und damit verbundenen Anstieg der Arbeitsproduktivität nicht möglich gewesen.

» Weitere Informationen:
• Wie die Tiroler Unternehmen von der Megatrends profitieren
• Der ausführliche Aufsatz von Dr. Jörg Lichter aus den Wirtschaftspolitischen Blättern
• Die Wirtschaftspolitischen Blätter der Wirtschaftskammer Österreich

 

Wirtschaftspolitische Blätter

Autor: Dr. Jörg Lichter

Dr. Jörg Lichter ist der langjährige Leiter der Abteilung Information & Research beim Handelsblatt. Laut Handelsblatt hat Lichter Volkswirtschaftslehre an der Universität zu Köln studiert und dort im Fach Wirtschafts- und Sozialgeschichte promoviert. Er habilitierte sich mit einer Schrift über die preußische Notenbankpolitik in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Lichter arbeitet seit 1997 beim Handelsblatt.

Diesen Post teilen
X

Ihre Anmeldung für aktuelle Tiroler Wirtschaftsnews – Fast geschafft!

Bitte überprüfen Sie Ihren E-Mail-Eingang. Sie erhalten in Kürze unter der angegebenen E-Mail-Adresse eine Nachricht mit einem Bestätigungslink.
Ein Klick auf den Bestätigungslink schließt die Anmeldung ab.

Sehen Sie gegebenenfalls unter „Werbung“ oder „Spamverdacht“ nach, sollten Sie die E-Mail nicht in Ihrem normalen Posteingang finden.

Jetzt Newsletter abonnieren und regelmäßig personalisierte Tiroler Wirtschaftsnews erhalten!
(Ihre Daten werden vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben)

Bitte warten, Sie werden angemeldet!
Bitte füllen Sie alle Felder aus!