„Kräftig gegenlenken, um in der Spur zu bleiben“

Wirtschaftskammer-Präsident Jürgen Bodenseer über verpasste Lenkungsmanöver der Politik, fehlendes Wirtschaftsdenken der öffentlichen Hand, den Wert der Arbeit und die Notwendigkeit, Spielräume für Unternehmen zu öffnen.

INTERVIEW

Tiroler Wirtschaft Spezial: Was macht Tirol einzigartig? Und wofür steht unser Land eigentlich?

Jürgen Bodenseer: In Tirol ist so ziemlich alles einzigartig: die geographische Lage; der ausgewogene Branchenmix; die Einstellung und die Fähigkeiten der Menschen; die atemberaubende Natur und das Gespür der Unternehmer, daraus auch wirtschaftlich etwas zu machen. Tirol ist nicht so, wie es vor zehn Jahren war und wird sich auch in weiteren zehn Jahren wieder verändern. Dieser Entwicklungsprozess ist gut und richtig. Mir ist wichtig, dieses Feuer zu erhalten, anstatt die Asche anzubeten.

Wie retten wir besiedelte Täler in Tirol?

Sicher nicht dadurch, indem wir die Käseglocke darüberstülpen. Das führt höchstens zu einem Alpenmuseum. Wenn es keine Betriebe in den Tälern mehr gibt, werden dort auch keine Menschen mehr wohnen. Wir brauchen Platz zum Arbeiten und Wirtschaften. Warum beispielsweise in ausgewiesenen Gewerbeparks Naturschutzverfahren notwendig sind, ist nicht nachvollziehbar. Und Maßnahmen wie das verfehlte sektorale Fahrverbot nutzen kaum der Umwelt – schaden aber massiv dem Standort. (Mehr dazu: Sektorales Fahrverbot: WK fordert Alternativen)

Gerät unsere Welt aus den Fugen? Wo liegen die Gründe?

Die Politik hat an der jetzigen Situation einen großen Anteil. Es ist, wie wenn bei hoher Geschwindigkeit auf der Autobahn eine leichte Kurve auftaucht. Dann muss man früh genug einlenken, sonst landet man in der Leitplanke. Die gesellschaftlichen Kurven waren schon seit Jahrzehnten sichtbar: Dass der Staat mit dem Geld nicht auskommt, ist nicht neu. Dass die Schere beim Pensionssystem auseinandergeht, ist seit zwanzig Jahren klar. Dass die Bürokratie den Unternehmergeist auffrisst, ist ebenfalls längst offenkundig. Doch die Politiker haben es aus Feigheit vor dem Lenken verabsäumt, die Kurve sanft zu nehmen. Jetzt müssen wir kräftig gegenlenken, um in der Spur zu bleiben – und das verunsichert die Menschen. Das Letzte, was wir jetzt brauchen, sind Populisten: Die sagen nämlich, dass wir ruhig weiter geradeaus fahren können.

Die Welt hat sich verändert. Die Sozialpartnerschaft nicht?

Die Sozialpartnerschaft hat auch im 21. Jh. ihre Berechtigung. Der soziale Friede in unserem Land ist ein hoher Wert – besonders in so unruhigen Zeiten wie jetzt. Allerdings haben sich die Anforderungen an die Sozialpartner wesentlich geändert. Kleinkariertes Klassendenken hat keinen Platz mehr. Es ist die gemeinsame Aufgabe beider Seiten, dafür zu sorgen, dass der Standort stark ist.

Wie retten wir Regionalstrukturen für mittelständische Banken? Entscheiden nur mehr Zentralcomputer über Kredite?

Das enge gesetzliche Korsett ist vor allem auf Großbanken zugeschnitten. Vor lauter Regelungswut wurde völlig übersehen, dass es kleine, funktionierende Regionalbanken gibt, die mit dieser Bürokratieexplosion kaum mehr zurechtkommen. Die Banken vor Ort brauchen Spielräume für ihre Arbeit. Ein persönlicher Bankbetreuer mit einem Naheverhältnis zum Kunden entscheidet hundertmal besser als jeder Zentralcomputer. Man muss ihn nur lassen.

Wohin soll sich die WK entwickeln?

Es gibt eine Pflicht und eine Kür. Die verdammte Pflicht der WK ist: mehr Service und Effizienz, weniger Ballast und noble Zurückhaltung. Für mich hat die Kammer aber auch eine Kür zu laufen: Es muss auch für den Staat ganz normal werden, wirtschaftlich zu denken. Jeder Privathaushalt muss wirtschaften, die Betriebe sowieso. Die Politik geht viel zu sorglos mit unserem Steuergeld um, und das seit Jahrzehnten. Ich sehe es als Aufgabe der WK, hier wirtschaftliche Verantwortung einzufordern. Wenn der Staat mit dem Geld auskommt, sinken die Schulden, sinken die Steuern, sinkt die Bürokratie – und Leistung lohnt sich wieder.

In den letzten Wochen ist eine Diskussion über Sozialmissbrauch und den Vollkaskostaat in Gang gekommen. Warum gerade jetzt?

Weil irgendwann einmal der Punkt kommen musste, an dem sich die Menschen fragen, warum sie sich überhaupt anstrengen sollen. Viele Leistungsträger fühlen sich durch den Staat derart ausgequetscht, dass sie am liebsten alles hinschmeißen wollen. Das ist eine brandgefährliche Entwicklung, wogegen die Politik dringend etwas tun muss. Für mich ist wichtig: Steuern runter, Bürokratie entrümpeln, Staatsausgaben streichen, Missbrauch eindämmen. Noch ist ein Turnaround möglich, aber nur wenn die Staatskapitäne das Ruder ordentlich herumreißen. Und über Werte wird bei dieser Frage ohnehin nie gesprochen.

Was meinen Sie damit?

Es wird immer stillschweigend transportiert, dass die soziale Hängematte so erstrebenswert ist. Ich kenne viele Leute: Diejenigen, die an ihre Grenzen gehen, die etwas leisten und aufbauen, die kämpfen und Erfolge feiern, erlebe ich viel glücklicher als solche, denen vor lauter Nichtstun und Langeweile die Decke auf den Kopf fällt. Eine erfüllende Arbeit hat einen Wert – wir sollten nicht vergessen, das speziell der Jugend auf den Weg mitzugeben. Wenn wir vor lauter Hürden, Auflagen und Vorschriften junge Menschen daran hindern, etwas zu unternehmen, stimmt etwas nicht mehr. Für mich ist der Sommer vor allem da, um abseits vom Tagesgeschäft über Ziele und Strategien nachzudenken und nicht, um wochenlang in der Sonnenliege zu braten.

Haben Sie schon einige Ziele für sich im Sommer 2016 definiert?

Mir ist vor allem klar geworden, womit man sofort aufhören sollte: es jedem Recht zu machen; in der Vergangenheit zu leben; Angst vor Veränderungen zu haben; die Zeit mit falschen Leuten zu verbringen; sich selbst zu belügen; Angst vor Fehlern zu haben; perfekt sein zu wollen.

Diesen Post teilen
X

Ihre Anmeldung für aktuelle Tiroler Wirtschaftsnews – Fast geschafft!

Bitte überprüfen Sie Ihren E-Mail-Eingang. Sie erhalten in Kürze unter der angegebenen E-Mail-Adresse eine Nachricht mit einem Bestätigungslink.
Ein Klick auf den Bestätigungslink schließt die Anmeldung ab.

Sehen Sie gegebenenfalls unter „Werbung“ oder „Spamverdacht“ nach, sollten Sie die E-Mail nicht in Ihrem normalen Posteingang finden.

Jetzt Newsletter abonnieren und regelmäßig personalisierte Tiroler Wirtschaftsnews erhalten!
(Ihre Daten werden vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben)

Bitte warten, Sie werden angemeldet!
Bitte füllen Sie alle Felder aus!