Brexit: Der Schaden ist schon jetzt enorm

Welche langfristigen wirtschaftlichen Folgen das Anti-EU-Votum der Briten haben wird, ist kaum absehbar. Die bereits spürbaren Auswirkungen des Brexit sind massiv genug, wie Professor Jürgen Huber bei einem Vortrag der WK Tirol betonte.

Vor mittlerweile drei Wochen haben die Briten für einen Ausstieg aus der Europäischen Union gestimmt. Damit gerechnet hat kaum jemand. Wohl auch die führenden Köpfe der Brexit-Bewegung nicht, die sich jetzt der Reihe nach zurück- und sich so der Verantwortung entziehen – ganz und gar nicht nach der sprichwörtlichen feinen englischen Art.

„Sie haben den Scherbenhaufen verursacht und jetzt wollen sie nicht beim Aufräumen helfen“, meint dazu Professor Jürgen Huber. Ob der Brexit in letzter Konsequenz jemals vollzogen wird, bezweifelt der Experte vom Institut für Banken und Finanzen der Uni Innsbruck.

Brexit verursachte Schock an den Börsen

Fest steht allerdings, die Entscheidung der Briten hat schon jetzt enormen wirtschaftlichen Schaden verursacht. „An den Börsen hat es einen regelrechten Schock gegeben. Die höchsten Kursverluste seit Lehmann Brothers im Jahr 2008 waren die Folge. Insgesamt wurden Börsenwerte in Höhe von rund 4,5 Billionen Euro vernichtet. Umgerechnet hat das Ja zum Brexit jeden Briten rund 25.000 Euro gekostet. Einer vierköpfigen Familie also etwa 100.000 Euro“, weiß Huber.

Massiv ausgewirkt hat sich das Brexit-Votum auch auf den Kurs des Britischen Pfunds. Bisher hat er gegenüber dem Dollar ungefähr 15 Prozent nachgegeben. „Und das Ende dieser Talfahrt ist derzeit noch nicht absehbar“, ist Huber sicher. Das macht Importe massiv teurer und damit steigen auch die Preise für Konsumgüter im Vereinigten Königreich.

Verschiedene Varianten der Zusammenarbeit

Wie es mit dem Brexit nach der zweijährigen Übergangsfrist tatsächlich weitergeht, wagt der Experte nicht vorauszusagen: „Sicher ist nur, dass eine Scheidung nach 43 Jahren keineswegs einfach wird.“ Sollte der Paragraf 50 des EU-Vertrags tatsächlich aktiviert und der Ausstieg damit Realität werden, stehen verschiedene Varianten der wirtschaftlichen Zusammenarbeit Großbritanniens und der Europäischen Union im Raum. Die Palette reicht von der Minimalvariante Kooperation als Mitglied der Welthandelsorganisation (WTO) bis hin zum Modell „Norwegen“, also EFTA-Mitgliedschaft und Teilnahme am Europäischen Wirtschaftsraum (EWR).

Klar ist: Je intesiver die Zusammenarbeit mit der EU nach einem möglichen Brexit sein soll, desto mehr müssen die Briten dafür investieren. „Letztlich könnte es in der Zukunft so sein, dass Großbritannien annähernd gleich viel Geld in die EU einzahlen muss wie bisher, alle EU-Regelungen und Vorschriften wie bisher übernehmen muss, aber im Gegensatz zu heute kein Mitbestimmungsrecht mehr in der EU haben wird“, so Huber.

Nicht nur in Anbetracht dessen ist es fraglich, wie viele Briten am 23. Juni wirklich wussten, wofür beziehungsweise wogegen sie ihre Stimme abgegeben haben.


DDr. Jürgen Huber, Jahrgang 1974, ist Vorstand am Institut für Banken und Finanzen der Universität Innsbruck und hat die Professur für empirische Kapitalmarktforschung inne.

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